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Full text of "Gesammelte Schriften III Ergänzungen zur Traumlehre"

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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



i 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

III 



^ 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



DRITTER BAND 

ERGÄNZUNGEN U. ZUSATZKAPITEL ZUR 
TRAUMDEUTUNG / ÜBER DEN TRAUM / 
BEITRÄGE ZUR TRAUMLEHRE / BEITRÄ- 
GE ZU DEN WIENER DISKUSSIONEN 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 

unter Mitwirkung des Verfassers 

Anna Freud und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung', vorbehalten 

Copyright 1925 bj „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. h. H.", Wien 



I 



Gesellschaft für graphische Iniliistrie, Wien, III., Riidt-neasae ii 



ERGÄNZUNGEN 

UND ZUSATZRAPITEL ZUR 

TRAUMDEUTUNG 



Jm vorhergehenden II. Bande dieser Gesamtausgabe gelangte, wie dort 
angegeben, der Text der ersten Auflage der „Traumdeutung" (1900) zum 
Abdruck. Die hier folgenden „Ergänzungen und Zusatzkapitel" waren größten- 
teils (ohne allerdings, wie es hier der Fall ist, vom Text der l. Auflage 
geschieden zu sein) in den späteren Außagen der „Traumdeutung" ent- 
halten, gehen aber zum Teil über den Inhalt der letzten (siebenten) Auf- 
lage (1922) auch hinaus. Die Ergänzungen sind abschnittweise fortlaufend 
numeriert und es verweisen im II. Bande auf sie, ebenso wie auf die 
Zusatzkapitel, besondere Zeichen [E 1 usw. und Zltsatz/capito/ A usw.]. 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT I: " 

„DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR DER 

T R AU M P RO B LEM E" 

1 

Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit 
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf 
die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele 
genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, 
daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammen- 
hange ausschließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir 
J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur 
hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen 
erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende 
Aufgabe der „Traumdeutung" erledigt haben. 

Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt 
offenbar der Traum Schätzung bei den Völkern des klassischen Alter- 
tums zugrunde.' Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume 
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in 
Beziehung stünden und Offenbarungen von selten der Götter und 
Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume 
eine für den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, 
ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschieden- 
heit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es 



i) Das Folgende nach B üch s e n s chütz' sorgfältiger Darstellung {Traum und 
Traumdeutung im Altertum. Berlin 1868). 

1* 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durch- 
zuführen und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und 
Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer 
Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war 
die Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der 
Stellung, die sie der M a n t i k überhaupt einzuräumen bereit 
waren. 

Zw Aristoteles: Anstatt der Stelle „was wohl einen tiefen Sinn enthüllt, 
wenn man davon die richtige Übersetzung trifft": 

d. h. der Traum, entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, 

sondern folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit 

verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als 

die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft. 

Weiter U7iten die Notiz: 

Über die Beziehung des Traumes zu den Krankheiten handelt 
der griechische Arzt Hippokrates in einem Kapitel seines 
berühmten Werkes. 

Der letzte Satz dieses Abschnittes ist in späteren Auflagen weggehlieben. 
Es handelt sich übrigens nicht um eine, sondern um zwei Schriften des 

Aristoteles. 



Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, 
p. ggo) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makro- 
bius und Artemidoros wieder: „Man teilte die Träume 
in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die Gegenwart {oder 
Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos 
sein; sie umfaßte die Evuitvta, insomnia, die unmittelbar die 
gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B. den 
Hunger oder dessen Stillung, und die ^avraaiia-ca, welche die 
gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alp- 
druck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend 
für die Zukunft; zu ihr gehören: x) die direkte Weissagung, die 



Zu Abschnitt 1 



man im Traume empfängt (xpi^^i'^Ttatiö^j oraculunC), 2) das Voraus- 
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (cpafia, visio), 5) der sym- 
bolische, der Auslegung bedürftige Traum (öveipo;, somnium). 
Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.' 

Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die 
Aufgabe einer „Traumdeutung" im Zusammenhange. Da man 
von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, 
aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen 
konnte, ob nicht ein bestimmter unverständlicher Traum doch 
Bedeutsames ankündigte, vi'ar der Anstoß zu einer Bemühung 
gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traumes durch 
einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. 
Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren 
Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches 
Werk uns für die verloren gegangenen Schriften des nämlichen 
Inhaltes entschädigen muß/ 

4 

Zur zitierten Äußerung Burdachs: 

J. H. Fichte (I, 54.1) spricht im selben Sinne direkt von 

Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den 

geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. 

Zur Abhängigkeit des Traumes vom Wachleben: 

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph 
I. G. E. M a a ß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die 
Erfahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten 

1) Die weiteren Schicksale der Traumdeutujig im Mittelalter siehe bei Diepgen 
und in den Speiialuntersuchungeti von M, Forster, Gotthard u. a. Über die 
Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Amram, LÖwinger sowie 
neiiestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Standpunktes, Lauer. 
Kenntnis der arabischen Traiimdeutung vermitteln Drexl, F. Seh warz und der 
Missionär Tfinkdii, der japanischen Miura und Iwaya, der chinesischen Secker, 
der indischen Negelein. 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



von den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leiden- 
schaften gerichtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leiden- 
schaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. 
Der Ehrgeizige träumt von den {vielleicht nur in seiner Ein- 
bildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes 
der Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner 
süßen Hoffnungen beschäftigt . . . Alle sinnlichen Begierden und 
Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie 
durch irgendeinen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus 
den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum ent- 
steht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vor- 
handenen Traum einmischen." (Mitgeteilt von Winterstein 
im „Zbl. für Psychoanalyse".) 

6 
Zum Traumgedäcktnis : 

Vascfaide behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß 
man im Traume fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche 
als im Wachen. 



¥ 



Zur Hypermnesie des Traumes: 

Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die 
besondere Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauf- 
folgenden Traum die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten 
Erinnerung vollzieht, erzählt der Marquis d'Hervey de 
St. Denis (nach V a s c h i d e, p. 352): „Ich träumte einmal 
von einer jungen Frau mit goldblondem Haar, die ich mit meiner 
Schwester plaudern sah, während sie ihr eine Stickereiarbeit 
zeigte. Im Traume kam sie mir sehr bekannt vor, ich meinte 
sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach dem 
Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann es 
aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das 
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traume spreche ich 



"Lu Abschnitt I 



nun die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das 
Vergnügen gehabt, sie irgendwo zu treffen. , Gewiß,' antwortet 
die Dame, ,erinnern Sie sich nur an das Seebad von Pornic' 
Sofort wachte ich wieder auf und weiß mich nun mit aller 
Sicherheit an die Einzelheiten zu besinnen, mit denen dieses 
anmutige Traumgesicht verknüpft war. 

Derselbe Autor (bei V a s c h i d e, p. 253) berichtet: 
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine 
Melodie, die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später 
fand er dieselbe in einer alten Sammlung von Musikstücken auf- 
gezeichnet, die vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch 
immer nicht erinnert. 

8 
T.ur Aufdeckung der Herkunft unerkannter Traumelemenie : 
Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der 
Abfassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteter! 
Kirchturmes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern 
konnte. Ich erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller 
Sicherheit, auf einer kleinen Station zwischen Salzburg und 
Reichenhall. Es war in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, 
und ich hatte die Strecke im Jahre 1886 zum erstenmal befahren. 
In späteren Jahren, als ich mich bereits intensiv mit dem Studium 
der Träume beschäftigte, wurde das häufig wiederkehrende Traum- 
bild einer gewissen merkwürdigen Lokalität mir geradezu lästig. 
Ich sah in bestimmter örtlicher Beziehung zu meiner Person, zu 
meiner Linken, einen dunklen Raum, aus dem mehrere groteske 
Sandsteinfiguren hervorleuchteten. Ein Schimmer von Erinnerung, 
dem ich nicht recht glauben wollte, sagte mir, es sei ein Ein- 
gang in einen Bierkeller; es gelang mir aber weder aufzuklären, 
was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher es stamme. 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu meinem 
Bedauern seit i8gg nicht wieder hatte besuchen können. Mein 
erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefriedigend 
geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna 
deir Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf 
der dahin führenden Straße Kehrt, als man mir mitteilte, das 
Kirchlein sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten 
Besuche, zwölf Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen 
und suchte vor allem den Weg zur Madonna dell' Arena auf. 
An der zu ihr führenden Straße, linker Hand von meiner Weg- 
richtung, wahrscheinlich an der Stelle, wo ich 1895 umgekehrt 
war, entdeckte ich die Lokalität, die ich so oft im Traume 
gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sandsteinfiguren. Es 
war in der Tat der Eingang in einen Restaurationsgarten. 

9 
Die Bemerkung „der gegenwärtig in Wien lehrt" wurde später, wohl 
mit Recht, gestricßten, umso mehr, als der Betretende gestorben war, 

1 o 

Zur Friederkehr von Erinnerungen im Traum: 

Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten 
harmlose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume 
wiederholt werden, etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen 
zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen betont der Träumer 
- selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den der 

„Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getan." 

II 

Xum Traum, von Simon: 

Riesenhafte Personen im Traume lassen annehmen, daß es sich 
um eine Szene aus der Kindheit des Träumers handelt. 
■ Die obige Deutung auf eine Reminiszenz an Gullivers Reisen 
I ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie eine Deutung nicht 



L 



Täl Abschnitt I 



sein soll. Der Traumdeuler soll nicht seinen eigenen Witz spielen 
lassen und die Anlehnung an die Einfälle des Träumers hintan- 
setzen. 

IQ ■ , ■ 

Zur ärztlichen Verwertung der Träume: 

Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei 
Hippokrates) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung 
im Altertum gedenken. 

Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich 
Genesung suchende Kranken aufzusuchen pflegten. Der Kranke 
ging in den Tempel des Apollo oder des Äskulap, dort wurde 
er verschiedenen Zeremonien unterworfen, gebadet, gerieben, 
geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im 
Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief ein und 
träumte von Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in 
Symbolen und Bildern gezeigt wurden, welche dann die Priester 
deuteten. 

Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann 
I, 74., B uch e-Le cl er q, Hermann, Gottesd. Altert, d. 
Gr. § 41, Privalaltert. § 58, 16, Böttinger in Sprengeis 
Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 165 ff., W. Lloyd, Magnetism 
and Mesmerism in antiquity, London, 1877, Döllinger, 
Heidentum und Judentum, p. 150. 

Zw Mourly Vold: 

Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten 
Traumprotokolle dieses Forschers siehe unten. 

14 

Zu den hypnagogischen Halluzinationen: 

H. S 11 b e r e r hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich 
selbst abstrakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in 
anschaulich-plastische Bilder umsetzen, die das nämliche aus- 



10 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



y 



drücken wollen. (Jahrbuch von ß 1 e u 1 e r-F r e u d, Band I, 
igog.) 

Ich werde auf diese Befunde in anderem Zusammenhange 
zurückkommen. 

Zur Abwendung von der Außenwelt: 

Man vergleiche hiezu das „Desinte'rit" , in dem ClaparJtde 
(1905) den Mechanismus des Einschlafens findet. 

16 

Zu Maurys Alliterationsträumen: 

An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von 
Worten mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute 
erfüllt sind, zugänglich werden. 

Im Anschluß an di^ W^urdigung des Traumes bei Havelock Ellis: 
J. Sully (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes 
in einer noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden 
Weise. Seine Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn 
wir hinzunehmen, daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe 
von der verhüllten Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now 
our dreams are a means of conserving these successive pcrsonaü- 
lies. JVhen asleep we go back to the old ways of 
looking at things and of feeling about them, to 
Impulses and activities ivhich long ago doniinated 



US. 



ii 



i8 



Andere Beurteilungen der Inkohärenz: 

Bei V a s c h i d e, der uns eine bessere Kenntnis des Buches 
von d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in 
folgender Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. 
„Uimage du reve est la copie de Vide'e. Le principal est l'ide'e; 
la Vision n'est qu' accsssoirc. Ceci elabli, il faut savoir suivre la 



Zu Abschnitt 1 1 1 



marche des idees, il faut savoir analyser le tissu des reves; Pin- 
coherence devient alors compie'heiisible, les conceptions les plus 
fantasques deviennent des falts simples et parfaitement logiques^^ 
(p. 146). Und (p. 147): fJL,es rives les plus bizarres trouvent 
meme une explication des plus logiques quand on sait les analyser^^ 
J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähn- 
liche Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, 
Wolf Davidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt 
worden ist (p. 156): „Die sonderbaren Sprünge unserer Ver- 
stellungen im Traume haben alle ihren Grund in dem Gesetze 
der Assoziation, nur daß diese Verbindung manchmal sehr dunkel 
in der Seele vorgeht, so daß wir oft einen Sprung der Vorstellung 
zu beobachten glauben, wo doch keiner ist. 

Zur Einschätzung des Tramnes: 

Der geistreiche Mystiker Du P r e 1, einer der wenigen 
Autoren, denen ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen 
dieses Buches abbitten möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern 
der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, soweit sie den Men- 
schen betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59). 

30 

Zur Diskussion über die scheinbare Dauer der Träume: 
Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme 
in der Pariser Dissertation der Tobowolska (1900). 

21 

Zur geistigen Überleistung bn Traume: 

Vgl. die Kritik bei H. E 1 1 i s, World of Dreams, p. 268. 

23 
Zur ethischen Würdigung des Traumlebens: 

Im Gegensatz hiezu meint P 1 a t o, diejenigen seien die besten, 
denen das, was andere wachend tun, nur im Traume einfalle. 



12 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



33 

Ebendazu : 

Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige 
Inquisition zu unserem Problem gestellt. Im Tractalus de Officio 
sanctissimae Inquisitionis des Thomas C a r e n a, Lyoner Ausgabe 
1639, ist folgende Stelle: „Spricht jemand im Traum Ketzereien 
aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, seine Lebens- 
führung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wieder- 
zukommen, was unter Tags jemand beschäftigt hat." (Dr. 
E h n i g e r, S. Urban, Schweiz.) 

24. 

Zum Wert des Traumes für die Selbsterkenntnis ,- 

L E. Erdmann äußert: „Mir hat nie ein Traum offenbart, 
was von einem Menschen zu halten sei, allein was ich von ihm 
halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich 
bereits emigemal aus einem Traume gelernt zu meiner eigenen 
großen Überraschung." Und ähnlich meint J.H.Fichte: „Der 
Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel unserer 
Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeobachtung 
des Wachens erfahren." 

Über das psychisch Unterdrückte: 

Ganz ähnlich äußert sich der Dichter Anatole France (Lys 
rouge) : Ce que rious voyons la nuit, ce sont les restes malheureux 
de ce que nous avuns neglige dans la veille. Le reve est souvent 
la revanche des choses qu'on meprise ou le reproche des ätres 
abandonnes. 

26 
Zum Thema-. Traum und Geisteskrankheiten: 

Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: 
Fer^, Ideler, Lasegue, Pichon, R(igis, Vespa, 
Gießler, Kazodowsky, Pachantoni u. a. 



Zu Abschnitt I ■ 15 



27 
Zusatz 1^09: 

Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der 
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten 
Erscheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. 
Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen^ ich bin 
nichstdesto weniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die 
mich überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes 
in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden 
Einleitung erschöpf^ eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich 
außerordentliche Bemühung gekostet und — sehr wenig Nutzen 
oder Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeilraum 
von neun Jahren hat weder an tatsächlichem Material noch an 
Gesichtspunkten für die Auffassung des Traumes Neues oder 
Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den meisten seither 
veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unberücksichtigt 
geblieben^ am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei den 
sogenannten „Traumforschern" gefunden, die von der dem wissen- 
schaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen, 
hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben, „Les savants ne 
sont pas curieux" meint der Spötter Anatole France. Wenn 
es in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich 
wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen 
dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, 
die sich in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so 
voll von Unverstand und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern 
mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch 
einmal zu lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Auf- 
forderung auch lauten: es überhaupt zu lesen. 

In den Arbeilen jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des 
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben, und anderer 
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung 



H 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



meiner Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in 
den Zusammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites 
Literaturverzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffent- 
lichungen seit dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. 
Das reichhaltige Buch von Sante de Sanctis über die 
Träume» dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins 
Deutsche zuteil geworden ist, hat sich mit meiner „Traum- 
deutung" zeitlich gekreuzt, so daß ich von ihm ebensowenig 
Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor von mir. Ich 
mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit überaus 
arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die 
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen konnte. 

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer 
Philosoph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Ent- 
deckung der biologischen Periodizität (in Reihen von 25 und 
38 Tagen), die von Wilh. Fließ herrührt, auf das psychische 
Geschehen auszudehnen, hat in einer phantasievollen Schrift' mit 
diesem Schlüssel unter anderem auch das Rätsel der Träume 
lösen wollen. Die Bedeutung der Träume wäre dabei zu kurz 
gekommen^ das Inhaltsmaterial derselben wurde sich durch das 
Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener 
Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum ersten- oder 
n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors ließ 
mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr 
ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem 
Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beob- 
achtungen zu der Aufstellung S w o b o d a s mitteilen, die mir 
aber ein überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem 
erfreulicher war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auf- 
fassung des Traumes zu finden, die sich mit dem Kern der 

H. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904. 



Zu jibschnitt I 15 



meinigen völlig deckt. Die Zeitverhaltnisse schließen die Mög- 
lichkeit aus, daß jene Äußerung durch die Lektüre meines Buches 
beeinflußt worden sei; ich muß also in ihr die einzige in der 
Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen 
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, 
in dem sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das 
Träumen findet, Ist 1900 in zweiter Auflage unter dem Titel 
„Phantasien eines Realisten" von L y n k e u s veröffentlicht 
worden. 

Zusatz 1914: 

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 nieder- 
geschrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings 
geändert; mein Beitrag zur „Traumdeutung" wird in der Literatur 
nicht mehr übersehen. Allein die neue Situation macht mir die 
Fortsetzung des vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die 
j, Traumdeutung" hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und 
Probleme gebracht, die nun von den Autoren in verschiedenster 
Weise erörtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht 
darstellen, ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf 
welche die Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten 
Literatur wertvoll erschien, habe ich darum im Zusammenhange 
meiner nun folgenden Ausführungen gewürdigt. 



J» 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT II 
DIE METHODE DER TRAUMDEUTUNG" 



Zu den Träumen bei Dichtern: 

In einer Novelle „G r a d i v a" des Dichters W. Jensen 
entdeckte ich zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen 
korrekt gebildet waren und sich deuten ließen, als wären sie 
nicht erfunden, sondern von realen Personen geträumt worden. 
Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß ihm 
meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Über- 
einstimmung zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des 
Dichters als Beweis für die Richtigkeit meiner Traumanalyse 
verwertet. („Der Wahn und die Träume in W. Jensens ,Gradiva"', 
erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften zur ange- 
wandten Seelenkunde", 190G, dritte Auflage 1924. Ges. Schriften, 
Bd. IX.) 

a 

Zwr Traumdeutmig mittels Symbolik: 

Aristoteles hat sich dahin geäußert, der beste Traum- 
deuter sei der, welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse: denn 
die Traumbilder seien, wie die Bilder im Wasser, durch die 
Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der in dem ver- 
zerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschütz, 
p. 65). 

3 

Xu Artemidoros von Daldis; 

Artemidoros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 



Ziz Abschnitt II i ^ 



zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die 
vollständigste und sorgfältigste Bearbeitung der Traumdeutung in 
der griechisch-römischen Welt überhefert. Er legte, wie Th. 
G o m p e r z hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der Träume 
auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine 
Kunst strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip 
seiner Deutungskunst ist nach der Darstellung von G o m p e r z 
identisch mit der Magie, das Prinzip der Assoziation. Ein Traum- 
ding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, woran es 
den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle 
der Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, 
daß das Traumelement den Deuter an verschiedene Dinge und 
jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik, die ich im 
folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen 
wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungs- 
arbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traum- 
deuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element 
des Traumes einfällt. — Nach neueren Berichten des Missionärs 
Tfinkdjit (Anthropos 1913) nehmen aber auch die modernen 
Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Träumers ausgiebig 
in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutern 
bei den mesopotamischen Arabern: „Pour Interpreter exactement 
un songe^ les omromanciens les plus habiles s'informent de ceux 
qui les consultent de toutes les circojtstances qu'ils regardent 
necessatres pour la bonne explication . . . En un mot, nos oniro- 
manciens ne laissent aucujie circonstance leur echapper et ne 
donnent Vinterpretation desiree avant d'avoir parfaitement saisi et 
regu toutes les interrogations desirables." Unter diesen Fragen 
befinden sich regelmäßig solche um genaue Angaben über die 
nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau, Kinder) sowie die 
typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante 
vel post somniumP — „L'idee dominante dans Vinterpretation des 
songes consiste a expliquer le reve par son oppose.'^ 

Preua, HI. 3 



i8 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Weiteres über die Traumdeutung der Alten : 

Dr. Alfred Robitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die 
orientalischen Traumbücher, von denen die unsrigen klägliche 
Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach 
dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen. Da 
diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere Sprache 
verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der 
Ersetzungen in unseren populären „Traumbüchern" stammen. — 
Über diese außerordentliche Bedeutung des Wortspieles und der 
Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen mag man sich 
aus den Schriften Hugo W i n c k 1 e r s unterrichten. Das schönste 
Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Altertum 
überliefert ist, beruht auf einer Wortspielerei. Artemidoros 
erzählt (p. 255): „Es scheint mir aber auch Aristandros 
dem Alexandros von Makedonien eine gar glückliche Aus- 
legung gegeben zuhaben, als dieser Tyros eingeschlossen hielt 
und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, unwillig und 
betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen S a t y r s auf seinem 
Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der 
Nähe von Tyros und im Geleite des Königs, der die Syrier 
bekriegte. Indem er nun das W^ort Satyros in cä und T6pQc zer- 
legte, bewirkte er, daß der König die Belagerung nachdrücklicher 
in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde." {:ilä — Tüpoc. 
= dein ist Tyros.) — Übrigens hängt der Traum so innig am 
sprachlichen Ausdruck, daß F e r e n c z i mit Recht bemerken 
kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum 
ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprachen und ein Buch 
wie das vorliegende, meinte ich, darum auch. Nichtsdestoweniger 
ist es Dr. A. A. B r i 1 1 in New York gelungen, eine englische 
Übersetzung der „Traumdeutung" zu schaffen (London 1915, 
George Allen & Co.). Lopez ßallesteros hat 1925 eine 



Zu Abschnitt II ig 



spanische Übertragung gegeben, eine russische erschien 1913 in 
Moskau, eine ungarische und eine französische sind in Vorbereitung, 

5 

Zur Verwandlung der Vorstellungen in Traumbilder: 

H. S i 1 b e r e r hat aus der direkten Beobachtung dieser 
Umsetzung von Vorstellungen in Gesichtsbilder wichtige Beiträge 
zur Deutung der Träume gewonnen. (Jahrbuch f. psychoanalyt. 
Forschungen I u. II, 190g u. ff.) , , •, 

6 - ■ _ ■;_ ^ '" '^ 

Zur Methode der kritiklosen Selbstbeobachtung: 

Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende" 
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik 
scheint manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „unge- 
wollten Gedanken" pflegen den heftigsten Widerstand, der sie 
am Auftauchen hindern will, zu entfesseln. Wenn wir aber 
unserem großen Dichlerphilosophen Fr. Schiller Glauben 
schenken, muß eine ganz ähnliche Einstellung auch die Bedingung 
der dichterischen Produktion enthalten. An einer Stelle seines 
Briefwechsels mit Körner, deren Aufspürung Otto Rank zu 
danken ist, antwortet Schiller auf die Klage seines Freundes 
über seine mangelnde Produktivität: „Der Grund deiner Klage 
liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den dein Verstand deiner 
Imagination auflegt. Ich muß hier einen Gedanken hinwerfen 
und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es scheint nicht gut 
und dem Schöpfungs werke der Seele nachteilig zu sein, wenn 
der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren 
schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr 
unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie 
in einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso 
abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: ■ — 



1! 



20 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Alles das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht 
so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen 
angeschaut hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht 
mir, hat der Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen, 
die Ideen stürzen p&le-m&le herein, und alsdann erst übersieht 
und mustert er den großen Haufen. ■ — Ihr Herren Kritiker, und 
wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem 
augenblicklichen, vorübergehenden Wahnwitze, der sich bei allen 
eigenen Schöpfern findet und dessen längere oder kürzere Dauer 
den denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher 
Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu früh verwerft 
und zu strenge sondert." {Brief vom i. Dezember 1788.) 

Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes", wie Schiller es nennt, ein derartiges 
sich in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen 
keineswegs schwer. - ■ . . 

7 ■ '■ ' ' - - 

Zum Traum von Irmas Injektion: > " - 

Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung 
unterzog. 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT III 
„DER TRAUM IST EINE WU NS CH ER FÜ L L U N G" 

- 1 

Zur Note über die Durstträume: 

Vgl. dazu J e s a i a s, 29, 8 : „Denn gleich wie einem Hungrigen 
träumet, daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele 
noch leer^ und wie einem Durstigen träumet, daß er trinke, 
wenn er aber aufwacht, ist er malt und durstig" . . . 

3 

Zum Satze: Die Träume der kleinen Kinder sind simple Wunsch- 
erfüllungen, habe ich später 

ein einschränkendes häufig hinzugesetzt. Die Erfahrung hat 
gezeigt, daß schon bei vier- bis fünfjährigen Kindern entstellte, 
der Deutung bedürftige Träume vorkommen, was unseren theore- 
tischen Ansichten über die Bedingung der Traumentstellung gut 
entspricht. 

5 
Korrektur zur Bemerkung über die sexuelle Unkenntnis der Kinder: 

Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder 
belehrt uns freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung 
in der psychischen Tätigkeit des Kindes eine genügend große, 
nur zu lange übersehene Rolle spielen, und läßt uns an dem 
Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin kon- 
struieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" 1905 und g. Aufl. 1932. Ges. 
Schriften, Bd. V.) 



22 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Über andere Träume von infantilem Charakter : 

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern 
bald kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen 
pflegen, und daß andererseits Träume von so einfachem infantilen 
Charakter unter Umstanden auch bei Erwachsenen häufig vor- 
kommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume von Kindern 
im Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zeigen 
die Beispiele in meiner „Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben" (Jahrbuch von ß 1 e u 1 e r-F r e u d L, i 909) und in 
Jungs „Über Konflikte der kindhchen Seele" (ebenda II. Bd., 
ig 10). Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch bei v. H u g- 
Hellmuth, Putnam, Raalte, Spielrein, Tausk; 
andere bei Banchieri, Busemann, Doglia und 
besonders bei W i g a m, der die Wunscherfüllungstendenz der- 
selben betont. Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen Träume 
vom infantilen Typus besonders häufig wieder einzustellen, wenn 
sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt werden. So 
berichtet Otto Nordenskjöld in seinem Buche „Antarctic" 
1904 über die mit ihm überwinterte Mannschaft (Bd. I, p. 536): 
„Sehr bezeichnend für die Richtung unserer innersten Gedanken 
waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren 
als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst 
nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn 
wir unsere letzten Erfahrungen aus dieser Phantasiewelt mit- 
einander austauschten, lange Geschichten zu erzählen. Alle 
handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag, 
waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein 
besonders charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer 
der Kameraden auf die Schulbank zurückversetzt glaubte, wo ihm 
die Aufgabe zuteil wurde, ganz kleinen Miniaturseehunden, die 
eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut abzu- 
ziehen. Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um 



Zu Abschnitt III 25 



die sich unsere Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, 
der nächthcherweise darin e x z e 1 1 i e r t e, auf große Mittags- 
gesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens 
berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen 
habe'; ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; 
wieder andere von dem Schiff, das mit vollen Segeln auf dem 
offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient der 
Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine 
lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten 
lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer 
Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich 
beschäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, 
aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde 
sicher von großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese 
Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht verstehen 
können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, 
was ein jeder von uns am glühendsten begehrte." Nach Du Prel 
(p. 251) zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Reise in 
Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von 
wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch 
der von Hunger gequälte T r e n c k in der Sternschanze zu 
Magdeburg von üppigen Mahlzeiten umgeben, und George 
Back, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins, als er 
infolge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode nahe war, 
träumte stets und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten." 

5 

Zum Träumen der Tiere : 

Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet 
vollständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais 
träumt". Ein jüdisches Sprichwort lautet: „Wovon träumt das 
Huhn? — Von Hirse," (Sammlung jüd. Sprichw. u. Redensarten, 
herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. 116.) 



24 Ergänzungen zur Traumdeutung 



6 

Zur IVunscheryHllung des Traumes : ^t| 

Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor 
vor mir daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch 
abzuleiten. (Vgl. die ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer 
auf solche Andeutungen Wert legt, könnte schon aus dem 
Altertum den unter dem ersten Ptclemäus lebenden Arzt 
Herophilos anführen, der nach B ü c h s e n s c h ü l z (p. 55) 
drei Arten von Träumen unterschied: gottgesandte, natürliche, 
welche entstehen, indem die Seele sich ein Bild dessen schafft, 
was ihr zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, 
die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn 
wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsammlung 
von Scherner weiß J. Stärcke einen Traum hervor- 
zuheben, der vom Autor selbst als Wunscherfüllung bezeichnet 
wird (p. 259). Scherner sagt: „Den wachen Wunsch der 
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er 
im Gemüte derselben lebhaft bestand." Dieser Traum steht unter 
den „Stimmungsträumen"; in seiner Nähe befinden sich Träume 
für „männliches und weibliches Liebessehnen" und für „verdrieß- 
liche Stimmung". Ks ist, wie man sieht, keine Rede davon, daß 
Scherner dem Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung 
zuschrieb als irgendeinem sonstigen Seelenzustand des Wachens, 
geschweige denn, daß er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes 
in Zusammenhang gebracht hätte. 



ERGÄNZUNGEN zu ABSCHNITT rv 

- , „DIE TRAUMENTSTELLUNG" 

• ■ ■ -1 

■ Nachtrag zur Wunscher fälhmg in der Literatur: 

Schon der Neuplatoniker P 1 o t i n sagte; „Wenn die Begierde 
sich regt, dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleich- 
sam das Objekt derselben" (Du P r e 1, p. 376). 

Zur Mahnung, Angstiräume nicht vor ihrer Deutung zu beurteilen: . 

' Es ist ganz unglaublich, niit welcher Hartnäckigkeit sich Leser 
und Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende 
Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt unbe- 
achtet lassen. — Keine der in der Literatur niedergelegten 
Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung so sehr ent- 
gegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a 
revelation", deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden 
soll, daß ich sie erst hier anführe: „It would seem theii, after 
all, that dreams are not tha utter nonsense they haue heen said 
to be by such auihorities as Chaucer, Shakespeare and Milton. 
The chaotic aggrcgadons of cur nlghtfancy haue a significance 
and conununicate new knowledge. Like some letter in cipher, 
ihe dream-inscription when scrutinised closely loses its 
first look of halderdash and takes on the aspect of a 
serious, intellegible inessage. Or-, to vary the figure 
sligJitly, we may say that, like sojne palimpsest, the 



s6 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



dreani discloses beneath its worthless surf ace-char acters 
traces of an old and precious cominunication^^ (p. gG/j,). 

5 
Mitteilung eines Traumes, der die Traumzensur in ausgezeichneter Weise 

verdeutlicht: 

Frau Dr. H. v. Hu g-H e 1 1 m u t h hat im Jahre 1915 
(Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 111) einen Traum mit- 
geteilt, der vielleicht wie kein anderer geeignet ist, meine Namen- 
gebung zu rechtfertigen. Die Traumentstellung arbeitet in diesem 
Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, um die 
Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur 
macht solche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die Traum- 
zensur ersetzt sie durch ein unverständliches Gemurmel. 

Zum Verständnis des Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, 
eine hochangesehene, feingebildete Dame, fünfzig Jahre zählt, 
Witwe eines vor ungefähr zwölf Jahren verstorbenen höheren 
Offiziers und Mutter erwachsener Söhne ist, deren einer zur Zeit 
des Traumes im Felde steht. 

Und nun der Traum von den „Liebesdiensten". „Sie 
geht ins Garnisonsspital Nr. 1 und sagt dem Posten beim Tor, 
sie müsse den Oberarzt . . . (sie nennt einen ihr unbekannten 
Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst tun wolle. Dabei 
betont sie das Wort ,Dienst' so, daß der Unteroffizier sofort merkt, 
es handle sich um ,Liebesdienste'. Da sie eine alte Frau ist, läßt 
er sie nach einigem Zögern passieren. Statt aber zum Oberarzt 
zu kommen, gelangt sie in ein groIBes, düsleres Zimmer, in dem 
viele Offiziere und Militärärzte an einem langen Tisch stehen und 
sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag an einen Stabsarzt, der 
sie nach wenigen Worten schon versteht. Der Wortlaut ihrer 
Rede im Traum ist: ,lch und zahlreiche andere Frauen und 
junge Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und 
Offiziere ohne Unterschied, . . .' Hier folgt im Traum ein 
Gemurmel. Daß dasselbe aber von allen Anwesenden richtig ver 



' 



Zu Abschnitt IV 27 



Standen wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils hämischen 
Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: ,Ich weiß, daß unser 
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der 
Soldat im Feld wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder 
nicht.' Ein minutenlanges peinliches Schweigen folgt. Der Stabs- 
arzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: .Gnädige Frau, 
nehmen Sie den Fall, es würde talsächlich dazu kommen, . . .' 
(Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: 
Es ist doch einer wie der andere, und erwidert: ,Mein Gott, ich 
bin eine alte Frau und werde vielleicht gar nicht in die Lage 
kommen. Übrigens, eine Bedingung müßte eingehalten werden: 
die Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere Frau einem 
ganz jungen Burschen . . . (Gemurmel); das wäre entsetzlich.' — - 
Der Stabsarzt: ,Ich verstehe vollkommen.' Einige Offiziere, dar- 
unter einer, der sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, 
lachen hell auf, und die Dame wünscht zu dem ihr bekannten 
Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins Reine gebracht werde. 
Dabei fällt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen Namen 
nicht kennt. Der Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und 
respektvoll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die 
direkt von dem Zimmer aus in die oberen Stockwerke führt, in 
den zweiten Stock zu gehen. Im Hinaufsteigen hört sie einen 
Offizier sagen: ,Das ist ein kolossaler Entschluß, gleichgültig, ob 
eine jung oder alt ist; alle Achtung!' 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine 
endlose Treppe hinauf. 

Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen noch 
zweimal mit — wie die Dame bemerkt — ganz unbedeutenden 
und recht sinnlosen Abänderungen." 

4 
Zur Überkornpensation der Feindseligkeit im Onkeltraum: 
Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch hei 
anderen seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung 



^ 



20 Ergänzungen zur Traumdeutung 

eines gewissen wissenschaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht 
mich mehrere Nächte kurz nacheinander ein leicht verwirrender 
Traum heim, der die Versöhnung mit einem längst beiseite 
geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften 
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. 
Er liegt in der Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rück- 
sicht für die betreffende Person aufzugeben, sich von ihr völlig 
frei zu machen, und hatte sich in so heuchlerischer Weise ins 
Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuch- 
lerischen Ödipustraum" mitgeteih, in dem sich die feindseligen 
Regungen und Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste 
Zärtlichkeit ersetzen. („Typisches Beispiel eines verkappten Ödipus- 
traumes.") Eine andere Art von heuchlerischen Träumen wird 
an anderer Stelle (siehe Abschnitt VI „Die Traumarbeit") erwähnt 
werden. 

5 

Ausführung Über Gegenwunschträunu; .- 

Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie 
das Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas 
offenbar Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „G e g e n- 
wunschträume" zusammen, so sehe ich, daß sie sich all- 
gemein auf zwei Prinzipien zurückführen lassen, von denen das 
eine noch nicht erwähnt worden ist, obwohl es im Leben wie 
im Träumen der Menschen eine große Rolle spielt. Die eine 
Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß ich Unrecht haben 
soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im Laufe meiner 
Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand gegen mich 
befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf rechnen, 
einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kranken 
die Lehre, der Traum sei eine Wunsdierfüllung, zuerst vor- 
getragen habe.^ Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner 

i) Ahnliche „Gegenwunschträume" wurden mir in den letzten Jahren wiederliolt 



Zu Abschnitt IV ag 



Leser ebenso ergehen wird^ er wird sich bereitwiUig im Traume 
einen Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich 
Unrecht haben möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser 
Art, den ich mitteilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein 
junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung meiner Behandlung 
mühsam erkämpft hat, gegen den Willen ihrer Angehörigen und 
der zu Rate gezogenen Autoritäten, träumt: Zu Hause ver- 
biete man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie beruft 
sich dann bei mir auf eih ihr gegebenes Versprechen, 
sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, und 
ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine Rück- 
sichtüben. 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach- 
zuweisen, aber in all solchen Fallen findet sich außer dem einen 
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen 
hilft. W^oher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? 
Ich habe ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer 
Brüder, und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, 
war so liebenswürdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der 
Traum will also erreichen, daß der Bruder Recht behalte, 
und diesem Bruder Recht verschaffen will sie nicht nur im 
Traume ^ es ist der Inhalt ihres Lebens und das Motiv ihres 
Krankseins. 

Ein Traum, welcher der Theorie von der Wunsch erfüllung auf 
den ersten Blick besondere Schwierigkeiten bereitet, ist von einem 
Arzt (Aug. Stärcke) geträumt und gedeutet worden; 

„Ich habe und sehe an meinem linken Zeige- 
finger einen syphilitischen Primäraffekt an der 
letzten Phalange." 

Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch 
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen uner- 

von memen Hörern berichtet, als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammentreffen 

mit der „Wunschtheorie des Traumes". 



50 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



wünschten Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein, wenn man 
die Mühe einer Analyse nicht scheut, erfahrt man, daß „Primär- 
affekt" gleichzusetzen ist einer ,fprima ajfecllo" (erste Liebe), und 
daß das widerliche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich 
als Vertreter von mit großem. Affekt belegten Wunscherfüllungen" 
erweist." 

Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst 
durch längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so 
vieler Menschen gibt es eine masoch istische Komponente, die 
durch die Verkehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen 
entstanden ist. Man heißt solche Menschen „ideelle" Masochisten, 
wenn sie die Lust nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen 
Schmerz, sondern in der Demütigung und seelischen Peinigung 
suchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Personen 
Gegenwunsch" und Unlustträume haben können, die für sie 
doch nichts anderes als Wunscherfüllungen sind, Befriedigung 
ihrer masoch istischen Neigungen. Ich setze einen solchen Traum 
hieher; Ein junger Mann, der in früheren Jahren seinen älteren 
Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält hat, 
träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum: I. Wie ihn sein älterer 
Bruder „sekkiert". II. Wie z wei Er wachsene in homo- 
sexueller Absicht miteinander schön tun. III. Der 
Bruder hat das Unternehmen verkauft, dessen 
Leitung er sich für seineZukunft vorbehalten hat. 
Aus letzterem Traume erwacht er mit den peinlichsten Gefühlen, 
und doch ist es ein masochistischer Wunschtraum, dessen Über- 
setzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, wenn der 
Bruder mir jenen Verkauf antäte, zur Strafe für alle Quälereien, 
die er von mir ausgestanden hat. 



i) Zentralblatt für Psychoanalyse II, igii/is. 



Zu Abschnitt IF 3I 



Zwr Auflösung der Unlustträume : 

Ich verweise darauf, daß dies Thema hier nicht erledigt Ist 
und noch später behandelt werden wird. 

7 

Zur Grundformel des Traumes: 

Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt 
wurde, von Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, 
findet doch aus eigenem eine fast identische Formel für das 
Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen unterdrückter 
Sehnsuchts wünsche unter falschem Antlitz und Namen." C. Spit- 
t e 1 e r, Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatsheftej 
Oktober 1915). 

Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende 
Erweiterung und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der 
Traum stellt regelmäßig auf der Grundlage und mit Hilfe ver- 
drängten infantil-sexuellen Materials aktuelle, in der Regel auch 
erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch eingekleideter 
Form als erfüllt dar." {„Ein Traum, der sich selbst deutet.") 

Ich habe an keiner Stelle gesagt, daß ich diese Rank sehe 
Formel zur meinigen gemacht habe. Die kürzere, im Text ent- 
haltene Fassung scheint mir zu genügen. Aber daß ich die 
Ranksche Modifikation überhaupt erwähnte, hat genügt, um der 
Psychoanalyse den ungezählte Male wiederholten Vorwurf einzu- 
tragen: sie behaupte, alle Träume haben sexuellen 
Inhalt. Wenn man diesen Satz so versteht, wie er verstanden 
werden will, so beweist er nur, wie wenig Gewissenhaftigkeit 
Kritiker bei ihren Geschäften zu verbrauchen pflegen, und wie 
gerne Gegner die klarsten Äußerungen übersehen, wenn sie ihrer 
Neigung zur Aggression nicht taugen, denn wenige Seiten vorher 
hatte ich die mannigfaltigen Wunsch er füllungen der Kinderträume 
erwähnt (eine Landpartie oder Seefahrt zu machen, eine ver- 



32 



Ergänzungen zur Traumdeutimg 



versäumte Mahlzeit nachzuholen usw.), an anderen Stellen von 
den Hungerträumen, den Träumen auf Durstreiz, auf Exkretions- 
reiz, von den reinen Bequemlichkeitsträumen gehandelt. Selbst 
Rank stellt keine absolute Behauptung auf. Er sagt „in der 
Regel auch erotische Wünsche", und dies ist für die meisten 
Träume Erwachsener durchaus zu ^bestätigen. 

Anders sieht es aus, wenn man „sexuell" in dem nun in der 
Psychoanalyse gebräuchlichen Sinne von „Eros" gebraucht. Aber 
das interessante Problem, ob nicht alle Träume von „libidinösen" 
Triebkräften (im Gegensatz zu „destruktiven") geschaffen werden, 
haben die Gegner kaum vor Augen gehabt. 



1 j ' 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT V 
„DAS TRAUMMATERIAL UND DIE TRAUMQUELLEN" 



Einschaltung über die angebliche periodische JViederkehr des Erirmerungs- 
materials in Träumen: 

Hingegen konnte ich mich nicht davon überzeugen, daß zwischen 
dem erregenden Tageseindruck und dessen Wiederkehr im Traume 
ein regelmäßiges Intervall von biologischer Bedeutsamkeit (als 
erstes dieser Art nennt H. Swoboda achtzehn Stunden) ein- 
geschoben ist. . , , . 

H. Swoboda hat, wie in den Ergänzungen zum ersten 
Abschnitt (S. 1 4) mitgeteilt, die von W. Fließ gefundenen 
biologischen Intervalle von 25 und 28 Tagen in weitem Ausmaß 
auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet, 
daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den 
Träumen entscheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht 
wesentlich abgeändert, wenn sich solches nachweisen ließe, aber 
für die Herkunft des Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. 
Ich habe nun neuerdings einige Untersuchungen an eigenen 
Träumen angestellt, um die Anwendbarkeit der „Periodenlehre" 
auf das Traummaterial zu prüfen, und habe hiezu besonders 
auffällige Elemente des Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten 
im Leben sich zeitlich mit Sicherheit bestimmen ließ. 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen 

Freud, III. 3 



54 Ergänzungen zur Traumdeutung 

mir kleine Kostbarkeiten, wie in einem Antiquarladcn, setzen sich 
m.ir dabei auf den Schoß. Bei einem der Stücke sage ich: Das 
haben Sie ja von mir. Ich sehe dabei deutlich eine kleine Profil- 
tnaske mit den scharf geschnittenen Zügen Savona rolas. 

Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen? 
Ich war nach dem Ausweis meines Reisetagebuches am 4. und 
5. September in Florenz; dort dachte ich daran, meinem Reise- 
begleiter das Medaillon mit den Zügen des fanatischen Mönches 
im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod 
durch Verbrennen fand, zu zeigen, und ich meine, am 5., vor- 
mittags, machte ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem 
Eindruck bis zur Wiederkehr im Traume sind allerdings 
37+1 Tage verflossen, eine „weibliche Periode" nach Fließ. 
Zum Unglück für die Beweiskraft dieses Beispieles muß ich aber 
erwähnen, daß an dem Traumtage selbst der tüchtige, 
aber düster blickende Kollege bei mir war (das erstemal seit 
meiner Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherz- 
namen „Rabbi Savonarola" aufgebracht habe. Er stellte mir einen 
Unfallkranken vor, der in dem Pontebbazug verunglückt war, in 
dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine 
Gedanken zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auf- 
fälUgen Elementes „Savonarola" im Trauminhalt ist durch 
diesen Besuch des Kollegen am Traumtage aufgeklärt, das acht- 
undzwanzigtägige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen 
Herleitung verlustig. 

II. Traum vom lo./ii. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. 
Hofrat L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen, und 
geht auf dem Korridor voran, eine Lampe oder sonst ein Instru- 
ment wie scharfsinnig (?) (scharfsichtig?) in der erhobenen Hand 
vor sich hintragend, in eigentündicher Haltung mit vorgestrecktem 



7m Abschnitt V 



Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . , (Rest ver- 
gessen). 

Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat 
L. die Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend 
in die "Weite gerichtet. L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr 
gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er ist nur eine Ersatzperson 
für einen anderen, größeren, für den Archimedes nahe bei 
der Arethusaquelle in S y r a k u s, der genau so wie er im Traume 
dasteht und so den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungs- 
heer der Römer spähend. Wann habe ich dieses Denkmal zuerst 
(und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen war es am 
17. September abends und von diesem Datum bis zum Traume 
sind tatsächlich 154-10 = 25 Tage verstrichen, eine „männliche 
Periode" nach Fließ. 

Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch 
hier ein Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges 
auf. Der Traumanlaß war die am Traumtag erhaltene Nachricht, 
daß die Klinik, in deren Hörsaal ich als Gast meine Vorlesungen 
abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden solle. Ich nahm 
an, daß die neue Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte mir, 
es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Ver- 
fügung habe, und von da an müßten meine Gedanken bis in 
den Beginn meiner Dozentenzeit zurückgegangen sein, als ich 
wirkHch keinen Hörsaal hatte und mit meinen Bemühungen, 
mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den 
hochvermögenden Herren Hofräten und Professoren stieß. Ich 
ging damals zu L., der gerade die Würde des Dekans bekleidete, 
und den ich für einen Gönner hielt, um ihm meine Not zu 
klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann nichts weiter 
von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, 
jtaö oTöi und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß 
den Traum gedanken weder Rachsucht noch Größen be wußtsein 
fremd sind, wird der Deutungskundige leicht erraten. Ich muß 

3' 



56 Rrgänzungen zur Traumdeutung 

aber urteilen, daß ohne diesen Traumanlaß der Archimedes kaum 
in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt mir unsicher, 
ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa 
sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall gellend gemacht 
hätte. 

III. Traum vom Q-J^. Oktober 1910. 

(Bruclistück) . . . Etivas von Prof. O s e r, der selbst das Mcriu 
für mich gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes ver- 
gessen). 

Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses 
Tages, die mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung 
einer Diät an einen Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum 
den im Sommer verstorbenen O s e r dazu bestimme, knüpft an 
den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod eines anderen 
von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber 
Oser gestorben, und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach 
dem Ausweis des Zeitungsblattes am 02. August; da ich damals 
in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung regelmäßig 
nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24. oder 
2g. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner 
Periode mehr, es umfaßt 7 + 30-1-2 = 59 Tage oder vielleicht 
40 Tage. Ich kann mich nicht besinnen, in der Zwischenzeit von 
Oser gesprochen oder an ihn gedacht zu haben. 

Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bear- 
beitung brauchbare Intervalle ergeben sich nun aus meinen 
Träumen ungleich häufiger als die regulären. Konstant finde ich 
nur die im Text behauptete Beziehung zu einem Eindrucke des 
Traumtages selbst. 

Auch H. E 1 1 i s, der dieser Frage Aufmerksamkeit geschenkt 
hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität der Reproduktion 
in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf" nicht finden konnte. 
Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien befand 



Zu Abschnitt V 57 

und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zaraus fahren 
wollte. Erwacht, l^onnte er sich an einen solchen Ortsnamen 
nicht erinnern und legte den Traum beiseite. Einige Monate 
später fand er tatsächlich den Namen Z a r a u s als den einer 
Station zwischen San Sebastian und Bilbao, welche er 
250 Tage vor dem Traume mit dem Zuge passiert hatte (p. 227). 

» . ■'■• - ■■ 

Einschaltung über die Rolle rezenter Bindrücke für die Traumbildung : 
Einen wichtigen Beitrag, der die Rolle des Rezenten für die 
Traumbildung betrifft, bringt O. Pötzl in einer an Anknüpfungen 
überreichen Arbeit. (Experimentell erregte Traumbilder in ihren 
Beziehungen zum indirekten Sehen. Zeitschr. für die ges. Neu- 
rologie und Psychiatrie, XXXVII, 1917.) Pötzl ließ von ver- 
schiedenen Versuchspersonen in Zeichnung fixieren, was sie von 
einem tachistoskopisch exponierten Bild bewußt aufgefaßt hatten. 
Er kümmerte sich dann um den Traum der Versuchsperson in 
der folgenden Nacht und ließ geeignete Anteile dieses Traumes 
gleichfalls durch eine Zeichnung darstellen. Es ergab sich dann 
unverkennbar, daß die nicht von der Versuchsperson aufgefaßten 
Einzelheiten des exponierten Bildes Material für die Traumbildung 
geliefert hatten, während die bewußt wahrgenommenen und in 
der Zeichnung nach der Exposition fixierten im manifesten Traum- 
inhalt nicht wieder erschienen waren. Das von der Traumarbeit 
aufgenommene Material wurde von ihr in der bekannten „will- 
kürlichen", richtiger: selbstherrlichen Art im Dienste der traum- 
bildenden Tendenzen verarbeitet. Die Anregungen der Pötzl- 
schen Untersuchung gehen weit über die Absichten einer Traum- 
deutung, wie sie in diesem Buche versucht wird, hinaus. Es sei 
noch mit einem Wort darauf hingewiesen, wie weit diese neue 
Art, die Traumbildung experimentell zu studieren, von der früheren 
groben Technik absteht, die darin bestand, scblafstörende Reize in 
den Trauminhalt einzuführen. 



38 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Zum Satze, daß sich der Traum nie mit Kleinigkeiten abgibt: 
H. EUis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung", 
schreibt (p. i6g): „Da ist der Punkt, von dem an viele von uns 
nicht mehr imstande sein werden, F. weiter zu folgen." Allein 
H. Ellis hat keine Analysen von Träumen angestellt und will 
nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach dem manifesten 
Trauminhalt ist. 

4 ■ 

Zur Anmerkung über den „harmlosen" Markttraum : 

Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische 
Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm 
das initiale Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, 
und habe seither das gleiche Verhalten bei anderen Personen 
gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Attentaten ausgesetzt 
waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume her- 
beiwünschten. 
- • ■ ■ 5- ■ - ■ 

Der vor diesem Zeichen stehende Traumbericht ist in späteren Auflagen 
aus guten Gründen nicht wiederholt worden. Träume dieser Art sind 
typischer Natur und entsprechen nicht Erinnerungen, sondern Phantasien, 
deren Sinn unschwer zu erraten ist. 



6 



Zur Sehnsucht nach Rom -. 

Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher 
lange für unerreichbar gehaltenen Wünsche nur etwas Mut 
erfordert wird, und bin dann ein eifriger Rom pilger geworden. 



Zu: Winckelmann oder Hannibal: 

Der Schriftsteller, bei dem ich diese Stelle las, muß wohl 
Jean Paul gewesen sein. 



Zu Abschnitt V 39 



8 

Zum Namen H amilkar Barkas: 

In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein 
befremdender Irrtum, dessen Aufklärung icli in meiner „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens" (10. Aufl., 1924, Ges. Schriften, 
Bd. IV, S. 245, 245) gegeben habe. 

9 

Zw Mass c na: 

Diese Bevorzugung wird wohl auch durch den Zufall des 
gleichen Geburtsdatums, genau hundert Jahre später, aufzuklären 
sein. 

10 - -; , 
Zu Emmersdorf: 

Ein Irrtum, aber diesmal keine Fehlleistung! Ich erfuhr später, 
daß das Emmersdorf der W a c h a u nicht identisch ist mit 
dem gleichnamigen Asyl des Revolutionärs Fisch ho f. 

1 1 
Flavit et dissipati sunt : 

Der ungebetene Biograph, den ich gefunden habe, Dr. Fritz 
W i 1 1 e 1 s, hält mir vor, daß ich in obigem Denkspruch den 
Namen Jehovah ausgelassen habe. 

1 2 

Zur zweiten Szene des revolutionären Traumes: 

An diesem Teil des Traumes hat H. Silberer in einer 
inhaltsreichen Arbeit (Phantasie und Mythos, 19 Jo) zu zeigen 
versucht, daß die Traumarbeit nicht nur die latenten Traum- 
gedanken, sondern auch die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung wiederzugeben vermöge. („Das funktionale Phänomen.") 
Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die „psychischen Vor- 
gänge bei der Traumbildung" für mich ein Gedanken material 



- 



40 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



sind, wie alles andere. In diesem übermütigen Traum bin ich 
offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben. 

Zu den Harnschwierigkeiten des Kindes : 

Aus den Psychoanalysen an Neurotischen haben wir auch den 
intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem Charakterzug 
des Ehrgeizes erkannt. 

Zur Mehrdeutigkeit des Traumes : 

Die Überein an derschichtung der Bedeutungen des Traumes ist 
eines der heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der 
Traumdeutung. Wer an diese Möglichkeit vergißt, wird leicht 
irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Behauptungen über 
das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über dieses 
Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. 
Bisher hat nur die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im 
Harnreiztraume eine gründliche Würdigung durch O. Rank 
erfahren (s. u.), 

Zur Deutung somalischer Traumreize: 

Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, 
ausführlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter 
Träume von Mourly Vold durchzulesen, um sich zu über- 
zeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt des einzelnen Traumes 
in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie gering 
überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis 
der Traumprobleme ist. 

16 

Z.ur Reaktion der Schlafenden auf Reize: 

Vgl. hiezu K. Landauer, Handlungen des Schlafenden 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurologie und Psychiatrie, XXXIX, 1918). 
Es gibt für jeden Beobachter sichtbare, sinnvolle Handlungen des 



Im Abschnitt V ^i 



Schlafenden. Der Schläfer ist nicht absolut rerblödet, im Gegen- 
teil: er vermag logisch und willensstark zu handeln. 

17 
Ein anderes Beispiel von Beseitigung des Reizes durch den Traum : 
In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, 
eine diesmal von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung 
abzuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand 
setzte, den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traum- 
reiz zu entdecken und solcher Art den Traum zu verstehen. 
Eines Morgens erwachte ich, es war im Hochsommer, in einem 
tirolischen Höhenort, mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der 
Papst ist gestorben. Die Deutung dieses kurzen, nicht visu- 
ellen Traumes gelang mir nicht. Ich erinnerte mich nur der 
einen Anlehnung für den Traum, daß in der Zeitung kurze Zeit 
vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heihgkeit gemeldet worden 
war. Aber im Laufe des Vormittags fragte meine Frau: „Hast du 
heute morgens das fürchterliche Glockenläuten gehört?" Ich 
wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich verstand 
jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlafbedürfnisses 
auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler mich 
wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, 
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne 
Interesse für das Geläute weiter. 

18 

Eine Analogie zu Napoleons Schlachtentraum-. 

Ein junger Advokat, der, voll von seinem ersten großen Konkurs, 
des Nachmittags einschläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der 
große Napoleon. Er träumt von einem gewissen G. Reich in 
Hussiatyn, den er aus dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn 
drängt sich weiter gebieterisch auf; er muß erwachen und hört 
seine Frau, die an einem Bronchialkatarrh leidet, heftig — 
husten. 



42 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Nach „der Wunsch zu schlafen" ist einzuschalten: 

. . . auf den sich das bewußte Ich eingestellt hat und der nebst 
der Traumzensur und der später zu erwähnenden „sekundären 
Bearbeitung" dessen Beitrag zum Träumen darstellt . . . 

20 

Zur Bedeutung der Allgemeinslimmung für den Traum -. 

Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben 
oder überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins 
Gegenteil umschlägt. 

■ 

21 
Zur Holle der somatischen Reize: 

Rank hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, 
durch Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und 
Pollutionsträume) besonders geeignet sind, den Kampf zwischen 
dem Schlafbedürfnis und den Anforderungen des organischen 
Bedürftiisses sowie den Einfluß des letzteren auf den Trauminhalt 
zu demonstrieren. 

22 

Zur Einleitung über typische Träume: 

Der Satz, daß unsere Methode der Traumdeutung unanwendbar 
wird, wenn wir nicht über das Assoziationsmaterial des Träumers 
verfügen, fordert die Ergänzung, daß unsere Deutungsarbeit in 
einem Falle von diesen Assoziationen unabhängig ist, nämlich 
dann, wenn der Träumer symbolische Elemente im Traum- 
inhalt verwendet hat. Wir bedienen uns dann, streng genommen, 
einer zweiten, auxiliären, Methode der Traumdeutung. (S. u.) 

... 25 
Artstatt dieses Abschnittes habe ich in späteren Auflagen eingesetzt'. 
Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen daran- 



Zw Abschnitt V 45 



gehen, unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen 
Träumen zu versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, 
daß unsere Kunst sich gerade an diesem Material nicht recht 
bewährt. Bei der Deutung der typischen Träume versagen in der 
Regel die Einfälle des Träumers, die uns sonst zum Verständnis 
des Traumes geleitet haben, oder sie werden unklar und unzu- 
reichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer Hilfe nicht lösen 
können. 

Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik 
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. 
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier 
nur einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann 
und die Erörterung der anderen auf jenen späteren Zusammen- 
hang verschiebe. 

24 
Zu den Exhibitionsträumen: 

Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die 
sich ohne Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurück- 
führen ließen, aber in manchen Zügen von dem oben behandelten 
„typischen" Nacktheitstraum abweichen, hat Ferenczi mitgeteilt. 

-T 

Zur Darstellung vom „Geheimnis": 

Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die 
Anwesenheit der „ganzen Familie". 

26 

Zürn untergegangenen Kinder Seelenleben: 

Vgl. hiezu : Analyse der Phobie eines fünfiährigen Knaben im 
Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen, Bd. I, 1909 (Ges. Schriften, Bd. Vlll), und „Über 
infantile Sexualtheorien" in „Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre", zweite Folge (Ges. Schriften, Bd. V). 



44 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Zur Feindseligkeit gegen neue Geschwister: 

Der sViiährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse 
in der vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber 
kurz nach der Geburt einer Schwester: „Ich will aber kein 
Schwesterchen haben." In seiner Neurose, i'/^ Jahre später, gesteht 
er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine beim Baden in die 
Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden ein. 
Dabei ist Hans ein gutartiges, zärtliches Kind, welches bald auch 
diese Schwester liebgewinnt und sie besonders gern protegiert. 

' 

28 ' .. ■ 

Zur Wirkung des Todes kleiner Geschwister : 

Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie 
bald vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung 
zeigt doch, daß sie für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll 
gew^orden sind. 

Bemerkung mm ganzen Thema des Verhaltens gegen Geschwister: 
Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Ver- 
halten von Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil 
beziehen, sind seither in großer Anzahl gemacht und in der 
psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden. Besonders echt 
und naiv hat der Dichter Spitteler diese typische kindliche 
Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens 
war noch ein zweiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dem 
man behauptete, er wäre mein Bruder, von dem ich aber nicht 
begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger, weswegen man solch 
ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte für 
mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß 
unnütz war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die 
Großmutter belästigte, wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn 
ich im Kinderwagen gefahren wurde, saß er gegenüber und 



r 



Zu Abschnitt V ' ~ 45 



nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den Füßen 
stoßen mußten." 

Z«;- Kritik am neugeborenen Schwesterchen -. 

In die nämlichen Worte kleidet der dreieinhalbjährige Hans 
die vernichtende Kritik seiner Schwester (1. c). Er nimmt an, 
daß sie wegen des Mangels der Zähne nicht sprechen kann. 

Zur Vorstellung des Kindes vom Totsein: 

Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach 
dem plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende 
Äußerung: Daß der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum 
er nicht zum Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht 
erklären. — Weiteres Material zu diesem Thema findet sich in 
der von Frau Dr. v. Hug-Hellmuth redigierten Rubrik 
„Kinderseele" von „Image", Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, Bd. I — V, 1 g 1 2 — 1 g 1 8. 

Unterschied von „fortsein" und ,.totsein". 

Die Beobachtung eines psychoanalytisch geschulten Vaters erhascht 
auch den Moment, in dem sein geistig hochentwickeltes vier- 
iähriges Töchterchen den Unterschied zwischen „fortsein" und 
„totsein" anerkennt. Das Kind machte Schwierigkeiten beim Essen 
und fühlte sich von einer der Aufwärterinnen in der Pension 
unfreundlich beobachtet. „Die Josefine soll tot sein," äußerte sie 
darum gegen den Vater. „Warum gerade tot sein?" fragte der 
Vater beschwichtigend. „Ist es nicht genug, wenn sie weggeht?' 
„Nein," antwortete das Kind, „dann kommt sie wieder." Für die 
uneingeschränkte Eigenliebe (den Narzißmus) des Kindes ist jede 
Störung ein crü?ien laesae majestatis, und wie die drakonische 



1 

■Ä." 



46 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Gesetzgebung, setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche Ver- 
gehen nur die eine nicht dosierbare Strafe. 

33 
Zu den Träumen vom Tod des gleichgeschlechtlichen Elternteiles ■ 

Der Sachverhalt wird häufig durch das Auftreten einer Straf- 
tendenz verhüllt, welche in moralischer Reaktion mit dem Ver- 
lust des geliebten Elternteiles droht. 

54 

Zur Entmannung des Vaters durch Zeus: 

Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach 
anderen wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater 
Uranos vollzogen. 

Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vgl. Otto 
Rank, „Der Mythus von der Geburt des Helden", 5. Heft der 
„Schriften zur angew. Seelenkunde", 1909 und „Das Inzestmotiv 
in Dichtung und Sage", 1912, Kap. IX, a. 

55 

Zur ersten Ermahnung des Ödipuskomplexes: 

Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat 
so erbitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und — 
so ergötzliche Verrenkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser 
Hinweis auf die kindlichen, im Unbewußten erhalten gebliebenen 
Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst einen Versuch gebracht, 
den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „symbolisch" 
gelten zu lassen. Eine geistreiche Überdeutung des Ö d i p u s- 
mythus gibt, auf einer Briefstelle Schopenhauers fußend, 
F e r e n c z i in der „I m a g o" I, 1 g i 2. — Der hier zuerst in 
der „Traumdeutung" berührte „Ödipuskomplex" hat durch weitere 
Studien eine ungeahnt große Bedeutung für das Verständnis der 
Menschheitsgeschichte und der Entwicklung von Religion und 
Sittlichkeit gewonnen. S.Totem und Tabu, 1915 (Ges. Schriften, 
Bd. X). 



Zu Abschnitt V a.j 



5Ö 

Zum Hamlet: 

Die obenstehenden Andeutungen zum analytischen Verständnis 
des Hamlet hat dann E. Jones vervollständigt und gegen 
andere in der Literatur niedergelegte Auffassungen verteidigt. 
(Das Problem des Hamlet und der Ödipuskomplex 1911.) 
— Weitere Bemühungen um die Analyse des Macbeth in 
meinem Aufsatze „Einige Charafctertypen aus der psychoanaly- 
tischen Arbeit", Image IV, ig 16 (Ges. Schriften, Bd. X), und bei 
L. J e k e 1 s, Shakespeares Macbeth, Imago V, 1918. 



57 

Zum Egoismus der Träume : 

Als Ernest Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor 
einer amerikanischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume 
sprach, erhob eine gelehrte Dame gegen diese unwissenschaftliche 
Verallgemeinerung den Einwand, der Autor könne doch nur über 
die Träume von Österreichern urteilen und dürfe über die Träume 
von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person sicher, 
daß alle ihre Träume streng altruistisch seien. 

Zur Entschuldigung dieser rassestolzen Dame sei übrigens 
bemerkt, daß man den Satz, die Träume seien durchaus egoistisch, 
nicht mißverstehen darf. Da alles, was überhaupt im vorbewußten 
Denken vorkommt, in den Traum (Inhalt wie latente Traum- 
gedanken) übertreten kann, ist diese Möglichkeit auch den altrui- 
stischen Regungen offen. In derselben Weise wird eine zärtliche 
oder verliebte Regung für eine andere Person, die im Unbe- 
wußten vorhanden ist, im Traume erscheinen können. Das Richtige 
an obigem Satz schränkt sich also auf die Tatsache ein, daß man 
unter den unbewußten Anregungen des Traumes sehr häufig 
egoistische Tendenzen findet, die im Wachleben überwunden 
scheinen. 



48 Ergänzungen zur Traumdeutung 

58 

Zur fFirkung der Bewegungsspiele: 

Die analytische Untersuchung hat uns erraten lassen, daß an 
der Vorliebe der Kinder für gymnastische Darstellungen und an 
deren Wiederholung im hysterischen Anfall außer der Organlust 
noch ein anderes Moment beteiligt ist, das (oft unbewußte) 
Erinnerungsbild des (an Menschen oder Tieren) beobachteten 
Sexualverkehrs. 

39 

Der Abschnitt über die typischen Bewegungstr äwne ist in späteren Auf' 
lagen als allzu unzureichend ausgelassen worden. 

40 
Ergänzung zum Prüfungstraum- * 

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in 
einer wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines 
Wissens der Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese 
Prüfung bestanden haben, niemals bei solchen, die an ihr 
gescheitert sind. Der ängstliche Prüfungstraum, der, wie sich 
immer mehr bestätigt, dann auftritt, wenn man vom nächsten 
Tage eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer 
Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit aus der Ver- 
gangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst 
als unberechtigt erwies und durch den Ausgang widerlegt wurde. 
Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißverständnis des 
Trauminhaltes durch die wache Instanz. Die als Empörung gegen 
den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon Doktor 
u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spendet, 
und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen; 
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt 
hast, und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja 



Zu Abschnitt V 49 



schon Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume 
anrechnen, stammte aus den Tagesresten. 

Die Proben anf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, haben, wenngleich sie nicht zahlreich genug 
waren, gut gestimmt. Ich bin z. ß. als Rigorosant in gerichtlicher 
Medizin durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im. 
Traume zu schaffen gemacht, während ich häufig genug in 
Botanik, Zoologie oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern 
ich mit gut begründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe 
aber durch Gunst des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. 
Im Gymnasialp ruf ungstraume werde ich regelmäßig aus Geschichte 
geprüft, wo ich damals glänzend bestanden habe, aber allerdings 
nur, weil mein liebenswürdiger Professor — der einäugige Helfer 
eines anderen Traumes, vgl. Bd. II, S. iS — nicht übersehen hatte, 
daß auf dem Prüfungszettel, den ich ihm zurückgab, die mittlere 
von drei Fragen mit dem Fingernagel durchgestrichen war, zur 
Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht bestehen solle. Einer 
meiner Patienten, der von der Matura zurückgetreten war und 
sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der Offiziersprüfung 
durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, berichtet mir, daß er 
oft genug von der ersteren, aber nie von der letzteren Prüfung träumt. 

Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig- 
keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten 
der typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assozia- 
tionen, welches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für 
die Deutung nur selten aus. Man muß sich das bessere Ver- 
ständnis solcher Träume aus einer größeren Reihe von ßeispielen 
zusammentragen. Vor kurzem gewann ich den sicheren Eindruck, 
daß die Einrede: Du bist ja schon Doktor u. d gl., nicht nur den 
Trost verdeckt, sondern auch einen Vorwurf andeutet. Derselbe 
hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, schon so weit im Leben, 
und machst noch immer solche Dummheiten, Kindereien. Dies 
Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem latenten Inhalt 

Freud, III. 4 



go Ergänzungen zur Traumdeutung 



der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht weiter auf- 
fällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten" und 
„Kindereien" sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die 
Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen. 

W, St ekel, von dem die erste Deutung des „Maturatraumes" 
herrührt, vertritt die Meinung, daß er sich regelmäßig auf 
sexuelle Erprobung und sexuelle Reife beziehe. Meine Erfahrung 
hat dies oft bestätigen können. 

41 

Auch dieser Abschnitt ist in späteren Auflagen weggeblieben. 



(fj^'-A. ^Vv.- .f^-J^^ /' /oJ- 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VI 
„DIE TRAUMARBEIT" 

1 

Zur Verdichtung im Traum: 

Hinweise auf die Verdichtung im Traum finden sich bei zahl- 
reichen Autoren. Du P r e 1 äußert an einer Stelle {p. 85), es 
sei absolut sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungs- 
reihe stattgefunden habe. 

3 
Zum Treppensteigen im „schönen" Traum: 

Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an 
die im Abschnitt über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der 
Stiegenträume. 

3 . 

Zur Bemerkung über den witzigen Anschein der Träume: ' 
Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des 
"Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 190g 
veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten" geschehen ist (Ges. Schriften, Bd. IX). 

4 
Einschaltung eines anderen Traumes mit Wortneubildung: 

6) Marcinowski: „Heute früh erlebte ich zwischen 
Traum und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im 
Ablauf einer Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken 
stutzte ich gewissermaßen über ein Wort, das ich halb wie 

4' 



52 Ergänzungen zur Traumdeutung 

geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es lautet: 
yer zefilisch^ und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes 
Zusammenhanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hin- 
überglitt; er lautete: ,Das wirkt crzefüisch auf die Geschh'clitS' 
empfindung^ Ich wußte sofort, daß es eigentlich ,erzieherisch' 
heißen solle, schwankte auch einigemal hin und her, ob es nicht 
richtiger jerzifilisch' hieße. Dabei fiel mir das Wort Syphilis ein, 
und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren 
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hinein- 
käme, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend- 
welche Berührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel 
mir ein ,erzihlerisch*, das e erklärend, und zu gleicher Zeit 
erklärend, daß ich gestern abend von unserer ,Erzieherin' ver- 
anlaßt wurde, über das Problem der Prostitution zu sprechen, 
und ich hatte ihr dabei tatsächlich, um ,erzieherisch' auf ihr 
nicht ganz normal entwickeltes Empfindungsleben einzuwirken, 
das Buch von Hesse ,Über die Prostitution' gegeben, nachdem ich 
ihr mancherlei über das Problem erzählt hatte. Und nun wurde 
mir auf einmal klar, daß das Wort , Syphilis' nicht im wörtlichen 
Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung 
natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der 
Übersetzung ganz logisch: , Durch meine Erzählung habe 
ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren 
Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, 
daß es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.' E r z e- 
filisch = erzäh — (erzieh — ) (e r z e f i 1 i s c h)." 

5 

Wortneubildung und Verdichtung: 

Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders 
dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzu- 
zeigen. Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl 
von Beispielen nicht den Schluß ziehen, daß solches Material 



I 

i 
I 

i 



Zu Abschnitt VI gj 



selten oder gar nur ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es 
-ist vielmehr sehr häufig, allein die Abhängigkeit der Traum- 
deutung von der psychoanalytischen Behandlung hat die Folge, 
daß die wenigsten Beispiele angemerkt und mitgeteilt werden, 
und daß die mitgeteilten Analysen meist nur für den Kenner 
der Neurosenpathologie verständlich sind. So ein Traum von 
Dr. V. Karpinska (Inlernat. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 
1914), der die sinnlose Wortbildung „Svingnum elvi'' enthält. 
Erwähnenswert ist noch der Fall, dai3 im Traum ein an sich 
nicht bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigent- 
lichen Bedeutung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen 
zusammenfaßt, zu denen es sich wie ein „sinnloses" Wort ver- 
hält. Dies ist in dem Traum von der „Kategorie" eines zehn- 
jährigen Knaben der Fall, den V. Tausk (Zur Psychologie der 
Kindersexuahtät, Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse I, 1915) 
mitteilt. „Kategorie" bedeutet hier das weibliche Genitale 
und „k a t e g o r i e re n" soviel wie urinieren. 

6 

Xur Herkunjt der Traumreden: 

Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne 
mit übrigens intakten und hochentwickelten intellektuellen Funk- 
tionen fand ich unlängst die einzige Ausnahme von dieser Regel. 
Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, stammten nicht von 
gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen 
dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im 
Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein kamen. 

7 

Die Traumentstellung bei P op pe r -L ynheus: 

Da ich die Zurückführung der Traum entstellung auf die Zensur 
als den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte 
ich hier das letzte Stück jener Erzählung „Träumen wie Wachen" 



1 



54 Ergänzungen zur Traumdeutung 

aus den „Phaniasien eines Realisten" von Lynkeus 
(Wien, i2, Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter 
meiner Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, 
niemals Unsinn zu träumen." — — — — 

„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, 
beruht auf deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtig- 
keit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die moralische Klarheit deiner 
Natur, die mir alles an dir verständlich macht." 

„Wenn ich es aber recht bedenke," erwiderte der andere, „so 
glaube ich beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, 
und gar niemand träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den 
man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen kann, 
der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann 
auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Wider- 
spruch steht, könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. 
Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, benimmt 
dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide 
gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. 
Wir machen es ja oft im Wachen auch S05 denke an das 
Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu 
denen nur ein Unverständiger sagen würde: ,Das ist widersinnig! 
Denn das ist nicht möglich!'" 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, 
so wie du das eben mit dem meinen getan hast!" sagte der 
Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei 
einiger Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer 
gelingen. — Warum es meistens nicht gelingt? Es scheint bei 
Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas 
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimhchkeit 
in eurem Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint 
Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. 



FT- 



Zu Abschnitt VI 55 



Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann 

gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er 

wacht oder träumt." 

8 

Zur Synthese von Träumen'. 

Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume 
seither in dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse", 1905 (Ges. 
Schriften, Bd. VIII) gegeben. Als die vollständigste Deutung eines 
längeren Traumes muß die Analyse von O. Rank, „Ein Traum, 
der sich selbst deutet", anerkannt werden. 

9 

Zu den „Kollateralen" : 

Ich habe diesen Namen später fallen lassen und die entsprechende Stelle 

folgender Art abgeändert: 

Dem anderen Teil ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzu- 
schreiben. Man legt auch keinen Wert auf die Behauptung, daß 
alle diese Gedanken an der Traumbildung beteiligt gewesen seien, 
vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden, welche an 
Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten des 
Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt 
alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis 
zu den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die 
vermittelnden und annähernden Assoziationen, durch welche man 
während der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungs- 
wege gekommen ist. 

10 

Zur Bedeutung der Teilung eines Traumes in zwei Stücke: 
Sicherlich gilt dies für die in eine Pollution auslaufende 
Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis 
sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. 

1 1 

Zur Darstellung von Gegensätzen: 

Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 



56 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



1884 (siehe mein Referat im Jahrbuch f. PsA. II, 1910 [Ges. 
Schriften, Bd. X]), erfuhr ich die überraschende, auch von anderen 
Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen 
sich in diesem Punkte ganz ähnhch benehmen wie der Traum. 
Sie haben anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze 
an den Enden einer Qualitäten- oder Tätigkeitsreihe (starkschwach, 
altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte Bezeich- 
nungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte 
Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese 
Verhältnisse im großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt 
aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den semi- 
tischen und indogermanischen Sprachen auf. 

12 

Zur Darstellung des „Gleichwie": 

Vergleiche die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung 
zum Traumdeuter (s. oben Ergänzung 2 auf S. lö). 

Zur Bildung von Mischpersonen: ' ' 

Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer solchen 

! Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traumes der 

emen Person zugeschrieben und die andere — in der Regel 

wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin. 

Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch dabei 

(Stekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem 

; Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches 

■ nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen 

Zeichens bestimmt ist. 

- - 14 . -...;.: . ■ 

Zum Egoismus der Träume vgl. die Korrektur )-j zu Abschn. f'^ (S. 4y). 

Zum Vorkommen des eigenen Ichs im Traume: 

Daß das eigene Ich in einem Traume mehrmals vorkommt 



Zu Abschnitt VI 



67 



oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grunde nicht 
verwunderlicher, als daß es in einem bewußten Gedanken mehr- 
mals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen 
enthalten ist. Z. B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für 
gesundes Kind ich war. 

16 

Ein Beispiel einer „Mischräumlickkeit" : 

Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich- 
keiten, in denen „Kur" gemacht wird, aus meinem Ordinations- 
zimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau 
kennen gelernt hat. 

Ein Beispiet einer phantastischen Mischperson: 

In einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Misch- 
gebilde vor, das aus der Person eines Arztes und aus einem 
Pferde zusammengesetzt war und überdies ein Nachthemd 
anhatte. Das Gemeinsame dieser drei Bestandteile ergab sich aus 
der Analyse, nachdem das Nachthemd als Anspielung auf den 
Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt war. Es 
handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer geschlecht- 
lichen Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau öfters in 
das militärische Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegen- 
heit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — Neugierde aus- 
giebig zu befriedigen. 

18 
Zur Umkehrung im Traum: 

Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig die Umkehrung 
gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo- 
sexuellen Regungen eingegeben werden. 

Weiteres über die Umkehrung im Traum -. 

Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 



58 Ergänzungen zur Traumdeutung 



^ 



der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Dar- 
stellungsmittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der 
Wunscherfüllung gegen ein bestimmtes Element der Traum- 
gedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es doch umgekehrt 
gewesen ! ist oftmals der beste Ausdruck für die Reaktion des 
Ichs gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders 
wertvoll wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem 
sie ein Maß von Entstellung des Darzustellenden zustande bringt, 
welches das Verständnis des Traumes zunächst geradezu lähmt. 
Man darf darum, wenn ein Traum seinen Sinn hartnäckig ver- 
weigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung mit bestimmten 
Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht selten 
alles sofort klar wird. 

Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Begebenheil oder den Schluß des Gedanken- 
ganges zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende des- 
selben die Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des 
Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel 
der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe der 
Traumdeutung ratlos gegenüber.^ J 

Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem, Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, ^ 

i) Derselben Technik der zeitlichen l]mkehrimg bedient sich manclimal der 
hysterische Aufall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches 
Mädchen hat z, B. in einem. Anfalle einen kleinen Roman darnistellen, den sie sich 
im Anschluß an eine BegegTiung in der Stadtbahn im Unbewußten phuiitasierl hat. : 

Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie 
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt, 
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperiuckuugen 
ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkimg der Arme für die Um- 
armimg), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das 
Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, imd 
spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Arlemi- 
dorus: „Bei der Auslegtmg von Traumgeschichten muß man sie einmal vom 
Anfang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge 
fassen . . ." 



i 



Z« Abschnitt P"! 



59 



nach verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. ver- 
birgt sich im Traume eines jungen Zwangsneu rotilvers die 
Erinnerung an den infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten 
Vater hinler folgendem Wortlaut: Sein Vater schimpft jnit ihm, 
weil er so spät nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang 
der psychoanalytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, 
daß es zunächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater 
und sodann, daß ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu 
bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater 
überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem 
Todeswunsch gegen den Vater identisch ist (vgl. Ges. Schriften II, 
S. 256 u. dieser Bd. S. 45). Der Träumer hatte sich nämlich 
als kleiner Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters 
eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person zuschulden 
kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden: 
Na wart', bis der Vater zurückkommt ! 

20 

Zur Darstellung des Traummhalts durch formale Charaktere des 
Traumes : . ^ . _ ■ 

Die Form des Traumes oder des Träumens wird 
in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung 
des verdeckten Inhaltes verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen 
zu demselben, dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der 
raffiniertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich 
verraten. So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum 
verwischt, und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das 
Belauschen einer Person ergibt, die sich nach der Defäkation 
reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche Mitteilung 
verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der 
ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt; 
Er befindet sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der 



6o Ergänzungen zur Traumdeutung 

Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine 
ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu 
gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum, 
da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, der 
mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht 
sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften 
Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt. 
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt 
durch die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes 
bereits gegeben ist. Die „Lücken" sind die Genitalöffnungen der 
zu Bette gehenden Frauen: „da fehlt etwas" beschreibt den 
Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in jenen 
jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu sehen, 
und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem 
Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten. ji 

In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz 
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K, in jj 

das Volksganenrestaurant . . ., dann kommt eine dunkle Stelle, 
eine Unterbrechung . . ., dann befinde ich mich In einem Bor- 
dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine in Hemd 
und Höschen. 

Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie 
er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gele- 
genheit, mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung A\ 
zwischen ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner ' ' 
Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin 
ein Mann und du ein Weib". Im angegebenen Restaurant war 
er nur einmal in Begleitung der Schwester seines Schwagers, 
eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein ander- 
mal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum 
Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester, 
seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester seines 
Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei der 



I 



Zu Abschnitt FI 61 



Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht, 
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben. 

Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle", „Unter- 
brechung" im Traume, und behauptete, daß er in knabenhafter 
Wißbegierde einigemal, allerdings nur selten, das Genitale seiner 
um einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage 
später stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume 
angedeutete Untat ein. 

Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu 
dem nämlichen Ganzen^ ihre Sonderung in mehrere Stücke, 
deren Gruppierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf 
als ein Stück Mitteilung aus den latenten Traumgedanken auf- 
gefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen, die aus mehreren 
Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben 
Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht ver- 
gessen, daß diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume 
dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem 
Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser 
homologen Träume ist dann häufig der entstelltere, schüchterne 
der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und 
von den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er 
findet sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 
und 6) ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der 
König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: „Nach diesem 
ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, 
was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber all- 
mählich wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren 
Traum, der mich noch mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt 
hat. Nach Anhören der Traum erzähl ung sagt Josef: „Dein Traum, 
o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher, allein beide 
Gesichte haben nur eine Bedeutung." 

Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes'* 



62 Ergänzungen zur Traumdeutung 

erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens 
von ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in 
Abänderungen weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser 
Traumerzählungen, „daß der Schlußgedanke einer langen Reihe 
von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten Bild 
der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt 
den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder 
erneute symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen 
ins Harmlose usw." (I. c. p. 87). Scherner hatte diese Eigen- 
tümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie 
im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als ein 
besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phantasie 
ni allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen 
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn 
des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen 
des Reizobjektes malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß 
sich erschöpft hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes 
Organ oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der 
Traum, seinen organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende 
erreicht — — ■ — ." 

Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat 
Otto Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet", 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens 
setzte sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer 
Nacht zusammen, von denen der zweite mit einer Pollution 
abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne 
durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die 
Beiträge der Träumerin, und die Fülle der Beziehungen zwischen 
den beiden Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß 
der erste Traum in schüchterner Darstellung dasselbe zum 
Ausdruck brachte wie der zweite, so daß dieser, der Pollutions- 
traum, zur vollen Aufklärung des ersteren verhelfen hatte. 
Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die 



Zu Abschnitt FI 65; 







Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens 
überhaupt. 

Ql 

Über die Kritik „Das ist ja nur ein Traum'' und über den „Traum 
im Traum" : 

Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung: „Das ist ja nur ein Traum" bedeute, und welcher 
psychischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer 
Stelle (s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Ent- 
wertung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, 
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein 
gewisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt" bezeichnet wird, 
das Rätsel des „Traumes im Traume", hat W. St ekel durch 
die Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne 
gelöst. Das „Geträumte" des Traumes soll wiederum entwertet, 
seiner Realität beraubt werden; was nach dem Erwachen aus 
dem „Traum im Traume" weiter geträumt wird, das will der 
Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten Realität setzen. 
Man darf also annehmen, daß das „Geträumte" die Dar- 
stellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende 
Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer 
Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in 
einen „Traum im Traume" ist also gleichzusetzen dem Wunsche 
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. 
Mit anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit von der 
Traumarbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies 
die entschiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, 
die stärkste Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet 
» das Träumen selbst als eine Form der Ablehnung und bezeugt 
damit die Einsicht, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist. 

JVote zur JVortziaeideutigkeit: 

Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 190g 



\ 



64 . Ergänzungen zur Traumdeutung 

(Ges. Schriften, Bd. IX), und die „Wortbrücken" in den Lösungen 

neurotischer Symptome. 

35 

Zur fFürdigung der Zweidr-utigkeit bei der Traumdeutung: 

Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traum- 
elementes zweifelhaft, ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll 
{Gegensatzrelation); 

b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

c) symbolisch oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. ^ 
Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung 

der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt verstanden 
zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten 
zumutet, als etwa die allen Hieroglyphen Schreiber ihren Lesern, 

Der Name des Komponisten-, 
Hugo Wolf. 

»5 

Einschaltung id}er die von Silberer direkt beobachtete Darstellung 
von Gedanken durch Traumbilder : 

Herbert S i 1 b e r e r hat einen guten Weg gezeigt, wie man 
die bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der 
Gedanken in Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment 
der Traumarbeit isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande 
der Ermüdung und Schlaftrunkenheit eine Denkanslrengung auf- 
erlegte, so ereignete es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke 
entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in dem er nun den 
Ersatz des Gedankens erkennen konnte. Sil her er nennt diesen 
Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen „autosymbolischen". Ich 
gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit von S i 1 b e r e r wieder, 
auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten 
Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen werde. 



Zu Abschnitt VJ gt- 

„Beispiel Nr. i. Ich denke daran, daß icli vorhabe, in einem 
Aufsatze eine holprige Stelle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatthobeln." 
„Beispiel Nr. g. Ich suche mir den Zweck gewisser meta- 
physischer Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu ver- 
gegenwärtigen. Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir, 
daß man sich auf der Suche nach den Daseinsgründen zu immer 
höheren Bewußtseinsformen oder Daseinsschichten durcharbeitet. 
Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, 
wie um ein Stück davon zu nehmen. 

Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das 
,Durcharbeiten', von dem die Rede ist . . . Die Erklärung des 
Symbolgrundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und 
da das Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, 
welches ich mit einem langen, biegsamen Messer verrichte, was 
einige Sorgfalt erheischt. Insbesondere ist das reinliche Heraus- 
heben der geschnittenen Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten 
verbunden; das Messer muß behutsam u n t e r die betreffenden 
Stücke geschoben werden {das langsame »Durcharbeiten*, um zu 
den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr Symbolik 
in dem Bild. Die Torte des Symbols war nämlich eine Dobos- 
Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende Messer durch 
verschiedene Schichten zu dringen hat (die Schichten des 
Bewußtseins und Denkens)." 

„Beispiel Nr. g. Ich verliere in einem Gedankengang den 
Faden. Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber 
erkennen, daß mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist. 
Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen heraus- 
gefallen sind." 

Zur Deutung „Kraut und Kuben": . ^ 

Diese Darstellung ist mir wirklich nicht wieder begegnet, so 
daß ich an der Berechtigung der Deutung irre geworden bin. 

Freud, in. 



66 Ergänzungen zur Traumdeutung 



27 
Note zur symbolischen Verwendung der Küche, der Pflanzen u. dgl.: 

Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden 

von Ed. Fuchs' j,Illustr. Sittengeschichte" (Privatdrucke bei 

Ä. Langen, München). 

28 

Dieser kurze Abschnitt ist in spateren Auflagen weggeblieben. 

Der vorstehende, wegen seiner synnbolischen Elemente hervor- 
gehobene Traum ist ein „biographischer" zu nennen. Solche 
Träume kommen in den Psychoanalysen häufig vor, aber viel- 
leicht nur selten außerhalb derselben. 



ZUSATZKAPITEL A 

Die Darstellung durch Symbole im Traume — 
Weitere typische Träume 

Die Analyse des letzten biographischen Traumes steht als 
Beweis dafür, daß ich die Symbolik im Traume von Anfang an 
erkannt habe. Zur vollen Würdigung ihres Umfangs und ihrer 
Bedeutung gelangte ich aber erst allmählich durch vermehrte 
Erfahrung und unter dem. Einfluß der Arbeiten W. Stekels,^ 
über die eine Äußerung hier am Platze ist. j^ 

Dieser Autor, der der Psychoanalyse vielleicht ebensoviel 
geschadet als genützt hat, brachte eine große Anzahl von unver- 
muteten Symbolübersetzungen vor, die anfänglich nicht geglaubt 
wurden, später aber größtenteils Bestätigung fanden und ange- 
nommen werden mußten. Stekels Verdienst wird durch die 
Bemerkung nicht geschmälert, daß die skeptische Zurückhaltung 
der anderen nicht ungerechtfertigt war. Denn die Beispiele, auf 
welche er seine Deutungen stützte, waren häufig nicht über- 



1) W. Stekel, Die Sprache des Traumes, 1911- 



is 



Zu Abschnitt VI 5^ 

zeugend und er hatte sich einer Methode bedient, die als wissen- 
schafthch unzuverlässig zu verwerfen ist. St ekel fand seine 
Symboldeutungen auf dem Wege der Intuition, kraft eines ihm 
eigenen Vermögens, die Symbole unmittelbar zu verstehen. Eine 
solche Kunst ist aber nicht allgemein vorauszusetzen, ihre 
Leistungsfähigkeit ist jeder Kritik entzogen und ihre Ergebnisse 
haben daher auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch. Es ist ähnlich, 
als wollte man die Diagnose der Infektionskrankheiten auf die 
Geruchseindrücfce am Krankenbette gründen, obwohl es unzweifel- 
haft Kliniker gab, denen der bei den meisten verkümmerte 
Geruchssinn mehr leistete als anderen und die wirklich imstande 
waren, einen Abdominaltyphus nach dem Geruch zu diagnosti- 
zieren. 

Die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalyse hat uns 
Patienten auffinden lassen, die ein solches unmittelbares Ver- 
ständnis der Traumsymbolik in überraschender Weise an den 
Tag legten. Häufig waren es an Dementia praecox Leidende, so 
daß eine Zeitlang die Neigung bestand, alle Träumer mit solchem 
Symbolverständnis dieser Affektion zu verdächtigen. Allein das 
trifft nicht zu, es handelt sich um eine persönliche Begabung 
oder Eigentümlichkeit ohne ersichtliche pathologische Bedeutung. 
Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik 
für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut 
gemacht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele 
dieser Symbole wie die „Sigel" der Stenographie mit ein für 
allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der 
Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu 
entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht 
dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen, 
speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen, 
Redensarten, in der Spruch Weisheit und in den umlaufenden 
Witzen eines Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden. 
Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung weit über- 



68 Ergänzungen zur Traumdeutung 

schreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht werden 
und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme 
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols 
knüpfen.^ Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß 
die Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen 
gehört, daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, 
die Symboldarstellung unterschiedslos mit den anderen Arten 
indirekter Darstellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unter- 
scheidenden Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu können. 
In einer Reihe von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem 
Symbol und dem Eigentlichen, für welches es eintritt, offen- 
kundig, in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols 
erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den 
letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie 
weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. Was heute 
symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten durch 
begriffliche und sprachliche Identität vereint.'' Die Symbol beziehung 
scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei kann 
man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl 
von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits 
Schubert (1814) behauptet hat.' Eine Anzahl von Symbolen 

1) Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern, M a e d e r, 
Atraliam u. a., über Symbolik, und die nichtäntlichen Autoren, auf welche sie 
sich beziehen CKleinpaul u. a.V Das Zutreffendste, was über diesen Gegenstand 
geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von O. Rank und H. Sachs, Die 
Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1915, Kap. I. Ferner 
E. Jones, Die Theorie der Symbolik, Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, V, 1319- 

2) Diese Auffassung würde eine ati Ger ordentliche Unterstützung in einer von 
Dr. Hans Sperber vorgetragenen Lehre finden. Sperber (Über den Einfluß 
sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache, Imago I, igia) 
meint, da3 die Urworte sämtlich sexuelle Dinge beieichneten und dann diese sexuelle 
Bedeutung verloren, indem sie auf andere Dinge und Tätigkeiten übergingen, die 
mit den sexuellen verglichen wurden. 

3) So tritt z. E. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Hamträumen unga- 
rischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen" für „urinieren" 
fremd ist (P e r e n c z i ; vgl. auch S, 84). In den Träumen von Franzosen und anderen 
Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese 
Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer" Analoges kennen. 



Zu Abschnitt VI 69 



ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber 
in der Gegenwart fortlaufend neu gebildet (z. B. das Luftschiff, 
der Zeppelin). 

Der Traum bedient sich nun dieser Symbolik zur verkleideten 
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten 
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast 
regelmäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der 
eigentümlichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk 
bleiben. Ein Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht 
symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu deuten 
sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem 
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexual- 
symbol zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. 
Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur 
Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol entscheiden, 
das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedanken- 
material aufweist, also eine individuelle Motivierung neben der 
typisch gültigen gestattet. 

Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner 
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben, 
— selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht 

möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien, so 

ist doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch 
die Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, 
sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung nach 
den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen 
Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur 
Willkür des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde 
und in den verwilderten Deutungen von St ekel wieder aufzu- 
leben scheint, ist aus Motiven wissenschaftlicher Kritik aus- 
geschlossen. Somit nötigen uns die im Trauminhalt vorhandenen, 
symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer kombinierten 
Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des Träumers 



70 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Stützt, andererseits das Fehlende aus dem Symbol Verständnis des 
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der 
Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durch- 
sichtigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den 
Vorwurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. 
Die Unsicherheiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes 
noch anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen 
Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung fortschreitend 
gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen sie gerade 
von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben 
sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen 
Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal richtige Auf- 
fassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole ver- 
bindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen 
zuzulassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach 
sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen dar- 
zustellen. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich 
an: Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen 
wirklich zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prin- 
zessin ist er selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird 
aber auch großen Männern zugestanden, darum erscheint in 
manchen Träumen z. B. Goethe als Vatersymbol. (Hitsch- 
mann.) — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baum- 
stämme, Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspaunens 
wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen; Messer, Dolche, 
Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht 
recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile (des 
Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, Kästen, 
Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, 
Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume 
sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen 
Eingänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht 



I 



Zu Abschnitt VI 



71 



irre.' Das Interesse, ob das Zimmer „offen" oder „verschlossen" 
ist, wird in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den 
Traum Doras im „Bruchstück einer Hysterieanalyse".) Welcher 
Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich 
gesagt zu werden; die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat 
Uhland im Lied vom „Grafen Eberstein" zur anmutigsten 
Zote gedient. — Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern 
zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H. 
Sachs an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe 
(Gegensatz) verwendet. — Eine interessante Beziehung zur infantilen 
Sexualforschung ergibt sich, wenn der Träumer von zwei Zimmern 
träumt, die früher eines waren, oder ein ihm bekanntes Zimmer 
einer Wohnung im Traume in zwei geteilt sieht oder das Umge- 
kehrte. In der Kindheit hat man das weibliche Genitale (den 
Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile Kloaken- 
theorie) und erst später erfahren, daß diese Körperregion zwei 
gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. — Stiegen, Leitern, 
Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl auf- 
wärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechts- 
aktes.'' — Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von 

1) „Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom 
Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner 
Überraschimg: 14. Talsächlich hat er Bezlehimgen m dem in Rede stehenden 
Mädchen angeknüpft und auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem Schlaf- 
zimmer gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im Verdacht 
habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den Vorschlag, sich mit ihr in 
einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit hatte dieses Zimmer 
die Nummer 14, wahrend im Traum das Weib diese Nummer trägt. Ein deutlicherer 
Beleg für die Identifizierung von Frau imd Zimmer läßt sich kaum denken." (Emest 
Jones, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914,) (Vgl. Artemidorus, „Sym- 
bolik der Traume" Tübersetit von F. S. Krauß, Wien 1881, p. 110]: „So %. B, 
bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche im Hause ist") 

3) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, igio [Ges. Schriften, 
Ed. VI]), geäußert habe; „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Eemerkimg gewendet, wir über- 
schätzten doch g-ewifl die geheime sexuelle Bedeutung der Traume, Sein häufigster 
Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles 
dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen 
von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konnten 



72 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Häusern, an denen man sich — häulig unter starker Angst — 
herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wieder- 
holen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Empor- 
kletlern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die 
„glatten" Mauern sind Männer; an den „Vorsprüngen" der 
Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. — 
Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl 
des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. 
„Holz" scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen 
ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name 
der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da 
„Tisch und Bett" die Ehe ausmachen, wird im Traum häufig 
der erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der 
sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. — 
Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit 
Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso 
der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser 
Symbol Verwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der 
Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, 
wohl nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den 
Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem 
Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigent- 
lichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist.' Personen, die 

bald feststellen, daß die Stiege (vmd was ihr analog: ist) ein sicheres Koitiissymbol 
darstellt. Die Grundlage der Vergleichimg ist nicht schwer aufzufinden; in rhyth- 
mischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt maji auf eine Hohe und 
kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der 
Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, den Sprach- 
gebrauch heranzuiiehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" ohne weiteres als Ersati- 
Lezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Mau pflegt zu sagen, der Mann 
ist ein „Steiger", „nachsteigen". Im Französischen heißt die Stufe der Treppe la. 
marche; „un vieux marcheur" deckt sich ganz mit imserem „ein alter Steiger". 

i) Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, G75, die Zeichnung einer 19jährigen Manischen: ein 
Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen entgegen wendet. 
Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige" (Anthropopliyteia VI, 534): In eine Badestube 
trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen 
vermochte; er war selir beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorder- 
teil des Hemdes au und sagte; „Eitle um Verzeihung, hin ohne Krawatte." 



Zu Abschnitt VI ysj 



dies Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen 
Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von 
ihnen. — Alle komplizierten Maschinerien und Apparate der 
Träume sind mit großer Wahrscheinhchkeit Genitalien — in der Regel 
männliche, — in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik so 
unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar ist 
es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ- 
lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver, 
Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Träume, 
besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, 
unschwer als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski 
hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer 
ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vor- 
kommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten. 
Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und 
latenter Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie, 
arglos betrachtet, Pläne, Landkarten u. dgl. zu bringen scheinen, 
enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als Dar- 
stellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und 
ermöglichen erst nach dieser Auffassuung das Verständnis des 
Traumes. (Vgl hiezu Pfisters Arbeiten über Kryptographie und 
Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneu- 
bildungen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller 
Bedeutung denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume oft 
nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt 
sind, ihr Genitale liebkosend als ihr „Kleines" zu bezeichnen. 
Den „kleinen Bruder" hat Stekel richtig als den Penis erkannt. 
Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind 
häufig Traumdarstellungen der Onanie. — Zur symbolischen 
Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit; die Kahlheit, 
das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. Als Ver- 
wahrung gegen die Kastration ist es aufzufassen, wenn eines der 
gebräuchlichen Penissymbole im Traume in Doppel- oder Mehr- 



74 Ergänzungen zur Traumdeutung 



zahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse im Traume — 
eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst — hat 
dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum Bd. II, S. 13.) — Von den 
Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbole ver- 
wendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle: 
der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genitalbehaarung 
wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männlichen 
Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Vertreter 
von kleinen Kindern, z. ß. der unerwünschten Geschwister; mit 
Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität. 
— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales 
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine 
Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche 
Verwendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht 
genügend verifizierter Symbole hat St eke 1 angegeben und durch 
Beispiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: 
„Die Sprache des Traumes", enthalten die reichste Sammlung 
von Syrfibolauflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind 
und sich bei der Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. 
in dem Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die mangelhafte 
Kritik des Verfassers und seine Neigung zu Verallgemeinerungen 
um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen zweifel- 
haft oder uuverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten 
Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf 
die Hervorhebung weniger Beispiele. 

Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch 
aufzufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des 
Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homo- 
sexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit 
einer Dirne usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell 
moralischen Standpunkt des Träumers" (1. c. p. 466). Die Ver- 
wandten überhaupt spielen im Traume meistens die Rolle von 
Genitalien (p. 4)^3). Hier kann ich in dieser Bedeutung nur den 



i 



1 



Zu Abschnitt VI r,g 

Sohn, die Tochter, die jüngere Schwester bestätigen, soweit also 
das Anwendungsgebiet des „Kleinen" reicht. Dagegen erkennt 
man an gesicherten Beispielen die Schwestern als Symbole 
der Brüste, die Brüder als solche der großen Hemisphären. Das 
Nichteinholen eines Wagens löst St ekel als das Bedauern 
über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das 
Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man 
gedrückt wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber 
häufig als unverkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch 
den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat S t e k e 1 
fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese 
Auflösungen weder genügend sichergestellt noch allgemein gültig, 
wenngleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahr- 
scheinlich anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein 
mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine 
der Verallgemeinerungen, welche S t e k e 1 aufstellt, bezieht sich 
auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. „Wo gäbe 
es ein Symbol, das ~ wenn es die Phantasie nur einigermaßen 
erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht 
werden könnte!" Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel 
von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie 
erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht 
überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der 
allgemeine Satz S t e k e 1 s vor der Anerkennung einer größeren 
Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso 
häufig für das männliche wie für das weibliche Genitale stehen, 
gibt es solche, die vorwiegend oder fast ausschließlich eines der 
Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von denen nur die 
männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist. Lange, 
feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Geni- 
tales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachtehi, Dosen usw.) 
als Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht. 
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbe- 



y6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

wußten Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, 
einen archaischen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschieden- 
heit der Genitalien unbekannt ist und beiden Geschlechtern das 
nämliche Genitale zugesprochen wird. Man kann aber auch zur 
irrigen Annahme eines bisexuellen Sexualsymbols verleitet werden, 
wenn man daran vergißt, daß in manchen Träumen eine allge- 
meine Geschlechtsverkehrung vorgenommen wird, so daß das 
Männliche durch Weibliches dargestellt wird und umgekehrt. 
Solche Träume drücken z. B. den Wunsch einer Frau aus, 
lieber ein Mann zu sein. J, 

Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körper- 
teile vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder 
den Fuß, die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr, 
selbst das Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers — Schleim, 
Tränen, Harn, Sperma usw. - — ■ können im Traum für einander 
gesetzt werden. Diese im Ganzen richtige Aufstellung von 
W. St ekel hat eine berechtigte kritische Einschränkung durch 
Bemerkungen von R. R eitler erfahren (Internationale Zeit- 
schrift f. Psychoanalyse I, 1915). Es handelt sich im wesentlichen 
um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des Samens durch 
ein indifferentes. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen 
genügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.' 
Eine weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich 
in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse , 
(191G/17) versucht. 

Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich 

1) Bei aller Verscliiedenheit der S ch e r n e t sehen Auffassung von der Traura- 
symholik und der hier entwickelten mufl ich doch hervorheben, daß Scherner 
als der eigentliche Entdecker der Symholik im Traume anerkannt werden sollte, 
und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, vor 
rund fünfzig Jaliren (1S61) veröffentlichtes Buch nachträglich au Ehren gebracht haben. 



f 



I 

i 



In 



Zu Abschnitt VI 77 



der Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine 
solche auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte 
ich aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole 
für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der 
Traum Übersetzung auf Symbolübersetzung einzuschränken und 
die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzu- 
geben. Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander 
ergänzen; praktisch wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang 
dem zuerst beschriebenen Verfahren, das den Äußerungen des 
Träumers die entscheidende Bedeutung beilegt, während die von 
uns vorgenommene Symbol Übersetzung als Hilfsmittel hinzutritt. 

j) Dgt Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitales)' 

(Teihtück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchung sang st agora- 
phobischen Prau) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben 
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung 
hier stockendX und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. 
Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem 
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir 
alle nichts anhaben'^ 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren 
kann, sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale 
mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herab- 
hängenden Seitenteilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist 
vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: „Unter die Haube 
kommen!" Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details 
über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl 
gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung 
den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen 

1) Aus „Nachträge ziir Traumdeutung", Zentralblatt für Psychoanalyse I, Nr. 5/6, 
1911. 



y8 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Mann mit so prächtigem Genitale hat, hraucht sie sich vor den 
Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen, 
da sie sonst wesenthch durch ihre Versuch ungsphantasien vom Gehen 
ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letzlere Auf- 
klärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten Malen, 
auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes 
zurück und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile 
nach abwärts hingen. Ich bin des Gehorten zu sicher, um mich 
beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile 
und findet dann den Mut, zu fragen, was es bedeute, daß bei 
ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es 
bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des 
Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen 
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein 
weibliches Genitale stehen kann.' 

2) Das Kleine ist das Genitale — das Überfahren- 
werden ist ein Symbol des G es c h le ch ts ve r keh r es 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbalm und 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen^ so daß sie 
überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein 
unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen), Dann sieht 
sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile 

1) Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl. 
f. PsA. in, 1912, p. 95> Vcn St ekel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum 
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schief stehender Feder in der Mitte den (impo- 
tenten) Mann symbolisiert. 



1 



Z« Abschnitt fZ «o 

sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine 
allein liat gehen lassen, 

Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist hier 
nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen 
und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll ver- 
standen werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis 
der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. 
— Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu 
deuten ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheil- 
anstalt weg, in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die 
Mutter holte sie von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahn- 
hof und überreichte ihr einen Strauß Blumen zum Abschied^ es 
war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin dieser Huldigung 
sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer 
Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während 
ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste 
Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man 
nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte 
man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten 
Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer 
Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer 
nackt von rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunter- 
schiede zu sprechen und hebt hervor, daß man beim Manne die 
Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim Weibe aber 
nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, daß das 
Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige 
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vor- 
wurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein 
Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz 
des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit 
sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen 
auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung, haben 
{fioire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen ihren 



So Ergänzungen zur Traumdeutung 

Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht der 
Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten. 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem 
anderen Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem 
Bruder identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, 
mußte oft hören, daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu 
dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es dann besonders 
klar, daß das „Kleine" das Genitale bedeutet. Die Mutter droht 
ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung 
für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die 
Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre 
Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis 
des männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß sie 
nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben 
haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile Sexual- 
theorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervor- 
gehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet 
sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, 
daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel 
antwortet: Nein, immer so g'west. 

, Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales, im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung, Schließlich 
grollt sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahrenwerden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus 
zahlreichen anderen Quellen sicher wüßte. 

5) Darstellung des Genitales durch Gebäude, 

Stiegen, Schachte 

{Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er geht mit seinem P^ater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen 



Zu Abschnitt FI ßi 



kleineren Forb a u, an dem ein Fesselballon angebracht 
ist, der aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn^ 
wozu das alles ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm 
aber. Dann kommen sie iit einen Hof in dem eine große 
Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein 
großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher um, 
ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht 
es doch nur dem Aufseher zu sage/i, dann kann er sich 
ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine 
Treppe in einen Schacht hinunter, dessen fVände weich 
ausgepolstert sind, etwa wie ein LcderfauteuH. Am Ende dieses 
Schachtes ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer 
Schacht . . ." 

Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen 
Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und 
sich von da an fast unzugänghch erweisen. Diesen Traum deutete 
er fast selbständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, 
der Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu 
klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde 
sei das — vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete — 
Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn 
der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung 
der Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so 
daß er der fragende Teil wird. Ua eine solche Befragung des 
Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, muß man den 
Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn etwa konditionell 
nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung gebeten 
hätte." Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir bald an 
anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in 
erster Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem 
Geschäftslokal des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich 

Freud, III fi 






82 Ergänzungen zur Traumdeutung 



das „Blech" für das andere Material, mit dem der Vater handelt, 
eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des Traumes zu 
ändern. Der Traum^er ist in das Geschäft des Vaters eingetreten 
und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der 
Gewinn zum Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher 
dürfte die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: 
„(Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich betrogen 
haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, 
gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die 
Onanie. Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe Bd. II- 
S. 543), sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis 
der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt ist (man darf es 
ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, daß die 
onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben wird, 
wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht 
deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung 
der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das 
Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, 
„setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung 
im Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1, 19105 siehe oben S. 71, 
Note). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere 
Plattform folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst 
biographisch. Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr 
infolge von Hemmungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit 
Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der Traum wird 
aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es plau- 
sibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der 
Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches das 
Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die erste als 
Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Beziehung 
auf die Mutter annehmen kann. 



Zu Abschnitt VI . gg 



4) Das männliche Genitale durch Personen, das ■weib- 
liche durch eine Landschaft symbolisiert 

(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Waclimann ist, mitgeteilt von B. 

DattHer.) 

„ . . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe 

angstvoll nach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit 

zwei ,Pülchern!' einträchtig in eine Kirche^ gegangen, zu der 

mehrere" Stufen cmporführten^ hinter der Kirche sei ein Berg^ 

gewesen und oben ein dichter Wald* Der Wachmann sei mit einem 

Helm, Ringkragen und Mantel^ versehen gewesen. Er habe einen 

braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem 

B'achmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen 

um die Lenden gehabt."" Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg 

geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen 

gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges 

ein ordentlicher Wald, geworden sei.'* 

5) Kastrationsträume bei Kindern 

a) „Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die 
Wiederkehr des Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, 
erwacht eines Morgens verstört und aufgeregt und wiederholt 
immerfort die Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem 
Teller getragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem 
Teller getragen.''^ 

b) „Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student 
erinnert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden 
Traum gehabt hat: Er geht zum Friseur, um sich die Haare 
schneiden zu lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen 

1) Oder Kapelle = Vagina. 

2) Symiol des Koitus, 
g"! Mons veneria. 

4) Crines ptibis. 

5) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines Fachmaanes 
phallischer Natur. 

6) Die beiden Hälften des Hodensackes. 

6* 



84 



Ergänzungen zur Traumdeutung 



Zügen auf ihn zu und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau 
erkennt er als die Mutter" 

6) Zur Harnsymbolik 

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe 
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt 
(„Fidibusz") aufgefunden 
und in ihrer Brauchbar- 
keit zur Illustration der 
Traumtheorie erkannt hat. 
O. Rank hat das neben- 
stehende als „Traum 




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der französischen 
Bonne" überschriebene 
Blatt bereits in seiner 
Arbeit über die Symbol- 
schichtung im Wecktraum 
usw. (p. gg) verwertet. 

Erst das letzte Bild, 
welches das Erwachen der 
Bonne infolge des Ge- 
schreies des Kindes ent- 
hält, zeigt uns, daß die 
früheren sieben die Phasen 
eines Traumes darstellen. 
Das erste Bild anerkennt 
den Reiz, der zum Er- 
wachen führen sollte. Der 
Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt die entsprechende 
Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im Schlaf- 
zimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den 
Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und — 
sie darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt 




{ 



Zu Abschnitt FI 85 



sich; der Knabe, der sich nicht beachtet findet, brüllt immer 
kräftiger. Je dringender er das Erwachen und die Hilfeleistung 
seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren Traum seine Ver- 
sicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht zu erwachen 
brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimensionen 
des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe 
liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er bereits 
einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes 
Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlaf- 
bedürfnis und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geist- 
reichster Weise von einem mutwilligen Künstler verbildlicht. 

7) Ein Stiegentraum 

(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank) 

Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 106 angeführte) 
Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich 
durchsichtigen Pollutionstraum: 

„Ich jage im Stiegejihaus die Treppe hinunter- einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. 
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene 
weibliche Person?) das Kind auf^ ich fasse es, weiß aber nicht, 
ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten 
auf der Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) 
koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein 
Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren 
seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des 
Sexualaktes sah ich links ober Jiiir (auch wie in der Luft) zwei 
kleine Gemälde hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen 
darstellten. Auf dem einen kleineren stand unten an Stelle der 
Namenssignatur des Malers mein eigener Fbrname, als wäre es 
für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann hing noch ein 
Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder auch 
zur Verfügung stehen^ (ich sehe mich dann höchst undeutlich so 



86 Ergänzungen zur Traumdeutung 

wie oben auf dem Treppenabsatz, hn Bette liegen) und erwache 
durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten Pollu- 
tion herrührt'^ 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Warte- 
zeit einige der ausgestelhen Bilder besichtigt hatte, die ähnliche 
Motive wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen 
Bildchen, das ihm besonders gefallen hatte, trat er näher und sah 
nach dem Namen des Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt 
hatte, ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht 
worden". Der Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht 
alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienst- 
mädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer 
Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine 
Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus 
auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherz- 
hafter Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei 
geäußert: das Kind sei wirklich ,jauf der Kellerstiege gewachsen' . 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im 
Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres 
reproduziert werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes 
Stück infantiler Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung 
gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem 
er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und wo er ins- 
besondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den Sexual- 
problemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig 
gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des 
Geländers hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt 
hatte. Im Traume eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die 
Stiege hinunter, so rasch, daß er nach eigener deutlicher Angabe 
die einzelnen Stufen gar nicht berührt, sondern, wie man zu 



Zu Abschnitt VI 87 



sagen pflegt, „hinunterfliegt" oder rutscht. Mit Bezug auf das 
infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den Moment 
der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegenhaus 
und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, 
wobei er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im 
Traume geschieht. 

Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe 
„Zentralblatt f. PsA.", Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das 
Stiegensteigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symboli- 
sieren, so wird der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft 
ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser 
Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle Erregung (im Traume 
dargestellt durch das Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege), 
deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der 
Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die 
libidinöse Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion 
(dargestellt im Traume durch das Fassen des Kindes und seine 
Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum 
rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter 
völlig undurchsichtig. Aber der überslarken libidinösen Erregung 
genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe 
des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus 
und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des 
Koitus entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe für die 
sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter 
beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders 
deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des 
Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder- 
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element 
gewesen war. 

Noch eine Bera,erkung über die beiden Bilder, die, abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung, auch in symbolischem Sinne als 



f 



88 Ergänzungen zur Traumdeutung 

„Weibsbilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich 
um ein großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im 
Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen 
vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung stehen, 
führt zum Prostituiertenkomplex, wie andererseits der Vorname 
des Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei 
ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen 
(auf der Stiege geboren = im Koitus erzeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, 
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kind- 
heit zurückzuweisen und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von 
Bettnässen zum Vorbild zu haben. 

8) Ein modifizierter Stiegentraum 

Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken 
Abstinenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der 
wiederholt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt 
hat, die Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrschein- 
lich weniger schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. 
Diese Beeinflussung provoziert folgenden Traum: 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Kkwier- 
spiel vernachlässige, die Etüden von Moscheies sowie den Gradus 
ad Parnassum von Clemenü nicht übt." 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vor Stellungskreis, der sich der 
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde. 

9) Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der 

Wled erholung 

Ein jetzt 55 jähriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum, 
den er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem 



Ik 



Zu Abschnitt FI 89 



das Testament des Vaters hinterlegt war, — - er hatte den Vater 
im Alter von drei Jahren verloren, — brachte zwei große Kaiser- 
birnen, von denen er eine zum. Essen bekam. Die andere lag auf 
dem Fensterbrett des Wohnzimmers. Er erwachte mit der Über- 
zeugung von der Reahtät des Geträumten und verlangte hart- 
näckig von der Mutter die zweite Birne; sie liege doch auf dem 
Fensterbrett. Die Mutter lachte darüber. 

Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie 
er sich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte. 
Das Fensterhrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will 
ihm dazu nicht einfallen; etwa noch, daß die Mutter kürzlich 
ihm einen Traum erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe 
sitzen, fragt sich, wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen 
nicht fort, sondern der eine fliegt zu ihrem Munde und saugt 
aus ihm. . _ - 

Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Recht, 
die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden 
Birnen — pommes ou poires — sind die Brüste der Mutter, die 
ihn genährt hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog 
den Baikonen im Häusertraum (vgl. S. 71). Sein Wirklichkeits- 
gefühl nach dem Erwachen hat recht, denn die Mutter hat ihn 
wirklich gesäugt, sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus, 
und die Mutterbrust wäre noch immer zu haben. Der Traum 
ist zu übersetzen: Mutter, gib (zeig') mir die Brust wieder, an 
der ich früher einmal getrunken habe. Das „früher" wird durch 
das Essen der einen Birne dargestellt, das „wieder" durch das 
Verlangen nach der anderen. Die zeitliche Wiederholung 
eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zahlenmäßigen 
Vermehrung eines Objektes. 

Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im 
Traume eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht 
Ausnahme, sondern Regel. Man darf sagen, der Träumer verfügt 
über die Symbolik von allem Anfang an. 



go Ergänzungen zur Traumdeutung 

Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum- 
lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbe- 
einflußte Erinnerung einer jetzt 37jährigen Dame lehren: Sie ist 
zwischen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie, 
ihren um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen 
beiden stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem 
Spaziergang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als 
die älteste auf den Sitz, die beiden andere?! auf Töpfe. Sie ß'agt 
die Cousine: Hast du auch ein P ortemonnaie? Der Walter hat 
ein Würstchen^ ich hob' ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: 
Ja, ich hah' auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend 
zugehört und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer 
scharfen Zurechtweisung reagiert. 

Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik 
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete : 

10) „Zur Frage der Symbolik in den Träumen 

Gesunde r"' 

„Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt 
auch von Havelock E 1 1 i s° — vorgebrachter Einwand lautet, 
daß die Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen 
Psyche sei, aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. 
Während nun die psychoanalytische Forschung zwischen normalem 
und neurotischem Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, 
sondern nur quantitative Unterschiede kennt, zeigt die Analyse 
der Träume, in denen ja bei Gesunden und Kranken in gleicher 
Weise die verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle Identität 
der Mechanismen wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume 
Gesunder enthalten oft eine viel einfachere, durchsichtigere und 
mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer Personen, in 
denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus 

1) Alfred Robitsek iin Zentralblatt f. PsA. IT, 1911, p. 34a, 
2} „The World of Dreams", London 1911, p. 168. 



I 

1 



Zu Abschnitt VI gl 



resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält, 
dunkel und schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte 
Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von 
einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurück- 
haltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich, daß sie 
verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegenstellen, 
die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan folgen- 
den Traum : 

„/ arrange the centre of a table with ßowers for a birthday.'^ 
(Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburts- 
tag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem 
Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein 
Glücksgefühl empfunden. 

„Die ,populäre' Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich 
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche : 
der Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst 
und das Genitale; sie stellt ihre Zukunfts wünsche erfüllt dar, 
indem sie sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines 
Kindes beschäftigt; die Hochzeit lieg;t also längst hinter ihr. 

„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a 
table'' ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier 
aber natürlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorg- 
fältig, ihr die Bedeutung der Symbole zu suggerieren, und fragte 
sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes In den 
Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse 
einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, 
die der Ernst des Gespräches ermöglichte. — Auf meine Frage, 
was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst: 
,ezpensive ßowers; one hos to pay for them^ (teuere Blumen, für 
die man zahlen muß), dann, es seien ^lilies of the volley^ violets 
and pinks or carnations* gewesen (Maiglöckchen, wörtlich: Lilien 
vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort 
Lilie in diesem Traume in seiner populären Bedeutung als 



ga Ergänzungen zur Traumdeutung 

Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese Annahme, indem 
ihr zu ,Lilie' ^purity'^ (Reinheit) einfiel. ,Falley\ das Tal, ist ein 
häufiges weibUches Traumsymbol; so wird das zufällige Zusammen- 
treffen der beiden Symbole in dem englischen Namen für Mai- 
glöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren 
Jungfräulichkeit — expensive flowcrs, oiie has to pay for them 
— verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann 
ihren Werl zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung expen- 
sive ßowers etc.* hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei 
Blumensymbole eine andere Bedeutung. 

„Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ,violets' 
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer 
unbewußten Beziehung zum französischen ,viol^ zu erklären. Zu 
meiner Überraschung assoziierte die Träumerin ,violate', das eng- 
lische Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlich- 
keit von violet und violate — in der englischen Aussprache 
unterscheiden sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der 
letzten Silbe — wird vom Traume benutzt, um ,durch die Blume' 
den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses 
Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen maso- 
chistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein 
schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege 
zum Unbewußten führen. Das ,one has to pay for them'' bedeutet 
hier das Leben, mit dem sie das Weib- und Mutterwerden 
bezahlen muß. 

„Bei ypinks'^, die sie dann ,carnations^ nennt, fällt mir die 
Beziehung dieses Wortes zum , Fleischlichen' auf. Ihr Einfall dazu 
lautete aber ,colour' (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die 
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und 
in großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches 
gesteht sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit 
gesagt, es sei ihr nicht ^colour^, sondern ,incarnation^ (Fleisch- 
werdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens 




Zu Abschnitt VI 



93 



ist auch jColou/ als Einfall nicht entlegen, sondern durch die 
Bedeutung von carnation — Fleischfarbe, also durch den 
Komplex determiniert. Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der 
Widerstand an dieser Stelle am größten war, entsprechend dem 
Umstand, daß die Sym^bolik hier am durchsichtigsten ist, der 
Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen 
Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese Blumen 
häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel- 
bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phalli- 
schen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumen gesehen kes 
wird benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und 
Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit 
und erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das 
,expensive flowers, one hos to pay for them^ eine — wohl wirk- 
liche, finanzielle — Bedeutung haben. — Die Blumensymbolik 
des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das männ- 
liche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration. 
Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle Blumensymbolik, die 
ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane 
durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert^ das 
Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht überhaupt diese 
unbewußte Bedeutung. 

„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl 
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, 
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. 
Der latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde 
ich nicht warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, 
Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt 
auch die sadistische Libidokomponente zum Ausdruck. 

„In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ,/ arrange 
etc.' eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben. 

„Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer 
körperlichen Dürftigkeit; sie sieht sich flach wie einen Tisch; um 



94 Ergänzungen zur Traumdeutung 

so mehr wird die Kostbarkeit des ,centre' (sie nennt es ein ander- 
mal ,ß centre piece of floivers'^), ihre Jungfräulichkeitj hervor- 
gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element 
zum Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration 
des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol. 

„Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,/ decoratc 
the flowers ivith green crinkled paper.^ (Ich verziere die Blumen 
mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ^fancy 
paper'- (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumen- 
töpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,?o hide untidy things, whatever 
was to be seen, which was not pretty to the eycj there is o gap, 
a little Space in thp. flowers^ Also: ,um unsaubere Dinge zu ver- 
bergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt, ein kleiner 
Zwischenraum in den Blumen.' ,The paper looks likc velvet or 
moss' (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus'). Zu ,decorate' 
assoziiert sie ,decorum', wie ich es erwartet hatte. Die grüne 
Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope' (Hoffnung), 
wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des 
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, 
sondern es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur 
Geltung. Sie macht sich schön für ihn, gesteht sich körperliche 
Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu korrigieren sucht. 
Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich 
um die crines pubis handelt. 

„Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache 
Denken des Mädchens kaum kennt^ Gedanken, die sich mit der 
Sinnenliebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen 
Geburtstag zugerichtet*, d. h. koitiert; die Furcht vor der Deflora- 
tion, vielleicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Aus- 
druck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel ein, über- 
kompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer Jung- 
fräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit 
damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle 



Zu Abschnitt VI 95 



Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Aus- 
druck. Der Affekt des einfachen Traumes — ■ das Glücksgefühl 
~ zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre Befriedigung 
gefunden haben." 

Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie 
leicht gerade „Träume von Ahnungslosen" den Sinn der Symbole 
und die Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f. 
PsA. IV, 1916/17.) 

Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per- 
sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein 
Gegenstand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen 
Gliedes eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs 
deutlichste als phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die 
„unendliche Verlängerung" einer Reitgerte kann nicht leicht 
anderes als die Erektion bedeuten. Überdies gibt dieser Traum 
ein schönes Beispiel dafür, wie ernsthafte und dem Sexuellen 
fernabliegende Gedanken durch infantil-sexuelles Material zur 
Darstellung gebracht werden. 

11) Ein Traum Bismarcks 
(Von Dr. Hanns Sachs) 
„In seinen , Gedanken und Erinnerungen* teilt Bismarck 
(Bd. II der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am 
18. Dezember 1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief 
enthält folgende Stelle: , Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich 
zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1865 in den 
schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge 
keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte und ich erzählte es 
sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf 
einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der 
Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd sich weigerte und Umkehr 
und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich 
mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand 



q6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand 
stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit 
dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische 
Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Gedanke, 
wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser 
Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm." 
„Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte: im 
ersten Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann 
im zweiten auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige 
Lage, in der sich Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kennt- 
liche Traumdarstellung der kritischen Situation des Staatsmannes, 
die er am Abend vor dem Traume, über die Probleme seiner 
Politik nachdenkend, besonders bitter empfunden haben mochte. 
Mit der zur Darstellung gelangten gleichnis weisen Wendung 
schildert Bismarck selbst in der oben wiedergegebenen Brief- 
stelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie war ihm 
also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben wir wohl 
auch ein schönes Beispiel von Silberers ,funktionalem Phänomen' 
vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei jeder 
von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unüber steigliche 
Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der 
Beschäftigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind 
sehr treffend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch 
rückwärts kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben 
oder Zurücktreten zu denken, kommt im Traume durch die 
Worte ,Umkehren oder absitzen . . . unmöglich' zum Ausdruck. 
In seiner Eigenschaft als stets angestrengt Tätiger, der sich für 
fremdes Wohl plagt, lag es für Bismarck nahe, sich mit einem 
Pferde zu vergleichen, und er hat dies auch bei verschiedenen 
Gelegenheiten getan, z. B. in seinem bekannten Ausspruch: ,Ein 
wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen.' So ausgelegt bedeuten die 
Worte, daß ,das Pferd sich weigerte', nichts anderes, als daß der 
Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich von den Sorgen der 



Zu Ahschnitt VI 



97 



Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt, daß er im 
Begriffe stehe, sich von den Fesseln des Realitätsprinzips durch 
Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann 
im zweiten Teil so Start zu Wort kommt, wird dann auch hier 
schon präludiert durch das Wort ,Alpenpfad'. Bismarcfc wußte 
damals wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen 
— nämlich in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn 
dahin versetzte, befreite ihn also mit einem Schlage von allen 
lästigen Staatsgeschäften. 

„Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf 
doppelte Weise — unverhüllt und greifbar, daneben noch sym- 
bolisch — als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Ver- 
schwinden des hemmenden Felsens, an dessen Stelle ein breiter 
Weg — also der gesuchte Ausweg in bequemster Form — 
erscheint, unverhüllt durch den Anblick der vorrückenden preußi- 
schen Truppen. Man braucht zur Erklärung dieser prophetischen 
Vision durchaus nicht mystische Zusammenhänge zu konstruieren; 
die Freud sehe Wunscherfüllungslheorie genügt vollständig. 
Bismarck ersehnte schon damals als den besten Ausgang aus den 
inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg mit Öster- 
reich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also in 
Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum 
dadurch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es F r e u d postuliert. 
Individuell bedeutsam ist nur, daß der Träumer, mit dem wir 
uns hier beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte, 
sondern auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem 
Kenner der psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß, 
ist die Reitgerte, die ,unendlich lang' wird. Gerte, Stock, Lanze 
und Ähnliches sind uns als phallische Symbole geläufig; wenn 
aber diese Gerte noch die auffallendste Eigenschaft des Phallus, 
die Ausdehnungsfähigkeit besitzt, so kann kaum ein Zweifel 
bestehen. Die Übertreibung des Phänomens durch die Verlängerung 
ins ,Unendliche' scheint auf die infantile Überbesetzung zu deuten. 

Freud, 111 7 



gS Ergänzungen zur Traumrleutung 

Das In-die-Hand-nehmen der Gerte ist eine deutliche Anspielung 
auf die Masturbation, wobei natürlich nicht an die aktuellen Ver- 
hältnisse des Träumers, sondern an weit zurückliegende Kinder- 
lust zu denken ist. Sehr wertvoll ist hier die von Dr. St ekel 
gefundene Deutung, nach der links im Traume das Unrecht, 
das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen ein Verbot 
betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwischen 
dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich mit 
den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, laßt sich noch eine 
Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung 
steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer 
Not durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung 
Gottes als Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, näm- 
lich wie Moses für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen 
Wasser schlägt. Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen 
wir bei dem aus einem hibelgläubigen, protestantischen Hause 
hervorgegangenen Bismarck ohne weiteres annehmen. Mit 
dem Anführer Moses, dem das Volk, das er befreien will, mit 
Auflehnung, Haß und Undank lohnt, konnte sich Bismarck in 
der Konfliktszeit unschwer vergleichen. Dadurch wäre also die 
Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. Anderseits ent- 
hält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die Masturbations- 
phantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot Gottes 
greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn der 
Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das 
gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im 
Traume unzweideutig phallischen — Stockes, das Erzeugen von 
Flüssigkeit durch das Schlagen damit und die Todesdrohung — 
damit haben wir alle Hauptmomente der infantilen Masturbation 
beisammen. Interessant ist die Bearbeitung, die jene beiden hete- 
rogenen Bilder, von denen eines aus der Psyche des genialen 
Staatsmannes, das andere aus den Regungen der primitiven Kinder- 
seele stammt, durch Vermittlung der Bibelstelle zusammen- 



Zu Abschnitt VI gg 



geschweißt hat, wobei es ihr gelungen ist, alle peinlichen 
Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen des Stockes eine ver- 
botene, aufrührerische Handlung ist, wird nur mehr durch die 
linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet. Im 
manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um 
recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heim- 
lichkeit abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an 
Moses, daß er das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, 
wird die eine sehr deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel 
und Waldland), die andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt. 
Das Wasser ist wahrscheinlich der sekundären Bearbeitung, welche 
die Vereinheitlichung dieser Szene mit der vorigen erfolgreich 
anstrebte, zum Opfer gefallen, statt dessen stürzt der Fels selber. 
„Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, in der 
das Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das 
Kind wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten 
nichts von dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser 
Wunsch durch das Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem 
König sogleich zu melden, ersetzt. Diese Umkehrung schließt 
sich aber ausgezeichnet und ganz unauffällig der in der obersten 
Schicht der Traumgedanken und in einem Teile des manifesten 
Trauminhaltes enthaltenen Siegesphantasie an. Ein solcher Sieges- 
und Eroberungstraum ist oft der Deckmantel eines erotischen 
Eroberungswunsches; einzelne Züge des Traumes, wie z. B., daß 
dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt wird, nach 
Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter Weg 
erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, um 
daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und 
Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel 
einer durchaus gelungenen Traum entstell ung. Das Anstößige 
wurde überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinaus- 
ragt, das als schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge 
davon ist, daß jede Entbindung von Angst hintertrieben werden 



loo Ergänzungen zur Traumdeutung 

konnte. Es ist ein Idealfall von gelungener WunsclierfüUung ohne 
Zensurverletzung, so daß wir begreifen können, daß der Träumer 
aus solchem Traum froh und gestärkt erwachte." 
Ich schließe mit dem 

1 q) Traum einesChemikers, 

eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen 
Gewohnheiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben. 

Vorbericht. Am Tage vor dem Traume hat er einem 
Studenten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, 
bei welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in 
absolut reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es 
bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein 
Arbeiter die Hand verbrannte. 

Traum: I) Er soll Phenylinagnesiumbromid machen^ sieht die 
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium 
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, 
sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße 
lasen sich schon auf, ineine Knie werden weich. Dann greift 
er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht 
wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder: 
Das kann nicht sein. — Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei 
erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir 
erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des 
Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wieder- 
holt sich beständig: Phenyl, Phenjl. 

II) Er ist mit seiner ganzen Familie in '^**ing, soll um '/s,I2 Uhr 
beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dankte sein, 
wacht aber erst um '1^12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu 
spät} bis du hinkommst, ist es 'j^I Uhr. Im nächsten Moment sieht er 
die ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die 
Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich 
dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort. 



Zu Abschnitt VI loi 



Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine 
Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in 
der Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der 
Student, dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter 
Kerl^ er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magne- 
sium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob 
ihm gar nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser 
Student muß er selbst sein^ — er ist so gleichgültig gegen seine 
Analyse, wie jener für seine Synthese'; — das Er im 
Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekelhaft muß 
er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg erscheinen.' 
Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) 
gemacht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die 
Beine im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. 
Er traf in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er 
erobern will 5 er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal auf- 
schrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte 
er ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis 
oberhalb der Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In 
dieser Situation ist also das Weib das Magnesium in der Retorte 
mit dem es endlich geht. Er ist feminin gegen mich, wie er 
viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht es 
auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die Wahrnehmungen 
an seinen Knien deuten auf die Onanie und entsprechen seiner 
Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war wirklich 
für 7^12 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen und 
bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 
Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr 
bequem zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun 
nichts, aber als ich ihm das Radikal: SchlemihI vorschlage, 
lacht er sehr und erzählt, daß er während des Sommers ein 



ioi3 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Buch von Prevost gelesen, und in diesem war im Kapitel: 
Les exclits de Vamour, allerdings von den „S c hlem i li^s" die 
Rede, bei deren Schilderung er sich sagte : Das ist mein Fall. — 
Schlemihlerel wäre es auch gewesen, wenn er das Rendezvous 
versäumt hätte. 

Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte 
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter 
hat jgiQ über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnoti- 
sierten Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, 
der einen großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die 
Suggestion den Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen 
Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum diese Aufträge 
aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der psycho- 
analytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B. 
erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit 
einer Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer 
schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf ein Zettel klebte, 
bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen." Der Träumerin 
war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung 
niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Ein- 
schätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglück- 
liche Tatsache gestört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch 
Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß 
eine vorläufige Mitteilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse". 

Ähnliche Ergebnisse hat 1925 G. Roffenstein veröffent- 
licht. Besonders interessant erscheinen aber Versuche, die Betl- 
heim und Hartmann angestellt haben, weil bei ihnen die 
Hypnose ausgeschaltet war. Diese Autoren („Über Fehlreaktionen 
bei der Kor sakoff sehen Psychose", Archiv für Psychiatrie, 
Bd. 7s, 1924) haben Kranken mit solcher Verworrenheit 
Geschichten grob sexuellen Inhalts erzählt und die Entstellungen 
beachtet, welche bei der Reproduktion des Erzählten auftraten. 
Es zeigte sich, daß dabei die aus der Traumdeutung bekannten 






Tai Abschnitt VI 105 



Symbole zum Vorschein kamen (Stiegen steigen, stechen und 
schießen als Symbole des Koitus, Messer und Zigarette als Penis- 
symbole). Ein besonderer Wert wird dem Erscheinen des Symbols 
der Stiege beigelegt, weil, wie die Autoren mit Recht bemerken, 
„eine derartige Symbolisierung einem bewußten Entstellungs- 
wunsch unerreichbar wäre." 

Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, 
können wir in der oben S. 50 abgebrochenen Behandlung 
der typischen Träume fortfahren. Ich halte es für gerecht- 
fertigt, diese Träume im groben in zwei Klassen einzuteilen, in 
solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben, und 
zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhalts 
doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von 
den typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungs 
träum bereits eingehender behandelt. 

Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume 
vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen 
angereiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese 
Annäherung. Es si nd Tro stträume gegen eine andere im Schlaf 
empfundene Angstregung, die Angst zu sterben. „Abreisen" ist 
eines der häufigsten und am besten zu begründenden Todes- 
symbole. Der Traum sagt dann tröstend; Sei ruhig, du wirst 
nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte: 
Fürchte nichts; es wird dir auch diesmals nichts geschehen. Die 
Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt 
daher, daß die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des 
Trostes geknüpft ist. 

Der Sinn der „Zahnreizträume", die ich bei meinen 
Patienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit ent- 
gangen, weil sich zu meiner Überraschung der Deutung der- 
selben regelmäßig allzu große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts- 



w 



104 Ergänzungen zur Traumdeutung 

zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher 
Träume analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum" 
ist. Beide rühren von derselben Person her, einem jungen Manne 
mit starker, aber im Leben gehemmter Homosexualität: 

Er befindet sich bei einer „Fidelio" -Vorstellung im Parkett der 
Oper, neben L., einer ihm sympathischen Persönlichkeit, deren 
Freundschaft er gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg 
hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift sich dann in den 
Mund und zieht sich zwei Zähne aus. 

Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen" 
würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio" handelt, 
liegt das Dichterwort nahe: 

„Wer ein holdes Weib errungen — " 
Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu 
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere 
Verse besser : ■■ - ' ' - 

„Wem der große Wurf gelungen, 

Eines Freundes Freund zu sein ..." 

Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf", der aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die 
peinliche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freund- 
schaft schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen" wurde, 
und die Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen 
Manne, neben dem er die „Fidelio"-Vorstellung genießt, wieder- 
holen. Und nun schließt sich daran das für den feinsinnigen 
Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer 
Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal 
hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat. 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitätsprofessoren 
behandeln ihn an meiner Statt. Der eine tut irgend etwas an 
seinem Glieder er liat Angst vor einer Operation. Der andere stößt 
mit einer eisernen Stange gegen seinen Mund, so daß er ein oder 
zwei Zähne verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. 



i 

i 



Z« Abschnitt VI log 



Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. 
Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem 
ihm bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen 
Koitus ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen 
Verkehr mit Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr 
nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn 
auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständ- 
lich werden.' Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahn- 
reiz" zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf 
die so häufige Verlegung von unten nach oben aufmerksam, die 
im Dienste der Sexualverdrängung steht, und vermöge welcher 
in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an 
den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwand- 
freien Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher 
Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten 
Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der 
Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er „Hinterbacken" als 
Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen" neben den 
Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase wird 
in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die 
Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein 
Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, 
und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und 
Abweichung macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung 
unter dem Drucke der Sexual Verdrängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 



i) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration zu 
deuten (ähnlich wie das Haarschneiden durch den Friseur; Stetel). Es ist zu unter- 
scheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahn arztträumen überhaupt, wie solche z. B. 
C ori at {Zentralbl. f, PsA. III, 440) mitgeteilt hat. 



io6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

kann, voll durchsichtig geworden ist.' Ich gebe so viel, als ich 
zur Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. 
Aber ich muß auch auf einen anderen im sprachhchen Ausdruck 
enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert 
eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich 
einen ausreißen oder sich einen herunterreißen. ° Ich weiß nicht 
zu sagen, woher diese Redeweisen stammen, welche Verbild- 
lichung ihnen zugrunde liegt, aber zur ersteren von den beiden 
würde sich der „Zahn" sehr gut fügen. 

Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volks- 
glauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die 
Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im. oben 
angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich 
hier einen von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Zahn- 
reiztraum" ein: 

„Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, 
der sich seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung 
lebhafter zu interessieren beginnt, der folgende Bericht zu- 
gekommen: ,.. 

,Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet solange 
herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er 
ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielende?! Leichtig- 
keit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle 
mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich 
beha?idelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie 
mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten 
zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neugierig 

i) Nach einer Mitteilung von C. G. J u n f haben die Ziihnreiztruume hei Frauen 
die Bedeutung von G eh urts träumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung hiefiir 
erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen Jiegt darin, daß 
es sich in beiden Fällen (Kastration — Geburt) um die Ahläsung eines Teiles vom 
Körper ganzen handelt. 

2) Vgl. hiezii den „biographischen" Traum in Bd. II, S. 54,1. 



Zu Abschnitt VI 107 



näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt 
erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des auffallend 
weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument zermalmt 
(pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammenhängt, und 
daß die Zähne ?mr vor der Pubertät so leicht herausgehen ,■ 
bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Geburt eines 
Kindes. 

Ich merke dann (wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser 
Traum, von einer Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit 
Sicherheit an eine bestimmte Stelle des Traumes einzureihen 
weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim Herausziehen des 
Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann weiter einen mir nic/it mehr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich, Hut und Rock in der 
Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend- 
wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück- 
lassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich beeilte, einen 
abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im 
letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen^ 
wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das 
Innere des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen 
Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien 
versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen 
Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren 
Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue 
wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.^ 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich 
folgende Erlebnisse und Gedanken des Vortages; 

I) Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behand- 
lung und habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen 
in dem Zahn des Unterkiefers, der im Traume angebohrt wird, 
und an dem^ der Arzt auch in Wirklichkeit schon länger herum- 
. arbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war ich 



lo8 Ergänzungen zur Traimulciilun^ 

neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir 
nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im 
selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der 
Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben 
durchbrechenden ,Weisheitszahn'. Ich hatte bei der Gelegenheit 
auch eine darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen 
gestellt. 

II) Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer 
Dame gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen 
entschuldigen zu müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, 
sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänzlich 
abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augen- 
zähnen besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderer- 
seits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des 
Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter 
gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in 
der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, 
welche ihre Scheu vor der notwendigen Operation nur vermehrt 
habe. Sie fragte mich dann, ob unter Äugenzähnen Backen- oder 
Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese bekannt sei. 
Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all 
diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des 
richtigen Kernes mancher volkstümlichen Anschauungen zu ver- 
säumen. Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach sehr 
alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der 
behauptet : Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen 
hat, so bekommt sie einen Buben. 

III) Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die 
von Freud in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 195 f.) mit- 
geteilte typische Bedeutung der Zahnreizträume als OnanJeersatz, 
da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und das männliche 
Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich 
las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der 



Zw Abschnitt FI 109 



Traumdeutung nach und fand dort unter anderem die im fol- 
genden wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf meinen 
Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der 
beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahn- 
reizträumen, ,daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste 
der Pubertätszeit die Triebkraft dieser Träume abgebe* 
(p. 195). Ferner: ,Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen 
des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer 
den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung 
verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der 
Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier 
auf die so häufige Verlegung von unten nach oben (im 
vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer) 
aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht und 
vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Inten- 
tionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens 
an anderen einwandfreien Körperstellen realisiert werden können* 
(p. 194). jAber ich muß auch auf einen anderen im sprachlichen 
Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren 
Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den mastur- 
batorischen Akt; sich einen ausreißen oder sich einen herunter- 
reißen' (p. 1 95). Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend 
als Bezeichnung für die Onanie geläufig und von hier aus wird 
der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits- 
material, das diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich 
erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der 
Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn 
verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit 
erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn 
leicht und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir 
heute noch in allen seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, 
fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten bewußten 
Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung). 



110 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung, 
wonach die Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von 
Geburtsträumen haben (Traumdeutung S. 1 94. Anmkg.), 
sowie der Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei 
Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Be- 
deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume ver- 
anlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes, wo mir, 
bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes entlassen 
worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen 
herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten- 
aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, 
im Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hin- 
blick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen 
Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder Form ökonomisch 
nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich glaube, 
daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahn- 
schmerzes bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder 
wachrief." 

So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, 
auch einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzu- 
zufügen habe als etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn 
des zweiten Traumteiles, der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen- 
Zugi reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten 
vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum 
Geschlechtsverkehr XTunnel, durch den die Züge in verschiedenen 
Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren desselben 
(Schwangerschaft; Überzieher) darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen 
interessant. Erstens ist es beweisend für den von Freud auf- 
gedeckten Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim 
Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution, 
in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur- 
batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme 



Zu Abschnitt VI i n 



mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu kommt, daß in 
diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht, wie sonst, an 
einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern 
objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und 
höchstens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) 
erkennen läßt. 

Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, 
ist folgender: „Es liegt der Einwand nahe, daß die F r e u d sehe 
Auffassung hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden 
suche, da doch die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen 
hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verstandlich zu machen. 
Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die 
Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch 
nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer diesen Traum 
produziere; wenn man durchaus wolle, sogar zur Beseitigung des 
schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Ent- 
fernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung 
der gefürchteten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird 
man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständnissen in dieser 
Richtung die Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen daß 
die Lektüre der Freud sehen Aufklärungen den Zusammenhang 
von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt 
oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht 
wie der Träumer selbst eingestanden hat (,sich einen ausreißen'), 
längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammen- 
hang neben dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag, 
ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre 
der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische 
Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und 
den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume 
zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für seine ' 
eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte. 
Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines 



J12 Ergänzungen zur Traumdeutimg 



Wunsches, nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit 
dieser Freudschen Autfassung zu überzeugen." 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was 
bedeuten diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie 
bedeuten, wie wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, 
nur das Material an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal 
aus derselben Quelle. 

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, 
die für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er, die 
Arme ausstreckend, durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit 
ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein 
plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzHch tat, als ob er 
ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann 
und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn 
etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich 
nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume 
die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei 
schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche 
Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann 
gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die Erinnerung 
von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der 
hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher Kunststücke, 
die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten sind 
bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle 
Empfindungen wachgerufen worden. Um es mit einem bei uns 
gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu 
sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches die Träume 
vom FHegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust- 
gefühle ietzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß, 



Zw Abschnitt VI nj 



ist auch das Hetzen der Kinder in Wirklichkeit häufig genug in 
Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen, ich sehe, daß diese Sensationen selbst 
aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich 
bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. ^ 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung 
der allermannigfaltigslen Traumgedanken verwendet. Die meist 
lustbetonten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die 
verschiedensten Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, 
Deutungen von selbst typischer Natur bei anderen. Eine meiner 
Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über die 
Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu 
berühren. Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede 
Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt. 
Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre 
Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen 
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die 
Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein war'; andere 
wurden so nächtlich erweise zu Engeln, in der Entbehrung, bei 
Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens 
mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der 
Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. 
Wir werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser 
oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträum^e Erektionsträume 
sind, da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unaus- 

i) Der Absatz über die Bewegungsträume ist des Zusammenhanges halber hier 
wiederholt. Vgl. Bd. II, S. 274. 

Freud, III. 8 



ä 



IIA Ergänzungen zur Traumdeutung 

gesetzt beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der 
Schwerkraft imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen 

der Antike.) 

Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder 
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly V o 1 d gleich- 
falls die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume ver- 
tritt (Über den Traum, Bd. II, p. 791). Er nennt die Erotik das 
„wichtigste Motiv zum Schwebetraum", beruft sich auf das starke 
Vibrationsgefühl im Körper, welches diese Träume begleitet, und 
auf die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder 
Pollutionen. 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie 
fast regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzep- 
tieren, welches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung 
umschreibt. Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir 
noch nicht erschöpft^ fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen 
und wurden dann aufgehoben und geliebkost; wenn sie nachts 
aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in ihr 
Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem 
Behagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer 
gewesen und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie 
seit langer Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Dar- 
stellung sich die Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden 
wir bald an dem einen oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
Kinderstube recht, welches die Kinder nicht „zündeln' heißt, 
damit sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt 
nämlich auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna 
der Kinderjahre zugrunde. In dem „Bruchstück einer Hysterie- 
analyse" (1905)' habe ich die vollständige Analyse und Synthese 

Ges. Schriften, Bd. Vlli. 



Zu Abschnitt VI 1 1 g 



eines solchen Feuertraumes im Zusammenhange mit der Kranken- 
geschichte der Träumerin gegeben und gezeigt, zur Darstellung 
welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses infantile Material 
verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen" Träumen 
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wieder- 
kehr des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen 
Träumern versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge 
Gassen, vom Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die 
Träume vom nächthchen Räuber, dem auch die Vorsichtsm^aß- 
regeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die von Ver- 
folgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung 
mit Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den mani- 
festen Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind 
u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material 
beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe an ihrer 
Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht ausschließ- 
lich auf typische Träume beziehen. 

Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der 
Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische 
Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume ana- 
lysiert, d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten 
Traumgedanken vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden, 
nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren 
(wie z. B. Näcke in seinen Arbeiten über sexuelle Träume). 
Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Ü ber- 
raschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit unseren 
Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat 
seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren müssen wie der 
Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten,' von keinem 

i) Vgl, des Verf. „Drei Abhandlungen lur Sexualtheorie", 1905, 5. Aufl. igas 
(Ges. Schriften, Bd. V). 

8« 



ii6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, 
die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei 
der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals 
vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit 
übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung" fest- 
stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem 
sie eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homo- 
sexuelle, d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumen- 
den Person entgegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle 
Träume bisexuell zu deuten seien, wie W. StekeT und Alf. 
Adler'' behaupten, scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie 
unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche ich nicht vertreten 
möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht wegzu- 
schaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als — 
im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse befriedigen, die 
Hunger- und Durstträume, Bequemhchkeitsträume usw. Auch die 
ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die Todes- 
klausel zu finden sei" (St ekel), daß jeder Traum ein „Fort- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie" erkennen 
lasse (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung 
Zulässigen weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle 
Träume eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche 
in der Literatur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traum- 
deutung" fremd. Sie ist in sieben Auflagen dieses Buches nicht 
zu finden und steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt 
desselben. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe 
erotische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer 
Stelle behauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele 

i) Die Sprache des Traumes, 1911. 

2) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in dor Neurose, Fortschritte 
der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psychoanalyse I, 
1910/11. 



Zu Abschnitt FI 117 



erhärten. Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen 
man nach keiner Richtung etwas Besonderes anmerken würde,führen 
sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen 
oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem 
Traume einen sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? 
Der Träumer erzählt: Xwischen zwei stattlichen Palästen steht 
etwas zurücktretend ein kleines IläuscJien^ dessen Tore geschlossen 
sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem 
Häuschen hin, drückt die Tür ein, und dann schlüpfe ich rasch 
und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes. 

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird 
allerdings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in 
enge Räume, das Offnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten 
sexuellen Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem 
Traume eine Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts 
(zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen 
Körpers) finden. Der enge, schräg aufsteigende Gang ist natürlich 
die Scheide; die der Frau des Träumers zugeschobene Hilfe- 
leistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die Rück- 
sicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche 
besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein 
junges Mädchen in den Haushalt des Träumers eingetreten ist, 
welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht 
hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung nicht 
zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen ist 
von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen 
und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende 
Mädchen hin. 

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so 
bekomme ich zur Antwort : Ich kann mich an einen solchen 
Traum nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung 
an einen anderen, unkenntlichen und indifferenten Traum auf, 






Il8 Ergänzungen zur Traumdeutung 

der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt hat, und die 
Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich 
wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die 
verkappten Träume vom Sexual verkehre mit der Mutter um ein 
Vielfaches häufiger sind als die aufrichtigen/ 



i) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Odipustraumes habe ich in Nr. i 
des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht (s. unten); ein anderes mit ausführ- 
licher Deutung; 0. Rank ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte Odipuaträume, 
in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Rank (Internat. Zeitschrift für 
Psychoanalyse I, igij). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume" und Augen- 
symbolik von Eder, Ferencii, Reitler. Die Blendung in der Üdipussage wie 
anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens auch die 
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. 0. Rank, 
Jahrb. II, p. 554): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlechtlichen Verkehr 
mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorieichen für die 
Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Ebenso bekannt ist das den 
Tarquiniem gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms 
ziifallen, der zuerst die Mutter küsse (oscutum matri tulerit), was Brutus als Hin- 
weis auf die Mutter-Erde auffaßte (lerram osculo coniigit, ieiücet quod ea communis 
mater omnium mortalium tistt, Livius I, LXI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias 
bei Herodot VI, 10^: „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem 
er in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem 
Hippias, er schliefe bei geiner eigenen Mutter, Aus diesem Traume schloß er nun, 
er würde heimkommen nach Athen \mA seine Herrschaft wieder erhalten und im 
Vaterlande sterben in seinen alten Tagen." Diese Mythen und Deutimgen weisen auf 
eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, 
die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere 
Zuversicht lu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht 
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen. 

Typisches Beispiel eines verkappten odipustraumes. Ein 
Mann träumt: Er hat ein geheimes Vtrhältnis mit einer Dame, die ein anderer heiraten 
will. Er ist besorgt, daß dieser andere das Verhältnis entdecken könnte, so daß aus der Heirat 
nichts würde^ und benimmt sich darum sehr x'drtlich gegen den Mann; er schmiegt sich an 
ihn an und küßt ihn. — Die Tatsachen im Leben des Träumers berühren den Inhalt 
dieses Traumes nur in einem Punkte, Er unterhält ein geheimes Verhältnis mit 
einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äußerung ihres Mannes, mit dem er 
befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt, daß dieser etwas gemerkt haben 
könnte. Aber in der Wirklichkeit spielt noch etwas anderes, dessen Erwähnung im 
Traume vermieden wird und das doch allein den Schlüssel zum Verständnis des 
Traumes gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches Leiden bedroht. 
Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes vorbereitet, und unser 
Träumer beschäftigt sich bewußt mit dem Vorsatze, nach dem Hinscheiden des 
Mannes die junge Witwe »ur Frau zu nehmen. Durch diese äußere Situation findet 
sich der Träumer in die Konstellation des Odipustraumes versetzt; sein Wunsch 
kann den Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein Traum gibt 
diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des Verheiratetseins 



Zu Abschnitt VI 119 

Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlich k ei ten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon 
einmal. Dieses »Dejä vu'" hat aber im Traum eine besondere 
Bedeutung. Diese Örllichkeit ist dann immer das Genitale der 
Mutter; in der Tat kann man von keiner anderen mit solcher 
Sicherheit behaupten, daß man „dort schon einmal war". Ein 
einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die Mit- 
teilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche 
eine Wohnung, in der er schon zweimal gewesen sei. Gerade 
dieser Patient hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit 
aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal 
das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit dazu mißbraucht, 
den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen. 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im 
Wasser zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterin- 
leben, das Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu- 
grunde. Im folgenden gebe ich den Traum eines jungen Mannes 
wieder, der in der Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit 
zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern benutzt. 

„Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster 
ist wie im Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst leere 
Landschaft und dann komponiert er ein Bild hinein, welches dann 
auch sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen 
Acker dar, der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die 
schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die 
blauschwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck. Dann 
kommt er weiter, siebt eine Pädagogik aufgeschlagen . . . und 
wundert sich, daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin so 
viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß. ' 

mit dem anderen setzt er ein, daß ein anderer sie erst heiraten will, was seiner 
eigenen geheimen Absicht entspricht, und die feindseligen Wünsche gegen den 
Mann verbergen sich hinter demonstrativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinnerung 
an seinen kindlichen Verkehr mit dem Vater stammen. 



120 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer 
besonderen Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem Sommeraufenthalt am **5ßß stürzt sie sich ins dunkle 
Wasser, dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt. 

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung 
gelangt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte 
Tatsache umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus 
dem Wasser herauskommen, d. h.: geboren werden.' Die Lokalität, 
aus der man geboren wird, erkennt man, wenn man an den mut- 
willigen Sinn von Ja lune'" im Französischen denkt. Der blasse 
Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen 
zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin 
sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt „geboren zu werden"? 
Ich befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin 
ich nicht durch die Kur wie neugeboren? So wird dieser 
Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem Sommerorte 
fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält vielleicht auch 
eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst Mutter 
zu werden.^ ... , ' 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein 
schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er su weit, bis das 
Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen 
konnte, wie er sich an der Oberßäche auf und nieder bewegte. 
Die Szene verwandelte sich dann in die geßlllte Halle eines Hotels, 



i) Über die mytliologische Bedeutung der Wassergeburt siehe R a n k r Der Mythus 

von der Geburt des Helden, 1909. 

2) Die Bedeutung- der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben im 
Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die Aufklarung 
für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begniben zu werden, als auch 
die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Portlehen nach dein Tode, 
welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der Geburt 
darslellt. Der Geburtsakt ist Übrigens das erste Ang s t e r 1 e b n is 
undsomitQuelleundVorbilddesAngstaffektes. 



Zw Abschnitt FI 



121 



Ihr Gatte verließ sie und sie trat in ein Gespräch mit einem 
Fretnden" 

„Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres 
bei der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten 
und Anknüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person, 
Der erste Teil des Traumes war eine offenkundige Geburts- 
phaniasie. In den Träumen wie in der Mythologie wird die Ent- 
bindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels 
Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt- neben 
vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris, Moses imd 
Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und Nieder- 
tauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an 
die Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer 
einzigen Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an 
den ins Wasser steigenden Knaben erweckt eine Träumerei in 
welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem Wasser heraus- 
zog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und kleidete und 
schließlich in ihr Haus führte." ■ " . 

„Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, 
welche das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der ver- 
borgenen Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte 
des Traumes entspricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte 
der Geburtsphantasie. Außer der früher erwähnten Umkehrung 
greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte des Traumes Platz. 
In der ersten Hälfte geht das Kind in das Wasser und dann 
baumelt sein Kopf; in den zugrunde liegenden Traumgedanken 
tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann verläßt das 
Kind das Wasser (eine doppelle Umkehrung). In der zweiten 
Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken verläßt sie 
ihren Gatten." (Übersetzt von O. Rank.) 

Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer 
jungen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von 
einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer 



laa Ergänzungen zur Traumdeutung 



Kanal direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt 
eine Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen 
bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund 
gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der 
Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Ver- 
hältnis gestanden hatte. 

Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die 
Geburtsträume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harn- 
reizträume. Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dar- 
gestellt; die Schichtung der Bedeutung in diesen Träumen ent- 
spricht einem Bedeutungswandel des Symbols seit der Kindheit. 

Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir (Bd. II, 
S. 242) abgebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender 
Reize für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen 
zustande gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunsch- 
erfüllungstendenz und den Bequemlichkeitscharakter ganz offen, 
sondern sehr häufig auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da 
nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, dessen Befriedi- 
gung in symbolischer Einkleidung im Traume 
bereits vergeblich versucht worden war. Dies gilt 
für die Pollutionsträume wie für die durch Harn- und Stuhldrang 
ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der Pollutionsträume 
gestattet uns nicht nur, gewisse, bereits als typisch erkannte, aber 
doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu entlarven, sondern 
vermag uns auch zu überzeugen, daß manche scheinbar harmlose 
Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer grob 
sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen 
Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie 
oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum 
Erwachen führt. 

Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durch- 
sichtig und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates ver- 
trat die Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn 



1 



Zu Abschnitt VI 125 



man von Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner 
hat die Mannigfaltigkeit der HarnreizsymboHk studiert und auch 
bereits behauptet, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung 
der Geschlechtssphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt . . . 
Der Harnreiztraum ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes 
zugleich." 

O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die 
„Symbolschichtung im Wecktraum" ich hier gefolgt bin, hat es 
sehr wahrscheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harn- 
reizträumen" eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, 
der sich zunächst auf dem Wege der Regression in der infantilen 
Form der Urethralerotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich 
sind dann jene Fälle, in denen der so hergestellte Harnreiz zum 
Erwachen und zur Blasenenlleerung führt, worauf aber trotzdem 
der Traum fortgesetzt wird und sein Bedürfnis nun in unver- 
hüllten erotischen Bildern äußert.' 

In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die 
dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker- 
psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und 
Kot.'' „So träumt z. B. eine Frau zur 21eit, da sie wegen einer 
Darmstörung in ärztlicher Behandlung steht, von einem 
Schatzgräber, der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie 
ein ländlicher Abort aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein 
zweiler Teil des Traumes hat zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, 
einem kleinen Mäderl, das sich beschmutzt hat, den 
Hintern abwischt." 

1) „Die gleichen Sjmboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen. 
Traume lugnmde liegen, erscheinen im ,rezenten' Sinne in exquisit sexueller 
Bedeutung: Wasser = Urin =: Sperma ^ Geh urtsw asser; Schiff ^ .schiffen' (uri- 
nieren) = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus ^ Gravidität; 
schwimmen =: UrinfüJle ^ Aufenthalt des Ungeborenen; Regen =^ Urinieren ^^ Be- 
fruchtungssymbol; Reisen (fahren =^ Aussteigen) = Aufstehen aus dem Bett ^ Ge- 
schlechtlich verkehren (,fahren', Hochzeitsreise); Urinieren = sexuelle Entleerung 
(PoHution)". [Kank 1. c.) 

2) Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung usw. 
Dattner, Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1915; R e i k, Internat. Zeitschr. HI, 1915. 



^ 



ia4 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von 
„Rettungen" an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, 
ist gleichbedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt 
wird, modifiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann 
ist. (Siehe einen solchen Traum bei Pfister: Ein Fall von 
psychoanalytischer Seelsorge und Seelenheilung. Evangelische Frei- 
heit, 1909.) — Über das Symbol des „Rettens" vgl. meinen Vor- 
trag: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. 
Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 1910 (Ges. Schriften, Bd. VI), 
sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen 
besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. PsA., 
Bd. II, 1910 (Ges. Schriften, Bd. V).^ ■ 

Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegent- 
lich den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben 
infantilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das 
Kind aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu 
setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben 
haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während des Schlafens 
die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angsttraume 
habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszie- 
rung bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die 
Gespenster werden wohl eher weiblichen Personen im weißen 
Nachtgewande entsprechen. ^■. . ■ . . •. 

, _ ■■■•■-'''■■'■"„>, ■ ." .. ' . 

Zur Ausnützung der fForte in der Traumdarstellung: 
■ Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie 
weit hinter dem Wortblarig zurücktritt, wird uns nicht gerade 
wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten 
gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten 

1) Ferner Rank, Belege zur Rettung sp hau tasie (Zentralblatt f. PsA., I, igiOy 
p. 351); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburtsrettungs- 
phantasie" in Traum und Dichtung (Internat. Zeitsclir. f, PsA., H, 1914). 



Zu Abschnitt FI 



125 



und sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens 
wird erzählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie 
schöne Gerste- und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund 
kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. 
Die Analyse zeigt, daß es sich um einen Kuß in Ehren 
handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen, 
sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum 
als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen 
zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken. 

Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die 
Darstellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über 
eine ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich 
und konkret gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, 
abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum braucht diesen 
Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder 
in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen. 
Z. ß. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem Kasten 
steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen 
„Schrank" und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser 
Bruder sich „einschränken" solle, an seiner Statt nämlich. 
Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem aus er 
eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau" heraus- 
gibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten 
beschäftigt. 

In einem Traum des „Grünen Heinrich" wälzt sich ein 
übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn 
aber „ein süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig" 
ist, „zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen 
Schweinsborste eingebunden". Der Dichter (oder der Träumer) 
gibt uns sofort die Deutung dieser Traum darstellung, denn das 
Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es ruft : Der Hafer 
sticht mich. 



is6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wort- 
witztraum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, 
in der sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wort- 
spiel findet. 

Beispiele von Darstellungen: 

Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man 
hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, 
wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1) Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an 
den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle 
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2) Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle 
handelnden Personen besonders groß waren. Das will heißen, 
setzt sie hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner 
frühen Kindheit handeln muß, denn damals sind mir natürlich 
alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person 
trat in diesem Trauminhalt nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch H 

anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man 
sieht die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt 
am Ende eines langen Weges oder so, als ob man sie mit emetn 
verkehrt gerichteten Opernglas betrachten würde. 



}) Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Aus- 
drucksweise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, 
träumt in gewissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof 
gehe, wie eben ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron 
an den stehenden Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung 
des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes 
als ein Index, der daran mahnt, daß etwas anderes im Traum- 



I 



Zu Abschnitt VI ^^ 



inhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes 
führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen Männer dar- 
gestellt waren, die auf dem Kopfe standen und auf den Händen 
gingen. 

4) Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem 
kurzen Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. 
Sei?! Onkel gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar 
die Deutung hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße; 
Autoerotismus. Ein Scherz im Wachen hätte ebenso lauten 
können. 

5) Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das 
heißt: Er gibt ihr den Vorzug. 

6) Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser 
gegenüber: Er bringt sich in Gegensatz zum Vater. 

y) Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines 
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstelluug 
eines Ehebruches u. dgl. 

8) Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig 
Lebenszeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um V46 Uhr früh 
bei einem Träumer das Alter von g Jahren 5 Monaten, den 
bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders. 

9) Eine andere Darstellung von Leben szeiten im Traume: 
Eine Frau geht i7iit zwei kleinen Mädchen, die 1V4 Jahre aus- 
einander sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer 
Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide 
Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß der Traum sie 
mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien 
um soviel voneinander entfernt. (3V2 und 4V4 Jahre.) 



I I 



120 Ergänzungen zur TrmnndeuUmg 



lO) Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho- 
analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und 
alle die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume 
ausdrücken müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der 
Regel das einer Fahrt, meist im Automobil, als einem neu- 
artigen und komplizierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnellig- 
keit des Automobils kommt dann der Spott des Behandelten auf 
seine Rechnung. Soll das „Unbewußte" als Element der 
Wachgedanken im Traume Darstellung finden, so ersetzt es sich 
ganz zweckmäßigerweise durch „unterirdische" Lokalitäten, 
die andere Male, ganz ohne Beziehung zur analytischen Kur, den 
Frauenleib oder den Mutterleib bedeutet hatten. „Unten" im 
Traume bezieht sich sehr häufig auf die Genitalien, das 
gegensätzhche „ob e n" auf Gesicht, Mund oder Brust. Mit 
wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in der Regel 
leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch die 
anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit 
einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche 
die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit 
zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch- 
teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man 
könnte sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom 
Ich gefürchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch 
die Neurose selbst, die „kranke Person", wird oft vom Träumer 
abgespalten und als selbständige Person im Traume veranschaulicht. 

Il) (H. Sachs.) „Aus der ,Traumdeutung' wissen wir, daß 
die Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder 
eine Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich 
z. B. den Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig 
ist, zunutze machen und, den Doppelsinn als ,Weiche' benutzend, 
statt der ersten, in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung 
die zweite in den manifesten Trauminhalt aufnehmen. 



Zu Abschnitt VI i^q 






Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume 
geschehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu 
tauglichen rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial. 

Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des- 
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn ii^end möglich, 
während der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich 
scheinbar nur meine Tagesarbeit fortsetzen^ ich hatte mich damit 
beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich 
bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen. 
Der Traum lautete: .. .■ , ... 

Jch bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu kleben; er 
geht aber nicht auf die Seite, was mir großen Schmerz ver- 
ursacht.^ . '■-'-.. 

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des 
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch 
zwang, meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte 
mir als ,Hüter des Schlafes' die Erfüllung meines Wunsches, im 
Bette zu bleiben, durch die Darstellung der Worte ,er geht aber 
nicht auf die Seite' vorgetäuscht." 

Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur 
visuellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen 
Mittel, ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen 
mögen, und setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött 
aller jener aus, die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht 
selbst geübt haben. An solchen Beispielen ist besonders das Buch 
von Stekel, „Die Sprache des Traumes" reich, doch vermeide 
ich es, von dort die Belege zu entnehmen, weil die Kritiklosig- 
keit und technische Willkür des Autors auch den nicht in Vor- 
urteilen Befangenen unsicher macht. 

12) Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben 
im Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. PsA., 11, 

I 

Freud, IIl O 



ijo Ergänzungen zur Traumdeutung 

a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen 
Lüsterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das 
heißt, er erklärt diese Frau für lüstern. 

b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, 
von weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse 

bekleidet. 

Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein 
Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht. . . 

c) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blasel (einen 8o jäh- 
rigen Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem 
Divan liegen. Dann springt er über Tische und Stühle, 
zieht seinen Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt 

. mit dem Degen in der Luft iierum, als kämpfe er gegen 
einen eingebildeten Feind. 

Deutung: Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden. 
Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan, und wenn sie sich im 
Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre 
und ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor, 

10 Die „große Leistung" im Traume. 

Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette 
liegend. Der T^ustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: 
Da will ich doch lieber ... (in der Analyse ergänzt er, nach einer 
Erinnerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem 
Bett hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holz- 
leiste gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste iierunter, 
indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer 
bricht, sondern in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er 
sich erleichtert und aucli die Geburt befördert. 

Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine 
große „Leistung", durch welche er sich aus seiner unbehag- 
lichen Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner 
weiblichen Einstellung herausreißt . . . Das absurde Detail, daß 



Z« Abschnitt FI 151 



die Holzleiste nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, 
findet seine Erklärung, indem der Träumer erinnert, daß die 
Verdoppelung im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung auf 
die Kastration enthält. Der Traum stellt sehr häufig die Rastration 
im trotzigen Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei 
Penissym holen dar. Die „Leiste" ist ja auch eine den Genitalien 
naheliegende Körperregion. Er fügt dann die Deutung zusammen, 
er überwinde die Kastrationsdrohung, welche ihn in die weibliche 
Einstellung gebracht hat." ""'■- 

14) In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist 
ein Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß 
natürlich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vbus 
me trompez,^^ antwortet der Träumer, {troinpe ^ Rüssel.) 

Ein sonderbarer Kindertraum: 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit 
sonderbarem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum 
bemerkenswert ist und sich durch die Analyse sehr leicht auf- 
klärt. Eine Dame erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als 
Kind wiederholt geträumt habe, der liebe Gott habe einen zu- 
gespitzten Papierhut atif dem Kopfe, Einen solchen Hut pflegte 
man mir nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich 
nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wie- 
viel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich 
gehört habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich 
wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes. 

52 
Ein anderer Xalilentraum: 

Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determi- 
nierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, 
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

1) Internal, Zeilschr, f. PsA., II., 1914, 

9* 



1^3 Ergänzungen zur Traumdeutimg 

- „Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in MagistratsdieristcUi 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Ff^wuch 
erfülliing ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem 
Ringkragen die Nummer 22 und 02 oder 2Ö trägt. Jederifalls 
aber seien mehrere Zweier daraufgewesen. Schon die Zerteilung 
der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf 
schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. 
Sie hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit ge- 
sprochen^ fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit 
62 Jahren in Pension gegangen sei. Der Träumer hat erst 
21 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, um eine 
^O^loige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt Htm nun zuerst 
die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, 
vor. Der Vorgesetzte mit der 2'l()'l auf dem Kragen ist er selbst, 
er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings- 
wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und- kann 
nun wie der tyijührige Inspektor mit voller Pension aus dem 
Amte scheiden."^ 

55 ... 

-Zur Zerstücklung vgn Reden: 

In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die 
Neurose. Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder 
oder Stücke von solchen unwillkürlich und widerwillig hört 
(halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr Seelenleben verstehen 
zu können, Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse 
zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser 
Lizenzen mißbräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme 
Weise." Das bedeutet für ihr Unbewußtes: Fromme Waise, und 
diese ist sie selbst. „O du selige, o du fröhliche" ist der Anfang 



1) Analysen von anderen Zahlen träumen siehe bei J n n g, M a r ci n w s k i u. a. 
Dieselben, setzen oft sehr komplizierte Zahlen Operationen voraus, die aber vom 
Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones, „Über 
unbewußte Zahlenbehandlung" v'Zentralbl. f. PsA., II, 1912, p. 241 f.). 



Z« Abschnitt VI jgg 



eines Weihnaclitsliedes^ indem sie es nicht bis zu „Weihnachts- 
zeit" fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe 
Entstellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination 
im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten 
von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in jungen 
Jahren lernen mußte: 

„Nächtlicli am Busento lispeln . . .?", ■ ' '■; ■•' 

■ Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats: ' - 
„Nachtlich am Busen" begnügt. 
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen 
Technik nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter" birachten 
einst unter ihren Illustrationen zu deutschen „Klassikern" auch 
ein Bild zum Seh iUerschen „Siegesfest", zu dem das Zitat vor- 
zeitig abgeschlossen war. 

„Und des frisch erkämpften Weibes '■'■-■-. 

Freut sich der Atrid und strickt." 
Fortsetzung; Um den Reiz des schönen Leibes ':.... ' 

_■, .. Seine Arme hochbeglückt. ' ' ' ' . ...! 

■; ■.■.'!.:;. . ■ ,■,,".■ 

- • :■ ■ . 54 ■.. .. 

"Zur Inschrift des Josef sdenkmals : 

Sie lautet richtig: ■■'.;■;■' 

j ,, ;. • Saluti public ae vixit ' . 

. -, Tion diu sed totus^ , ■ ■ , .. 

Das Motiv der Fehlleistung: patriae für pubUcae hat Witteis 
wahrscheinlich zutreffend erraten. 

-..-■.. 35 - ■ . ■ 

Z« den absurden Träumen^ besonders von Toten :'■'■■ 
Die Häufigkeit, mit welcher irii Traume tote Personen wie 
lebend auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebühr- 
liche Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen 
erzeugt, aus denen unser Unverständnis füi- den Traum sehr auf- 



124 Ergänzungen zur Traumdeutung 



Tdllig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Traume eine 
sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage, uns zu 
denken: Wenn der Vater noch leben würde, was würde er dazu 
sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders darstellen als 
durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt 
z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe 
hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer 
bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben 
und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung 
gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, 
daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der 
Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, 
oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat. 
Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten 
Angehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern 
dient der äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten 
Gedankens, den man gerne als das Allerunden kbarste hinstellen 
möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man 
sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem 
keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen jji 

Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer J[i 

gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: 
Der Pater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, 
aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte 
es nur nicht. Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er 
war doch gestorben" einsetzt: infolge des Wunsches des 
Träumers und zu „er wußte es nicht" ergänzt: daß der 
Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während dei" 
Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den 
eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch 
endhch dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem 
Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten 
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das 



n 



Zu Abschnitt FI 155 



Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung der früh- 
infantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möghch, diesen 
Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der 
weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und 
dem Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen. 
, (Vgl. hiezu : Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens. Jahrbuch f. PsA., III, 1911. Ges. Schriften, 

Bd. V.) 

Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung 
überhaupt schwierige Aufgaben, deren Lösung nicht immer 
befriedigend gelingt. Den Grund hiefür mag man in der 
besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche 
das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr 
gewöhnlich, daß in solchen Träumen der Verstorbene zunächst 
als lebend behandelt wird, daß es dann plötzlich heißt, er sei 
tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch wieder 
lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser 
Wechsel von Tod und Leben die Gleichgültigkeit des 
Träumers darstellen soll („Es ist mir dasselbe, ob er lebt oder 
gestorben ist"). Natürlich ist diese Gleichgültigkeit keine reale, 
sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven, oft gegen- 
ßätzhchen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen, 
und wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für 
andere Träume, in denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende 
Regel orientierend gewirkt: Wenn im Traume nicht daran gemahnt 
wird, daß der Tote — tot ist, so stellt sich der Träumer dem 
Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Die plötzlich 
im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber, der 
ist ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemein- 
schaft und lehnt die Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber 
ich gestehe den Eindruck zu, daß die Traumdeutung Träumen 
dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Geheimnisse ent- 
lockt hat. 



13^ - Ergänzungen zur Traumdeutung 



36 

Das muß ich dem Doktor erzählen : ' ' 

Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: 
Das muß ich dem. Doktor erzählen, bei Träumen während der 
psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen 
Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten 
vom Vergessen des Traumes gefolgt. 

Zu Marburg: 

Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in M a r- 
bach geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie 
auch ich wußte. Es ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. oben 
S. 59), die sich als Ersatz für eine absichtliche Verfälschung an 
anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der 
„Psychopathologie des Alltagslebens" versucht habe. 

■i .^- . ■-., 38 

Affekte in einem Kindertraum ■ ■ 

Wenn ich nicht sehr irre, so zeigt der erste Traum, den ich 
von meinem qo Monate alten Enkel erfahren konnte, den Tat- 
bestand, daß es der Traumarbeit gelungen ist, ihren Stoff in eine 
Wunscherfüllung zu verwandeln, während der dazugehörige Affekt 
sich auch im Schlafzustand unverändert durchsetzt. Das Kind ruft 
in der Nacht vor dem Tage, an dem sein Vater ins Feld ab- 
rücken soll, heftig schluchzend: Papa, Papa^Bebi. Das kann 
nur heißen: Papa und Bebi bleiben beisammen, während das 
Weinen den bevorstehenden Abschied anerkennt. Das Kind war 
damals sehr wohl imstande, den Begriff der Trennung auszu- 
drücken. „Fort" (durch ein eigentümlich betontes, lange gezo- 
genes 000h ersetzt) war eines seiner ersten Worte gewesen, 
und es hatte mehrere Monate vor diesem ersten Traum mit 
all seinen Spielsachen „fort" aufgeführt, was auf die früh 



*l 



Z« Abschnitt FI 137 



gelungene Selbstüberwindung, die Mutter fortgehen zu lassen, 
zurückging. 

39 , - ■ 

Flavit et dissipati sunt. .... 

Die Korrektur dieses Zitats siehe oben S. jp. .... 

j4 ff ektver kehrung und heuchlerische Träume: 

Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen AfFektverkehrung 
gibt ein von Ferenczi berichteter Traum:' „Ein älterer Herr 
wird bei Nacht von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber 
wurde, daß er im Schlafe so laut und unbändig lachte. Der 
Mann erzählte später, folgenden Traum gehabt zu haben: Ic/i 
lag in /neinem Bette, ein bekannter Herr trat ein, ich wollte das 
Licht aufdrehen, konnte es aber nicht, versuchte es immer wieder, 
— vergebens. Daraufhin stieg meine Frau aus dem Bette, um 
mir zu helfen, aber auch sie vermochte nichts auszurichten; weil 
sie sich aber vor dem Herrn wegen ihres Negliges genierte, gab 
sie es schließlich auf und legte sich wieder ins Bett; all dies war 
so komisch, daß ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau 
sagte: ,Was lachst du, was lachst du?* , ich aber lachte nur weiter, 
bis ich erwachte. — Tags darauf war der Herr äußerst nieder- 
geschlagen, hatte Kopfschmerzen, — vom vielen Lachen, das 
mich erschüttert hat, meinte er." 

„Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus. 
Der ,bekannte Herr', der eintritt, ist in den latenten Traum- 
gedanken das am Vortage geweckte Bild des Todes als des ,großen 
Unbekannten'. Der alte Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte 
am Vortage Grund, ans Sterben zu denken. Das unbändige Lachen 
vertritt die Stelle des Weinens und Schluchzens bei der Idee, daß 
er sterben muß. Es ist das Lebenslicht, das er nicht mehr auf- 
drehen kann. Dieser traurige Gedanke mag sich an vor kurzem 



1) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, igi6. 



igS Ergänzungen zur Traumdeutung 



beabsichtigte, aber mißlungene Beischlaf versuche angeknüpft haben, 
bei denen ihm auch die Hilfe seiner Frau im Neglige nichts half; 
er merkte, daß es mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit 
verstand es, die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens in 
eine komische Szene und das Schluchzen in Lachen um- 
zuwandeln. , 

Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als 
„heuchlerische" einen besonderen Anspruch haben und die Theorie 
der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde 
auf sie aufmerksam, als Frau Dr. M. H i 1 f e r d i n g in der 
„Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" den in Nachstehendem 
abgedruckten Traumbericht Roseggers zur Diskussion brachte. 

Rosegger (in „Waldheimat" II. Band) erzählt in der Geschichte 
„Fremd gemacht" (p. 505): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden 
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht 
eingebüßt, ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und 
Literatendasein den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch 
die langen Jahre geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los 
werden zu können." 

„Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so 
häufig und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. 
Ein der Haut eines Philisters entsprungener Welt- und Himmels 
Stürmer hat anderes zu tun. Aber auch an seine nächtlichen 
Träume wird der flotte Bursche kaum gedacht haben; erst später, 
als ich gewohnt worden war, über alles nachzudenken oder auch, 
als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu regen begann, 
fiel es mir auf, wieso ich denn — wenn ich überhaupt träumte 
— allemal der Schneidergesell' war und daß ich solchergestalt 
schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der 
Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß 
und nähte und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich 
nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen 
Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war stets 



Zu Abschnitt VI igg 



auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr- 
meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den 
Verlust der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu 
beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mit- 
unter, wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen 
wollte, eine Rüge gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch 
war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken 
in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit 
zu kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich's sogar, 
iedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und nächstens saß 
ich doch wieder bei ihm und nähte." 

„Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen 
beglückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche 
Traum sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von 
mir zu werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich 
liege im Bette und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht 
saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt." 

„So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da 
war es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer 
arbeiteten, bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten 
war, daß sich mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen 
Arbeiten zeigte. ,Möcht' nur wissen, wo du deine Gedanken hast!' 
sagte er und sah mich etwas finster an. Ich dachte, das Ver- 
nünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, 
daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann 
davonging. Aber ich tat es nicht. Ich Heß es mir gefallen, als der 
Meister einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf 
der Bank Platz zu machen. Ich rückte in den Winkel und nähte. 
An demselben Tage wurde auch noch ein Geselle aufgenommen, 
bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn Jahren bei uns 
gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause in 
den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz 
da. Ich blickte den Meisterfragend an, und dieser sagte zu mir: 



140 Ergänzungen zur Traumdeutung 

,Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst 
gehen, du bist fremd gemacht.' — So übermächtig war 
hierüber mein Schreck, daß ich erwachte." 

„Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein 
in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; 
im stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der 
gigantische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche 
Goethe — die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Neben- 
zimmer -her klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und 
mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zumute, als hätte 
ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, hell- 
durchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche menschliche 
Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden. Und 
doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister 
nicht zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war," 
„Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich 
der Meister ,fremd gemacht* hatte, genieße ich Ruhe, träume 
nicht mehr von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneider- 
zeit, die in ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die 
doch einen so langen Schatten in meine späteren Lebensjahre 
hereingeworfen hat." ■ ' . ■ 

. In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren 
Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der 
Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tages- 
leben, während'der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich 
überwundenen unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. 
Eigene Träume von ähnlicher Art haben mich in den Stand 
gesetzt, einige Aufklärung über solche Träume zu geben. Ich 
habe als junger Doktor lange Zeit im chemischen Institut gearbeitet? 
ohne es in den dort erforderten Künsten zu etwas bringen zu 
können, und • denke darum im Wachen niemals gern an diese 
unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens. 
Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden. 



n 



Zu Abschnitt VI 141 



daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, Verschiedenes 
erlebe usw.; diese Träume sind ähnlich unbehaglich wie die 
Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung eines 
dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „Analyse" 
aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin 
ja seither „Analytiker" geworden, mache Analysen, die sehr gelobt 
werden, allerdings Psychoanalysen. Ich verstand nun: wenn 
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden 
bin, mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit- ich es gebracht 
habe, hält mir nächtlicherweile der Traum jene anderen miß- 
glückten Analysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund 
hatte^ es sind Strafträume des Emporkömmlings, wie die des 
Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter geworden war. Wie 
wird es aber dem Traume möglich, sich in dem Konflikt zwischen 
Parvenüslolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren zu stellen 
und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten Wunsch- 
erfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die 
Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können 
erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphanlasie die 
Grundlage des Traumes bildete, an ihrer Statt ist aber ihre 
Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man 
darf daran erinnern, daß es masoch istische Tendenzen im Seelen- 
leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben darf. 
Ich könnte nichts dagegen haben, wenn man diese Art von Träumen 
als Strafträume von den W unscherfüllungsträumen 
abtrennte. Ich würde darin keine Einschränkung der bisher ver- 
tretenen Theorie des Traumes erblicken, sondern bloß ein sprach- 
liches Entgegenkommen für die Auffassung, welcher das Zusammen- 
fallen von Gegensätzen fremdartig erscheint. Genaueres Eingehen 
auf einzelne dieser Träume läßt aber noch anderes erkennen. In 
dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Laboratoriumsträume 
hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und 
erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzte^ ich hatte 



142- Ergänzungen zur Traumdeutung 



noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben 
erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl 
zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war 
also wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, 
die alle diese schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war 
einer der unablässig nagenden Wünsche des alternden Mannes als 
der unbewußte Traumerreger verraten. Der in anderen psychischen 
Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der Selbst- 
kritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer 
wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich 
gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja 
sehr gut heute, und es war einmal eine harte Zeit; aber es war 
doch schön damals; du warst ja noch so jung. 

Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig 
gefunden und als heuchlerisch erkannt habe, hat zum Inhalt die 
Versöhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen Be- 
ziehungen längst erloschen sind. Die Analyse deckt dann regel- 
mäßig einen Anlaß auf, der mich auffordern könnte, den letzten 
Rest von Rücksicht auf diese ehemaligen Freunde beiseite zu 
setzen und sie wie Fremde oder wie Feinde zu behandeln. Der 
Traum aber gefällt sich darin, die gegensätzliche Relation aus- 
zumalen. 

Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, 
darf man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene 
und für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes 
von der Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns 
dann Rätsel auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes 
bald zu lösen wären. 

0. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen 
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen 
Streich" ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt 
wird. Der Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs 
geworden ist, träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner 



Zu Abschnitt VT 143 



Gemahlin, von seinem Handwerk; diese, mißtrauisch geworden, 
bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die das aus dem 
Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers 
versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß 
jetzt den Traum zu korrigieren. 
■ -r - - 

Zum Zusammentreten der AffektqueUen: 

Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der 
tendenziösen Witze erklärt. 

42 
Zu den Phantasien im. Traum: 

Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung 
mehrerer Phantasien entstandenen Traumes habe ich im „Bruch- 
stück einer Hysterieanalyse" 190g analysiert. Übrigens habe ich 
die Bedeutung solcher Phantasien für die Traumbildung unter- 
schätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete, 
denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedanken- 
Itonflikte, zugrunde liegen. Bei anderen Personen ist die volle 
Analogie des nächtlichen Traumes mit dem Tag- 
traume oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig bei 
Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man 
kann sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische 
liildungen die Tagtraumphantasie die nächste Vorstufe ist. 

45 

I < ' 

Zu-" scheinbaren Dauer des Traumes: 

Unter den Träumen, welche Justine Tobowolska in ihrer 
Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt 
hat, erscheint mir jener der beweisendste, denMacario (1857) 
von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet.' Dieser 
Mann wollte eines Abends der ersten Aufführung eines seiner 



\) Tobowolska, p, 55. 



1 44 Ergänzungen zur TraumdeuTuiig 

Stücke beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er auf seinem Sitz 
hinter den Kulissen gerade in dem Momente einnickte, als sich 
der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle fünf Akte 
seines Stückes durch und beobachtete alle die verschiedenartigen 
Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen 
Szenen äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte er 
dann ganz selig, wie sein Name unter den lebhaftesten Beifalls- 
bezeigungen verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte 
weder seinen Augen noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung 
war nicht über die ersten Verse der ersten Szene hinausgekommen^ 
er konnte nicht länger als zwei Minuten geschlafen haben. Es 
ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu behaupten, daß 
das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das 
Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen 
keiner Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht 
sondern eine bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen 
Sinne wiederholen kann. Die Tobowolska hebt mit anderen 
Autoren als gemeinsame Charaktere der Träume mit beschleunigtem 
Vorstellungsablauf hervor, daß sie besonders kohärent erscheinen, 
gar nicht wie andere Träume, und daß die Erinnerung an sie 
weit eher eine summarische als eine detaillierte ist. Dies wären 
aber gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch die 
Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß 
welchen die Autoren allerdings nicht ziehen. 

ZUSATZRAPITEL B. 

Sekundäre Bearbeitung und funktionales 

Phänomen 

Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit, 
welches von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung 
gewürdigt worden ist. In heiterer Verbildlich ung schildert H. Ellis 
dessen Leistung (Einleitung, p. lo): 



Zw Abschnitt VI 145 



„Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das 
Schlafbewußtsein zu sich sagt : Hier kommt unser Meister, das 
Wachbewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik 
u. dgl. legt. Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung, 
jede Anordnung genügt — ehe er eintritt, um vom Schauplatze 
Besitz zu ergreifen." 

Die Identität dieser Arbeltsweise mit der des wachen Denkens 
wird besonders klar von Delacroix (p. 526) behauptet: 

„Cette fonction d^hiterpretation. n'est pas particuliere au reve^ 
c'est le meme travail de coordinadon logique que nous faisons 
sur nos sensations pendant la veüle.^'' 

J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska: 

,,Sur ces successions incoherentes dlmUucinations, Vesprit s'ef- 

force de faire le meme travail de coordination logique qu'il fait 

pendant la veille sur les sensations. II relie entre elles par un lien 

imaginaire toutes ces images decousues et bauche les ecarts trop 

grands qui se trouvaient entre elles" (p. 9)). 

Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit 
noch während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt 
werden. So Paulhan (p. 547): 

„CependaTit j'ai souvent pense qu'il pouvait y avoir une cer- 
taine deformation, ou plutöt reformation du reve dans le souvenir 
. . . La tendence systematisante de V Imagination pourrait fort bien 
achever apres le reveil ce qu'elle a ebauche pendant le sommeil. 
De la Sorte, la rapidite reelle de la pensee serait augmentie en 
apparence par les perfectionnements dus a Vimagination eveillee." 

Leroy et Tobowolska (p. 592): 

„dans le reve, au contraire, V Interpretation et la coordination 
se fönt non seulem.ent a Vaide des donnees du rive, mais encore 
h Vaide de Celles de la veille ..." 

Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte 
Moment der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde, 
so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu 

Freud, 111. 10 



1-6 Ergänzungen zur Traumdeutung 

haben zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des 
Erwachens vollziehen, wie es Goblot und noch weitergehend 
Foucault annehmen, die dem Wachdenken die Fähigkeit zu- 
schreiben aus den im Schlaf auftauchenden Gedanken den Traum 

zu bilden. 

Leroy et Tobowolska sagen über diese Auffassung: „On 
a crit. pouvoir placer le reve au momcnt du reveil et ils ont 
attribue ä la pensee de la veille la fonction de construire le rSve 
avec les Images presentes dans la pensee du sommeil. 

An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich 
die eines neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beob- 
achtungen von H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat, 
wie an anderer Stelle erwähnt,' die Umsetzung von Gedanken in 
Bilder gleichsam in flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen 
von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit 
nötigte. Dann entschwand ihm der bearbeitete Gedanke und an 
seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche sich als der Ersatz 
des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die Beispiele S. 65.) 
Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das auftauchende, 
einem Traumelement gleichzusetzende Bild etwas anderes darstellte 
als den der Bearbeitung harrenden Gedanken, nämlich die Er- 
müdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit, 
also den subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich 
mühenden Person anstatt des Gegenstandes ihrer Bemühung. 
Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig eintretenden Fall 
das „funktionale Phänomen" zum Unterschiede von dem zu 
erwartenden „m ater ial en". 

„Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem 
Sofa, zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nach- 
zudenken. Ich suche nämlich die Ansichten Kants und Schopen- 
hauers über die Zeit zu vergleichen. Es gelingt mir infolge 
meiner Schlaftrunkenheit nicht, die Gedan kengänge beider neben- 

\) Siehe Seite 6j^. 



Zu Abschnitt ^I 147 



einander festzuhalten, was zum Vergleich nötig wäre. Nach 
mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch einnial die 
Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf 
die Schopenhau ersehe Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke 
ich meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf 
Kant zurückgreifen will, zeigt es sich, daß er mir wieder ent- 
schwunden ist, vergebens bemühe ich mich, ihn von neuem 
hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die in meinem Kopf 
irgendwo verlegten Kant- Akten sogleich wiederzufinden, stellt 
sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traum- 
bild als anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine 
Auskunft von einem mürrischen Sekretär, der, über einen Schreib- 
tisch gebeugt, sich durch mein Drängen nicht stören läßt. Sich 
kalb aufrichtend, blickt er mich unwillig und abweisend an.^* 
(Jahrb. I. p. 514.) 

Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf 
und Wachen beziehen: 

„Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In 
einer gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherieen 
Traum nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend 
fühle ich mich dem Wachbewußtsein näher kommend ich will 
jedoch in dem Dämmerzustand noch verbleiben. 

Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach ziehe ihn 
aber alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben." 
(Jahrb. III. p. 625.) 

„Beispiel Nr. 6. — Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er 
will noch ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich 
will mich noch ein wenig dem Schlafe hingeben. 

Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit 
ihm (oder ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.'" 

Das „funktionale" Phänomen, die „Darstellung des Zuständlichen 
anstatt des Gegenständlichen", beobachtete Silberer wesentlich 
unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Auf- 

lö* 



148 Ergänzungen zur Traumdeutung, 

Wachens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur Her letztere Fall 
für die Traumdeutung in Betracht kommt. Silberer hat an 
guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des manifesten 
Inhaltes vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar an- 
schließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den 
Vorgang des Erwachens selbst. Dieser Absicht (Jient: das Über- 
schreiten einer Schwelle („Schwellensymbolik"), das Verlassen 
eines Raumes, um einen anderen zu betreten, das Abreisen, 
Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter, das Eintauchen 
in Wasser und anderes. Ich kann allerdings die Bemerkung nicht 
unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbolik zu beziehenden 
Elemente des Traumes in eigenen TrSumen wie in denen der 
von mir analysierten Personen ungleich seltener angetroffen 
habe, als man nach den Mitteilungen von Silberer erwarten 
sollte. 

Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese 
„Schwellensymbolik" auch für maiicho Elemente mitten im Zu- 
sammenhange eines Traumes aulklärend würde, z. B. an Stellen, 
wo es sich um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den 
Traum abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für 
dieses Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der 
Fall der Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle, 
welche ihren materialen Inhalt aus dem Gelüge der Traum- 
gedanken bezieht, überdies zur Darstellung von etwas Zustand- 
lichem an der seelischen Tätigkeit verwendet wurde. 

Das sehr interessante funktionale Phäntimen Silberers hat 
ohne Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigelührt, 
indem die alte Neigung zur abstrakt-symbolisclien Deutung der 
Träume eine Anlehnung an dasselbe gefunden hat. Die Bevor- 
zugung der „funktionalen Kategorie" geht bei manchen so weit, 
daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo immer intel- 
lektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der Traum- 
gedanken vorkommen, obwohl die.'^es Material nicht mehr und 



^vr 



Zu Abschnitt IT 149 



nicht weniger Anrecht hat, als Tagesrest iu den Traum ein- 
zugehen, als alles andere. 

Wir wallen anerkennen, daß die Sil bererschen Phänomene 
einen zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wach- 
denkens darstellen, welcher allerdings minder konstant und bedeutsam 
ist als der erste, unter dem Namen „sekundäre Bearbeitung* ein- 
geführte. Es halte sich gezeigt, daß ein Stück der bei Tage tätigen 
Aufmerksamkeil auch während des Schlafzustandes dem Traume 
zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich die Macht 
vorbeliält, ihn zu unterbrechen. Eis hat uns nahe gelegen, in 
dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, 
dem ein so starker eindämmender Einfluü auf die Gestaltung des 
Traumes zufällt. Was die Beobachtungen von Silberer dazu- 
geben, ist die Tatsache, daß unter U mständen eine Art von 
Selbstbeobachtung dabei mittätig ist und ihren Beitrag zum 
Traumiiilialt liefert, tlber die wahrscheinlichen Beziehungen dieser 
selbst beobachtenden Instanz, die besonders bei philosophischen 
Köpfen vordringlich werden mag, zur endopsychischen Wahr- 
nehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und zum Traum- 
zensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln.' 

Traumgedanken und Traumarbtit: 

Ich fand es früher einmal so außerordentlich schwierig, die 
Leser an die Unterscheidung von manifestem "Frauminhalt und 
latenten Traumgedanken zu gewöhnen. Immer wieder wurden 
Argumente und K.inwendungen aus dem ungedeuteten Traum, 
wie ihn die Erinnerung bewahrt hat, geschöpft und die Forderung 
der Traumdeutung überhört. Nun da sich wenigstens die Ana- 
lytiker damit befreundet haben, für den manifesten Traum seinen 
durch Deutung gefundenen Sinn einzusetzen, machen sich viele 

1) Zur Einführung de» ManiOmui. Jahrbucli d*r P»ychoonnlyie VI, 1914. (Gei. 
Sclmftrn, Bd. VI.) 



150 Ergänzungen zur Traumdeutung 

von ihnen einer anderen Verwechslung schuldig, an der sie ebenso 
hartnäckig festhalten. Sie suchen das Wesen des Trimmes in 
diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied 
zwischen latenten Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum 
ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres 
Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermög- 
licht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, 
und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner 
Besonderheit. Ich sage dies zur Würdigung der berüchtigten 
„prospektiven Tendenz" des Traumes. Daß der Traum sich mit 
den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vorliegenden Auf- 
gaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes 
Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hiezu, daß diese 
Arbeit auch im Vorbewußten vor sich gehen kann, was uns ja 
bereits bekannt ist. 

4S 
Hier folgten von der vierten Auflage (1914) an zwei Beiträge 
von Dr. Otto Rank „Traum und Dichtung" und „Traum und 
Mythus", denen die Aufnahme in eine Sammlung meiner Schriften 
natürlich versagt bleiben muß. 



1 .■ ( 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VII 
ZUR PSYCHOLOGIE DER TRAUMVORGÄNGE" 



» 



1 

Zur Mutmaßung Spittas: 

Das Gleiche bei Foucault und Tanne ry. 

a 

Zur Detcrminierung : 



Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. I. Aufl., 1901 u. 1904. 
lo. Aufl. 1934 (Ges. Schriften, Bd. IV). 

5 

Das Mißtrauen der Psychoanalyse: 

Der hier so peremptorisch aufgestellte Satz: „Was immer die 
Fortsetzung der Arbeit slört, ist ein Widerstand", könnte leicht 
mißverstanden werden. Er hat natürlich nur die Bedeutung einer 
technischen Regel, einer Mahnung für den Analytiker. Es soll 
nicht in Abrede gestellt werden, daß sich während einer Analyse 
verschiedene Vorfälle ereignen können, die man der Absicht des 
Analysierten nicht zur Last legen kann. Es kann der Vater des 
Patienten sterben, ohne daß dieser ihn umgebracht hätte, es kann 
auch ein Krieg ausbrechen, der der Analyse ein Ende macht. 
Aber hinter der offenkundigen Übertreibung jenes Satzes steckt 
doch ein neuer und guter Sinn. Wenn auch das störende Ereignis 



igs Ergänzungen zur Traumdeutung 

real und vom Patienten unabhängig ist, so hängt es doch oftmals 
nur von diesem ab, wieviel störende Wirkung ihm eingeräumt wird, 
und der Widerstand zeigt sich unverkennbar in der bereitwilHgen 
und übermäßigen Ausnützung einer solchen Gelegenheit. 

4 

Zur tejidenziösen Natur des Zwei/eins und Fergessens: 

Als Beispiel für die Bedeutung von Zweifel und Unsichcrlieit 
im Traum bei gleichzeitigem Kinschrumpfen des Trauminhaltes 
auf ein einzelnes Element entnehme ich meinen „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse" (1916) folgenden Traum, 
dessen Analyse nach kurzem zeitlichen Aufschub doch gelungen 
ist : 

„Eine skeptische Patientin hat einen längeren Tramii, in dem 
es vorkommt, daß ihr gewisse Personen von meinrni Buche über 
den ^Witz^ erzählen und es sehr loben. Dann wird etwas erwähnt 
von einem ,Ka na i\ vielleicht ein anderes Buch, in dem 
Kanal vorkommt, oder sonst etwas ntit Kanal. 4. 
s ie weiß es nicht . . . es ist ganz unklar. 

Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß das 
Element , Kanal' sich der Deutung entziehen wird, weil es selbst 
so unbestimmt ist. Sie haben mit der vermuteten Schwierigkeit 
recht, aber es ist nicht darum schwer, weil es undeutlich ist, 
sondern es ist undeutlich aus einem anderen Grunde, demselben, 
der auch die Deutung schwer macht. Der Träumerin fällt zu 
Kanal nichts ein; ich weiß natürlich auch nichts zu sagen. Eine 
Weile später, in Wahrheit am nächsten Tage, erzälilt sie, es sei 
ihr etwas eingefallen, was vielleicht dazu gehört. Auch ein 
Witz nämlich, den sie erzählen gehört hat. Auf einem SchitT 
zwischen Dover und Calais unterhält sich ein bekannter Schrift- 
steller mit einem Engländer, welcher in einem gewissen Zu- 
sammenhange den Satz zitiert: Du sublitne au ridicule il n'y a 
gu'un pas. Der Schriftsteller antwortet: Out, le pas de Calais, 



Zu Abxhmtt VII 153 



Tvomit er sagen will, daß er Frankreich großartig und England 
lächerlich findei. Der Pas de Calais ist aber doch ein Kanal, 
der Ärmelkanal nämlich, Canal la Manche. Ob ich meine, daß 
dieser Einfall etwas mit dem Traum zu tun hat? Gewiß» meine 
ich, er gibt wirklich die Lösung des rätselhaTten Traumelements. 
Oder wollen Sie bezweifeln, daß dieser Witz bereits vor dem 
Traum als das Unbewußte des Elements .Kanal' vorhanden war, 
können Sie annehmen, daß er nachträglich hinzugefunden wurde? 
Der Einfall bezeugt nämlich die Skepsis, die sich bei ihr hinler 
aufdringlicher Bewunderung verbirgt, und der Widerstand ist wohl 
der gemeinsame Grund für beides, sowohl, daß ihr der Einfall so 
zögernd gekommen, aU auch dafür, daß das entsprechende Traum- 
element so unbestimmt ausgefallen ist. Blicken Sie hier auf das 
Verhältnis des Traumelements zu seinem Unbewußten. Es ist wie 
ein Stückchen dieses Unbewußten, wie eine Anspielung darauf^ 
durch seine Isolierung ist es ganz unverständlich geworden." 

5 

Zu den Sprachirrtumrrn an Traum: 

Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in 
Träumen nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen 
zugeschoben. Maury (p. 145) träumte einmal zur Zeit, da er 
Englisch lernte, daß er einer anderen Person die Mitteilung, er 
habe sie gestern besucht, mit den Worten machte: / called for 
you yesterday. Der andere erwiderte richtig: Es heißt: / called 
on you yesterday. 

6 

Zum nachträglichen Erinnern vergessener Träume: 

E, Jones beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall, 
daß wShrend der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben 
Nacht erinnert wird, der bis dahin vergessen war, ja nicht ein- 
mal vermutet wurde. 



154- Ergänzungen zur Traumdeutung 

7 

Ein anderer Beweis für die Abhängigkeit des Traumvergessens vom 
iflderslande -■ 

Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen 
Beweis dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr 
vom Widerstand als von der Fremdheit zwischen dem Wach- 
und dem Schlafzustand, wie die Autoren meinen, abhangt. Es 
ereignet sich mir wie anderen Analytikern und den in solcher 
Behandlung stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch 
einen Traum aus dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, 
unmittelbar darauf im vollen Besitze unserer üenktatigkeit den 
Traum zu deuten beginnen. Ich habe in solchen Fällen oftmals 
nicht geruht, bis ich das volle Verständnis des Traumes gewonnen 
hatte, und doch konnte es geschehen, daß ich nach dem Erwachen 
die Deutungsarbeit ebenso vollständig vergessen hatte wie den 
Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß ich geträumt und daß ich 
den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger hatte der Traum das 
Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Vergessenheit gerissen, 
als es der geistigen Tätigkeit gelungen war, den Traum für die 
Erinnerung zu halten. Zwischen dieser Deutungsnrbeit und dem 
Wachdenken besteht aber nicht jene psychische Kluft, durch 
welche die Autoren das Traum vergessen ausschließend erklären 
wollen. — Wenn Morton Prince gegen meine Erklärung des 
Traumvergessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der Amnesie 
für abgespaltene seelische Zustände {dissociaU'd states), und die Un- 
möglichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere 
Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste 
Absicht wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen 
Beschreibungen solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch 
gemacht hat, die dynamische Erklärung für diese Phänomene zu 
fmden. Er hätte sonst entdecken müssen, daß die Ver<lrängung (resp. 
der durch sie geschaffene Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser 
Abspaltungen wie der Amnesie für ihren psychischen Inhalt ist. 



Zu Ahichnüt KU 



155 



8 

Die Bedeutung tvn aus der Kinderzeit beuahrten Träumen: 

Träume, die in den ersten Kindheitsjahren vorgefallen sind und 
sich nicht selten in voller sinnlicher Frische durch Dezennien 
im Gedächtnis erhalten haben, gelangen fast immer zu einer 
großen Bedeutung für das Verständnis der Entwicklung und 
der Neurose des Träumers. Ihre Analyse schützt den Arzt gegen 
Irrtümer und Unsicherheiten, die ihn auch theoretisch verwirren 
könnten. 

9 

Ablehnung irriger Behauptungen über die Traumdeutung: 

Andererseits kann ich aber der Behauptung nicht beipflichten, 
die zuerst von H. Silberer aufgestellt worden ist, daß jeder 
Traum — oder auch nur zahlreiche, und gewisse Gruppen von 
Träumen — zwei verschiedene Deutungen erfordern, die sogar 
in fester Beziehung zu einander stehen. Die eine dieser Deutungen, 
die Silberer die psychoanalytische nennt, gibt dem 
Traume einen beliebigen, zumeist infantil-sexuellen Sinn; die 
andere, bedeutsamere, von ihm die anagogische geheißen, 
zeigt die ernsthafteren, oft tiefsinnigen, Gedanken auf, welche 
die Traumarbeit als Stoff übernommen hat. S i 1 b e r e r hat diese 
Behauptung nicht durch Mitteilung einer Reihe von Träumen, 
die er nach beiden Richtungen analysiert hätte, erwiesen. Ich 
muß dagegen einwenden, daß eine solche Tatsache nicht besteht. 
Die meisten Träume verlangen doch keine Überdeutung und 
sind in.sbesondere einer anagogischen Deutung nicht fähig. Die 
Mitwirkung einer Tendenz, welche die grundlegenden Verhältnisse 
der Traumbildung verschleiern und das Interesse von ihren Trieb- 
wurzeln ablenken möchte, ist bei der S i 1 b e r e r sehen Theorie 
ebensowenig zu verkennen wie bei anderen theoretischen Be- 
mühungen der letzten Jahre. Für eine Anzahl von Fällen konnte 
ich die Angaben von Silberer besiäiigeuj die Analyse zeigte 



_j^ 



156 Ergänzungen zur Traumdeutung 



mir dann, daß die Traumarbeit die Aulgabe vorgefunden halte, 
eine Reihe von sehr abstrakten und einer direkten Darstellung 
unfähigen Gedanken aus dem Wachleben in einen Traum zu 
verwandeln. Sie suchte diese Aufgabe zu lösen, indem sie sich 
eines anderen Gedankenmaierials bemäclitigle, welches in lockerer, 
oft allegorisch zu nennender Beziehung zu den abstrakten 
Gedanken stand und dabei der Darstellung geringere Schwierig- 
keiten bereitete. Die abstrakte Deutung eines so entstandenen 
Traumes wird vom Träumer unmittelbai- gegeben; die richtige 
Deutung des unterschobenen Materials muß mit den bekannten 
technischen Mitteln gesucht werden. 

10 

Zur Frage des Denkens ohne yjelvorstellungen ; , ■ ' 

Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß 
Ed. V. Hartmann in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte 
die nämliche Anschauung vertritt: „Gelegentlich der Erörterung 
der Rolle des Unbewußten im künstlerischen Schäften (Philos. d. 
Unbew. Bd. I, Abschn. B, Kap. V) hat Kduard v. Hartmann das 
Gesetz der von unbewußten Ziel Vorstellungen geleiteten Ideen- 
assoziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch 
der Tragweite dieses Gesetzes bewußt zu sein. Ihm ist es darum 
zu tun, zu erweisen, daß ,jedo Kombination sinnlicher Vor- 
stellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall anheimgestellt wird, 
sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der Hilte des 
Unbewußten bedarf und daß das bewußte Interesse an einer 
bestimmten Gedankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte 
ist, unter den unzähligen möglichen Vorstellungen die zweck- 
entsprechende herauszufinden. ,Es ist das Unbewußte, welches 
den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt für die 
Ideenassoziation beim abstrakten Denken, als 
sinnlichem Vorstellen oder k ü nst lerisc hem Kom bi- 
nieren und beim witzigen Einfall. Daher ist eine Ein- 



Zu Abschnitt VII 157 

schränkung der Ideenassozialion auf die hervorrufende und die 
hervorgerufene Vorstellung im Sinne der reinen Assoziations- 
psychologie nicht aufrechtzuerhalten. Eine solche Einschränkung 
wäre ,nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn Zustände im 
menschlichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht 
nur von jedem bewußten Zweck, sondern auch von der Herr- 
schaft oder Mitwirkung jedes unbewußten Interesses, jeder 
Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum jemals vorkommender 
Zustand, denn auch, wenn man seine Gedanken folge 
anscheinend völlig dem Zufall anheimgibt, oder 
■wenn man sich ganz den unwillkürlichen Träumen 
der Phantasie Qberläßt, so walten doch immer zu der 
einen Stunde andere Hauptinteressen, maßgebende 
Gefühle und Stimmungen im Gemüt als zu der 
anderen, und diese werden allemal einen Einfluß 
auf die Ideenassoziation üben'. (Philos. d. Unbew., 
11. Aufl., I-, 24G.) Bei halbunbewußten Träumen kommen immer 
nur solche Vorstellungen, die dem augenblicklichen (unbewußten) 
Hauptinteresse entsprechen (a. a. 0.). Die Hervorhebung des Ein- 
ilusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedanken- 
folge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse auch 
vom Standpunkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus 
gerechtfertigt erscheinen." (N. E. Pohorilles in Internat. Zeitschr. 
f. ärztl. PsA. I, 1915, p. 6o5f-) — D" Prel schließt aus der 
Tatsache, daß ein Name, auf den v\ir uns vergeblich besinnen, 
uns oft plötzlich wieder unvermittelt einfällt, es gebe ein unbe- 
wußtes und dennoch zielgerichtetes Denken, dessen Resultat als- 
dann ins Bewußtsein tritt (Philos. d. Mystik, p. 107). 

1 1 

Zur „freien Assoziation" : 

Vgl. hiezu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die 
C. G. Jung durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat. 
(„Zur Psychologie der Dementia praecox", 1907.) 



158 Ergänzungen zur Traumdeutung 

13 
Zur Rechtfertigung der Einfällst eclmik in der Psychoanalyse: 
Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrsclieinlich klingenden 
Sätze haben später durch die „diagnostischen Assoziationsstudien" 
Jungs und seiner Schüler eine experimentelle Rechtfertigung 
und Verwertung erfahren. 

Zur Bedingtheit des Bewußtseins: 

Ich habe später gemeint, das Bewußtsein entstehe geradezu 
an Stelle der Erinnerungsspur. (Siehe zuletzt: Notiz über d 
Wunderblock, 1925, Ges. Schriften, Bd. VI.) 



en 



14- 
Zum Schema der psychischen Systeme: 

Die weitere Ausfuhrung dieses linear aufgerollten Schemas wird 
mit der Annahme zu rechnen haben, daß das auf Fhw folgende 
System dasjenige ist, dem wir das Bewußtsein zuschreiben müssen, 
daß also fV = Bw. 

Zur Regression: 

Die erste Andeutung des Moments der Regression tindel sich 
bereits bei Albertus Magnus. Die Imaginalio, heißt es bei ihm, 
baut aus den aufbewahrten Bildern der sinnfälligen Objekte den 
Traum auf. Der Prozeß vollzieht sicli umgekehrt wie im Wachen 
(nach Diepgen, p. 14). — Hobbes sagt (im Leviathan, 1651): 
„ In sum, our dreams are the reverse of our waking imaglnathns, 
the mution^ wheri we are aivake, brginnmg at one end^ and wheii 
we dream at another.'"' (Nach H. EUis, p. iiü.) 

16 

Regression und Verdrängung: 

In einer Darstellung der Lehre von der VerdySngung wSre 
auszuführen, daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweier 



7m Abschnitt Vll 159 



ihn beeinflussenden Momente in die Verdrängung gerät. Er wird 
von der einen Seite (der Zensur des Bw) weggestoßen, von der 
anderen (dem Ubw) angezogen, also ähnlich wie man auf die 
Spitze der großen Pyramide gelangt. (Vgl. den Aufsatz „Die Ver- 
drängung", Ges. Schriften, Bd. V.) 

Weileres über die Regression: 

Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in 
der Theorie der neurotischen Symptombildung eine nicht minder 
wichtige Rolle wie in der des Traumes spielt. Wir unterscheiden 
dann eine dreifache Art der Regression: aj eine topische im 
Sinne des hier entwickelten Schemas der i^-Systeme, b) eine 
zeitliche, insofern es sich um ein Rückgreifen auf ältere 
psychische Bildungen handelt, und c) eine formale, wenn 
primitive Ausdrucks- und Darstellungs weisen die gewohnten 
ersetzen. Alle drei Arten von Regression sind aber im Grunde 
eines und treffen in den meisten Fällen zusammen, denn das 
zeitlich ältere ist zugleich das formal primitive und in der 
psychischen Topik dem Wahrnehmungsende nähere. 

Wir können auch das Thema der Regression im Traume nicht 
verlassen, ohne einem Eindruck Worte zu leihen, der sich uns 
bereits wiederholt aufgedrängt hat, und der nach einer Vertiefung 
in das Studium der Psychoneurosen neuerdings verstärkt zurück- 
kehren wird; Das Träumen sei im ganzen ein Stück Regression 
zu den frühesten Verhältnissen des Träumers, ein Wiederbeleben 
seiner Kindheit, der in ihr herrschend gewesenen Triebregungen 
und verfügbar gewesenen Ausdrucksweisen. Hinler dieser indivi- 
duellen Kindheit wird uns dann ein Einblick in die phylogene- 
tische Kindheit, in die Entwicklung des Menschengeschlechts, 
versprochen, von der die des einzelnen tatsächlich eine abgekürzte, 
durch die zurälligen Lebensumstände beeinflußte Wiederholung 
ist. Wir ahnen, wie treffend die Worte Fr. Nietzsches sind. 



l6o Ergänzungen zur Traumdeutung 



daß sich im Traume „ein uraltes Stück Menschtum fortübt, zu 
dem man auf direktem Wege kaum mehr gelangen kann", und 
werden zur Erwartung veranlaßt, durch die Analyse der 'JVäurne 
zur Kenntnis der archaischen Erbschaft dos Menschen zu 
kommen, das seelisch Angeborene in ihm zu erkennen. Es scheint, 
daß Traum und Neurose uns melir von den seelischen Alter- 
tümern bewahrt haben, als wir vermuten konnten, so daß 
die Psychoanalyse einen hohen Rang unter den Wissenschaften 
beanspruchen darf, die sich bemühen, die ältesten und dunkelsten 
Phasen des Mensch he its beginn es zu rekonstruieren. 

iS 

fFeiteres über den Schlaf zustand ! 

Ein weiteres Eindringen in die Kenntnis der Verhältnisse des 
Schlafzustandes und der Bedingungen der Halluzination habe ich 
in dem Aufsatz „Melapsychologische Ergänzung zur Traumlehre" 
(Int. Zschr. f. PsA. IV, 1916/18, Ges. Schriften, Bd. V) versucht. 

Die Verarbeitung unlustvollen Maleriah und die Straf irüume ; 

Vielleicht ist es zweckmäßig, dieselbe Frage auch in der Form 
einer Untersuchung zu behandeln, wie sich der Traum benimmt, 
wenn ihm in den Traumgedanken ein Material geboten wird, 
das einer Wunscherfüllung durchwegs widerspricht, also begründete 
Sorgen, schmerzliche Erwägungen, peinliche Einsichten. Die 
Mannigfaltigkeit der möglichen Erfolge läßt sich dann folgender 
Art gliedern: aj Es gelingt der Traumorbeit, alle peinlichen Vor- 
stellungen durch gegenteilige zu ersetzen und die dazugehörigen 
unlustigen Affekte zu unterdrücken. Das ergibt dann einen reinen 
Befriedigungstraum, eine greifbare „Wunscherfüllung", an der 
weiter nichts zu erörtern scheint, h) Die peinlichen Vorstellungen 
gelangen, mehr oder weniger abgeändert, aber doch gut kenntlich, 
in den manifesten Trauminhalt. Dies ist der i 'all, der die Zweifel 



Zu Abschnitt l'II 161 



an der Wunschlheorie des Traumes weckt und weiterer Unter- 
suchung bedarf. Solche Träume peinlichen Inhalts können entweder 
indifferent empfunden werden oder auch den ganzen peinlichen 
Affekt mitbringen, der durch ihren Vorstellungsinhalt gerecht- 
fertigt scheint, oder selbst unter Angstentwicklung zum Erwachen 
führen. 

Die Analyse weist dann nach, daß auch diese Unlustträume 
Wunscherfüllungen sind. Ein unbewußter und verdrängter Wunsch, 
dessen Erfüllung vom Ich des Träumers nicht anders als peinlich 
empfunden werden könnte, hat sich der Gelegenheit bedient, die 
ihm durch das lleselEl bleiben der peinlichen Tagesresle geboten 
wird, hat ihnen seine Unterstützung geliehen und sie durch diese 
traumfähig gemacht. Aber während im Falle a der unbewußte 
Wunsch mit dem bewußten zusammenfiel, wird im Falle b der 
Zwiespalt zwischen dem Unbewußten und dem Bewußten — dem 
Verdrängten und dem Ich — bloßgelegt, und die Siiunlion des 
Märchens von den drei Wünschen, welche die Fee dem Ehepaar 
freigibt, verwirklicht (s. unten S. 168). Die Befriedigung über die 
Erfüllung des verdrängten Wunsches kann so groß ausfallen, daß 
sie den an den Tagesresten Iiängenden peinlichen Affekten das 
Gleichgewicht hält; der Traum ist dann in seinem Gefühlston 
indifferent, obwohl er einerseits die Erfüllung eines Wunsches, 
anderseits die einer Befürchtung ist. Oder es kann geschehen, 
daß das schlafende Ich einen noch ausgiebigeren Anteil an der 
Traumbildung nimmt, daß es auf die zustande gekommene Be- 
friedigung des verdrängten Wunsches mit einer heftigen Empörung 
reagiert und selbst dem Traume unter Angst ein Ende macht. 
Es ist also nicht schwer zu erkennen, daß die Unlust- und die 
Angstträume im Sinne der Theorie ebensosehr Wunscherfüllungen 
sind wie die glatten Befriedigungsträume. 

Unlustträume können auch „St r a f t rä u m e" sein. Eis ist zu- 
zugeben, daß man durch ihre Anerkennung zur Theorie des 
Traumes in gewissem Sinne etwas Neues hinzufügt. Was durch 

Freud, in 1» 



]6a Ergänzungen zur Trau?tideutung 



sie erfüllt wird, ist gleichfalls ein unbewußter Wunsch, der nach 
einer Bestrafung des Träumers für eine verdrängte unerlaubte 
Wunschregung. Insofern fügen sich die Träume der liier vertretenen 
Forderung, daß die Triebkraft zur Traumbilduiig von einem dem 
Unbewußten angehörigen Wunsche beigestellt werden müßte. 
Eine feinere psychologische Zergliederung läßt iiber den Unter- 
schied von den anderen Wunschträumen erkennen. In den Fällen 
der Gruppe b geliörte der unbewußte, traumbildende Wunsch 
dem Verdrängten an, bei den Strafträumen ist es gleichfalls ein 
unbewußter Wunsch, den wir aber nicht dem Verdrängten, sondern 
dem „Ich" zurechnen müssen. Die Strafträume weisen also auf 
die Möglichkeit einer noch welter gehenden Beteiligung des Ichs 
an der Traumbildung hin. Der Mechanismus der Traunibildung 
wird überhaupt weit durchsichtiger, wenn man anstatt des Gegen- 
satzes von „Bewußt" und „Unbewußt" den von „Ich" und 
„Verdrängt" einsetzt. Dies kann nicht ohne Rücksicht auf die 
Vorgänge bei der Psychoneurose geschehen und ist darum in 
diesem Buche nicht durchgeführt worden, hh bemerke nui-, daß 
die Strafträume nicht allgemein an die Bedingung peinlicher 
Tagesreste geknüpft sind. Sie entstehen vielmehr am leichtesten 
unter der gegensätzlichen Voraussetzung, daß die Tagesreste 
Gedanken befriedigender Natur sind, die aber unerlaubte Befriedi- 
gungen ausdrücken. Von diesen Gedanken gelangt dann nichts in 
den manifesten Traum als ihr direkter Gegensatz, ähnlich wie 
es in den Träumen der Gruppe a der Fall war. Der wesentliche 
Charakter der Strafträume bliebe also, daß bei ihnen nicht der 
unbewußte Wunsch aus dem Verdrängt cu (dem System Uhw) 
zum Traurabildner wird, sondern der gegen ihn reagierende, 
dem Ich angeliörige, wenn auch unbewußte (d. h. vorbewußte) 
Strafwunsch. 

Ich will einiges von dem hier Vorgebrachten an einem eigenen 
Traum erläutern, vor allem die Art, wie die Traumarbeit mit 
einem Tagesrest peinlicher Erwartungen verfahrt; 



Z« Abschnitt riT 165 



„Undeutlicher Anfang. Ic/i sage meiner Frau, ich }iahe eine 
Nachricht für sie, etwas ganz Besonderes. Sie erschrickt und will 
nichts hören. Ich versichere ihr, im Gegenteil, etwas, was sie sehr 
freuen wird, und beginne zu erzählen, daß das Offizierskorps 
unseres Sohnes eine Summe Geldes geschickt hat (^000 K?), . . . 
etwas von Anerkennung . . . Verteilung . . . Dabei bin ich mit ihr 
in ein kleines Zimmer gegangen, wie eine i^orraiskammer, um etwas 
herauszusuchen. Plötzlich sehe ich meinen Sohn erscheinen, er ist 
nicht in Uniform, sondern eiier im enganliegenden Sportkostüm 
(wie ein Seehund?), mit kleiner Kappe. Er steigt auf einen Korb, 
der sich seitlich neben einem Kasten befindet, wie um etwas auf 
diesen Kasten zu legen. Ich rufe um an ,• keine Antwort. Mir scheint, er hat 
das Gesicht oder die Stirn verbunden, er richtet sich etivas im Munde, 
schiebt sich etivas ein. Auch haben seine Haare einen grauen Schimmer' 
Ich denke: Sollte er so erschöpft sein? Und hat er falsche Zähne? 
Ehe ich ihn wieder anrufen kann, erwache ich ohne Angst, aber 
mit Herzklopfen. Meine Xachtuhr zeigt die Stunde 2V3." 

Die Mitteilung einer vollständigen Analyse ist auch diesmal 
unmöglich. Ich beschränke mich auf die Hervorhebung einiger 
entscheidender Punkte. Den Anlaß zum Traum hatten peinigende 
Erwartungen des Tages gegeben; von dem an der Front Käm- 
pfenden waren wieder einmal Nachrichten durch länger als eine 
Woche ausgeblieben. Es ist leicht zu ersehen, daß im Traum- 
inhalt die Überzeugung Ausdruck findet, daß er verwundet oder 
gefallen ist. Zu Anfang des Traumes merkt man das energische 
Bemühen, die peinlichen Gedanken durch ihr Gegenteil zu ersetzen. 
Ich habe etwas Hocherfreuliches mitzuteilen, etwas von Geld- 
sendung, Anerkennung, Verteilung. (Die Geldsumme stammt aus 
einem erfreulichen Vorkommnis in der ärztlichen Praxis, will also 
überhaupt vom Thema ablenken.) Aber diese Bemühung mißlingt. 
Die Mutter ahnt etwas Schreckliches und will mich nicht anhören. 
Die Verkleidungen sind auch zu dünn, überall schimmert die 
Beziehung zu dem, was unterdrückt werden soll, durch. Wenn 

11« 



164 Ergänzungen zur Traumdeutung 

der Sohn gefallen ist, werden seine Kameraden seine Habselig- 
keiten zurückschicken ^ icli werde, was er hinterläßt, an die 
Geschwister und andere zu verteilen haben; Anerkennungen 
werden häufig dem Offizier nach seinem „Heldentod" verliehen. 
Der Traum geht also daran, direkt zum Ausdruck zu bringen, 
was er zunächst verleugnen wollte, wobei sich die wunsch- 
erfüllende Tendenz noch durch Entstellungen bemerkbar macht. 
(Der Wechsel der Örtlichkeit im Traume ist wohl als Schwellen- 
symbolik nach Silberer zu verstehen.) Wir ahnen freilich nicht, 
was ihm die dazu erforderliche Triebkraft leiht. Der Sohn erscheint 
aber nicht als einer der „fallt", sondern als einer der „steigt". 
Er ist ja auch ein kühner Bergsteiger gewesen. Kr ist nicht in 
Uniform, sondern im Sportkostüm, d. h. ;in die Stelle des jetzt 
gefürchteten Unfalles ist ein früherer getreten, den er im Sport 
erlitten, als er auf einer Skitour fiel und sich den Obersclienkel 
brach. Aber die Art, wie er kostümiert ist, so daß er einem Seehund 
gleicht, erinnert sofort an einen Jüngeren, an unseren kleinen 
drolligen Enkel; das graue Haar mahnt an dessen vom Kriege 
arg hergenommenen Vater, unseren Schwiegersohn. Was soll das? 
Aber genug damit; die Örtlichkeit eine Spei.seknmmer, der Kasten, 
von dem er sich etwas holen will (etwas dnrnui'lrgcn im Traum), 
das sind unverkennbare Anspielungen an einen eigenen Unfall, 
den ich mir zugezogen, als ich über zwei und noch nicht drei Jahre 
alt war. Ich stieg in der Speisekammer auf einen Schemel, um 
mir etwas Gutes zu holen, was auf einem Kasten oder 'l'isch 
lag. Der Schemel kippte um inul traf mich mit seiner Kante 
hinter dem Unterkiefer. Ich hätte mir auch alle Zülino aus- 
schlagen können. Eine Malmung meldet sich dabei ; Das geschieht 
dir recht, wie eine feindselige Kegiing gegen den wackeren 
Krieger. Die Vertiefung der Analyse läßt mich dann die versteckte 
Regung finden, die sich an dem gefürchteten Unfall dos Sohnes 
befriedigen könnte. Es ist der Neid gegen die Jugend, den der 
Gealterte im Leben gründlich erstickt zu haben glaubl, und es 



Zu Abschnitt VJJ 165 



ist unverkennbar, daß gerade die Stärke der sei im erzlichen 
ErgrilTenheit, wenn ein solches Unglück sich wirklich ereignete, 
zu ihrer Linderung eine solche verdrängte Wunscherfüllung 
aufspürt. 

SO 

Zur Einschränkung der vollen Regression: 

Mit anderen Worten: es wird die Einsetzung einer „Realitäts- 
prUfung" als notwendig erkannt. 

81 

Xur Vergleichung der Srunscherfüllung im Traum und im ff achleben: 

Ich habe diesen Gedankengangan anderer Stelle (Formulierungen 

über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Ges. Schriften, 

Bd. V) weiter ausgeführt und als die beiden Prinzipien das Lust- 

und das Realitätsprinzip hingestellt. 

aa 

Zur fVunscherfüUiing durch neurotische Symptome: 

Korrekter gesagt : Ein Anteil des Symptoms entspriclit der 
unbewußten Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung 
gegen dieselbe. 

Zum Verhältnis van Traum und Symptom: 

Hughlings Jackson hatte geäußert: Findet das Wesen des 
Traumes, und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen 
kann, gefunden haben. (Find out all about dreams and you will 
have found out all about insanity.) 

94 

Zur Wunscherfiillung bei Hysterie i 

Vgl. hiezu meine letzten Formulierungen der Entstehung 
hysterischer Symptome in dem Aufsatz „Hysterische Phantasien 
und ihre Bezieliuiig zur Hisexualität" 1908, Ges. Schriften, Bd. V. 



i66 Erfffinzungen zur Trtiutndaittmg 

Das Wissen um Schlafen und Traumen : 

Dagegen gibt es Personen, bei denen die niichiliche Festhaltung 
des Wissens, daß sie schlafen und träumen, ganz offenkundig 
wird, und denen also eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben 
zu lenken, eigen scheint. Ein solcher Träumer ist z. E. mit der 
Wendung, die ein Traum nimmt, unzufrieden, er bricht ihn, 
ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn von neuem, um ihn 
anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer Schriftsteller auf 
Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicliereii Ausgang gibt. 
Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe, wenn ihn der 
Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt hat: „Das 
will ich nicht weiter träumen, um mich in einer Pollution zu 
erschöpfen, sondern hebe es mir lieber für eine reale Situation 
auf." 

Der Marquis d'Hervey (Vaschide p. 159) behauptete, eine 
solche Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er 
ihren Ablauf nach Belieben beschleunigen und ihrifu eine ihm 
beliebige Richtung geben konnte. Ks scheint, daß bei ihm der 
Wunsch zu schlafen einem anderen vorbewußten Wunsch Raum 
gegönnt hatte, dem, seine Träume zu beobachten und sich an 
ihnen zu ergötzen. Mit einem solchen Wunsch vorsatz ist der 
Schlaf ebensowohl verträglicli wie mit einem Vorbehalt als 
Bedingung des Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch bekannt, 
daß das Interesse am Traum bei allen Menschen die Anzahl der 
nach dem Erwachen erinnerten Träume erheblich steigert. 

Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt 
Ferenczi: „Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade 
beschäftigenden Gedanken von allen Seilen her, läßt das eine 
Traumbild bei drohender Gefahr des Mißlingens der Wunsch- 
erfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art der Lösung, 
bis es ihm endlich gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelen- 
lebens kompromissuell befriedigende WunschorfÜlUnig zu schaffen." 



vjr- 



Zu Abschnitt VII 167 



a6 

Zur Traumfunktion: 

Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen 
können? Ich kenne keine andere. A. Maeder hat zwar den 
Versuch gemacht, andere, „sekundäre", Funktionen für den Traum 
in Anspruch zu nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung 
aus, daß manche Träume Lösungsversuche von Konflikten ent- 
halten, die späterhin wirkhch durchgefülirt werden, sich also wie 
Vorübungen zu Wachtätigkeiten verhalten. Er brachte darum 
das Träumen in Parallele zu dem Spielen der Tiere und der 
Kinder, welches als vorübende Betätigung mitgebrachter Instinkte 
und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzufassen 
ist, und stellte eine fonction Itidique des Träiimens auf. Kurze 
Zeit vor Maeder war die „vorausdenkende" Funktion des Traumes 
auch von Alf. Adler betont worden. (In einer von mir 1905 
veröffentlichten Analyse wurde ein als Vorsatz aufzufassender 
Traum jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.) 

Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese 
„sekundäre" Funktion des Traumes im Rahmen einer Traum- 
deutung keine Anerkennung verdient. Das Vorausdenken, Fassen 
von Vorsätzen, Entwerfen von Lösungsversuchen, die dann eventuell 
im Wachleben verwirklicht werden können, dies und viel anderes 
sind Leistungen der unbewußten und vorbewußten Tätigkeit des 
Geistes, welche sich als „Tagesrest" in den Schlafzustand fortsetzen 
und dann mit einem unbewußten Wunsch (siehe Bd. II, S. 471 f-) 
zur Traumbildung zusammentreten kann. Die vornusdenkende 
Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des 
vorbewußten Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die 
Analyse der Träume oder auch anderer Phänomene verraten 
werden kann. Nachdem man so lange den Traum mit seinem 
manife.sten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt auch 
davor hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu 
verwechseln. 



1 68 Ergänzungrn zur Trajimdrtitung 

2^r Theorie des Angstlraumes: 

„Ein zweites, weit wichtigeres und tiefer reichendes Moment, 
welches der Laie gleichfalls vernachlässigt, ist das folgende. Eine 
Wunscherfüll iing müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt sich 
auch, wem? Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer 
ist uns aber bekannt, daß er zu seinen W ünschen ein ganz 
besonderes Verhältnis unterhalt. Kr verwirft sie, zensuriert sie, 
kurz, er mag sie niclit. Eine Erfüllung derselben knrm ihm also 
keine Lust bringen, sondern nur das Gegenteil davon. Die 
Erfahrung zeigt dann, daß dieses (iegenteil, was noch zu erklären 
ist, in der Form der Angst auftritt. Der Träumer kann also in 
seinem Verhältnis zu seinen Traumwünschen nur einer Summation 
von zwei Personen gleichgestellt werden, die doch durch eine 
starke Gemeinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller weiteren 
Ausführungen biete ich Ihnen ein bekanntes Märclieii, in welchem 
Sie die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden: Eine gute 
Fee verspricht einem armen Menschen paar, Mann und I'Vau, die 
Erfüllung ihrer drei ersten Wünsclie. Sie sind selig und nehmen 
sich vor, diese drei Wünsche sorgfältig auszuwiililen. Die Frau 
läßt sich aber durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten 
Hütte verleiten, sich ein .solches Paar Würstchen herzuwünschen. 
Flugs sind sie auch da; das ist die erste Wunscherfüllung. Nun 
wird der Mann böse und wünscht in seiner Erbitterung, daß die 
Würste der Frau an der Nase liängeti mögen. Das vollzielit sich 
auch und die Würste sind von ihrem neuen Standort nicht 
wegzubringen; das ist nun die zweite WunscherfüUung, aber der 
Wunsch ist der des Mannes; der Frau ist diese Wunscherfüllung 
sehr unangenehm. Sie wissen, wie es im Märchen weilergeht. 
Da die beiden im Grunde doch eines sind, Mann und Frau, muß 
der dritte Wunsch lauten, daß die Würstchen von der Nase der 
Frau weggehen mögen. Wir könnten dieses Märchen noch mehr- 
mals in anderem Zusammenhange verwerten; hier diene es uns 



Zu. Abschnitt VU 169 



nur als lUuslralion der Möglichkeit, daß die Wunscherfüllung 
des einen zur Unlust für den anderen führen kann, wenn die 
beiden miteinander nicht einig sind." (Vorlesungen zur Einführung 
in die Psychoanalyse, XIV, Ges. Schriften, Bd. VU.) 

28 
Zu den •Angstträumen der Kinder: 

Dieses Material ist seither von der psychoanalytischen Literatur 
in reichlichem Ausmaß beigestellt worden. 

Einschaltung in die Überschau der Übereinstimmungen mit den Autoren; 

Die Behauptung von Sully, „der Traum bringe unsere früheren 
sukzessive entwickelten Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art, 
die Dinge anzusehen, Impulse und Reaklionsweisen, die uns vor 
langen Zeiten beherrscht haben", konnten wir im vollen Umfange 
zu der unsrigen machen. 

Ffectere si nequeo Superos Acheronta movebo .- 

Nach diesem Vers Vergils, der das Streben der verdrängten 
Triebregungsn andeuten soll, habe ich den Satz hingestellt: 

Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur 
Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben. 

3« 

7Aisatz zur Anmerkung: 

Diese und weitere Aufsätze über Vergessen, Versprechen, Ver- 
greifen usw. sind seither als „Psychopathologie des Alltagslebens 
gesammelt erschienen (1904, 10. Aufl. ig-J-!-- Ges. Schriften, 
Bd. X.) 

Zum Ersatz einer topischen Vorstellung durch eine dynamische: 
Diese Auffassung erfuhr eine Au-sgestaltung und Abänderung, 
nachdem man als den wesentlichen Charakter einer vorbewußten 



31' 



1 70 Ergänzungen zur Traunidrufiinff 

Vorstellung die Verbindung mit Worlvorslellungsresten erkannt 
hatte (Das Unbewußte 1915, Ges. Schriften, Bd. V). 

33 
Zur Rechtfertigung der Annahme des Unbewußten : 

Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der 
aus dem Studium des Traumes den nämliclien Schluß über das 
Verhältnis der bewußten zur unbewußten Tätigkeil gezogen hat. 

Du Prel sagt: „l')ie Fragp, was die Seele ist, erheischt offenbar 
eine Voruntersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch 
seien. Gerade diese Vorfrage nun wird vom Traume verneint, 
welcher zeigt, daß der Begriff der Seele über den des Bewußtseins 
hinausragt, wie etwa die Anziehungskraft eines (Jestirns über seine 
Leuchtsphäre" (PhUos. d. Mystik, p. 47). 

„Es ist eine Wahrheit, die man nicht ausdrücklich genug 
hervorheben kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von 
gleicher Ausdehnung sind" (p. 306). 

_54-_ 
Der Traum als Form des Ausdrucks i>on im TT'adwn unterdrückten 
Regungen : 

Vgl. hiezu den (oben S. 18) mitgeteilten Troum (Sa-tupo?) 

Alexanders des Großen bei der Belagerung von Tyrus. 

Zur Frage der ps^c/iiscben Realität : 

Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und 
wahrsten Ausdruck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, 
daß die psychische Realität eine besondere Existenzform 
ist, welche mit der materiellen Realität nicht verwechselt 
werden soll. Es erscheint dann ungerechtfertigt, wenn die 
Menschen sich sträuben, die Verantwortung für die Immoralitat 
ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung der 



1 



f 



VJ^ 



Zu Abschnitt VII 



171 



Funttionsweise des seelischen Apparats und die Einsicht in die 
Beziehung zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das 
ethisch Anstößige unseres Traum- und Phantasielebens meist zum 
Verschwinden gebracht. 

„Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) 
kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen 
und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das 
wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, 
dann als Infusionstierchen wiederßnden." (H. Sachs.) 



i 



ZUSATZKAPITKT. C 

EINIGE NACHTRÄGE ZUM GANZEN DER 
TRAUMDEUTUNG 

a) Die Grenzai der Deutbarkeit 

Die Frage, ob man von jedem Produkt des Traumlebens eine 
vollständige und gesicherte Übersetzung in die Ausdrucksweise 
des Wachlebens (Deutung) geben kmin, soll nicht abstrakt be- 
handelt werden, sondern unter Beziehung auf die Verhältnisse, 
unter denen man an der Traumdeutung arbeitet. 

Unsere geistigen Tätigkeiten streben entweder ein nützliches 
Ziel an oder unmittelbaren Lustgewinn. Im ersteren Knlle sind 
es intellektuelle Entscheidungen, Vorbereitungen zu Handlungen 
oder Mitteilungen an andere; im anderen Falle nennen wir sie 
Spielen und Phantasieren. Bekanntlich ist auch das Nützliche nur 
ein Umweg zur lustvollen Befriedigung. Das Traumen ist nun 
eine Tätigkeit der zweiten Art, die ja entwicklungsgeschichtlich 
die ursprünglichere ist. Es ist irreführend, zu sagen, das Traumen 
bemühe sich um die bevorstehenden Aufgaben des Lebens oder 
suche Probleme der Tagesarbeit zu Ende zu führen. Darum 
kümmert sicli das vorbe wußte Denken. Dem Träumen Hegt 
solche nützliche Absicht ebenso ferne wie die der Vorbereitung 
einer Mitteilung an einen anderen. Wenn sich der Traum mit 
einer Aufgabe des Lebens beschäftigt, löst er sie so, wie es 
einem irrationellen Wunsch, und nicht so, wie es einer ver- 
ständigen Überlegung entspriclit. Nur eine nützliche Absicht, 



Die Grenzen der Deutbarkeit 175 



eine Funktion, muß man dem Traum zusprechen, er soll die 
Störung des Schlafes verhüten. Der Traum kann beschrieben 
werden als ein Slück Phantasieren im Dienste der Erhaltung des 
Schlafes. 

Es folgt daraus, daß es dem schlafenden Ich im ganzen gleich- 
gültig ist, was während der Nacht geträumt wird, wenn der 
Traum nur leistet, was ihm aufgetragen ist, und daß diejenigen 
Träume ihre Funktion am besten erfüllt haben, von denen man 
nach dem Erwachen nichts zu sBgen weiß. Wenn es so oft 
anders zugeht, wenn wir Träume erinnern, — auch über Jahre 
und Jahrzehnte, — so bedeutet dies jedesmal einen F.inbruch des 
verdrängten Unbewußten ins normale Ich. Ohne solche Genug- 
tuung hat das Verdrängte seine Hilfe zur Aufhebung der 
drohenden Schlafstörung nicht leihen wollen. Wir wissen, es ist 
die Tatsache dieses Einbruchs, die dem Traum seine Bedeutung 
für die Psychopathologie verschafft. Wenn wir sein treibendes 
Motiv aufdecken können, erhalten wir unvermutete Kunde von 
den verdrängten Regungen im Unbewußten; anderseits, wenn 
wir seine Entstellungen rückgängig machen, belauschen wir das 
vorbewußle Denken in Zuständen innerer Sammlung, die tags- 
über das Bewußtsein nicht auf sich gezogen hätten. 

Niemand kann die Traumdeutung als isolierte Tätigkeit üben; sie 
bleibt ein Stück der analytischen Arbeit- In dieser wenden wir je nach 
Bedarf unser Interesse bald dem vorbewußten Trauminhail, bald dem 
unbewußten Beitrag zur Traumbildung zu, vernachlässigen auch oft 
das eine Element zugunsten des anderen. Es nützte auch nichts, wenn 
jemand sich vornehmen wollte, Träume außerhalb der Analyse 
zu deuten. Er würde den Bedingungen der analytischen Situation 
doch nicht entgehen, und wenn er seine eigenen Träume bear- 
beitet, unternimmt er seine Selbstanalyse. Diese Bemerkung gilt 
nicht für den, der auf die Mitarbeit des Träumers verzichtet und 
die Deutung von Träumen durch intuitives Erfassen erfahren 
will. Aber solcheJTraumdeutung ohn e Rücksicht a u f die Asso-^ 



174 Erg/'i/izungcn zur Tmurtulfutung 

ziationen des Träumers bleibt auch im günstigsten Falle ein 
unwissenschaftliches Virtuosenstück von sehr zweifelliaflem Wert. 

Übt man die Traumdeutung nach dem einzigen technisclien 
Verfahren, das sich rechtfertigen laßt, so merkt man bald, daß der 
Erfolg durchaus von der Widerstandsspannung /.wisclien dem 
erwachten Ich und dem verdrängten Uubewußloii abhängig ist. 
Die Arbeit unter „hohem Widerstand.scbuck" erfordert selbst, wie 
ich an anderer Stelle auseinandergesetzt habe, ein anderes Ver- 
halten des Analytikers als bei geringem Druck. In der Analyse 
liat man es durch lange Zeiten mit starken Widersliiiiden 7,u 
tun, die noch nicht bekannt sind, die jedenfalls nicht überwunden 
werden können, solange sie unbekannt bli.-ilxMi. \U ist also nicht 
zu_ verwundern, daß man von den Traumproduktionen des 
Patienten nur einen gewissen Anteil und auch diesen meist nicht 
vollständig übersetzen und verwerten kann. Auch wenn man 
durch die eigene Geübtheit in die Lage kommt, viele Träume 
zu verstehen, zu deren Deutung der Träumer wenig Beiträge 
geliefert hat, soll man gemalmt blcil)en, daß die Sicherheit 
solcher Deutung in Frage steht, und wird lieileriken tragen, 
seine Vermutung dem Patienten aufzudrängen. 

Kritische Einwendungen werden nun sagen: Wenn man nicht 
alle Träume, die man bearbeitet, zur Deutung bringt, soll man 
auch nicht mehr behaupten, als man vertreten kann, und sich 
mit der Aussage begnügen, einzelne Träume seien durch Deutung 
als sinnreich zu erkennen, von anderen wisse man es nicht. 
Allein gerade die Abhängigkeit des Deutungserfolges vom Wider- 
stand enthebt den Analytiker einer solchen Bescheidenheit. Er 
kann die Erfahrung machen, daO ein anfangs unverständlicher 
Traum noch in derselben Stunde durchsichtig wird, nachdem es 
gelungen ist, einen Widerstand des Träuineis durch eine glück- 
liche Aussprache zu beseitigen. Plötzlich (alk ihm datm ein bisher 
vergessenes Traumstück ein, das den Schlüssel zur Deutung 
bringt, oder es stellt sich eine neue Assoziation ein, mit deren 



Die Grenzen der Deulbarheit 175 



Hilfe das Dunkel sich lichtet. Es kommt auch vor, daß man nach 
Monaten und Jahren analytischer Bemühung auf einen Traum 
zurückgreift, der zu Anfang der Behandlung unsinnig und un- 
verständlich erschien, und der nun durch die seither gewonnenen 
Einsichten eine völlige Klärung erfährt. Nimmt man aus der 
Theorie des Traumes das Argument hinzu, daß die vorbildlichen 
Trauraleistungen der Kinder durchwegs sinnvoll und leicht deut- 
bar sind, so wird man sich zur Behauptung berechtigt finden, der 
Traum sei ganz allgemein ein deutbares psychisches Gebilde, wenn- 
gleich die Situation nicht immer die Deutung zu geben gestattet. 

Wenn man die Deutung eines Traumes gefunden hat, ist es 
nicht inimer leicht zu entscheiden, ob sie eine „vollständige" ist, 
d. h. ob nicht auch andere vorbewußte Gedanken sich durch 
denselben Traum Ausdruck verschafft haben. Als erwiesen hat 
dann jener Sinn zu gelten, der sich auf die Einfälle des 
Träumers und die Einschätzung der Situation berufen kann, 
ohne daß man darum den anderen Sinn jedesmal abweisen 
dürfte. Er bleibt möglich, wenn auch unerwiesen; man muß sich 
mit der Tatsache einer solchen Vieldeutigkeit der Träume 
befreunden. Diese ist übrigens nicht jedesmal einer Unvollkommen- 
heit der Deutungsarbeit zur Last zu legen, sie kann ebensowohl 
an den latenten Traumgedanken selbst haften. Der Fall, daß wir 
unsicher bleiben, ob eine Äußerung, die wir gehört, eine Aus- 
kunft, die wir erlialien haben, diese oder jene Auslegung zu- 
lassen, außer ihrem olTenbaren Sinn noch etwas anderes andeuten, 
ereignet sich ja auch im Wachleben und außerhalb der Situation 
der Traumdeutung. 

Zu wenig untersucht sind die interessanten Vorkommnisse, daß 
derselbe manifeste Trauminhalt gleichzeitig einer konkreten Vor- 
stellungsreihe und einer abstrakten Gedankenfolge, die an erstere 
angelehnt ist, Ausdruck gibt. Der Traumarbeit macht es natür- 
lich Schwierigkeiten, die Vorstellungsmittel für abstrakte Gedanken 
zu finden. 



176 Ergänzungen zur Traumäntlung 



b) Die sittliclie J eranhvortimg für den Inhalt der 

Trau //IC 

Im einleitenden Abschnitt dieses lluclies („Die wissenschaftliche 
Literatur der Traumprobli'me") habe ich dnrgestellt, in welcher 
Weise die Autoren auf die peinlich empfundene Tiitsache reagieren, 
daß der zügellose Inhalt der Träume so oft dem sitllichen Em- 
pfinden des Träumers widerspricht. (Ich vermeide absichtlich, von 
„kriminellen" Träumen zu reden, deun ich halte diese Über das 
psychologische Interesse hinausgreifende IJezeichnung für völlig 
entbehrlich.) Aus der unsittlichen Natur der Träume hat sich 
begreiflicherweise ein neues Moliv ergeben, die psychische Wertung 
des Traumes zu verleuf^nen. Wenn ricr Traum ein sinnloses 
Produkt gestörter Seelentätigkeit ist, dann entfallt ja jeder Anlaß, 
für den anscheinenden Inhalt des Traumes eine Verantwortlich- 
keit zu übernehmen. 

Dies Problem der Verantwortlichkeit für den manifesten Traum- 
inhalt ist durch die Aufklärungrn der „Traumdeutung" gründ- 
lich verschoben, ja eigenllicli beseitigt worden. 

Wir wissen jetzt, der manifeste Inhali ist ein niciidwerk, eine 
Fassade. Es lohnt sich nicht, ihn einer ethischen Prüfung zu 
unterziehen, seine Verstoße gegen die Moral ernster zu nehmen 
als die gegen Logik und Matliemntik. Wenn vom „Inhalt" des 
Traumes die Rede ist, kann man nur den Inliall der vorbewuÜten 
Gedanken und den der verdrängten Wunschregung meinen, die 
durch die Deutungsarbeit hinler der Traumfas.sade aufgedeckt 
werden. Immerhin hat auch diese unsittliche Eassode eine Erage 
an uns zu stellen. Wir haben doch gehört, daß die latenten 
Traumgedanken eine strenge Zensur zu bestehen haben, ehe 
ihnen die Aufnahme in den manifesten Inhalt gestattet wird. 
Wie kann es also geschehen, daß diese Zensur, die sonst Gering- 
fügigeres beanständet, gegen die manifest unmoralischen Träume 
so vollkommen versagt? 



Die sittliche Verantwortung für den Inhalt der Träume 177 

Die Antwort ist nicht nahe bei der Hand, wird vielleicht nicht 
ganz befriedigend ausfallen können. Man wird zunächst diese 
Träume der Deutung unterziehen und dann finden, daß einige 
von ihnen der Zensur keinen Anstoß geboten haben, weil sie im 
Grunde nichts Böses bedeuten. Es sind harmlose Prahlereien, 
Identifikationen, die eine Maske vortäuschen wollen; sie wurden 
nicht zensuriert, weil sie nicht die Wahrheit sagten. Andere aber 
— es sei zugestanden: die größere Anzahl — bedeuten wirk- 
lich, was sie ankündigen, sie haben keine Entstellung durch die 
Zensur erfahren. Sie sind der Ausdruck von unsittlichen, inzestuösen 
und perversen Regungen oder von mörderischen, sadistischen 
Gelüsten. Auf manche dieser Träume reagiert der Träumer mit 
angstvollem Erwachen; dann ist die Situation uns nicht mehr 
unklar. Die Zensur hat ihre Tätigkeit versäumt, es wird zu spät 
bemerkt, und die Angstentwicklung ist nun der Ersatz für die 
unterbliebene Entstellung. In noch anderen Fällen solcher Träume 
wird auch diese Affektäußerung vermißt. Der anstößige Inhalt 
wird von der im Schlaf erreichten Höhe der Sexualerregung 
getragen oder er genießt die Toleranz, die auch der Wachende 
für einen Wutanfall, eine Zornesstimmung, ein Schwelgen in 
grausamen Phantasien üben kann. 

Unser Interesse für die Genese dieser manifest unsittlichen 
Träume erleidet aber eine große Herabsetzung, wenn wir aus der 
Analyse erfahren, daß die Mehrzahl der Träume, — harmlose, 
affektlose und Angstträume, ■ — wenn man die Entstellungen der 
Zensur rückgängig gemacht hat, sich als Erfüllungen unmorali- 
scher — egoistischer, sadistischer, perverser, inzestuöser — Wunsch- 
regungen enthüllen. Diese verkappten Verbrecher sind wie in der 
Welt des Wachlebens unvergleichlich häufiger als die mit offenem 
Visier. Der aufrichtige Traum vom sexuellen Verkehr mit der 
Mutter, dessen Jo käste im „König Ödipus" gedenkt, ist 
eine Seltenheit gegen all die mannigfaltigen Träume, welche die 
Psychoanalyse in gleichem Sinne deuten muß. 

Pi-ettd, IIl '3 



x^S Ergänzungen zur Traumdeutung 



Ich habe über diesen Charakter der Träume, der ja das Motiv 
für die Traumentstellung abgibt, in diesem Buche so ausführlich 
gehandelt, daß ich nun rasch über den Sachverhalt hinweg zu 
dem uns vorliegenden Problem schreiten kann: Muß man die 
Verantwortlichkeit für den Inhalt seiner Träume übernehmen? 
Zur Vervollständigung sei nur hinzugefügt, daü der Traum nicht 
immer unsittliche Wunscherfüllungen bringt, sondern häufig auch 
energische Reaktionen dagegen in der Form von „Strafträumen . 
Mit anderen Worten, die Traumzensur kann sich nicht nur in 
Entstellungen und in AiigstentwJcklung äußern, sondern sie mag 
sich so weit aufraffen, daß sie den unsittlichen Inhalt ganz aus- 
tilgt und ihn durch einen anderen zur Sühne bestimmten ersetzt, 
an dem jener aber erkannt werden kann. Das Problem der Ver- 
antwortlichkeit für den unsitlliclien Trauminlialt bestellt aber 
nicht mehr für uns, wie einst für die Autoren, die nichts von 
latenten Traumgedanken und vom Verdrängten in unserem Seelen- 
leben wußten. Selbstverständlich muß iniui sich für seine bösen 
Traumregungen verantwortlich hallen. Was will man sonst mit 
ihnen machen? Wenn der — richtig verstandene ■ — 'IVaum- 
inhalt nicht die Eingebung fremder Geister ist, so ist er ein 
Stück von meinem Wesen. Wenn ich die in mir vorfindlichen 
Slrebungen nach sozialen MaDstübeii in gute und böse klassi- 
fizieren will, so muß ich für beide Arten die Verantwortlichkeit 
tragen, und wenn ich abwelirend sage, was unbekannt, unbewußt 
und verdrängt in mir ist, das ist nicht mein „Ich", so stehe ich nicht 
auf dem Boden der Psychoanalyse, habe ihre Aufschlüsse nicht 
angenommen und kann durch die Kritik meiner Nebenmenschen, 
durch die Störungen meiner Hnndlungon und die Verwirrungen 
meiner Gefühle eines Besseren belehrt werden. Ich kann erfahren, 
daß dies von mir Verleugnete nicht nur in mir „i&t", sondern 
gelegentlich auch aus mir „wirkt". 

Im meiapsychologischen Sinno gehört dies böse Verdrängte 
allerdings nicht zu meinem „Ich", — wenn ich nämlich ein mora- 



Die sittliche Verantwortung für den Inhalt der Träume 170 

lisch untadeliger Mensch sein sollte, — sondern zu einem „Es", 
dem mein Ich aufsitzt. Aber dies Ich hat sich aus dem Es ent- 
wickelt, es bildet eine biologische Einheit mit ihm, ist nur ein 
besonders modifizierter, peripherischer Anteil von ihm, unterliegt 
dessen Einflüssen, gehorcht den Anregungen, die von dem Es 
ausgehen. Es wäre ein aussichtsloses Beginnen für irgendeinen 
vitalen Zweck, das Ich vom Es zu trennen. 

Übrigens, wenn ich auch meinem moralischen Hochmut nach- 
geben und dekretieren wollte, für alle sittlichen Wertungen darf ich 
das Böse im Es vernachlässigen und brauche mein Ich nicht dafür 
verantwortlich zu machen, was nützte es mir? Die Erfahrung 
zeigt mir, daß ich es doch tue, daß ich gezwungen bin, es 
irgendwie zu tun. Die Psychoanalyse hat uns einen krankhaften 
Zustand kennen gelehrt, die Zwangsneurose, in dem sich das 
arme Ich für allerlei böse Regungen schuldig fühlt, von denen 
es nichts weiß, die ihm zwar im Bewußtsein vorgehahen werden, 
zu denen es sich aber unmöglich bekennen kann. Ein wenig 
davon findet sich bei jedem Normalen. Sein „Gewissen" ist merk- 
würdigerweise um so empfindlicher, je moralischer er ist. Man 
stelle sich dagegen vor, daß ein Mensch desto „anfälliger" ist, umso 

mehr an Infektionen und Wirkungen von Traumen leidet 

je gesünder er ist. Das kommt wohl daher, daß das Gewissen 
selbst eine Reaktionsbildung auf das Böse ist, das im Es verspürt 
wird. Je stärker dessen Unterdrückung, desto reger das Gewissen. 

Dem ethischen Narzißmus des Menschen sollte es genügen, daß 
er in der Tatsache der Traumentstellung, in den Angst- und 
Strafträumen ebenso deutliche Beweise seines sittlichen Wesens 
erhält wie durch die Traumdeutung Belege für Existenz und 
Stärke seines bösen Wesens. Wer, damit nicht zufrieden, „besser" 
sein will, als er geschaffen ist, möge versuchen, ob er es im 
Leben weiter bringt als zur Heuchelei oder zur Hemmung. 

Der Arzt wird es dem Juristen überlassen, für soziale Zwecke 
eine künstlich auf das metapsychologische Ich eingeschränkte Ver- 



la* 



,8o ' Ergänzung en zur Traumdeutung 

antworüichkeit aufzustellen. Es ist allgemein begannt, auf 
welche Schwierigkeiten es stößt, aus dieser Konstruktion prak- 
tische Folgen abzuleiten, die den Gefühlen der Menschen nicht 
widerstreiten. • 

c) Die okkulic Bedeutung des Traumes 
Wenn der Probleme des Traumlebens kein Knde abzusehen 
ist so kann sich nur der darüber verwundern, der eben vergißt, 
daß alle Probleme des Seelenlebens auch am Traume wieder- 
kehren, vermehrt um einige neue, die die besondere Natur der 
Träume betreffen. Viele der Dinge, die wir am Traum studieren, 
weil sie sich uns dort zeigen, haben aber mit dieser psychischen 
Besonderheit des Traumes nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die 
Symbolik keinTraumproblera, sondern einThema unseres archaischen 
Denkens, unserer „Grundsprache" nach des Paraiioikers Schreber 
trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus und das religiöse 
Ritual nicht minder als den Traum; kaum dnü der Traumsym- 
bolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell IkulouLsames zu 
verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine Aufklärung nicht 
von der Traumlehre zu erwarten, die Angst ist vielmehr ein Neu- 
rosenproblem, es bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den 
Bedingungen des Träumens entstehen kann. 

Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den 
angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders. 
Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnisvolles war, hat 
man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in intime 
Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches Anrecht 
darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie sich bildete, 
mögen die Traumbilder an der Entslflunig der Seolenvorslellungen 

beteiligt gewesen sein. 

Es soll zwei Kategorien von Träumen gehen, die den okkulten 
Phänomenen zuzurechnen sind, die prophcMischen un(l die tele- 
pathischen. Für beide spricht eine unübersehbare Masse von /^ug- 



Die okkulte Bedeutung des Traumes l8i 

nissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung, wenn man will, 
das Vorurteil der Wissenschaft. 

Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr Inhalt 
irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet allerdings keinen 
Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vorhersagen in irgend be- 
merkenswerter Weise mit dem übereinstimmen, was später wirk- 
lich geschieht. Ich gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz 
der Unparteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychi- 
schen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung möglich 
sein sollte, das zukünftige Geschehen im Einzelnen vorauszusehen, 
widerspricht einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellungen 
der Wissenschaft und entspricht anderseits allzu getreu uralten, 
wohlbekannten Menschheits wünschen, welche die Kritik als unbe- 
rechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man 
die UnZuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwürdigkeit der 
meisten Berichte zusammenhält mit der Möglichkeit affektiv er- 
leichterter Erinnerungstäuschungen und der Notwendigkeit einzelner 
Zufallstreffer, darf man erwarten, daß sich der Spuk der prophe- 
tischen Wahrträume in ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe 
ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil 
erwecken könnte. 

Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier sei aber 
vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat, das telepa- 
thische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen Vorganges 
in einer Person durch eine andere auf anderem Wege als dem 
der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich an den Traum 
gebunden. Die Telepathie ist also wiederum kein Traumproblera, 
man braucht sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium 
der telepathischen Träume zu schöpfen. 

Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkommnisse 
(ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit der man 
andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so behält man doch 
ein ansehnliches Material übrig, das man nicht so leicht vernach- 



i8b Ergänzungen zur T'raumdcutung 



lässigen kann. Auch gelingt es auf diesem Gebiete weit eher, eigene 
Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln, die eine freundliche 
Einstellung zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich 
sie für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch nicht 
ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könnte 
wohl sein, daß die Telepathie wirklich exislierl und daß sie den 
Wahrheitskern von vielen anderen, sonst unglaublichen Aufstellungen 

bildet. 

Man tut gewiß recht daran, wenn nian auch in Sachen der 
Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig verleidigt und nur 
ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht. Ich glaube ein 
Material gefunden zu haben, welches den meisten sonst zulässigen 
Bedenken entzogen ist: nicht erlüllte Prophezeiungen berufsmäßiger 
Wahrsager. Leider stehen mir nur wenige solche lieobaclilungen 
zu Gebote, aber zwei unter diesen haben mir einen starken 
Eindruck hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich 
miuuteilen, daß sie auch auf ändert; wirken könnten. Ich 
muß mich auf die Hervorhebung einiger wesentlichen Punkte 
beschränken. 

Den betreffenden Personen war also — am fremden Ort und 
von Seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgendeine, wahr- 
scheinlich gleichgültige, Praktik betrieb — etwas lür eine bestimmte 
Zeit vorhergesagt worden, was nicht eingetroffen war. Die Ver- 
fallszeit der Prophezeiung war längst vorüber. Es war auliäUig, 
daß die Gewährspersonen anstatt mit Spott und Enttäuschung 
niit offenbarem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im 
Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich ganz 
bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und unverständlich schienen, 
die eben nur durch ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären. 
So sagte z. B. der Chiromant der siebenundzwHn/igjährigen, aber 
viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte, 
sie werde noch heiraten und mit zweiunddreiUig Jahren zwei 
Kinder haben. Die Frau war dreiundvier/.ig Jahre oll, als sie, 



i 



Die okkulte Bedeutung des Traumes i8g 

schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer Analyse 
erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre Geheim- 
geschichte kannte, die dem „Professeur" in der Halle des Pariser 
Hotels sicherlich unbekannt geblieben war, konnte man die beiden 
Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das Mädchen hatte nach einer 
ungewöhnlich intensiven Vaterbindung geheiratet und sich dann 
sehnlichst Kinder gewünscht, um ihren Mann an die Stelle des 
Vaters rücken zu künnen. Nach jahrelanger Enttäuschung, an der 
Schwelle einer Neurose, holte sie sich die Prophezeiung, die — 
ihr das Schicksal ihrer Mutter versprach. Auf diese traf es zu, 
daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So 
war es also nur mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigen- 
tümlichkeiten der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft 
sinnvoll zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so ein- 
deutig bestimmten, Sachverhalt nicht besser aufklären als durch 
die Annahme, ein starker Wunsch der Befragenden in Wirk- 
lichkeit der stärkste, unbewußte Wunsch ihres Affektlebens und 
der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch unmittel- 
bare Übertragung dem mit einer ablenkenden Hantierung beschäf- 
tigten Wahrsager kundgegeben. 

Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wiederholt 
den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark affektiv 
betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man sich, die 
Einfalle der Person, auf welche übertragen werden soll, einer 
analytischen Bearbeitung zu unterziehen, so kommen oft Überein- 
stimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich geblieben wären. 
Aus manchen Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, 
daß solche Übertragungen besonders gut in dem Moment zustande 
kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten auftaucht, 
theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Primärvorgang" in 
den „Sekundärvorgang" übergeht. 

Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des 
Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch nicht mehr 



l8^ Ergänzungen zur Traumdfulimg 



für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Telepathie 
zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so viel zu 
tun: Wetm es telepathische Bot-schnften gibt, so ist nicht ab- 
zuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und von ihm 
im Traum erfaßt werden können. Ja nach der Analogie mit 
anderem Wahrnehmungs- und (Jednnkenmnterial darf man es auch 
nicht abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des 
Tages aufgenommen wurden, erst im Traum der nächsten Nacht 
zur Verarbeitung kommen. Es wäre dann nicht einmal ein Ein- 
wand, wenn das telepathisch vermittelte Material im Traum wie 
ein anderes verändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne 
mit Hilfe der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über 
die Telepathie erfahren. 



ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VIII 
„LITERATURVERZEICHNIS" 



1 



In den späteren Auflagen dieses Buches ist der Versuch gemacht 
■worden, die Literatur bis zum jeweiligen Datum des Erscheinens 
fortzuführen. Ich habe aber hier darauf verzichtet. Bekanntlich 
hat seit dem Bekanntwerden der „Traumdeutung" die Literatur 
über den Traum (besonders die analytische) eine große Be- 
reicherung erfahren. 



s 



Das angekündigte Buch von Ruths ist meines Wissens nicht 
erschienen. 



ÜBER DEN TRAUM 



„über den Traum" erschif.n zuerst l^oi im Verlag J. ^^ Urrgmann, 
JVUsboiien (seither München), in den ^Crrmfragrn des Nerven- und Seelen- 
Ubens' (herausg. von LoivenfeM und Kurella): 2. Außage 1911, )• Auf- 
lage 1922. Übersetzungen erschienen in folp:enden S/^rachen: englisch 
(von M. D. Eder), London 1914; russisch, Petersburg i^Op; hollän- 
disch (von J. Stärcke), Leiden I^l); ungarisch (von S. FerenczO, 
Budapest 191S1 italienisch (von M. Levi-BianchinO, ^9^9! dänisch 
(von Gelsted, zusammen mit der Übersetzung der fünf Vorlesungen „ Über 
Psychoanalyse"), 192O: spanisch (von Luis Lopez Hallest rros y de Torres 
in Bd. II der Obras Completas), Madrid 192), und französisch (von 
Helene Legros in »Z.« Documents Bleus"), Paris 192J. 




-I 



In den Zeiten, die wir vorwissenschaftliche nennen dürfen, 
waren die Menschen um die Erklärung des Traumes nicht ver- 
legen. Wenn sie ihn nach dem Erwachen erinnerten, galt er 
ihnen als eine entweder gnädige oder feindselige Kundgebung 
höherer, dämonischer und göttlicher Mächte. Mit dem Auf- 
blühen naturwissenschaftlicher Denkweisen hat sich all diese 
sinnreiche Mythologie in Psychologie umgesetzt, und heute 
bezweifelt nur mehr eine geringe Minderzahl unter den Gebil- 
deten, daß der Traum die eigene psychische Leistung 
des Träumers ist. . ^ 

Seit der Verwerfung der mythologischen Hypothese ist der 
Traum aber erklärungsbedürftig geworden. Die Bedingungen seiner 
Entstehung, seine Beziehung zum Seelenleben des Wachens, seine 
Abhängigkeit von Reizen, die sich während des Schlafzustandes 
zur Wahrnehmung drängen, die vielen dem wachen Denken an- 
stößigen Eigentümlichkeiten seines Inhaltes, die Inkongruenz 
zwischen seinen Vorstellungsbildern und den an sie geknüpften 
Affekten, endlich die Flüchtigkeit des Traumes, die Art, wie das 
wache Denken ihn als fremdartig beiseite schiebt, in der Erinnerung 
verstümmelt oder auslöscht: — all diese und noch andere Pro- 
bleme verlangen seit vielen hundert Jahren nach Lösungen, die 
bis heute nicht befriedigend gegeben werden konnten. Im Vorder- 
grunde des Interesses steht aber die Frage nach der Bedeutung 
des Traumes, die einen zweifachen Sinn in sich schließt. Sie 



igo Übi-r /Im Traum 



fragt erstens nach der psychischen Bedeutung» des Träumens, nach 
der Stellung des Traumes zu anderen secHschrn Vorgängen und 
nach einer etwaigen biologischen Funktion desselben, und zweitens 
möchte sie wissen, ob der Traum deutbar ist, ob der einzelne 
Trauminhalt einen „S i n n" hat, wie wir ihn in anderen psychischen 
Kompositionen zu linden gewiilmt sind. 

Drei Richtungen machen sich in der Würdigung des Traumes 
bemerkbar. Die eine derselben, die gleichsam den Nachklang der 
alten Überschätzung des Traumes bewnlirl hat, lindet ihren Aus- 
druck bei manchen Philosophen. Ihmm gilt als die Grundlage des 
Traumlebens ein besonderer Zustand der Seelentatigkeit, den sie 
sogar als eine Erhebung zu einer höheren Stufe feiern. So urteilt 
2. B. Schubert: Der Traum sei eine Befreiung des Geistes 
von der Gewalt der äußeren Natur, eine Loslosung der Seele 
von den Fesseln der Sinnlichkeit. Andere Denker gehen nicht so 
weil, halten aber daran fest, daß die Träume wesentlich seelischen 
Anregungen entspringen und Äußerungen seelischer Kräfte dar- 
stellen, die tagsüber an ihrer freien Enifahuiig bchindi^rt sind (der 
Traum Phantasie — Sehern er, Volkelt). Kine Fähigkeit zur 
Überleistung wenigstens auf gewissen (iebit'len (Gedächtnis) 
wird dem Traumleben von einer großen An/.alil von Beobachtern 
zugesprochen. 

Im scharfen Gegensatz hiezu vertritt die Mehrzahl ärztlicher 
Autoren eine AuiTassung, welclie dem 'IVaum kaum noch den Wert 
eines psychischen Phänomens beläßt. Die Krrcger des Traumes 
sind nach ihnen ausschließlich die Sinnes- und Leibreize, die ent- 
weder von außen den Schläfer treffen oder /.iifällig in seinen 
inneren Organen rege werden. Das Geträunile hat nicht mehr 
Anspruch auf Sinn und Bedeutung als etwa die Tonfolge, welche 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen 
hervorrufen, wenn sie über die Tiisic-ii des Instruments hin- 
laufen. Der Traum ist geradezu als „ein körpirrlicher, in allen 
Fällen unnützer, in vielen Fällen krankhafter Vorgong" zu kenn- 



% 



über den Traum igi 



zeichnen (B i n z). Alle Eigentümlichkeiten des Traumlebens er- 
klären sich aus der zusammenhanglosen, durch physiologische Reize 
erzwungenen Arbeit einzelner Organe oder Zellgruppen des sonst 
in Schlaf versenkten Gehirns. 

Wenig beeinflußt durch dieses Urteil der Wissenschaft und 
unbekümmert um die Quellen des Traumes, scheint die Volks- 
meinung an dem Glauben festzuhalten, daß der Traum denn doch 
einen Sinn habe, der sich auf die Verkündigung der Zukunft 
bezieht, und der durch irgend ein Verfahren der Deutung aus 
seinem oft verworrenen und rätselhaften Inhalt gewonnen werden 
könne. Die in Anwendung gebrachten Deutungsmethoden bestehen 
darin, daß man den erinnerten Trauminhalt durch einen anderen 
ersetzt, entweder Stück für Stück nach einem feststehenden 
Schlüssel, oder das Ganze des Traumes durch ein anderes 
Ganzes, zu dem es iu der Beziehung eines Symbols steht. 
Ernsthafte Männer lächeln über diese Bemühungen. „Träume 
sind Schäume." — . - 



^ .. j - 



II 



Zu meiner großen Überraschung entdeckte ich eines Tages, daß 
nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aber- 
glauben befangene Auffassung des Trnumes der Walirheit nahe 
kommt. Ich gelangte nämlich zu neuen Aufschlüssen über den 
Traum, indem ich eine neue Methode der psychologischen Unter- 
suchung auf ihn anwendete, die mir bei der Lilsung der Phobien, 
Zwangsideen, Walmideen u. dgl. hervorragend gute Dienste geleistet 
hatte, und die seither unter dem Namen „Psychoanalyse" bei 
einer ganzen Schule von Forschern Aufnahme gefunden 
hat. Die mannigfaltigen Analogien des 'I'rnumlebens mit den ver- 
schiedenartigsten Zuständen psychischer Kiiiiikheit im Wachen 
sind ja von zahlreichen ärztlichen Korsebern mit Hecht bemerkt 
worden. Es erschien also von vorneherein holTnungsvoll, ein 
Untersuchungsverfahren, welches sich bei den psycbopathischen 
Gebilden bewährt hatte, auch zur Aufklärung des Traumes her- 
anzuziehen. Die Angst- und Zwangsideen stehen dem normalen 
Bewußtsein in ähnlicher Weise fremd gegenüber wie die Träume 
dem Wachbewußtsein; ihre Herkunft ist dem üewußtsein ebenso 
unbekannt wie die der Träume. Hei diesen psycliopnthischen 
Bildungen wurde man durch ein praktisches Interesse getrieben, 
ihre Herkunft und Entstehungs weise zu ergründen, denn die 
Erfahrung hatte gezeigt, daß eine solche Aufdeckung der dem 
Bewußtsein verhüllten Gedankenwege, durch welche die krank- 
haften Ideen mit dem Übrigen psychischen Inhalt zusammen- 



über den Traum iq^ 



hängen, einer Lösung dieser Symptome gleichkommt, die Bewäl- 
tigung der bisher unhemmbaren Idee zur Folge hat. Aus der 
Psychotherapie stammte also das Verfahren, dessen ich mich für 
die Auflösung der Träume bediente. 

Dieses Verfahren ist leicht zu beschreiben, wenngleich seine 
Ausführung Unterweisung und Übung erfordern dürfte. Wenn 
man es bei einem anderen, etwa einem Kranken mit einer Angst- 
vorslellung, in Anwendung zu bringen hat, so fordert man ihn 
auf, seine Aufmerksamkeit auf die betreffende Idee zu richten, 
aber nicht, wie er schon so oft getan, über sie nachzudenken, 
sondern alles ohne Ausnahme sich klar zu machen und dem 
Arzt mitzuteilen, was ihm zu ihr einfällt. Die dann etwa 
auftretende Behauptung, daß die Aufmerksamkeit nichts erfassen 
könne, schiebt man durch eine energische Versicherung, ein 
solches Ausbleiben eines Vorstellungsinhaltes sei ganz unmöglich, 
zur Seite. Tatsächlich ergeben sich sehr bald zahlreiche Einfälle, 
an die sich weitere knüpfen, die aber regelmäßig von dem Urteil 
des Selbstbeobachters eingeleitet werden, sie seien unsinnig oder 
unwichtig, gehören nicht hierher, seien ihm nur zulallie: und 
außer Zusammenhang mit dem gegebenen Thema eingefallen. Man 
merkt sofort, daß es diese Kritik ist, welche all diese Einfälle 
von der Mitteilung, ja bereits vom Bewußtwerden, ausgeschlossen 
hat. Kann man die betreffende Person dazu bewegen, auf solche 
Kritik gegen ihre Einfälle zu verzichten und die Gedankenreihen, 
die sich bei festgehaltener Auimerksamkeit ergeben, weiter zu 
spmnen, so gewinnt man ein psychisches Material, welches alsbald 
deutlich an die zum Thema genommene krankhafte Idee anknüpft, 
deren Verknüpfungen mit anderen Ideen bloßlegt, und in weiterer 
Verfolgung gestattet, die krankhafte Idee durch eine neue zu 
ersetzen, die sich in versländlicher Weise in den seehschen Zu- 
sammenhang einfügt. 

Es ist hier nicht der Ort, die Voraussetzungen, auf denen dieser 
Versuch ruht, und die Folgerungen, die sich aus seinem regel- 

Freud, III. 15 



IQA über den Traum 



mäßigen Gelingen ableiten, ausführlich zu beliandeln. Es mag also 
die Aussage genügen, daß wir bei jeder krankhaften Idee ein zur 
Lösung derselben hinreichendes Material erhalten, wenn wir 
unsere Aufmerksamkeit gerade den „ungewollte n", den 
„unser Nachdenken störenden", den sonst von der Kritik 
als wertloser Abfall beseitigten Assoxiationen zuwenden. Übt man 
das Verfahren an sich selbst, so unterstützt man sich bei der 
Untersuchung am besten durch sofortiges Niederschreiben seiner 
anfänglich unverständlichen Einfalle. 

Ich will nun zeigen, wohin es führt, wenn ich diese Methode 
der Untersuchung auf den Traum anwende. Ks müßte jedes 
Traumbeispiel sich in gleicher Weise dazu eignen; aus gewissen 
Motiven wähle ich aber einen eigenen Traum, der mir in der 
Erinnerung undeutlich und sinnlos erscheint, und der sich durch 
seine Kürze empfehlen kann. Vielleicht wird gerade der Traum 
der letzten Nacht diesen Ansprüchen genügen. Sein unmittelbar 
nach dem Erwachen fixiert(?r Inhalt liuilel folgendermaßen: 

„S/we Ge&ellschafu Tisch oder Table d'/iulc . . . Es wird Spinat 
gegessen . . . Frau E. L. sitzt neben mir, wendet sieb ganz mir 
zu und legt vertraulich die Hand auf mein Knie. Ich entferne 
die Hand abwehrend. Sie sagt dann: Sie haben aber innner so 
schöne Augen gehabt . , . Ich sehe dann imdeufUch etwas wie 
zwei Augen als Zeichnung oder wie die Kontur eines Brillen- 
glases ..." 

Dies ist der ganze Traum oder wenigstens alles, was ich von 
ihm erinnere. Er erscheint mir dunkel und sinnlos, vor allem 
aber befremdlich. Frau E. L. ist eine Person, zu der ich kaum 
je freundschaftliche Beziehungen gepflogen, meines Wissens 
herzlichere nie gewünscht habe. Ich habe sie lange Zeil nicht 
gesehen und glaube nicht, daß in den letzten Tagen von ihr die 
Rede war. Irgendwelche Aifekte haben den Traumvorgang nicht j 

begleitet. ^| 

Nachdenken über diesen Traum bringt ihn meinem Verständnis ^ 



t 



über den Traum iq< 



nicht näher. Ich werde aber jetzt absichts- und kritiklos die Ein- 
fälle verzeichnen, die sich meiner Selbstbeobachtung ergeben. Ich 
bemerke bald, daß es dabei vorteilhaft ist, den Traum in seine 
Elemente zu zerlegen und zu jedem dieser Bruchstücke die an- 
knüpfenden Einfälle aufzusuchen. 

Gesellschaft, Tisch oder Table d'hote. Daran knüpft 
sich sofort die Erinnerung an das kleine Erlebnis, welches den 
gestrigen Abend beschloß. Ich war von einer kleinen Gesellschaft 
weggegangen in Begleitung eines Freundes, der sich erbot, einen 
Wagen zu nehmen und mich nach Hause zu führen. „Ich ziehe 
einen Wagen mit Ta.xameter vor," sagte er, „das beschäftigt 
einen so angenehm; man hat immer etwas, worauf man schauen 
kann." Als wir im Wagen saßen und der Kutscher die Scheibe 
einstellte, so daß die ersten sechzig Heller sichtbar wurden, setzte 
ich den Scherz fort. „Wir sind kaum eingestiegen und schulden 
ihm schon sechzig Heller. Mich erinnert der Taxameterwagen 
immer an die Table d'hote. Er macht mich geizig und eigen- 
süchtig, indem er mich unausgesetzt an meine Schuld mahnt. Es 
kommt mir vor, daß diese zu schnell wächst, und ich fürchte 
mich, zu kurz zu kommen, gerade wie ich mich auch an der 
Table d'hote der komischen Besorgnis, ich bekomme zu wenig 
müsse auf meinen Vorteil bedacht sein, nicht erwehren kann." 
In entfernterem Zusammenhange hiermit zitierte ich: 

„Ihr führt ins Leben uns hinein, 
Ihr laßt den Armen schuldig werden." 

Ein zweiter Einfall zur Table d'hote: Vor einigen Wochen 
habe Ich mich an einer Gasthaustafel in einem Tiroler 
Höhenkurort heftig über meine liebe Frau geärgert, die mir nicht 
reserviert genug gegen einige Nachbarn war, mit denen ich durch- 
aus keinen Verkehr anknüpfen wollte. Ich bat sie, sich mehr mit 
mir als mit den Fremden zu beschäftigen. Das ist ja auch, als 
ob ich an der Table d'hote zu kurz gekommen 
wäre. Jetzt fällt mir auch der Gegensatz auf zwischen dem 

■3* 



igß Über den Traum 



Benehmen meiner Frau an jener Tafel und dem der Frau E. L. 
im Traum, „die sich ganz mir zuwendet". 

Weiter: Ich merke jetzt, daß der Traumvorgaiig die Repro- 
duktion einer kleinen Szene ist, die sich ganz ähnlich so zwischen 
meiner Frau und mir zur Zeit meiner geheimen Werbung zuge- 
tragen hat. Die Liebkosung unter dem Tischtuch war die Ant- 
wort auf einen ernsthaft werbenden Brief. Im Traum ist aber 
meine Frau durch die mir fremde E. L. ersetzt. 

Frau E. L. ist die Tochter eines Mannes, dem ich Geld 
geschuldet habe! Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß 
sich da ein ungeahnter Zusammenhang zwischen den Stücken des 
Trauminhalts und meinen Einfällen enthüllt. Folgt man der 
Assoziationskette, die von einem Element des Traumiiilialtes aus- 
geht, so wird man bald zu einem anderen Element desselben 
zurückgeführt. Meine Einfalle zum Traume stellen Verbindungen 
her, die im Traume selbst nicht ersichtlich sind. 

Pflegt man nicht, wenn jemand erwartet, daü andere für seinen 
Vorteil sorgen sollen, ohne eigenen Vorteil dabei zu linden, diesen 
Weltunkundigen höhnisch zu fragen: Glauben sie denn, daß dies 
oder jenes um Ihrer schiinen Augen willen geschehen 
wird? Dann bedeutet ja die Rede der Frau E. L. im Traume: 
„Sie haben immer so schone Augen gehabt" nichts anderes als: 
Ihnen haben die Leute immer alles zu Liebe getan; Sie haben 
alles umsonst gehabt. Das Gegenteil ist natürlich wahr: Ich 
habe alles, was mir andere etwa Gutes erwiesen, teuer bezahlt. 
Eis muß mir doch einen Eindruck gemacht haben, daß ich gestern 
den Wagen umsonst gehabt habe, in dem mich mein 
Freund nach Hause geführt hat. 

Allerdings der Freund, bei dem wir gestern zu Gaste waren, 
hat mich oft zu seinem Schuldner gemacht. Ich habe erst unlängst 
eine Gelegenheit, es ihm zu vergelten, ungenützt vorübergehen 
lassen. Er hat ein einziges Geschenk von mir, eine antike Schale, 
auf der ringsum Augen gemalt sind, ein sog. Occhiale zur 



über den Traum ig^ 



Abwehr des Malocchio. Er ist übrigens Augenarzt. Ich 
hatte ihn an demselben Abend nach der Patientin gefragt, die 
ich zur Brillen bestimmung in seine Ordination empfohlen 
hatte. 

Wie ich bemerke, sind nun fast sämtliche Stücke des Traum- 
inhaltes in den neuen Zusammenhang gebracht. Ich könnte aber 
konsequenter Weise noch fragen, warum im Traume gerade 
Spinat aufgetischt wird? W^eil Spinat an eine kleine Szene 
erinnert, die kürzlich an unserem Familientische vorfiel, als ein 
Kind — gerade jenes, dem man die schönen Augen wirk- 
lich nachrühmen kann — sich weigerte, Spinat zu essen. Ich 
selbst benahm mich als Kind ebenso; Spinat war mir lange Zeit 
ein Abscheu, bis sich mein Geschmack später änderte und dieses 
Gemüse zur Lieblingsspeise erhob. Die Erwähnung dieses Gerichts 
stellt so eine Annäherung her zwischen meiner Jugend und der 
meines Kindes. „Sei froh, daß du Spinat hast," hatte die Mutter 
dem kleinen Feinschmecker zugerufen. „Es gibt Kinder, die mit 
Spinat sehr zufrieden wären." Ich werde so an die Pflichten der 
Eltern gegen ihre Kinder erinnert. Die Goetheschen Worte: 

„Ihr führt ins Leben uns hinein, 
Ihr laßt den Armen schuldig werden" 

zeigen in diesem Zusammenhange einen neuen Sinn. 

Ich werde hier haltmachen, um die bisherigen Ergebnisse der 
Traumanalyse zu überblicken. Indem ich den Assoziationen folgte, 
welche sich an die einzelnen, aus ihrem Zusammenhang gerissenen 
Elemente des Traumes anknüpften, bin ich zu einer Reihe von 
Gedanken und Erinnerungen gelangt, in denen ich wertvolle 
Äußerungen meines Seelenlebens erkennen muß. Dieses durch die 
Analyse des Traumes gefundene Material steht in einer innigen 
Beziehung zum Trauminhalt, doch ist diese Beziehung von der 
Art, daß ich das neu Gefundene niemals aus dem Trauminhalt 
hätte erschließen können. Der Traum war affektlos, unzusammen- 



lia 



igg Über den Traum 



liängend und unverständlich; während ich die Gedanken hinter 
dem Traume entwickle, verspüre ich intensive und gut 
begründete AfFekiregungen; die Gedanken selbst fügen sich aus- 
gezeichnet zu logisch verbundenen Kelten zusammen, in denen 
gewisse Vorstellungen als zentrale wiederholt vorkommen. Solche 
im Traum selbst nicht vertretene Vorstellungen sind in unserem 
Beispiel die Gegensätze von eigennü tzlg — un eigennützig, 
die Elemente schuldig sein und umsonst tun. Ich konnte 
in dem Gewebe, welches sich der Analyse enthüllt, die Fäden 
fester anziehen und würde dann zeigen können, daß sie zu einem 
einzigen Knoten zusammenlaufen, aber Rücksichten nicht wissen- 
schaftlicher, sondern privater Natur hindern mich, diese Arbeit 
öffentlich zu tun. Ich müßte zu vielerlei verraten, was besser 
mein Geheimnis bleibt, nachdem ich auf dem Wege zu dieser 
Lösung mir allerlei klar gemacht, was ich mir selbst ungern ein- 
gestehe. Warum ich aber nicht lieber einen anderen Traum 
wählte, dessen Analyse sich zur Mitteilung bes.ser eignet, so daß 
ich eine bessere Überzeugung für den Sinn und Zusammenhang 
des durch Analyse aufgefundenen Materials erwecken kann? Die 
Antwort lautet, weil jeder Traum, mit dem ich mich beschäftigen 
will, zu denselben schwer mitteilbaren Dingen führen und mich 
in die gleiche Nötigung zur Diskretion versetzen wird. Ebenso- 
wenig würde ich diese Schwierigkeit vermeiden, wenn ich den 
Traum eines anderen zur Analyse brächte, es sei denn, daß die 
Verhältnisse gestalteten, ohne Schaden für den mir Vertrauenden 
alle Verschleierungen fallen zu lassen. 

Die Auffassung, die sich mir schon jetzt aufdrängt, geht dahin, 
daß der Traum eine Art Ersatz ist für jene «Ifektvollen und 
sinnreichen Gedankengänge, zu denen ich nach vollendeter Analyse 
gelangt bin. Ich kenne den Prozeß noch nicht, welcher aus diesen 
Gedanken den Traum hat entstellen lassen, ober ich sehe ein, 
daß es Unrecht ist, diesen als einen rein körperlichen, psychiscli 
bedeutungslosen Vorgang hinzustellen, der durch die isolierte 



über den Traum igg 



Tätigkeit einzelner, aus dem Schlaf geweckter Hirnzellgruppen 
entstanden ist. 

Zweierlei merke ich noch an: daß der Trauminhalt sehr viel 
( kürzer ist als die Gedanken, für deren Ersatz ich ihn erkläre, 

und daß die Analyse eine unwichtige Begebenheit des Abends 
vor dem Träumen als den Traumerreger aufgedeckt hat. 

Ich werde einen so weit reichenden Schluß nalürhch nicht 
ziehen, wenn mir erst eine einzige Traumanalyse vorliegt. Wenn 
mir aber die Erfahrung gezeigt hat, daß ich durch kritiklose Ver- 
folgung der Assoziationen von jedem Traum aus zu einer solchen 
Kette von Gedanken gelangen kann, unter deren Elementen die 
Traumbestandteile wiederkehren, und die unter sich korrekt und 
sinnreich verknüpft sind, so wird die geringe Erwartung, daß die 
das erstemal bemerkten Zusammenhänge sich als Zufall heraus- 
stellen könnten, wohl aufgegeben werden. Ich halte mich dann 
für berechtigt, die neue Einsicht durch Namengebung zu fixieren. 
Den Traum, wie er mir in der Erinnerung vorliegt, stelle ich 
dem durch Analyse gefundenen zugehörigen Material gegenüber, 
nenne den ersteren den manifesten Trauminhalt das 
letztere — ■ zunächst ohne weitere Scheidung — den latenten 
Trauminhalt. Ich stehe dann vor zwei neuen, bisher nicht 
formulierten Problemen: l) welches der psychische Vorgang ist, 
der den latenten Trauminhalt in den mir aus der Erinnerung 
bekannten, manifesten, übergeführt hat; 2) welches das Motiv 
oder die Motive sind, die solche Übersetzung erfordert haben. 
Den Vorgang der Verwandlung vom latenten zum manifesten 
Trauminhalt werde ich die Traumarb ei t nennen. Das Gegen- 
stück zu dieser Arbeit, welches die entgegengesetzte Umwandlung 
leistet, kenne ich bereits als Analysenarbeit. Die anderen 
Traumprobleme, die Fragen nach den Traumerregern, nach der 
Herkunft des Traummaterials, nach dem etwaigen Sinn des 
Traumes und Funktion des Träumens, und nach den Gründen 
des Traum vergessens werde ich nicht am manifesten, sondern am 



200 



Über den Traum 



n 



neugewonnenen latenten Trauminlialt erörtern. Da ich alle 
widersprechenden wie alle unrichtigen Angaben über das Traum- 
leben in der Literatur auf die Unkenntnis des erst durch Analyse 
zu enthüllenden latenten TrauminhnlLes zurückführe, werde ich 
eine Verwechslung des manifesten Traumes mit den 
latenten Traumgedanken fortan aufs sorgfältigste zu ver- 
meiden suchen. 



1^ 



III 



Die Verwandlung der latenten Traumgedanken in den mani 
festen Trauminhalt verdient unsere volle Aufmerksamkeil als das 
zuerst bekannt gewordene Beispiel von Umsetzung eines psychi- 
schen Materials aus der einen Ausdrucksweise in die andere, aus 
einer Ausdrucksweise, die uns ohne weiteres verständlich ist in 
eine andere, zu deren Verständnis wir erst durch Anleitung und 
Bemühung vordringen können, obwohl auch sie als Leistung 
unserer Seelentätigkeit anerkannt werden muß. Mit Rücksicht 
auf das Verhältnis von latentem zu manifestem Trauminhalt 
lassen sich die Träume in drei Kategorien bringen. Wir können 
erstens solche Träume unterscheiden, die sinnvoll und eleich- 
zeitig verständlich sind, d. h. eine Einreihung in unser 
seelisches Leben ohne weiteren Anstoß zulassen. Solcher Träume 
gibt es viele; sie sind meist kurz und erscheinen uns im allge- 
meinen wenig bemerkenswert, weil alles Erstaunen oder Befremden 
Erregende ihnen abgeht. Ihr Vorkommen ist übrigens ein starkes 
Argument gegen die Lehre, welche den Traum durch isolierte 
Tätigkeit einzelner Hirnzellgruppen entstehen läßt^ es fehlen ihnen 
alle Kennzeichen herabgesetzter oder zerstückelter psychischer 
Tätigkeit, und doch erheben wir gegen ihren Charakter als Träume 
niemals einen Einspruch und verwechseln sie nicht mit den 
Produkten des Wachens. Eine zweite Gruppe bilden jene Träume, 
die zwar in sich zusammenhängend sind und einen klaren Sinn 
haben, aber befremdend wirken, weil wir diesen Sinn in 



203 Über dm Traum 



m 



unserem Seelenleben nicht unterzubringen wissen. Solch ein Fall 
ist es, wenn wir z. ß. träumen, daß ein lieber Verwandter an 
der Pest gestorben ist, während wir keinen Grund zu solcher 
Erwartung, Besorgnis oder Annahme kennen und uns verwundert 
fragen: wie komme ich zu dieser Idee? In die dritte Gruppe 
gehören endlich jene Träume, denen beides abgeht, Sinn und 
Verständlichkeit, die unzusammenhängend, verworren 
und sinnlos erscheinen. Die überwiegende Mehrzahl der Pro- 
dukte unseres Träumens zeigt diese Choraktere, welche die Gering- 
schätzung der IVöume und die ärztliche Theorie von der ein- 
geschränkten Seelentätigkeit begründet haben. Zumal in den 
längeren und komplizierteren 'IVaumkompositionen vermißt man 
nur selten die deutlichsten Zeichen der Inknliärenz. 

Der Gegensatz von manifestem und latentem Trauminholt hat 
offenbar nur für die Traume der zweiten, und noch eigentlicher 
für die der dritten Kategorie Bedeutung. Hier linden sich die 
Rätsel vor, die erst verschwinden, wenn man den manifesten 
Traum durch den latenten Gedonkeninhalt ersel/.t, und an einem 
Beispiel dieser Art, an einem verworrenen und unverständlichen 
Traum, haben wir auch die voranstehende Analyse ausgeführt. 
Wir sind aber wider unser Erwarten auf Motive gestoßen, die 
uns eine vollständige Kenntnisnahme der latenten Traumgedanken 
verwehrten, und durch die Wiederholung der gleichen Erfahrung 
dürften wir zur Vermutung geführt werden, daß zwischen 
dem unverständlichen und verworrenen Cha- 
rakter des Traumes und den Schwierigkeiten 
bei der Mitteilung der Traumgedanken ein 
intimer und gesetzmäßiger Zusammenhang 
besteht. Ehe wir die Natur dieses Zusammenhanges erforschen, 
werden wir mit Vorteil unser Interesse den leichter verständlichen 
Träumen der ersten Kategorie zuwenden, in denen manifester 
und latenter Inhalt zusammenfallen, die Traumarbeit also erspart 
«cheint. 



über den Traum 205 



Die Untersuchung dieser Träume empfiehlt sich noch von einem 
anderen Gesichtspunkte aus. Die Träume der Kinder sind näm- 
hch von solcher Art, also sinnvoll und nicht befremdend, was, 
nebenbei bemerkt, einen neuen Einspruch gegen die Zurück- 
fiihrung des Traumes auf dissoziierte Hirntäligkeit im Schlafe 
abgibt, denn warum sollte wohl solche Herabsetzung der psychi- 
schen Funktionen beim Erwachsenen zu den Charakteren des 
Schlafzustandes gehören, beim Kinde aber nicht? Wir dürfen uns 
aber mit vollem Recht der Erwartung hingeben, daß die Auf- 
klärung psychischer Vorgänge beim Kinde, wo sie wesentlich ver- 
einfacht sein mögen, sich als eine unerläßliche Vorarbeit für die 
Psychologie des Erwachsenen erweisen wird. 

Ich werde also einige Beispiele von Träumen mitteilen, die ich 
von Kindern gesammelt habe; Ein Mädchen von 19 Monaten 
wird über einen Tag nüchtern erhalten, weil sie am Morgen 
erbrochen und sich nach der Aussage der Kinderfrau an Erd- 
beeren verdorben hat. In der Nacht nach diesem Hungertag hört 
man sie aus dem Schlafe ihren Namen nennen und dazusetzen: 
„Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp.'' Sie träumt also, daß 
sie ißt, und hebt aus ihrem Menü gerade das hervor, was ihr 
die nächste Zeit, wie sie vermutet, karg zugemessen bleiben wird. 
— Ähnlich träumt von einem versagten Genuß ein 2Q mona- 
tiger Knabe, der tags zuvor seinem Onkel ein Körbchen mit 
frischen Kirschen hatte als Geschenk anbieten müssen, von denen 
er natürlich nur eine Probe kosten durfte. Er erwacht mit der 
freudigen Mitteilung: He(r)mann alle Kirschen aufgessen. — 
Ein s'/Jähriges Mädchen hatte am Tage eine Fahrt über den 
See gemacht, die ihr nicht lang genug gedauert hatte, denn sie 
weinte, als sie aussteigen sollte. Am Morgen darauf erzählte sie, 
daß sie in der Nacht auf dem See gefahren, die unterbrochene 
Fahrt also fortgesetzt habe. — Ein 5'/*Jähriger Knabe schien von 
einer Fußpartie in der Dachsteingegend wenig befriedigt; er 
erkundigte sich, so oft ein neuer Berg in Sicht kam, ob das dei- 



n 



204 über den Traum 



Dachstein sei, und weigerte sich dann, den We^ zum Wasserfall 
mitzumachen. Sein Benehmen wurde auf Müdigkeit geschoben, 
erklärte sich aber besser, als er am nöchslen Morgen seinen Traum 
erzählte, er sei auf den Dachstein gestiegen. Er hatte 
offenbar erwartet, die Dachsleinbesteigung werde das Ziel des 
Ausfluges sein, und war verstimmt worden, als er den ersehnten 
Berg nicht zu Gesicht bekam. Im Traum holte er nach, was der 
Tag ihm nicht gebracht hatte. — Ganz ahnlich benahm sich der 
Traum eines sechsjährigen Mädchens, dessen Vater einen Spazier- 
gang vor dem erreichten Ziele wegen vorgerückter Stunde abge- 
brochen hatte. Auf dem Rückweg war ihr eine Wegtafel auf- 
gefallen, die einen anderen Ausilugsort nannte, und der Vater 
hatte versprochen, sie ein andermal auch dorthin zu iühren. Sie 
empfing den Vater am nächsten Morgen mit der Mitteilung, sie 
habe geträumt, der Vater sei mit ihr an dem einen wie 
an dem anderen Ort gewesen. 

Das Gemeinsame dieser Kinderträume ist augenfällig. Sie 
erfüllen sämtlich Wünsche, die am Tage rege gemacht und uner- 
füllt geblieben sind. Sie sind einfache und unverhüUle 
Wunscherfüllungen. 

Nichts anderes als eine Wunscherfüllung ist auch folgender, 
auf den ersten Eindruck nicht ganz veislÜTidlicher Kindertraum. 
Ein nicht vierjähriges Mädchen war einer poliomyelitischen Affek- 
tion wegen vom Lande in die Stadt gebracht worcien und über- 
nachtete bei einer kinderlosen Tonte in einem großen — für sie 
natürlich übergroßen ■ — Bette. Am nächsten Morgen berichtete 
sie, daß sie gelräumt, das Bett sei ihr viel zu klein 
gewesen, so daß sie in ihm keinen Platz 
gefunden. Die Lösung dieses Traumes als Wunschtraum ergibt 
sich leicht, wenn man sich erinnert, daß „G r o ß s e i n" ein 
häufig auch geäußerter Wunsch der Kinder ist. Die Größe des 
Bettes mahnte das kleine Gernegroß allzu nnchdrücklich an seine 
Kleinheit; darum korrigierte es im Traume das ihm unliebsame 



über den Traum soii 



Verhältnis und wurde nun so groß, daß ihm das große Bett noch 
zu klein war. 

Auch wenn der Inhalt der Kinderträume sich kompliziert und 
verfeinert, liegt die Auffassung als Wunscherfüllung jedesmal 
sehr nahe. Ein achtjähriger Knabe träumt, daß er mit Achilleus 
im Streitwagen gefahren, den Diomedes lenkte. Er hat sich nach- 
weisbar tags vorher in die Lektüre griechischer Heldensagen ver- 
senkt; es ist leicht zu konstatieren, daß er sich diese Helden zu 
Vorbildern genommen und bedauert hat, nicht in ihrer Zeit zu 
leben. 

Aus dieser kleinen Sammlung erhellt ohne weiteres ein 
zweiter Charakter der Kinderträume, ihr Zusammenhang 
mit dem Tagesleben. Die Wünsche, die sich in ihnen 
erfüllen, sind vom Tage, in der Regel vom Vortage, erübrigt und 
sind im Wachdenken mit intensiver Gefühlsbetonung ausgestattet 
gewesen. Unwesentliches und Gleichgültiges, oder was dem Kinde 
so erscheinen muß, hat im Trauminhalt keine Aufnahme 
gefunden. 

Auch bei Erwachsenen kann man zahlreiche Beispiele solcher 
Träume von infantilem Typus sammeln, die aber, wie erwähnt, 
meist knapp an Inhalt sind. So beantwortet eine Reihe von Per- 
sonen einen nächtlichen Durstreiz regelmäßig mit dem Traume 
zu trinken, der also den Reiz fortzuschaffen und den Schlaf fort- 
zusetzen strebt. Bei manchen Menschen findet man solche 
Bequemlichkeitsträume häufig vor dem Erwachen, wenn 
die Aufforderung aufzustehen, an sie herantritt. Sie träumen 
dann, daß sie schon aufgestanden sind, beim Waschtisch stehen 
oder sich bereits in der Schule, im Bureau u. dgl. befinden, wo 
sie zur bestimmten Zeit sein sollten. In der Nacht vor einer 
beabsichtigten Reise träumt man nicht selten, daß man am 
Bestimmungsorte angekommen ist; vor einer Theatervorstellung, 
einer Gesellschaft antizipiert der Traum nicht selten — gleich- 
sam ungeduldig — das erwartete Vergnügen. Andere Male drückt 



2o6 über den Traum 



der Traum die Wunscherfüllung um eine Stufe indirekter aus; 
es bedarf noch der Herstellung einer Beziehung, einer Folgerung, 
also eines Beginnes von Deulungsarbeit, um die WunscherfüUung 
zu erkennen. So z. B. wenn mir ein Manu den Traum seiner 
jungen Frau erzählt, daß sich bei ihr die Periode eingestellt habe. 
Ich muß daran denken, daß die junge Frau einer Gravidität ent- 
gegensieht, wenn ihr die Periode ausbleibt. Dann ist die Mit- 
teilung des Traumes eine (Jraviditatsanzeige, und sein Sinn ist, 
daß er den Wunsch erfüllt zeigt, die Gravidität möge doch noch 
eine Weile ausbleiben. Unter ungewöhnlichen und extremen Ver- 
hältnissen werden solche Träume von infantilem Cliarakter 
besonders liäufig. Der Leiter einer Polarexpedilion berichtet z. B., 
daß seine Mannschaft während der Überwinterung im Eise bei 
monotoner Kost und schmalen Rationen regelmäßig wie die 
Kinder von großen Mahlzeilen träumte, von Bergen von Tabak 
und vom Zuhausesein. 

Gar nicht selten hebt sich aus einem längeren, komplizierten 
und im ganzen verworrenen Traum ein besonders klares Stück 
hervor, das eine unverkennbare Wunscherfüllung enthält, aber 
mit anderem, unverständlichen Materini verlötet ist. Versucht 
man häufiger, auch die anscheinend undurchsichtigen Träume 
Erwachsener zu analysieren, so erlahrt man zu seiner Verwun- 
derung, daß diese selten so einfach sind wie die Kinderträume, 
und daß sie etwa hinter der einen Wunscherfüllung noch anderen 
Sinn verbergen. 

Es wäre nun gewiß eine einfache und befriedigende Lösung 
der Traumrälsel, wenn etwa die Analysenarbeit uns ermöglichen 
sollte, auch die sinnlosen und verworrenen Träume Erwachsener 
auf den infantilen Typus der Erfüllung eines intensiv empfun- 
denen Wunsches vom Tage zurückzuführen. Der Anschein spricht 
gewiß nicht für diese Erwartung. Uie Träume sind meist voll 
des gleichgültigsten und fremiinrtigsten Materials, und von 
Wunscherfüllung ist in ihrem Inliidl iiichis zu merken. 



über den Traum 207 



Ehe wir aber die infantilen Träume, die unverhüllte Wunsch- 
erfüllungen sind, verlassen, wollen wir nicht versäumen, einen 
längst bemerkten Hauptcharakter des Traumes zu erwähnen, der 
gerade in dieser Gruppe am reinsten hervortritt. Ich kann jeden 
dieser Träume durch einen Wunschsatz ersetzen: Oh, hätte die 
Fahrt auf dem See doch länger gedauert; — wäre ich doch 
schon gewaschen und angezogen; — hätte ich doch die Kirschen 
behalten dürfen, anstatt sie dem Onkel zu geben; aber der 
Traum gibt mehr als diesen Optativ. Er zeigt den Wunsch als 
bereits erfüllt, stellt diese Erfüllung als real und gegenwärtig dar, 
und das Material der Traumdarstellung besteht vorwiegend — 
wenn auch nicht ausschließlich — aus Situationen und meist 
visuellen Sinnesbildern. Auch in dieser Gruppe wird also eine 
Art Umwandlung — die man als Traumarbeit bezeichnen darf 
— nicht völlig vermißt : Ein im Optativ stehender 
Gedanke ist durch eine Anschauung im Präsens 
ersetzt. 



IV 

Wir werden geneigt sein anzunehmen, liaÜ eine solche Um- 
setzung in eine Situation auch bei den verworrenen Träumen 
stattgefunden hat, wiewohl wir nicht wissen können, ob sie auch 
hier einen Optativ betraf. Das eingangs mitgeteilte Traum- 
beispiel, in dessen Analyse wir ein Stück weit eingegangen sind, 
gibt uns allerdings an zwei Stellen Anlaß, etwas Derartiges zu 
vermuten. Es kommt in der Analyse vor, daß meine Frau sich 
an der Tafel mit inideren beschäftigt, was ich als unangenehm 
empfinde; der Traum enlhäk diivnn das genaue Gegenteil, 
daß die Person, die meine Frau ersetzt, sich ganz mir zuwendet. 
Zu welchem Wunsch kann aber ein unangenehmes Erlebnis 
besser Anlaß geben, als zu dem, daß sich das Gegenteil davon 
ereignet haben sollte, wie es der Traum als vollzogen enthält? 
In ganz ähnlichem Verhältnis steht der bitteie Gedanke in der 
Analyse, daß ich nichts umsonst gehabt habe, zu der Rede der 
Frau im Traum: Sie haben ja immer so schone Augen gehabt. 
Ein Teil der Gegensätzlichkeiten zwischen monifpslem und 
latentem Trauminhalt dürfte sich also auf Wunscherfüllung 
zurückführen lassen. 

Augenfälliger ist aber eine andere Leistung der '1 'raumarbeit, 
durch welche die inkohärenten Träume zustande kommen. Ver- 
gleicht man an einem beliebigen Beispiel die 'Zahl der Vor- 
stellungselemenle oder den Umfang der Niedersclirift beim 
Traum und bei den Traumgedanken, zu denen die Analyse 



über den Traum 209 



führt, und von denen man eine Spur im Traume wiederfindet, 
so kann man nicht bezweifeln, daß die Traumarbeit hier eine 
großartige Zusammendrängung oder Verdichtung zustande 
gebracht hat. Über das Ausmaß dieser Verdichtung kann man 
sich zunächst ein Urteil nicht bilden; sie imponiert aber um so 
mehr, je tiefer man in die Traumanalyse eingedrungen ist. Da 
findet man dann kein Element des Trauminhaltes, von dem die 
Assoziationsfäden nicht nach zwei oder mehr Richtungen aus- 
einandergingen, keine Situation, die nicht aus zwei oder mehr 
Eindrücken und Erlebnissen zusammengestückelt wäre. Ich 
träumte z. B. einmal von einer Art Schwimmbassin, In dem die 
Badenden nach allen Richtungen auseinanderfuhren; an einer 
Stelle des Randes stand eine Person, die sich zu einer badenden 
Person neigte, wie um sie herauszuziehen. Die Situation war 
zusammengesetzt aus der Erinnerung an ein Erlebnis der Puber- 
tätszeit und aus zwei Bildern, von denen ich eines kurz vor dem 
Traum gesehen hatte. Die zwei Bilder waren das der Über- 
raschung im Bade aus dem Schwindschen Zyklus Melusine 
(siehe die auseinanderfahrenden Badenden) und ein Sintflutbild 
eines italienischen Meisters. Das kleine Erlebnis aber hatte darin 
bestanden, daß ich zusehen konnte, wie in der Schwimmschule 
der Bademeister einer Dame aus dem Wasser half, die sich bis 
zum Eintritt der Herrenstunde verspätet hatte. — Die Situation 
in dem zur Analyse gewählten Beispiel leitet mich bei der Ana- 
lyse auf eine kleine Reihe von Erinnerungen, von denen )ede 
zum Trauminhalt etwas beigesteuert hat. Zunächst ist es die 
kleine Szene aus der Zeit meiner Werbung, von der ich bereits 
gesprochen; ein Händedruck unter dem Tisch, der damals vorfiel, 
hat für den Traum das Detail „unter dem Tisch", das ich der 
Erinnerung nachträglich einfügen muß, geliefert. Von „Zuwen- 
dung" war natürlich damals keine Rede; ich weiß aus der Ana- 
lyse, daß dieses Element die Wunscherfüllung durch Gegensatz 
ist, die zum Benehmen meiner Frau an der Table d'hote gehört. 

Freud. III. 14 



I 

i 



810 



Über dm Traum 



Hinter dieser rezenten Erinnerung verbirgt sich aber eine ganz 
ähnliche und viel bedeutsamere Szene aus unserer Verlobungszeit, 
die uns für einen ganzen Tag entzweite. Die Vertraulichkeit, die 
Hand auf das Knie zu legen, gehört In einen ganz verschiedenen 
Zusammenhang und zu ganz anderen Personen. Dieses Traum- 
element wird selbst wieder zum Ausgangspunkt zweier besonderer 
Erinnerungsreihen usw. 

Das Material aus den Traumgedanken, welches zur Bildung 
der Traumsituation zusammengeschoben wird, muß natürlich für 
diese Verwendung von vorneherein brauchbar sein. Es bedarf 
hiezu eines — oder mehrerer — in allen Komponenten vor- 
handenen Gemeinsamen. Die Traumarbeit verfährt dann wie 
Francis Galton bei der Hersti'lluiig seiner Familienphoto- 
graphien. Sie bringt die verschiedenen Komponenten wie über- 
einander gelegt zur Deckung; dann tritt das Gemeinsame im 
Gesamtbild deutlich hervor, die widersprechenden Details löschen 
einander nahezu aus. Dieser HerstellungsprozeÖ erklärt auch zum 
Teil die schwankenden Bestimmungen von eigentümlicher Ver- 
schwommenheit so vieler Elemente des Trauminhalts. Die Traum- 
deutung spricht, auf dieser Einsicht fußend, folgende Regel aus: 
Wo sich bei der Analyse eine Unbestimmtheit noch in 
ein entweder — oder auflösen läßt, da ersetze man dies 
für die Deutung durch ein „u n d" und nehme jedes Glied der 
scheinbaren Alternative zum unabhängigen Ausgang einer Reihe 
von Einfällen. 
, Wo solche Gemeinsame zwischen den Traumgedanken 
nicht vorhanden sind, da bemüht sich die Traumarbeit solche 
zu schaffen, um die gemeinsame Darstellung im Traume 
zu ermöglichen. Der bequemste Weg, um zwei Traumgedanken, 
die noch nichts Gemeinsames haben, einander näher zu bringen, 
besteht in der Veränderung des sprachlichen Ausdrucks für den 
einen, wobei ihm etwa noch der andere durch eine entsprechende 
Umgießung in einen anderen Ausdruck enlgegenkommt. Es ist 



,. 



über den Traum 



211 



das ein ähnlicher Vorgang wie beim Reimeschmieden, wobei 
der Gleichklang das gesuchte Gemeinsame ersetzt. Ein gutes 
Stück der Traumarbeit besteht in der Schöpfung solcher häufig 
sehr witzig, oft aber gezwungen erscheinenden Zwischengedanken, 
welche von der gemeinsamen Darstellung im Trauminhalt bis 
zu den nach Form und Wesen verschiedenen, durch die Traum- 
anlässe motivierten Traumgedanken reichen. Auch in der Analyse 
unseres Traumbeispiels finde ich einen derartigen Fall von Um- 
formung eines Gedankens zum Zwecke des Zusammentreffens mit 
einem anderen, ihm wesensfremden. Bei der Fortsetzung der 
Analyse stoße ich nämlich auf den Gedanken: Ich möchte 
auch einmal etwas umsonst haben; aber diese 
Form ist für den Trauminhalt nicht brauchbar. Sie wird darum 
durch eine neue ersetzt; Ich möchte gerne etwas ee- 
nießen ohne „Kosten" zu haben. Das Wort Kosten 
paßt nun mit seiner zweiten Bedeutung in den Vorstellungstreis 
der Table d'höte und kann seine Darstellung durch den im 
Traum aufgetischten Spinat finden. Wenn bei uns eine Speise 
zu Tische kommt, welche von den Kindern abgelehnt wird so 
versucht es die Mutter wohl zuerst mit Milde und fordert von 
den Kindern : Nur ein bißchen kosten. Daß die Traum- 
arbeit die Zweideutigkeit der Worte so unbedenklich ausnützt, 
erscheint zwar sonderbar, stellt sich aber bei reicherer Erfahrung 
als ein ganz gewöhnliches Vorkommnis heraus. 

Durch die Verdichtungsarbeit des Traumes erklären sich auch 
gewisse Bestandteile seines Inhaltes, die nur ihm eigentümlich 
sind und im wachen Vorstellen nicht gefunden werden. Es sind 
dies die S a m m e 1- und Mischpersonen und die sonder- 
baren Mischgebilde, Schöpfungen, den Tierkompositionen 
orientalischer Völkerphantasie vergleichbar, die aber in unserem 
Denken bereits zu Einheiten erstarrt sind, während die Traum- 
kompositionen in unerschöpflichem Reichtum immer neu gebildet 
werden. Jeder kennt solche Gebilde aus seinen eigenen Träumen; 

»4^ 



sia 



Über den Traum 



die Weisen ihrer Herstellung sind sehr mannigfaltig. Ich kann 

eine Person zusammensetzen, indem ich ihr Züge von der einen 

und von der anderen verleihe, oder indem ich ihr die Gestalt 

der einen gebe und dabei im Traum den Namen der anderen 

denke, oder ich kann die eine Person visuell vorstellen, sie aber 

in eine Situation versetzen, die sich mit der anderen ereignet 

hat. In all diesen Fällen ist die Zusammenziehung verschiedener 

Personen zu einem einzigen Vertreter im Trauminhalt sinnvoll, 

sie soll ein „und", „gleichwie", eine Gleichstellung der originalen 

Personen in einer gewissen Hinsicht bedeuten, die auch im 

Traum selbst erwähnt sein kann. In der Hegel aber ist diese 

Gemeinsamkeit der verschmolzenen Personen erst durch die Analyse 

aufzusuchen und wird im Trauminhalt eben bloü durch die 

Bildung der Sammelperson angedeutet. 

Dieselbe Mannigfaltigkeit der Herstellungsweise und die nämliche 
Regel bei der Auflösung gilt auch für die unermeßlich reich- 
haltigen Mischgebilde des Trauminhaltes, von denen ich Beispiele 
wohl nicht anzuführen brauche. Ihre Sonderbarkeit verschwindet 
ganz, wenn wir uns entschließen, sie nicht in eine Reihe mit 
den Objekten der Wahrnehmung im Wachen zu stellen, sondern 
uns erinnern, daß sie eine Leistung der Traumverdichtung dar- 
stellen und in treffender Abkürzung einen gemeinsamen Charakter 
der so kombinierten Objekte hervorheben. Die Gemeinsamkeit 
ist auch hier meist aus der Analyse einzusetzen. Der Trauminhalt 
sagt gleichsam nur aus: Alle diese Dinge haben ein X 
gemeinsam. Die Zersetzung solcher Mischgebilde durch die 
Analyse führt oft auf dem kürzesten Weg zur Bedeutung des 
Traumes. So träumte ich einmal, daß ich mit einem memer 
früheren Universitätslehrer in einer Bank sitze, die mitten unter 
anderen Bänken eine rasch Jortschreitende Ilewi-gung erfährt. Es 
war dies eine Kombination von Hürsaiil uiid Trultoir roulant. 
Die weitere Verfolgung des Gedankens übergehe ich. — Ein 
andermal sitze ich im Waggon und lialte auf dem Schoß einen 



1 



über den Traum si« 



Gegenstand von der Form eines Zylinderhules, der aber aus durch- 
sichtigem Glas besteht. Die Situation läßt mir sofort das Sprich- 
wort einfallen: Mit dem Hute in der Hand kommt man durchs 
ganze Land. Der Glaszylinder erinnert auf kurzen Um- 
wegen an das A u e r sehe Licht, und ich weiß bald, daß ich 
eine Erfindung machen möchte, die mich so reich und unabhängig 
werden läßt wie meinen Landsmann, den Dr. Au er von Wels- 
bach, die seinige, und daß ich dann Reisen machen will, anstatt 
in Wien zu bleiben. Im Traume reise ich mit meiner Erfindung 
— dem allerdings noch nicht gebräuchlichen Hutzylinder aus 
Glas. — Ganz besonders liebt es die Traumarbeit zwei in gegen- 
sätzlicher Beziehung stehende Vorstellungen durch das nämliche 
Mischgebilde darzustellen, so z. B. wenn eine Frau sich im 
Traume, einen hohen Blumenstengel tragend, sieht, wie der Engel 
auf den Bildern von Maria Verkündigung dargestellt wird 
(Unschuld — Marie ist ihr eigener Name), der Stengel aber mit 
dicken, weißen Blüten besetzt ist, die Kamelien gleichen (Gegen- 
satz zu Unschuld: Kameliendame). 

Ein gutes Stück dessen, was wir über die Traumverdichtung 
erfahren haben, läßt sich in der Formel zusammenfassen: Jedes 
der Elemente des Trauminhaltes ist durch das Material der 
Traumgedanken überdeterminiert, führt seine Abstammung 
nicht auf ein einzelnes Element der Traumgedanken, sondern 
auf eine ganze Reihe von solchen zurück, die einander 
in den Traumgedanken keineswegs nahe stehen müssen, 
sondern den verschiedensten Bezirken des Gedankengewebes 
angehören können. Das Traumelement ist im richtigen 
Sinne die Vertretung im Trauminhalt für all dies 
disparate Material. Die Analyse deckt aber noch eine andere 
Seite der zusammengesetzten Beziehung zwischen Trauminhalt 
und Traumgedanken auf. So wie von jedem Traumelexnent Ver- 
bindungen zu mehreren Traumgedanken führen, so ist auch in 
der Regel ein Traumgedanke durch mehr als ein 



ai4 f^ber den Traum 



Traumelemenl vertreten; die Assoziationsföden kon- 
vergieren nicht einfach von den Traumgedanken bis zum Traum- 
inhalt, sondern überkreuzen und durchweben sich vielfach 

unterwegs. 

Neben der Verwandlung eines Gedankens in eine Situation 

(der „Dramatisierung") ist die Verdichtung der wichtigste und 

eigentümlichste Charakter der Trauinnrbeit. Von einem Motiv, 

welches zu solcher Zusammendrängung des Inlialts nötigen würde, 
ist uns aber zunächst nichts enthüllt worden. 









Bei den komplizierten und verworrenen Träumen, die uns 
jetzt beschäftigen, läßt sich nicht der ganze Eindruck von 
Unähnlichkeit zwischen Trauminhalt und Traumgedanken auf 
Verdichtung und Dramatisierung zurückführen. Es liegen Zeug- 
nisse für die Wirksamkeit eines dritten Faktors vor, die einer 
sorgfältigen Sammlung würdig sind. 

Ich merke vor allem, wenn ich durch Analyse zur Kenntnis 
der Traumgedanken gelangt bin, daß der manifeste Trauminhalt 
ganz andere Stoffe behandelt als der latente. Dies ist freilich nur 
ein Schein, der sich bei genauerer Untersuchung verflüchtigt, 
denn schließlich finde ich allen Trauminhalt in den Traum- 
gedanken ausgeführt, fast alle Traumgedanken durch den Traum- 
inhalt vertreten wieder. Aber es bleibt von der Verschiedenheit 
doch etwas bestehen. Was in dem Traum breit und deutlich als 
der wesentliche Inhalt hingestellt war, das muß sich nach der 
Analyse mit einer höchst untergeordneten Rolle unter den Traum- 
gedanken begnügen, und was nach der Aussage meiner Gefühle 
unter den Traumgedanken auf die größte Beachtung Anspruch 
hat, dessen Vorstellungsmaterial findet sich im Trauminhalt ent- 
weder gar nicht vor oder ist durch eine entfernte Anspielung 
in einer undeutlichen Region des Traumes vertreten. Ich kann 
diese Tatsache so beschreiben: Während der Traumarbeit 
übergeht die psychische Intensität von den Ge- 
danken und Vorstellungen, denen sie berechtigter- 



Bi6 über den Traum 



weise zukommt, auf andere, die nach meinem 
Urteil keinen Ansprucli auf solche Betonung 
haben. Kein anderer Vorgang trägt soviel dazu bei, um den 
Sinn des Traumes zu verbergen und mir den Zusammenhang 
von Trauminhalt und Traumgedanken unkcniiilicli zu machen. 
Während dieses Vorganges, den ich die T r a u m v e r s c h i e- 
b u n g nennen will, sehe ich auch die psychische Intensität, 
Bedeutsamkeit oder Affektfähigkeit von Gedanken sich in sinn- 
liche Lebhaftigkeit umsetzen. Das Deutlichste im Trauminhalt 
erscheint mir ohne weiteres als das Wichtig.ste; gerade in einem 
undeutlichen Traumelement kann ich aber oft d&n direktesten 
Abkömmling des wesentlichen Traumgedankens erkennen. 

Was ich Traumverschiebung genannt habe, könnte ich auch 
als Umwertung der psychischen Wertigkeiten 
bezeichnen. Ich habe aber das Phänomen nicht erschöpfend ge- 
würdigt, wenn ich nicht hinzufüge, daß diese Verschiebungs- oder 
Umwertungsarbeit an den einzelnen Träumen mit einem sehr 
wechselnden Betrag beteiligt ist. Es gibt Traume, die fast ohne 
jede Verschiebung zustande gekommen sind. Diese sind gleichzeitig 
die sinnvollen und verständlichen, wie wir z. B. die unverhüllten 
Wunschträume kennen gelernt haben. In anderen Träumen hat 
nicht mehr ein Stück der Traumgedanken den ihm eigenen 
psychischen Wert behalten, oder zeigt sich alles Wesentliche 
aus den Traumgedanken durch Nebensächliches ersetzt, und 
dazwischen läßt sich die vollständigste Reihe von Übergängen 
erkennen. Je dunkler und verworrener ein Traum ist, desto 
größeren Anteil darf man dem Moment der Verschiebung an seiner 
Bildung zuschreiben. 

Unser zur Analyse gewähltes Beispiel zeigt wenigstens soviel 
von Verschiebung, daß sein Inhalt anders zentriert erscheint 
als die Traumgedanken. In den Vordergrund des Trauminhalles 
drängt sich eine Situation, als ob eine Frau mir Avancen machen 
würde^ das Hauptgewicht in den Trnumgedanken ruht auf dem 



über den Traum 217 



Wunsche, einmal uneigennützige Liebe, die „nichts kostet", zu 
genießen, und diese Idee ist hinter der Redensart von den 
schönen Augen und der entlegenen Anspielung „Spinat" versteckt. 

Wenn wir durch die Analyse die Traumverschiebung rück- 
gängig machen, gelangen wir zu vollkommen sicher lautenden 
Auskünften über zwei vielumstriltene Traumprobleme, über die 
Traumerreger und über den Zusammenhang des Traumes mit 
dem Wachleben. Es gibt Träume, die ihre Anknüpfung an die 
Erlebnisse des Tages unmittelbar verraten ^ in anderen ist von 
solcher Beziehung keine Spur zu entdecken. Nimmt man dann 
die Analyse zu Hilfe, so kann man zeigen, daß jeder Traum ohne 
mögliche Ausnahme an einen Eindruck der letzten Tage — 
wahrscheinhch ist es richtiger, zu sagen: des letzten Tages vor 
dem Traum (des Traumtages) — anknüpft. Der Eindruck, welchem 
die Rolle des Traumerregers zufällt, kann ein so bedeutsamer 
sein, daß uns die Beschäftigung mit ihm im Wachen nicht 
Wunder nimmt, und in diesem Falle sagen wir vom Traume 
mit Recht aus, er setze die wichtigen Interessen des Wachlebens 
fort. Gewöhnlich aber, wenn sich in dem Trauminhalt eine 
Beziehung zu einem Tageseindruck vorfindet, ist dieser so gering- 
fügig, bedeutungslos und des Vergessens würdig, daß wir uns an 
ihn selbst nicht ohne einige Mühe besinnen können. Der Traum- 
inhalt selbst scheint sich dann, auch wo er zusammenhängend 
und verständlich ist, mit den gleichgültigsten Lappalien zu 
beschäftigen, die unseres Interesses im Wachen unwürdig wären. 
Ein gutes Stück der Mißachtung des Traumes leitet sich von 
dieser Bevorzugung des Gleichgültigen und Nichtigen im Traum- 
inhalte her. 

Die Analyse zerstört den Schein, auf den sich dieses gering- 
schätzige Urteil gründet. Wo der Trauminhalt einen indifferenten 
Eindruck als Traumerreger in den Vordergrund stellt, da weist 
die Analyse regelmäßig das bedeutsame, mit Recht aufregende 
Erlebnis nach, welches sich durch das gleichgültige ersetzt, mit 



2i8 über den Traum 



\ 



dem es ausgiebige assoziative Verbindungen eingegangen hat. Wo 
der Trauminhalt bedeutungsloses und uninteressantes Vorstellungs- 
material behandelt, da deckt die Analyse die zahlreichen Ver- 
bindungswege auf, mittelst welcher dies Wertlose mit dem Wert- 
vollsten in der psychischen Schätzung des Einzelnen zusammen- 
hängt. Es sind nur Akte der Verschiebungsarbeit 
wenn anstatt des mit Recht erregenden Eindruckes 
der indifferente, anstatt des mit Recht inter- 
essanten Materials das gleichgültige zur Auf- 
nahme in den Trauminhalt gelangen. Beantwortet 
man die Fragen nach den Traumerregern und nach dem Zu- 
sammenhang des Träumens mit dem tägliclien Treiben nach 
den neuen Einsichten, die man bei der Ersetzung des manifesten 
Trauminhaltes durch den latenten gewonnen hat, so muß man 
sagen : der Traum beschäftigt sich niemals mit 
Dingen, die uns nicht auch bei Tag zu beschäftigen 
würdig sind, und Kleinigkeiten, die uns bei 
Tag nicht anfechten, vermögen es auch nicht, 
uns in den Schlaf zu verfolgen. 

Welches ist der Traumerreger in dem zur Analyse gewählten 
Beispiel? Das wirklich bedeutungslose Erlebnis, daß mir ein Freund 
zu einer kostenlosen Fahrt im Wagen verholf. Die 
Situation der Table d'höte im Traum enthält eine Anspielung 
auf diesen indifferenten Anlaß, denn ich hatte im (iespräch den 
Taxameter wagen in Parallele zur Table d'hote gebracht. Ich kann 
aber auch das bedeutsame Erlebnis angeben, welches sich durch 
dieses kleinliche vertreten läßt. Wenige Tnge vorher hatte ich 
eine größere Geldausgabe für eine mir teuere Person meiner 
Familie gemacht. Kein Wunder, heißt es in den Traumgedanken, 
wenn diese Person mir dafür dankbar wäre, diese Liebe wäre 
nicht „kostenlos". Kostenlose Liebe steht aber unler den Traum- 
gedanken im Vordergrunde. Daß ich vor nicht langer Zeit 
mehrere Wagen fahrten mit dem betrelTenden Verwandten 



n 



\ \ 



Üb€r den Traum aig 



gemacht, setzt die eine Wagenfahrt mit meinem Freund In den 
Stand, mich an die Beziehungen zu jener anderen Person zu 
erinnern. — Der indifferente Eindruck, der durch derartige Ver- 
knüpfungen zum Traumerreger wird, unterHegt noch einer 
Bedingung, die für die wirkliche Traumquelle nicht gilt; er muß 
jedesmal ein rezenter sein, vom Traumtage herrühren. 

Ich kann das Thema der Traumverschiebung nicht verlassen, 
ohne eines merkwürdigen Vorganges bei der Traumbildung zu 
gedenken, bei dem Verdichtung und Verschiebung zum Effekt 
zusammenwirken. Wir haben schon bei der Verdichtung den 
Fall kennen gelernt, daß sich zwei Vorstellungen in den Traum- 
gedanken, die etwas Gemeinsames, einen Berührungspunkt haben, 
im Trauminlialt durch eine Misch Vorstellung ersetzen, in der ein 
deutlicherer Kern dem Gemeinsamen, undeutliche Nebenbestim- 
mungen den Besonderheilen der beiden entsprechen. Tritt zu 
dieser Verdichtung eine Verschiebung hinzu, so kommt es nicht 
zur Bildung einer Mischvorstellung, sondern eines mittleren 
Gemeinsamen, das sich ähnlich zu den einzelnen Elementen 
verhält wie die Resultierende im Kräfteparallelogramm zu ihren 
Komponenten. Im Inhalt eines meiner Träume ist z. B. von 
einer Injektion mit Propylen die Rede. In der Analyse gelange 
ich zunächst nur zu einem indifferenten, als Traumerreger wirk- 
samen Erlebnis, bei welchem Amylen eine Rolle spielt. Die 
Vertauschung von Amylen mit Propylen kann ich noch nicht 
rechtfertigen. Zu dem Gedankenkreis desselben Traumes gehört 
aber auch die Erinnerung an einen ersten Besuch in München, 
wo mir die Propyläen auffielen. Die näheren Umstände der 
Analyse legen es nahe anzunehmen, daß die Einwirkung dieses 
zweiten Vorstellungskreises auf den ersten die Verschiebung von 
Amylen auf Propylen verschuldet hat. Propylen ist sozusagen 
die Mittel Vorstellung zwischen Amylen und Propyläen und 
ist darum nach Art eines Kompromisses durch gleichzeitige 
Verdichtung und Verschiebung in den Trauminhalt gelangt. 



320 



Über den Traum 



Dringender noch als bei der Verdichtunf;; äußert sich hier bei 
der Verschiebungsarbeit das Bedürfnis, ein Motiv für diese rätsel- 
haften Bemühungen der Traumarbeil aiifzuünden. 



I 

l 



VI 

Ist es hauptsächlich der Verschiebungsarbeit zur Last zu legen, 
wenn man die Traumgedanken im Trauminhall nicht wieder- 
findet oder nicht wiedererkennt, — ohne daß man das Motiv 
solcher Entstellung errät, — so führt eine andere und gelindere 
Art der Umwandlung, welche mit den Traumgedanken vor- 
genommen wird, zur Aufdeckung einer neuen, aber leicht- 
verständlichen Leistung der Traumarbeit. Die nächsten Traum- 
gedanken, welche man durch die Analyse entwickelt, fallen 
nämlich häufig durch ihre ungewöhnliche Einkleidung auf; sie 
scheinen nicht in den nüchternen sprachlichen Formen gegeben, 
deren sich unser Denken am liebsten bedient, sondern sind viel- 
mehr in symbolischer Weise durch Gleichnisse und Metaphern, 
wie in bilderreicher Dichtersprache, dargestellt. Es ist nicht 
schwierig, für diesen Grad von Gebundenheit im Ausdruck der 
Traumgedanken die Motivierung zu finden. Der Trauminhalt 
besteht zumeist aus anschaulichen Situationen; die Traumgedanken 
müssen also vorerst eine Zurichtung erfahren, welche sie für 
diese Darstellungs weise brauchbar macht. Man stelle sich etwa 
vor die Aufgabe, die Sätze eines politischen Leitartikels oder eines 
Plaidoyers im Gerichtssaal durch eine Folge von Bilderzeichnungen 
zu ersetzen, und man wird dann leicht die Veränderungen ver- 
stehen, zu welcher die Rücksicht auf Darstellbarkeit 
im Trauminhalt die Traumarbeit nötigt. 

Unter dem psychischen Material der Traumgedanken befinden 



222 Über den Traum 



sich regelmäßig Erinnerungen an eindrucksvolle Erlebnisse, — 
nicht selten aus früher Kindheit, — die also selbst als Situationen 
mit meist visuellem Inhalt erfaßt worden sind. Wo es irgend 
möglich ist, äußert dieser Bestandteil der Traumgedanken einen 
bestimmenden Einfluß auf die Geslahung des Trauminhalts, 
indem er gleichsam als Kristallisationspunkt anziehend und ver- 
teilend auf das Material der Traumgedanken wirkt. Die Traum- 
situation ist oft nichts anderes als eine modifizierte und durch 
Einschaltungen komplizierte Wiederliolung eines solchen eindrucks- 
vollen Erlebnisses^ getreue und unvermengte Reproduktionen realer 
Szenen bringt der Traum hingegen nur sehr selten. 

Der Trauminhalt besteht aber nicht ausschließlich aus 
Situationen, sondern schließt auch unvereinigte Brocken von 
visuellen Bildern, Reden und selbst Stücke von unveränderten 
Gedanken ein. Es wird daher vielleicht anregend wirken, 
wenn wir in knappster Weise die Darstellungsmittel mustern, 
welche der Traumarbeit zur Verfügung stehen, um in der 
eigentümlichen Ausdrucksweise des Traumes die Traumgedanken 
wiederzugeben. 

Die Traumgedanken, welche wir durch die Analyse erfahren, 
zeigen sich uns als ein psychischer Komplex von allerverwickelt- 
stem Aufbau. Die Stücke desselben stehen in den mannigfaltigsten 
logischen Relationen zu einander; sie bilden Vorder- und Hinter- 
grund, Bedingungen, Abschweifungen, Erläuterungen, ßeweisgange 
und Einsprüche. Fast regelmäßig steht neben einem Gedanken- 
gang sein kontradiktorisches Widerspiel. Diesem Material fehlt 
keiner der Charaktere, die uns von unserem wachen Denken her 
bekannt sind. Soll nun aus alledem ein Traum werden, so unter- 
liegt dies psychische Material einer Pressung, die es ausgiebig 
verdichtet, einer inneren Zerbrückelung und Verschiebung, welche 
gleichsam neue Oberflächen schafft, und einer auswählenden 
Einwirkung durch die zur Siluationsbildung tauglichsten Bestand- 
teile. Mit Rücksicht auf die Genese dieses Materials verdient ein 



über den Trawn 225 



solcher Vorgang den Namen einer „Regression . Die logischen 
Bande, welche das psychische Material bisher zusammengehalten 
hatten, gehen nun aber bei dieser Umwandlung zum Trauminhalt 
verloren. Die Traumarbeit übernimmt gleichsam nur den sach- 
lichen Inhalt der Traumgedanken zur Bearbeitung. Der Analysen- 
arbeit bleibt es überlassen, den Zusammenhang herzustellen, den 
die Traumarbeit vernichtet hat. 

Die Ausdrucksmittel des Traumes sind also kümmerlich zu 
nennen im Vergleich zu denen unserer Denksprache, doch braucht 
der Traum auf die Wiedergabe der logischen Relationen unter 
den Traumgedanken nicht völlig zu verzichten^ es gelingt ihm 
vielmehr häufig genug, dieselben durch formale Charaktere seines 
eigenen Gefüges zu ersetzen. 

Der Traum wird zunächst dem unleugbaren Zusammenhang 
zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch gerecht, daß 
er dieses Material zu einer Situation vereinigt. Er gibt logischen 
Zusammenhang wieder als Annäherung in Zeit und 
Raum, ähnlich wie der Maler, der alle Dichter zum Bild des 
Parnaß zusammenstellt, die niemals auf einem Berggipfel bei- 
sammen gewesen sind, wohl aber begrifflich eine Gemeinschaft 
bilden. Er setzt diese Darstellungsweise ins Einzelne fort und 
oft, wenn er zwei Elemente nahe bei einander im Trauminhalt 
zeigt, bürgt er für einen besonders innigen Zusammenhang 
zwischen ihren Entsprechenden in den Traum gedanken. Eis ist hier 
übrigens^ zu bemerken, daß alle in derselben Nacht produzierten 
Träimie bei der Analyse ihre Herkunft aus dem nämlichen 
Gedanken kreis erkennen lassen. 

Die Kausalbeziehung zwischen zwei Gedanken wird ent- 
weder ohne Darstellung gelassen oder ersetzt durch das Nach- 
einander von zwei verschieden langen Traumstücken. Häufig 
ist diese Darstellung eine verkehrte, indem der Anfang des 
Traumes die Folgerung, der Schluß desselben die Voraussetzung 
bringt. Die direkte V er w an dlung eines Dinges in ein andere.«; 



22A Über den Traum 



im Traum scheint die Relation von Ursache und Wirkung 

darzustellen. 

Die Alternative „Entweder — Oder" drückt der Traum- 
niemals aus, sondern nimmt ihre beiden Glieder wie gleich- 
berechtigt in den nämlichen Zusammenhang auf. Daß ein Ent- 
weder — Oder, welches bei der Traumreprodukiion gebraucht 
wird, durch „Und" zu übersetzen ist, habe ich bereits erwähnt. 

Vorstellungen, die im Gegensatz zu einander stehen, werden 
mit Vorliebe im Traume durcli das nämliche Element ausgedrückt.' 
Das „nicht" scheint für den Traum nicht zu existieren. Opposition 
zwischen zwei Gedanken, die Relation der U mkehr u ng, findet 
eine höchst bemerkenswerte Darstellung im Traum. Sie wird 
dadurch ausgedrückt, daß ein anderes Stück des Trauniinhaltes 
— gleichsam wie nachträghch — in sein Gegenteil verkehrt 
wird. Eine andere Art, Widerspruch auszudrücken, werden 
wir später kennen lernen, Auch die im Traum so häufige 
Sensation der gehemmten Bewegung dient dazu, einen 
Widerspruch zwischen Impulsen, einen Willenskonflikt, 
darzustellen. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen, der der Ähn- 
lichkeit, Gemeinsamkeit, Übereinstimmung, kommt 
der Mechanismus der Traumbildung im höclisten Ausmaße zugute. 
Die Traumarbeit bedient sich dieser Fälle als Stützpunkte für die 
Traumverdichtung, indem sie alles, was solche Übereinstimmung 
zeigt, zu einer neuen Einheit zusammenzieht. 

Diese kurze Reihe von groben Bemerkungen reicht natürlich 
nicht aus, um die ganze Fülle der formalen Darstellungsmiltel 
des Traumes für die logischen Relationen der Traumgedanken zu 
würdigen. Die einzelnen Traume sind in dieser Hinsicht feiner 



i) E« ist bemerkenswert. dnD niimharto .Sprnchforschpr li.'lmuptfiii, die HlteBten 
men«chlichen Sprachen huUeii gaiii nllgcmuiH koiilradilUorisclio (;L-geiiaHlio durch 
das nämliche Wort lum Ausdruck gcbrochl (slnrk— schwach ; innen— mißen usw.: 
..Gegenjinn der Urworte"). 



über den Traum 22« 



oder nachlässiger gearbeitet, sie haben sich an den ihnen vor- 
liegenden Text mehr oder minder sorgfältig gehalten, die Hilfs- 
mittel der Traumarbeit mehr oder weniger weit in Anspruch 
genommen. Im letzteren Falle erscheinen sie dunkel, verworren, 
unzusammenhängend. Wo der Traum aber greifbar absurd erscheint, 
einen offenbaren Widersinn in sfeinem Inhalt einschließt, da ist 
er so mit Absicht und bringt durch seine scheinbare Vernach- 
lässigung aller logischen Anforderungen ein Stück vom intellek- 
tuellen Inhalt der Traumgedanken zum Ausdruck. Absurdität imf 
Traum bedeutet Widerspruch, Spott und Hohn in den[ 
Traumgedanken. Da diese Aufklärung den stärksten Einwand 
gegen die Auffassung liefert, die den Traum durch dissoziierte, 
kritiklose Geistestätigkeit entstehen läßt, werde ich sie durch ein 
Beispiel zu Nachdruck bringen. 

„Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren 
als von Goethe in einem Aufsätze angegriffen worden, wie wir 
alle meinen, mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. — Herr M. 
ist durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich 
darüber bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für 
Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht ge- 
litten. Ich suche nun die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahr- 
scJieinlich vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist lSj2 
gestorben. Da sein Angriff auf Herrn M. natürlich früher erfolgt 
sein muß, so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es 
kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ick weiß 
aber nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und 
so versinkt die ganze Berechnung i/n Dunkel. Der Angriff 
ist übrigens in dem bekannten Aufsatz von Goethe ,Natur' ent- 
halten." 

Der Unsinn dieses Traumes tritt noch greller hervor, wenn 

ich mitteile, daß Herr M. ein jugendlicher Geschäftsmann ist, 

dem alle poetischen und literarischen Interessen ferne liegen. 

Wenn ich aber in die Analyse dieses Traumes eingehe, wird es 

Freud, m. ,5 



2a6 Über den Traum 



mir wohl gelingen, zu zeigen, wieviel „Methode" hinter diesem 
Unsinn steckt. Der Traum bezieht sein Material aus drei 

Quellen : 

1) Herr M., den ich bei einer Ti schgesell seh a it kennen 
lernte, bat mich eines Tages, seinen älteren Bruder zu 
untersuchen, der Anzeichen von gestörter geistiger Tätig- 
keit erkennen lasse. Bei der Dnierhaltung mit dem Kranken 
ereignete sich das Peinliche, daß dieser ohne jeden Anlaß 
den Bruder durch eine Anspielung auf dessen Jugend- 
streiche bloßstellte. Ich hatte den Kranken um sein 
Geburtsjahr gefragt (Sterbejahr im Traum) und 
ihn zu verschiedenen Berechnungen veranlaßt, durch welche 
seine Gedächtnisschwäche erwiesen wertlen sollte. 

2) Eine medizinische ZeiLschrift, die sich auch meines Namens 
auf ihrem Titel rühmte, hatte von einem recht jugend- 
lichen Referenten eine geradezu „vernichtende 
Kritik über ein Buch meines Freundes F. in Berlin auf- 
genommen. Ich stellte den Rodakteur darob zur Rede, der 
mir zwar sein Bedauern ausdrückte, aber eine Remedur 
nicht versprechen wollte. Daraufhin brach ich meine Be- 
ziehungen zur Zeitung ab und hob in meinem Absagebrief 
die Erwartung hervor, dalJ unsere persönlichen Be- 
ziehungen unter diesem Vorfall nicht leiden 
würden. Dies ist die eigentliche Quelle des Traumes. 
Die ablehnende Aufnahme der Schrift meines Freundes 
hatte mir einen liefen Kindruck gemocht. Sie enthielt 
eine nach meiner Schätzung fundamentale biologische Ent- 
deckung, die erst jetzt — nach vielen Jahren — den 
Fachgenossen zu gefallen beginnt. 

)) Eine Patientin hatte mir kurz zuvor die Krankengeschichte 
ihres Bruders erzählt, der mit dem Ausrufe „Natu r, 
Natur" in Tobsucht verfallen war. Die Ärzte hatten 
gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes schönen 



über drTi Traum 227 



Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen Studien hin. Ich hatte geäußert, 
es komme mir plausibler vor, daß der Ausruf 
„Natur' in jenem sexuellen Sinn zu nehmen sei, den bei 
uns auch die Mindergebildeten kennen. Daß der Unglück- 
liche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien 
mir wenigstens nicht unrecht zu geben. 18 Jahre war 
das Alter dieses Kranken, als jener Anfall sich einstellte. 
Im Trauminhalt verbirgt sich hinter dem Ich zunächst mein 
von der Kritik so übel behandelter Freund. „Ich suche mir 
die zeitlichen Verhältnisse ein wenig aufzuklären." 
Das Buch meines Freundes beschäftigt sich nämlich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens und führt unter anderem 
auch Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die 
Biologie bedeutsamen Zahl von Tagen zurück. Dieses Ich wird 
aber einem Paralytiker gleichgestellt („Ich weiß nicht sicher, 
welches Jahr wir gegenwärtig schreib e n"). Der 
Traum stellt also dar, daß mein Freund sich als Paralytiker be- 
nimmt, und schwelgt dabei in Absurdität. Die Traumgedanken 
aber lauten ironisch: „Natürlich, er ist ein Verrückter ein Narr 
und ihr seid die Genies, die es besser verstehen. Sollte es nicht 
doch umgekehrt sein ?" — Diese Umkehrung ist nun 
ausgiebig im Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen 
Mann angegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger 
Mensch noch heute den großen Goethe angreifen könnte. 

Ich möchte behaupten, daß kein Traum von anderen als 
egoistischen Regungen eingegeben wird. Das Ich im Traum steht 
wirklich nicht bloß für meinen Freund, sondern auch für mich 
selbst. Ich identifiziere mich mit ihm, weil das Schicksal seiner 
Entdeckung mir vorbildlich für die Aufnahme meiner eigenen 
Funde erscheint. Wenn ich mit meiner Theorie hervortreten 
werde, welche in der Ätiologie psychoneurotischer Störungen die 
Sexualität hervorhebt (siehe die Anspielung auf den achtzehn- 

15* 



228 Über den Traum 



h 



jährigen Kranken „Natur, Natur"), werde ich die nämliche 
Kritik wiederfinden und bringe ihr schon jetzt den gleichen Spott 

entgegen. 

Wenn ich die Traumgedanken weiter verfolge, finde ich immer 
nur Spott und Hohn als das Korrelat der Absurdi- 
täten des Traumes. Der Fund eines geborstenen Schafschädels 
auf dem Lido zu Venedig hat Goethe bekanntlich die Idee zur 
sog. Wirbeltheorie des Schädels eingegeben. — Mein Freund 
rühmt sich, als Student einen Sturm zur Beseitigung eines alten 
Professors entfesselt zu haben, der einst, wohlverdient (unter 
anderem auch um diesen Teil der vergleichenden Anatomie), nun 
durch Altersschwachsinn zum Lehren unfähig geworden 
war. Die von ihm veranstaltete Agitation half so dem Übelstande 
ab, daß an den deutschen Universitäten dem akademischen Wirken 
eine Altersgrenze nicht gezogen ist. — Alter schützt 
nämlich vor Torheit nicht. — Im liiesigen Krankenhause 
hatte ich die Ehre, Jahre hindurch unter einem Primarius zu 
dienen, der längst fossil, seit Dezennien notorisch schwach- 
sinnig, sein verantwortungsvolles Amt weiterführen durfte. Eme 
Charakteristik nach dem Funde am Lido drängt sich mir hier 
auf. — Auf diesen Mann bezüglich fertigten einst junge Kollegen 
im Spital eine Übertragung des damals beliebten Gassenhauers: 
Das hat kein Goethe g'schrieben, das hat kein Schiller 
g'dicht usw. ... ... 



I 



VII 



Wir sind mit der Würdigung der Traumarbeit noch nicht zu 
Ende gekommen. Wir sehen uns genötigt, ihr außer der Ver- 
dichtung, Verschiebung und anschaulichen Zurichtung des psychi- 
schen Materials noch eine andere Tätigkeit zuzuschreiben, deren 
Beitrag allerdings nicht an allen Träumen zu erkennen ist. Ich 
werde von diesem Stück der Traumarbeit nicht ausführlich 
handeln, will also nur anführen, daß man sich von seinem Wesen 
am ehesten eine Vorstellung verschafft, wenn man sich zu der 
— wahrscheinlich unzutreffenden — Annahme entschließt daß 
es auf den bereits vorgebildeten Trauminhalt erst 
nachträglich einwirke. Seine Leistung besteht dann darin, 
die Traumbestandteile so anzuordnen, daß sie sich ungefähr zu 
einem Zusammenhang, zu einer Traumkomposition zusammen- 
fügen. Der Traum erhält so eine Art Fassade, die seinen Inhalt 
freilich nicht an allen Stellen deckt; er erfährt dabei eine erste 
vorläufige Deutung, die durch Einschiebsel und leise Abänderungen 
unj:erslützt wird. Allerdings macht sich diese Bearbeitung des 
Trauminhaltes nur möglich, indem sie alle fünf gerade sein läßt, 
sie liefert auch weiter nichts als ein eklatantes Mißverständnis 
der Traumgedanken, und wenn wir die Analyse des Traumes in 
Angriff nehmen, müssen wir uns zuerst von diesem Deutungsver- 
suche frei machen. 

An diesem Stücke der Traumarbeit ist die Motivierung ganz 
besonders durchsichtig. Es ist die Rücksicht auf V e r- 



ajo Über den Traum 



ständlichkeit, welche diese letzte Überarbeitung des Traumes 
veranlaßt; hiedurch ist aber auch die Herkunft dieser Tätigkeit 
verraten. Sie benimmt sich gegen den ihr vorliegenden Traum- 
inhalt, wie unsere normale psychische Tätigkeit überhaupt gegen 
einen beliebigen ihr dargebotenen Wahruehmungsinhalt. Sie 
erfaßt ihn unter Verwendung gewisser Erwartungsvorstellungen, 
ordnet ihn schon bei der Wahrnehmung unter der Voraussetzung 
seiner Verständlichkeit, läuft dabei Gefahr, ihn zu fälschen, und 
verfällt in der Tat, wenn er sich an nichts bekanntes anreihen 
läßt, zunächst in die seltsamsten Mißverständnisse. Es ist bekannt, 
daß wir nicht imstande sind, eine Reihe von fremdartigen Zeichen 
anzusehen oder ein Gefolge von unbekannten Worten anzuhören, 
ohne zunächst deren Wahrnehmung nach der Rücksicht auf 
Verständlichkeit, nach der Anlehnung an etwas uns Be- 
kanntes zu verfälschen. 

Träume, welche diese Bearbeitung von selten einer dem wachen 
Denken völlig analogen psychischen Tätigkeit erfahren haben, 
kann man gut komponierte heißen. Bei anderen Träumen 
hat diese Tätigkeit völlig versagt; es ist nicht einmal der Versuch 
gemacht worden, Ordnung und Deutung herzustellen, und indem 
wir uns nach dem Erwachen mit diesem letzten Stück der Traum- 
arbeit identisch fühlen, urteilen wir, der Traum sei „ganz ver- 
worren". Für unsere Analyse aber hat der Traum, der einem 
ordnungslosen Haufen unzusammenhängender Bruchstücke gleicht, 
ebensoviel Wert wie der schön geglättete und mit einer Ober- 
fläche versehene. Wir ersparen uns im ersteren Falle etwa die 
Mühe, die Überarbeitung des Trauminhaltos wieder zu zerstören. 

Man würde aber irre gehen, wenn man in diesen Traum- i 

Fassaden nichts anderes sehen wollte, als solche eigentlich miß- 
verständliche und ziemlich willkürliche Bearbeitungen des Traum- 
inhalles durch die bewußte Instanz unseres Seelenlebens. Zur ^Hj 
Herstellung der Traumfassade werden nicht selten Wunsch- ^K 
Phantasien verwendet, die sicli in den Traumgedanken vorgebildet 




über den Traum 251 



finden, und die von derselben Art sind wie die uns aus dem 
wachen Leben bekannten, mit Recht so genannten „Tagträume". 
Die Wunschphantasien, welche die Analyse in den nächtlichen 
Träumen aufdeckt, erweisen sich oft als Wiederholungen und 
Umarbeitungen infantiler Szenen; die Traumfassade zeigt uns so 
in manchen Träumen unmittelbar den durch Vermengung mit 
anderem Material entstellten eigentlichen Kern des Traumes. 

Andere als die vier erwähnten Tätigkeiten sind bei der Traum- 
arbeit nicht zu entdecken. Halten wir an der Begriffsbestimmung 
fest, daß „Traumarbeit" die Überführung der Traumgedanken in 
den Trauminlialt bezeichnet, so müssen wir uns sagen, die Traum- 
arbeit sei nicht schöpferisch, sie entwickle keine ihr eigentümliche 
Phantasie, sie urteilt nicht, schließt nicht, sie leistet überhaupt 
nichts anderes als das Material zu verdichten, verschieben und 
auf Anschaulichkeit umzuarbeiten, wozu noch das inkonstante 
letzte Stückchen deutender Bearbeitung hinzukommt. Man findet 
zwar mancherlei im Trauminhalt, was man als das Ergehnis 
einer anderen und höheren intellektuellen Leistung auffassen 
möchte, aber die Analyse weist jedesmal überzeugend nach, daß 
diese intellektuellen Operationen bereits in den 
Traumgedanken vorgefallen und vom Trauminhalt 
nur übernommen worden sind. Eine Schlußfolgerung im 
Traum ist nichts anderes als die Wiederholung eines Schlusses 
m den Iraumgedanken; sie ersclieint unanstößig, wenn sie ohne 
Veränderung in den Traum übergegangen ist; sie wird unsinnig, 
wenn sie durch die Traumarbeit etwa auf ein anderes Material 
verschoben wurde. Eine Rechnung im Trauminhalt bedeutet nichts 
anderes, als daß sich unter den Traumgedanken eine Berechnung 
findet^ während diese jedesmal richtig ist, kann die Traum- 
rechnung durch Verdichtung ihrer Faktoren und durch Ver- 
schiebung der nämlichen Operationsweise auf anderes Material 
das tollste Ergebnis liefern. Nicht einmal die Reden, die sich 
im Trauminhalt vorfinden, sind neu komponiert; sie erweisen 



252 über den Traum 



sich als zusammengestückeil aus Reden, die als gehaltene oder 
als gehörte und gelesene in den Traumgedanken erneuert wurden, 
deren Wortlaut sie aufs getreueste kopieren, während sie deren 
Veranlassung ganz beiseite lassen und ihren Sinn aufs gewaltsamste 
verändern. 

Es ist vielleicht nicht aberflQssig, die letzten Behauptungen 
durch Beispiele zu unterstützen. 

I) Ein harmlos klingender, gut komponierter Tnium einer 
Patientin : 

Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin^ die den Korb trägt. 
Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das 
ist nicht mehr zu haben, und will ihr etwas anderes geben mit 
der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur 
Gemüsefrau. Die will ihr ein eigentümliches Gemüse verkaufen^ 
was in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz von Farbe, 
Sie sagt: Das kenne ich nichts dai nehme ick nicht. 

Die Rede: das ist nicht mehr zu haben — stammt aus der 
Behandlung. Ich selbst hatte der Patientin einige Tage vorher 
wörtlich erklärt, daß die ältesten Kindererinnerungen nicht 
niehr als solche zu haben sind, sondern sich durch Über- 
tragungen und Träume ersetzen. Ich bin also der Fleischhauer. 

Die zweite Rede; Das kenne ich nicht — ist in einem 
ganz anderen Zusammenhange vorgefallen. Tags vorher hatte sie 
selbst ihrer Köchin, die übrigens auch im Traume erscheint, 
tadelnd zugerufen: Benehmen Sie sich anständige das 
kenne ich nicht, d. h. wohl, ein solches Benehmen anerkenne 
ich nicht, lasse ich nicht zu. Der harmlosere Teil dieser Rede 
gelangte durch eine Verschiebung in den Trauminhaiti in den 
Traumgedanken spielte nur der andere Teil der Rede eine Rolle, 
denn hier hat die Traumarbeit bis zur vollen Unkenntlichkeit 
und bis zur äußersten Harmlosigkeit eine Phantasiesituation ver- 
ändert, in welcher ich mich gegen die Dame in einer 
gewissen Weise unanständig benehme. Diese in 



/ 'her den Traum 



=53 



der Phantasie erwartete Situation ist aber selbst nur die Neu- 
auflage einer einmal wirklich erlebten. 

II) Ein scheinbar ganz bedeutungsloser Traum, in dem Zahlen 
vorkommen. Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 
3 f^- ^5 ^'*- ""^ ^'^'' Geldtasche; sie sagt aber: Was tust du? 
Es kostet ja nur 21 Kreuzer. 

Die Träumerin war eine Fremde, die ihr Kind in einem 
Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte, und die meine 
Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien 
blieb. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvor- 
Eteherin nahegelegt, ihr das Kind noch ein weiteres Jahr zu 
überlassen. In diesem Falle hätte sie auch die Behandlung um 
ein Jahr verlängert. Die Zahlen im Traum kommen zur Bedeu- 
tung, wenn man sich erinnert, daß Zeit Geld ist. Tiine is money. 
Ein Jahr ist gleich 565 Tagen, in Kreuzern ausgedrückt 
gö5 Kreuzer oder 5 fl. 6g kr. Die 21 Kreuzer entsprechen den 
drei Wochen, die damals vom Traumtage bis zum Schulschluß 
■>, und damit bis zum Ende der Kur ausständig waren. Es waren 

oifenbar Geldrücksichten, welche die Dame bewogen hatten, den 
Vorschlag der Vorsteherin abzulehnen, und welche für die Klein- 
heit der Summe im Traum verantwortlich sind. 

in. Eine junge, aber schon seit Jahren verheiratete Dame 
erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., 
sich verlobt hat. Dieser Anlaß erregt nachstehenden Traum: 

Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte 
Sitze bekommen, drei für iß. '^o kr., und die konnten 
sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück 
gewesen. 

Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material der 
Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben, 
interessieren. Woher rühren die I J7. SO kr.? Aus einem indiffe- 



■ 



254 



Über den Traum 



renteti Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem 
Manne die Summe von igofl. zum Geschenke bekommen und 
sich beeilt, sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck 
dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl. hundertmal mehr 
sind als 1 fl. go kr. Für die drei, die bei den Thealerbillets 
steht, findet sich nur die eine Anknüpfung, daß die Braut Elise 
L. genau drei Monate jünger ist als die Träumerin. Die Situa- 
tion im Traume ist die Wiedergabe einer kleinen Begebenheit, 
mit der sie von ihrem Manne oft geneckt werden ist. Sie hatte 
sich einmal so sehr beeilt, vorzeitig Karlen zu einer Theater- 
vorstellung zu nehmen, und als sie dann ins Theater kam, war 
eine Seite des Parketts fast unbesetzt. Sie hätte es 
also nicht nötig gehabt, sich so sehr zu beeilen. — Über- 
sehen wir endlich nicht die Absurdität des 'IVaumes, daß 
zwei Personen drei Karten fürs Theater nehmen sollen! 

Nun die Traumgedanken: Kin Unsinn war es doch, so früh 
zu heiraten^ ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu 
beeilen. An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, daß ich immer 
noch einen Mann bekommen liätte, und zwar einen hundert- 
m a 1 besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. 
Drei solche Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) 
kaufen können ! 



vm 

Nachdem wir in den vorstehenden Darlegungen die Traum- 
arbeit kennen gelernt haben, werden wir wohl geneigt sein, sie 
für einen ganz besonderen psychischen Vorgang zu erklären, 
dessengleichen es nach unserer Kenntnis sonst nicht gibt. Es ist 
gleichsam auf die Traumarbeit das Befremden übergegangen, 
welches sonst ihr Produkt, der Traum, bei uns zu erwecken 
pflegte. In Wirklichkeit ist die Traumarbeit nur der zuerst 
erkannte unter einer ganzen Reihe von psychischen Prozessen, 
auf welche die Entstehung der hysterischen Symptome, der Angst-, 
Zwangs- und Wahnideen zurückzuführen ist. Verdichtung und 
vor allem Verschiebung sind niemals fehlende Charaktere auch 
dieser anderen Prozesse. Die Umarbeitung aufs Anschauliche bleibt 
hingegen der Traumarbeit eigentümlich. Wenn diese Aufklärung 
den Traum in eine Reihe mit den Bildungen psychischer Er- 
krankung bringt, so wird es uns um so wichtiger werden, die 
wesentlichen Bedingungen solcher Vorgänge wie der Traumbildung 
zu erfahren. Wir werden wahrscheinlich verwundert sein zu 
hören, daß weder Schlafzustand noch Krankheit zu diesen unent- 
behrlichen Bedingungen gehören. Eine ganze Anzahl von 
Phänomenen des Alltagslebens Gesunder, das Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, und eine gewisse Klasse von Irrtümern danken 
einem analogen psychischen Mechanismus wie der Traum und 
die anderen Glieder der Reihe ihre Entstehung. 

Der Kern des Problems liegt in der Verschiebung, der weitaus 



256 t^r den Tt 



•fium 



auffälligsten unter den Einzelleistungen der Traumarbeh. Die 
wesentliche Bedingung der Verschiebung lernt man bei eingehen- 
der Vertiefung in den Gegenstand als eine rein psychologische 
kennen; sie ist von der Art einer Motivierung. Man gerät 
auf ihre Spur, wenn man Krfahrungen würdigt, denen man bei 
der Analyse von Träuini'n iiJclit f^ntgehen kann. Icli habe bei 
der Analyse des Traumbeispiels auf Seite i()8 in der Mitteilung 
der Traumgedanken abbrechen müssen, weil sich unter ihnen, 
wie ich eingestand, solche fanden, die ich gerne vor Fremden 
geheim halte und ohne schwere Verletzung wichtiger Rücksichten 
nicht mitteilen kann. Ich fügte liin/.u, es brächte gar keinen 
Nutzen, wenn ich anstatt dieses Traumes einen anderen zur Mit- 
teilung seiner Analyse auswähhe^ bei jedem Traum, dessen Inhalt 
dunkel oder verworren ist, würde ich auf Trnnmgedanken stoßen, 
die Geheimhaltung erfordern. Wenn ich aber für mich selbst die 
Analyse fortsetze, ohne Rücksicht aui die anderen, für die 
ja ein so persönliches Erlebnis wie mein Traum gar nicht 
bestimmt sein kann, so lange ich endlich bei Gedanken 
an, die mich überraschen, die ich in mir nicht gekannt habe, 
die mir aber nicht nur fremdartig, sondern auch unan- 
genehm sind, und die ich darum energisch bestreiten möchte, 
während die durch die Analyse laufende (iedankenverkettung sie 
mir unerbittlich aufdrängt. Ich kann diesem ganz allgemeinen 
Sachverhalt gar nicht anders Rechnung tragen, als durch die 
Annahme, diese Gedanken seien wirklich in meinem Seelenleben 
vorhanden und im Besitz einer gewissen psychischen Intensität 
oder Energie gewesen, hätten sich aber in einer eigentümlichen 
psychologischen Situation befunden, <ier zufolge "sie mir nicht 
bewußt we rd en konnten. Ich heiße diesen besonderen Zustand 
den der Verdrängung. Ich kann dann nicht umhin, /.wischen 
der Dunkelheit des Trauminhaltes und dem VerdrÜngiuigszustand, 
der Bewußtseinsunfähigkeit, einiger der Tranmgedanken 
eine kausale Beziehung gelten zu lassen und zu schließen, daß 



über den Traum 337 



der Traum dunkel sein müsse, damit er die verpönten 
Traumgedanken nicht verrate. Ich komme so zum Begriffe 
der Trau mentstellung, welche das Werk der Trnumarbeit ist, 
und der Verstellung, der Absicht zu verbergen, dient. 

Ich will an dem zur Analyse ausgesuchten Traumbeispiel die 
Probe machen und mich fragen, welches denn der Gedanke ist, 
der sich in diesem Traum entstellt zur Geltung bringt, während 
er unentstellt meinen schärfsten Widerspruch herausfordern würde. 
Ich erinnere mich, daß die kostenlose Wagenfahrt mich an die 
letzten kostspieligen Wagenfahrten mit einer Person meiner 
Familie gemahnt hat, daß sich als die Deutung des Traumes 
ergab: Ich möchte einmal Liebe kennen lernen, die mich nichts 
kostet, und daß ich kurze Zeit vor dem Traum eine größere 
Geldausgabe für eben diese Person zu leisten halte. In diesem 
Zusammenhang kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, 
daß es mir um diese Ausgabe leid tut. Erst wenn ich 
diese Regung anerkenne, bekommt es einen Sinn, daß ich mir 
im Traum Liebe wünsche, die mir keine Ausgabe nötig macht 
Und doch kann ich mir ehrlich sagen, daß ich bei der Ent- 
schließung, jene Summe aufzuwenden, nicht einen Augenblick 
geschwankt habe. Das Bedauern darüber, die Gegenströmung, ist 
mir nicht bewußt worden. Aus welchen Gründen nicht, dies 
ist allerdings eine andere, weitab führende Frage, deren mir 
bekannte Beantwortung in einen anderen Zusammenhang gehört, 
enn ich nicht einen eigenen Traum, sondern den einer 
fremden Person der Analyse unterziehe, so ist das Ergebnis das 
nämliche^ die Motive zur Überzeugung werden aber geändert. 
Ist es der Traum eines Gesunden, so bleibt mir kein anderes 
Mittel, ihn zur Anerkennung der gefundenen verdrängten Ideen 
zu nötigen, als der Zusammenhang der Traumgedanken, und er 
mag sich immerhin gegen diese Anerkennung sträuben. Handelt 
es sich aber um einen neurotisch Leidenden, etwa um einen 
Hysteriker, so wird die Annahme des verdrängten Gedankens 



238 über den Traum 



für ihn zwingend durch den Zusammenhang dieses letzteren mit 
seinen Krankheitssymptomen und durcli die Besserung, die er 
bei dem Eintausch von Symptomen gegen verdrängte Ideen 
erfahrt. Bei der Patientin z. B., von welcher d&r letzte Traum 
mit den drei Karten für 1 fl. go kr. herrührt, muß die Analyse 
annehmen, daH sie ihren Mann geringschätzt, daß sie bedauert, ihn 
geheiratet zu haben, daß sie ihn gerne gegen einen anderen vertauschen 
mächte. Sie behauptet freiHch, daß sie ihren Mann liebt, daß 
ihr Empfindungsleben von dieser Geringschätzung (einen hundert- 
mal besseren!) nichts weiß, aber all ihre Symptome führen zu 
derselben Auflösung wie dieser Traum, und nachdem die von 
ihr verdrängten Erinnerungen an eine gewisse Zeit wieder 
geweckt worden sind, in welcher sie ihren Mann auch bewußt 
nicht geliebt hat, sind diese Symptome gelöst, und ihr Wider- 
stand gegen die Deutung des Traumes ist geschwunden. 



JX 

Nachdem wir uns den Begriff der Verdrängung fixiert und 
die Traum enUtellung in Beziehung zu verdrängtem psychischen 
Material gesetzt haben, können wir das Hauptergebnis, welches 
die Analyse der Träume liefert, ganz allgemein aussprechen. Von 
den verständlichen und sinnvollen Träumen haben wir erfahren, 
daß sie unverhüllte VS'unscherfüllungen sind, d. h. daß die Traum- 
situation in ihnen einen dem Bewußtsein bekannten, vom Tages- 
leben erübrigten, des Interesses wohl würdigen Wunsch als 
erfüllt darstellt. Über die dunkeln und verworrenen Träume 
lehrt nun die Analyse etwas ganz Analoges: die Traumsituation 
stellt wiederum einen Wunsch als erfüllt dar, der sich regel- 
mäßig aus den Traumgedanken erhebt, aber die Darstellung ist 
eine unkenntliche, erst durch Zurückführung in der Analyse 
aufzuklärende, und der Wunsch ist entweder selbst ein ver- 
drängter, dem Bewußtsein fremder, oder er hängt doch innigst 
mit verdrängten Gedanken zusammen, wird von solchen getragen. 
Die Formel für diese Träume lautet also : Sie sind ver- 
hüllte Erfüllungen von verdrängten Wünschen. 
Es ist dabei interessant zu bemerken, daß die Volksmeinung 
recht behält, welche den Traum durchaus die Zukunft verkünden 
läßt. In Wahrheit ist die Zukunft, die uns der Traum zeigt, 
nicht die, die eintreffen wird, sondern von der wir möchten, 
daß sie so einträfe. Die Volksseele verfährt hier, wie sie es auch 
sonst gewohnt ist: sie glaubt, was sie wünscht 



I 



240 über den Traum 



! Nach ihrem Verhalten gegen die Wunscherfüllung teilen sich 

die Träume in drei Klassen. Erstens fiolche, die einen unver- 

[ drängten Wunsch un verhüllt darstellen; dies sind die 

Träume von infantilem Typus, die beim Erwachsenen immer 

; seltener werden. Zweitens die Träume, die einen verdrängten 

j Wunsch verhüllt zum Ausdruck bringen; wohl die übergroße 

: Mehrzahl aller unserer Träume, die zum Verständnis dann der 

[ Analyse bedürfen. Drittens die Träume, die zwar einen v e r- 

I drängten Wunsch darstellen, aber ohne oder in unge- 

' nügender Verhüllung. Diese letzten Träume sind regehnäÜig von 

Angst begleitet, welche den Traum unterbricht. Die Angst ist 

' hier der Ersatz für die TraumenUstellung; sie ist mir in den 

Träumen der zweiten Klasse durch die Trauinarbeit erspart 

worden. Es läßt sich ohne all/.ugroße Schw it-rigkeit nachweisen, 

daß derjenige Vorstellungsinhalt, der uns jetzt im Traume Angst 

bereitet, einstmals ein Wunsch wHr und seither der Verdrängung 

unterlegen ist. 

|, Es gibt auch klare Träume von peinlichem Inhalt, der aber 

, im Traum nicht peinlich empfunden wird. Man kann diese darum 

[ nicht zu den Angsliräumen rechnen; sie haben aber immer dazu 

gedient, die Bedeutungslosigkeit und den psychischen Unwert der 
Träume zu erweisen. Eine Analyse eines solchen Beispieles wird 
: zeigen, daß es sich hier um gut verhüllte KrHillungen ver- 

drängter Wünsche, also um Träume der zweiten Klasse, handelt 
und wird gleichzeitig die ausgezeichnete Eignung der Ver- 
schiebungsarbelt zur Verhüllung des Wunsches dartun. 

Ein Mädchen träumt, daß sie das jetzt einzige Kind ihrer 
Schwester tot vor sich sieht in der niiinlichen Umgebung, in der 
sie vor einigen Jahren das erste Kind als Leiche sah. Sie emp- 
findet dabei keinen Schmerz, sträubt sich aber natürlich gegen 
die Auffassung, diese Situation entspreche einem Wunsche von 
ihr. Dies wird auch nicht erfordert; aber an der Bahre jenes 
Kindes hat sie vor Jahren den von ihr geliebten Mann zuletzt 



über den Traum a^j 



gesehen und gesprochen; stürbe das zweite Kind, so würde sie 
diesen Mann gewiß wieder im Hause der Schwester treffen. Sie 
sehnt sich nun nach dieser Begegnung, sträubt sich aber gegen 
dieses ihr Gefühl. Sie hat am Traumtage selbst eine Eintrittskarte zu 
einem Vortrage genommen, den der immer noch Geliebte ange- 
kündigt hat. Ihr Traum ist ein einfacher Ungeduldstraum, wie 
er sich gewöhnlich vor Reisen, Theaterbesuchen und ähnlichen 
erwarteten Genüssen einstellt. Um ihr aber diese Sehnsucht zu 
verbergen, ist die Situation auf die für eine freudige Empfindung 
unpassendste Gelegenheit verschoben worden, die sich doch ein- 
mal in der Wirklichkeit bewährt hat. Man beachte noch, daß 
das Affekt verhalten im Traume nicht dem vorgeschobenen, sondern 
dem wirklichen, aber zurückgehaltenen Trauminhalt angepaßt ist. 
Die Traumsituation greift dem lange ersehnten Wiedersehen vor; 
sie bietet keine Anknüpfung für eine schmerzliche Empfindung. 



F r E u d, m. ,R 



■ I 
I 



X 

Die Philosophen haben bisher keinen AnlaD gehabt, sich mit 
einer Psychologie der Verdränpunf"; zu bescbiifligen. Es ist also 
gestattet, daß wir uns in erster Annäherung an den noch unbe- 
kannten Sachverhalt eine anschauliche Vorstellung vom Hergang 
der Traumbildung schaffen. Das Schema, zu welchem wir nicht 
allein vom Studium des 'JVaumes her gelangen, ist zwar bereits 
ziemlich kompliziert; wir können abor mit einem einfacheren 
unser Ausreichen nicht finden. Wir nelimen an, daß es in unserem 
seelischen Apparat zwei gedankenbildende Instanzen gibt, deren 
zweite das Vorrecht besitzt, daß ihre Erzeugnisse den Zugang zum 
Bewußtsein offen finden, wälirend die Tätigkeit der ersten Instanz 
an sich unbewußt ist und nur über die zweite zum Bewußtsein 
gelangen kann. An der Grenze der beiden Instanzen, am Über- 
gang von der ersten zur zweiten, befinde sich eine Zensur, welche 
nur durchläßt, was ihr angenehm ist, anderes aber zurückhält. 
Dann befindet sich das von der Zensur Abgewiesene, nach unserer 
Definition, im Zustande der Verdrängung. Unter gewissen Bedin- 
gungen, deren eine der Schlafzusland ist, ändere sich das Kräfte- 
verhältnis zwischen beiden Instanzen in solcher Weise, daß das 
Verdrängte nicht mehr ganz zurückgehalten werden kann. Im 
Schlafzustand geschehe dies etwa durch den Nachlaß der Zensur^ 
dann wird es dem bisher Verdrängten gelingen, sich den Weg 
zum Bewußusein zu bahnen. Da die Zensur aber niemals aufge- 
hoben, sondern bloß herabgesetzt ist, so wird es sich dabei Ver- 



über den Traum 245 



änderungen gefallen lassen müssen, welche seine Anstößigkeiten 
mildern. Was in solchem Falle bewußt wird, ist ein Kompromiß 
zwischen dem von der einen Instanz Beabsichtigten und dem von 
der anderen Geforderten. Verdrängung — Nachlaß der 
Zensur — Kompromißbildung, dies ist aber das Grund- 
schema für die Entstehung sehr vieler anderer psychopathischer 
Bildungen in gleicher Weise wie für den Traum, und bei der 
Kompromißbildung werden hier wie dort die Vorgänge der Ver- 
dichtung und Verschiebung und die Inanspruchnahme oberfläch- 
licher Assoziationen beobachtet, welche wir bei der Traumarbeit 
kennen gelernt haben. 

Wir haben keinen Grund, uns das Element von Dämonismus 
zu verhehlen, welches bei der Aufstellung unserer Erklärung der 
Traumarbeit mitgespielt hat. Wir haben den Eindruck empfangen, 
daß die Bildung der dunklen Träume so vor sich geht, als ob 
eine Person, die von einer zweiten abhängig ist, etwas zu äußern 
hätte, was dieser letzteren anzuhören unangenehm sein muß, und 
von diesem Gleichnis her haben wir den Begriff der Traum- 
entstellung und den der Zensur erfaßt und uns bemüht, 
unseren Eindruck in eine gewiß rohe, aber wenigstens anschau- 
liche psychologische Theorie zu übersetzen. Mit was immer bei 
weiterer Klärung des Gegenstandes sich unsere erste und zweite 
Instanz wird identifizieren lassen, wir werden erwarten, daß sich 
ein Korrelat unserer Annahme bestätige, daß die zweite Instanz 
den Zugang zum Bewußtsein beherrscht und die erste vom 
Bewußtsein absperren kann. 

Wenn der Schlafzustand überwunden ist, stellt sich die Zensur 
rasch zur vollen Höhe wieder her und kann jetzt wieder ver- 
nichten, was ihr während der Zeit ihrer Schwäche abgerungen 
worden ist. Daß das Vergessen des Traumes wenigstens zum 
Teil diese Erklärung fordert, geht aus einer ungezählte Male 
bestätigten Erfahrung hervor. Während der Erzählung eines 
Traumes oder während der Analyse desselben geschieht es 

16* 



2,^ Üher diu Traum 



niclit selten, daß plötzlich olii ver^^^essen geglaubtes Bruchstück 
des Trauminhaltes wi.-dfr auflnu.:hl. fVu's dem Vergessen ent- 
rissene Stück enthält re{.ehniiltip den besten und nächsten 
Zugang zur Bedeutung des Traumes. Ks sollte walirscheinlich 
nur darum dem Vergessen, d. i. der neuerlichen Unlerdrückung, 
verfallen. 



XI 

Wenn wir den Trauminhalt als Darstellung eines erfüllten 
Wunsches auffassen und seine Dunkelheit auf die Abänderungen 
der Zensur an verdrängtem Material zurückführen, fällt es uns 
auch nicht mehr schwer, die Funktion des Traumes zu erschließen. 
In seltsamem Gegensatz zu Redewendungen, welche den Schlaf 
durch Träume stören lassen, müssen wir den Traum als den 
Hüter des Schlafes anerkennen. Für den Kindertraum dürfte 
unsere Behauptung leicht Glauben finden. 

Der Schlafzustand oder die psychische Schlafveränderung, worin 
immer sie bestehen mag, wird herbeigeführt durch den dem 
Kind aufgenötigten oder auf Grund von Müdigkeitssensationen 
gefaßten Entschluß zu schlafen, und einzig ermöglicht durch die 
Abhaltung von Reizen, welche dem psychischen Apparat andere 
Ziele setzen könnten als das des Schlafens. Die Mittel, welche 
dazu dienen, äußere Reize ferne zu halten, sind bekannt; aber 
welche Mittel stehen uns zur Verfügung, um die inneren seeli- 
schen Reize niederzuhalten, die sich dem Einschlafen widersetzen? 
Man beobachte eine Mutter, die ihr Kind einschläfert. Es äußert 
unausgesetzt Bedürfnisse, es will noch einen Kuß, es möchte noch 
spielen. Diese Bedürfnisse werden zum Teil befriedigt, zum anderen 
mit Autorität auf den nächsten Tag verschoben. Es ist klar, daß 
Wünsche und Bedürfnisse, die sich regen, die Hemmnisse des 
Einschlafens sind. Wer kennt nicht die heitere Geschichte von 
dem schlimmen Buben (Balduin G r o 1 1 e r s), der, bei Nacht 



n 



046 über den Traum 



erwachend, durch den Schlafraum brüllt: Das Nashorn will 
er? Ein braveres Kind würde, nnstnli /.u brüllen, träumen, daß 
es mit dem Nashorn spiele. Da der J'raum, welcher den Wunsch 
erfüllt zeigt, während des Schlafens Glauben findet, hebt er 
den Wunsch auf und ermöglicht den Sclilaf. Hs ist nicht abzu- 
weisen, daß dieser Glaube dem Traumbilde zufiillt, weil dieses 
sich in die psychische Erscheinung der Wahrnehmung kleidet, 
während dem Kinde die später zu erwerbende Fähigkeit noch 
fehlt, Halluzination oder Phantasie von Realität zu unterscheiden. 

Der Erwachsene hat diese Unterschi'itlung gelernt, er hat auch 
die Nutzlosigkeit des Wünschen» begrÜTen und durch fortgesetzte 
Übung erreicht, seine Strebungen aufzuschieben, bis sie auf langen 
Umwegen über die Veränderung d^r Auüenwelt ihre Erledigung 
finden können. Dem entsprechend sind auch die Wunscherfüllungen 
auf kurzem psychischen Weg bei ihm im Schlafe selten; ja, es 
ist selbst möglich, daß sie überluuipt nicht vorkommen, und daß 
alles, was uns nach der Art eines Kindertraumes gebildet zu sein 
scheint, eine viel kompliziertere Aullüsinig erfordert. Dafür aber 
hat sich beim Erwachsenen — und wohl bei jedem VolLsinnigen 
ohne Ausnahme — eine Differenzierung des psychischen Materiales 
herausgebildet, die dem Kinde fehlte. Rs ist eine psychische 
Inslanz zustande gekommen, welche, durch die Lebenserfahrung 
belehrt, einen beherrschenden und hennnenden EinfluÜ auf die 
seelischen Regungen mit eifersüchtiger Sirrnge festliiili, und die 
durch ihre Stellung zum Bewuülsein und zur willkürlichen 
Motilität mit den größten Mitteln psychischer Maclit ausgestattet 
ist. Ein Keil der kindlichen Regungen aber ist als lebensunnütz 
von dieser Instanz unterdrückt worden, und alles (iednnken- 
material, was von diesen abstaminl, befindet sich im Zustande der 
Verdrängung. 

Während sich nun die Instanz, in welcher wir unser normales 
Ich erkennen, auf den Wunsch zu schlafen, einstellt, scheint sie 
durch die psychophysiologischen Bedingungen des Schlafes genötigt» 



über den Traum 247 

an der Energie nachzulassen, mit welcher sie bei Tag das Ver- 
drängte niederzuhalten pflegte. Dieser Nachlaß selbst ist zwar harm- 
los; die Erregungen der unterdrückten Kinderseele mögen sich 
immerhin tummeln; infolge des nämlichen Schlafzustandes finden 
sie doch den Zugang zum Bewußtsein erschwert und den zur 
Motilität versperrt. Die Gefahr, daß der Schlaf durch sie gestört 
werde, muß aber abgewehrt werden. Nun müssen wir ja ohne- 
hin die Annahme zulassen, daß selbst im tiefen Schlaf ein Betrag 
von freier Aufmerksamkeit als Wächter gegen Sinnesreize aufge- 
boten wird, welche etwa das Erwachen rätÜcher erscheinen lassen 
als die Fortsetzung des Schlafes. Es wäre sonst nicht zu erklären, 
daß wir jederzeit durch Sinnesreize von gewisser Qualität auf- 
zuwecken sind, wie bereits der alte Physiologe Bu rd ach betonte, 
die Mutter z. H. durch das Wimmern ihres Kindes, der Müller 
durch das Stehenbleiben seiner Mühle, die meisten Menschen 
durch den leisen Anruf bei ihrem Namen. Diese Wache haltende 
Aufmerksamkeit wendet sich nun auch den inneren Wunsch- 
reizen aus dem Verdrängten zu und bildet mit ihnen den Traum, 
der als Kompromiß gleichzeitig beide Instanzen befriedigt. Der 
Traum schafft eine Art von psychischer Erledigung für den 
unterdrückten oder mit Hilfe des Verdrängten geformten Wunsch, 
indem er ihn als erfüllt hinstellt; er genügt aber auch der 
anderen Instanz, indem er die Fortsetzung des Schlafes gestattet. 
Unser Ich benimmt sich dabei gerne wie ein Kind, es schenkt 
den Traumbildern Glauben, als ob es sagen wollte: Ja, ja, du 
hast recht, aber laß mich schlafen. Die Geringschätzung, die wir, 
erwacht, dem Traume entgegenbringen, und die sich auf die Ver- 
worrenheit und scheinbare Unlogik des Traumes beruft, ist wahr- 
scheinlich nichts anderes als das Urteil unseres schlafenden Ichs 
über die Regungen aus dem Verdrängten, das sich mit besserem 
Rechte auf die motorische Ohnmacht dieser Schlafstörer stützt. 
Dies geringschätzige Urteil wird uns mitunter selbst im Schlafe 
bewußt; wenn der Trauminhalt allzusehr über die Zensur hinaus- 



048 über den Traum 




geht, denken wir: Es ist ja nur ein Traum — und schlafen 
weiter. 

Es ist kein Einwand gegen diese Auliassung, wenn es auch 
für den Traum Grenzfallo gibt, in denen er seine Funktion, den 
Schlaf vor Unterbrechung zu bewahren, nicht mehr feslhallen 
kann — wie beim Angstlrnum — und sie gegen die andere» 
ihn rechtzeitig aufzuheben, vertauscht. Kr verfahrt dabei auch 
nur wie der gewissenliafie Naclitwiichter, der zunächst seine 
Pfliclit tut, indem er Störungen zur Ruhe bringt, um die 
Bürgerschaft nicht zu wecken, dann aber seine Pflicht damit fort- 
setzt, die Bürgerschaft selbst zu wecken, wenn ihm die Ursachen 
der Störung bedenklich scheinen und er mit ihnen allein nicht 
fertig wird. 

Besonders deutlich wird eine solche Funktion des Traumes, 
wenn an den Schlafenden ein Anreiz zu Siunesempiindurigen 
herantritt. Daß Sinnesreize, während des Schlaf/.ustandes angebracht, 
den Inhalt der Träume beeinHussen, ist allgemein bekannt, läßt 
sich experimentell nachweisen und gehört zu den wenigen 
sicheren, aber arg überschätzten, Ergebnissen der ärztlichen 
Forschung über den Traum. Es hat sich aber an diese Ermitt- 
lung ein bisher unlösbares Rätsel geknüpft. Der Sinnesreiz, den 
der Experimentator auf den Schlafenden einwirken läßt, erscheint 
im Traume nämlich nicht richtig erkannt, sondern unterliegt 
irgend einer von unbestimmt vielen Deutungen, deren Deter- 
minierung der psychischen Willkür überlassen schien. Psychische 
Willkür gibt es natürlich nicht. Der Schlafende kann gegen 
einen Sinnenreiz von außen auf mehrfache Weise reagieren. 
Entweder er erwacht oder es gelingt ihm, den Schlaf trotzdem 
fortzusetzen. Im letzteren Falle kann er sich des Traumes 
bedienen, um den äußeren Reiz fortzuschaffen, und zwar 
wiederum auf mehr als eine Weise. Er kann z. B. den Reiz 
aufheben, indem er eine Situation träumt, die mit ihm ganz 
und gar unverträglich ist. So benahm sich z. B. ein Schläfer, 



über den Traum. 249 



/ 



den ein schmerzhafter Abszeß am Perineum stören wollte. Er 
träumte, daß er auf einem Pferd reite, benutzte dabei den Brei- 
umschlag, der ihm den Schmerz lindern sollte, als Sattel und 
kam so über die Störung hinweg. Oder aber, was der häufigere 
Fall ist, der äußere Reiz erfährt eine Umdeutung, die ihn in 
den Zusammenhang eines eben auf seine Erfüllung lauernden 
verdrängten Wunsches einfügt, ihn so seiner Realität beraubt 
■ und wie ein Stück des psychischen Materials behandelt. So träumt 
jemand, er habe ein Lustspiel geschrieben, das eine bestimmte 
Grundidee verkörpert, es werde im Theater aufgeführt, der 
erste Akt sei vorüber und finde rasenden Beifall. Es wird 
fürchterlich geklatscht ... Es muß hier dem Träumer gelungen 
sein, seinen Schlaf über die Störung hinaus zu verlängern, denn 
j als er erwachte, hörte er das Geräusch nicht mehr, urteilte 

aber mit gutem Recht, es müßte ein Teppich oder Betten 
geklopft worden sein. — Die Träume, die sich unmittelbar vor 
dem Wecken durch ein lautes Geräusch einstellen, haben alle 
noch den Versuch gemacht, den erwarteten Weckreiz durch eine 
andere Erklärung abzuleugnen und den Schlaf noch um ein Weilchen 
zu verlängern. 



1 



XII 

Wer an dem Gesichtspunkte der Zensur als dem Haupt- 
motiv der Traumentstellung festhält, der wird nicht befremdet 
sein, aus den Ergebnissen der Traumdeutung zu erfahren, daß 
die meisten Träume der Erwachsenen durcli die Analyse auf 
erotische Wünsche zurückgeführt werden. Diese lidiauplung 
zielt nicht auf die Träume von unverhüllL sexuellem Inhah, die 
wohl allen Träumern aus eigenem Erleben bekannt sind und 
gewöhnlich allein als „sexuelle Träume" beschrieben werden. 
Solche Träume bieten noch immer des nefremdendon genug 
durch die Auswahl der Personen, die sie zu Sexualobjekten 
machen, durch die Wegräumung aller Schranken, an denen der 
Träumer im wachen Leben seine geschlechtlichen Bedürfnisse 
haltmachen läßt, durch viele sontlerbore an das sogenannt 
Perverse mahnende Einzelheiten. Die Analyse zeigt aber, daß 
sehr viele andere Träume, die in ihrem manifesten Inhalt nichts 
Erotisches erkennen lassen, durch die Doutungsarbeit als sexuelle 
WunscherfüUungen entlarvt werden, und daß anderseits sehr viele 
von der Denkarbeit des Wachens als „Tagesreste" erübrigte Ge- 
danken zu ihrer DarstRllung im 'IVaum nur durch die Zuhilfe- 
nahme verdrängter erotischer Wünsche gelangen. 

Zur Aufklarung dieses theoretisch nicht postulierten Sachverhaltes 
sei darauf hingewiesen, daß keine andere Gruppe von Trieben 
eine so weitgehende Unterdrückung durch die Anforderung der 
Erziehung zur Kultur erfahren hat wie gerade die sexuellen, daß 



tyber den Traum 251 



aber auch die sexuellen Triebe sich bei den meisten Menschen 
der Beherrschung durch die höchsten Seeleninstanzen am ehesten 
zu entziehen verstehen. Seitdem wir die in ihren Äußerungen 
oft so unscheinbare, regelmäßig übersehene und mißverstandene 
infantile Sexualität kennen gelernt haben, sind wir 
berechtigt zu sagen, daß fast jeder Kulturmensch die infantile 
Gestaltung des Sexuallebens in irgend einem Punkte festgehalten 
hat, und begreifen so, daß die verdrängten infantilen Sexual- 
wünsche die häufigsten und stäi'ksten Triebkräfte für die Bildung 
der Träume ergeben,* 

Wenn es dem Traume, welcher erotische Wunsche zum Aus- 
drucke bringt, gelingen kann, in seinem manifesten Inhalt harm- 
los asexuell zu erscheinen, so kann dies nur auf eine Weise 
möglich werden. Das Material von sexuellen Vorstellungen darf 
nicht als solches dargestellt werden, sondern muß im Traum- 
inhalt durch Andeutungen, Anspielungen und ähnliche Arten 
der indirekten Darstellung ersetzt werden, aber zum Unterschied 
von anderen Fällen indirekter Darstellung muß die im Traum 
verwendete der unmittelbaren Verständlichkeit entzogen sein. 
Man hat sich gewöhnt, die Darstellungsmittel, welche diesen 
Bedingungen entsprechen, als Symbole des durch sie Dar- 
gestellten zu bezeichnen. Ein besonderes Interesse hat sich ihnen 
zugewendet, seitdem man bemerkt hat, daß die Träumer der- 
selben Sprache sich der nämlichen Symbole bedienen, ja, daß in 
einzelnen Fällen die Symbolgemeinschaft über die Sprach- 
gemeinschaft hinausreicht. Da die Träumer die Bedeutung der 
von ihnen verwendeten Symbole selbst nicht kennen, bleibt es 
zunächst rätselhaft, woher deren Beziehung zu dem durch sie 
Ersetzten und Bezeichneten rührt. Die Tatsache selbst ist aber 
unzweifelhaft und wird für die Technik der Traumdeutung bedeut- 
sam, denn mit Hilfe einer Kenntnis der Traumsymbolik istes möglich, 

i) Vergl. hiezii des Verfassers „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 1905, fünfte 
Auflage 192a. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



ass 



Über dm Traum 



den Sinn einzelner Elemente des Trauminhaltes, oder einzelner 
Stücke des Traumes, oder mitunter selbst ganzer Träume, zu 
verstehen, ohne den Träumer nach seinen Einfüllen befrap;en zu 
müssen. Wir nähern uns so dem populären Ideal einer Traum- 
übersetzung und greifen anderseits auf die Deutungstechnik der 
alten Völker zurück, denen Traumdeutung mit Deutung durch 
Symbolik identisch war. 

Wiewohl die Studien über die Traumsymbole von einem 
Abschluß noch weit entfernt sind, können wir doch eine Reihe 
von allgemeinen Behauptungen und von speziellen Angaben über 
dieselben mit Sicherheit vertreten. Ks gibt Symbole, die fast 
allgemein eindeutig zu übersetzen sind, so hedeutfMi Kaiser und 
Kaiserin (König und Königin) die Kitern, Zimmer stellen 
Frauen(zimmer) dar, die Hin- und Ausgänge derselben die Körper- 
öffnungen. Die größte Zahl der Traumsymbole dient zur Dar- 
stellung von Personen, Körpni;teilen und Verrichtungen, die mit 
erotischem Interesse betont sind, insbesondere können die 
Genitalien durch eine Anzahl von oft si'lir übtTrasclienden 
Symbolen dargestellt werden und finden sich die mannigfaltigsten 
Gegenstände zur symbolischen Ilezeichnimg der Genitalien ver- 
wendet. Wenn scharfe Waffen, lange und slarre Objekte wie 
Baumstämme und Stöcke, das männliche Genitale; Schränke, 
Schachteln, Wagen, Öfen den Frauenleib im Traume vertreten, 
so ist uns das Tertium comparationis, das Gemeinsame dieser 
Ersetzungen, ohne weiteres verständlich, aber nicht bei allen 
Symbolen wird uns das Erfassen der verbindenden Beziehungen 
so leicht gemacht. Symbole wie das der Stiege und des Steigens 
für den Sexualverkehr, der Krawatte für das männliche Glied, des 
Holzes für den Frauenleib fordern unseren Unglauben heraus, so 
lange wir nicht die Einsicht in die Symbolbeziehung auf anderen 
Wegen gewonnen haben. Eine ganze Anzahl der Traumsymbole 
ist übrigens bisexuell, kann je nach dem Zusammenhange auf 
das männliche oder auf das weibliche Genitale bezogen werden. 



über den Traum 253 



Es gibt Symbole von universeller Verbreitung, die man bei 
allen Träumern eines Sprach- und Bildungskreises antrifft, und 
andere von höchst eingeschränktem, individuellem Vorkommen, 
die sich ein Einzelner aus seinem Vorstellungsmaterial gebildet 
hat. Unter den ersteren unterscheidet man solche, deren Anspruch 
auf Vertretung des Sexuellen durch den Sprachgebrauch ohne 
weiteres gerechtfertigt wird (wie z. B. die aus dem Aclierbau 
stammenden, vgl. Fortpflanzung, Samen), von anderen, deren 
Beziehung zum Sexuellen in die ältesten Zeiten und dunkelsten 
Tiefen unserer Begriffsbildung hinabzureichen scheint. Die 
symbolbildende Kraft ist für beide oben gesonderten Arten von 
Symbolen in der Gegenwart nicht erloschen. Man kann 
beobachten, daß neu erfundene Gegenstände (wie das Luftschiff) 
sofort zu universell gebräuchlichen Sexualsymbolen erhoben 
werden. 

Es wäre übrigens irrtümlich zu erwarten, eine noch gründ- 
lichere Kenntnis der Traumsymbolik (der „Sprache des Traumes") 
könnte uns von der Befragung des Träumers nach seinen Ein- 
fällen zum Traume unabhängig machen und uns gänzlich zur 
Technik der antiken Traumdeutung zurückführen. Abgesehen 
von den individuellen Symbolen und den Schwankungen im 
Gebrauch der universellen, weiß man nie, ob ein Element des 
Trauminhalles symbolisch oder im eigentlichen Sinne zu deuten 
ist, und weiß man mit Sicherheit, daß nicht aller Inhalt des 
Traumes symbolisch zu deuten ist. Die Kenntnis der Traum- 
symbolik wird uns immer nur die Übersetzung einzelner 
Bestandteile des Trauminhaltes vermitteln und wird die Anwen- 
dung der früher gegebenen technischen Regeln nicht überflüssig 
machen. Sie wird aber als das wertvollste Hilfsmittel zur Deutung 
gerade dort eintreten, wo die Einfälle des Träumers versagen 
oder ungenügend werden. 

Die Traumsymbolik erweist sich als unentbehrlich auch für 
das Verständnis der sogenannten „typischen" Träume der 



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854 '^*^'' ''"' ^'''""" 



Menschen und der „wiederkehrenden" Träume des Einzelnen, 
Wenn die Würdigung der symboHschen Ausdrucksweise des 
Traumes in dieser kurzen Darstelhitig so unvollständig aufgefallen 
ist, so rechtfertigt sich diese Veruaclilassigung durch den Hin- 
weis auf eine Einsicht, die zu dem Wichtigsten gehört, was wir 
über diesen Gegenstand aussagen können. Die Traumsymbolik 
führt weit über den Traum hinaus; sie gehört nicht dem 
Traume zu eigen an, sondern beherrscht in gleicher Weise die 
Darstellung in den Märchen, Mythen und Sagen, in den Witzen 
und im Folklore. Sie gestattet uns, die innigen Beziehungen des 
Traumes zu diesen Produktionen zu verfolgen; wir müssen uns 
aber sagen, daß sie nicht von der Traumarbeit hergestellt wird, 
sondern eine Eigentümlichkeit — wahrsclieinlich unseres unbe- 
wußten Denkens ist, welches der Traumarbeil das Material zur 
Verdichtung, Verschiebung und Dramatisierung liefert.' 



i) Weiteres über die Traumsymbolik findet man atiQer in den iillcn Schriften 
lur Traumdeutung (Artemidonis von Daldii, Scherner, Diis Leben des 
Traumes 1861) in der „Traumdeutung" des Verfosser», i» den myüiologischen 
Arbeiten der psychoanalytischen Schule und uitch tu dou Arbeilen von W. S t c k e 1 
(„Die Sprache dei TraumeB" 191 1). 



XIII 

Ich erliebe weder den Anspruch, hier auf alle Traumprobleme 
Licht geworfen, noch die hier erörterten überzeugend erledigt 
zu haben. Wer sich für den ganzen Umfang der Traumlileratur 
interessiert, der sei auf das Buch von Sante de Sanctis: 
I sogni, Torino 1899, verwiesen; wer die eingehendere Begrün- 
dung der von mir vorgetragenen Auffassung des Traumes sucht, 
der wende sich an meine Schrift: Die Traumdeutung, 
Leipzig und Wien 1900.' Ich werde nur noch darauf hinweisen, 
in welcher Richtung die Fortsetzung meiner Darlegungen über 
die Traumarbeit zu verfolgen ist. 

Wenn ich als die Aufgabe einer Traumdeutung die Ersetzung 
des Traumes durch die latenten Traumgedanken, also die Auf- 
lösung dessen, was die Traumarbeit gesponnen hat, hinstelle, so 
werfe ich einerseits eine Reihe von neuen psychologischen Pro- 
blemen auf, die sich auf den Mechanismus dieser Traumarbeit 
selbst wie auf die Natur und die Bedingungen der sogenannten 
Verdrängung beziehen^ anderseits behaupte ich die Existenz der 
Traumgedanken, als eines sehr reichhaltigen Materiales psychischer 
Bildungen von höchster Ordnung und mit allen Kennzeichen 
normaler intellektueller Leistung versehen, welches Material sich 
doch dem Bewußtsein entzieht, bis es ihm durch den Traum- 
inhalt entstellte Kunde gegeben hat. Solche Gedanken bin ich 

igaa in siebenter Auflage erschienen. (Ges. Schriften, Bd. 11 und III.) 



2g6 Über den Traum 



genötigt, bei jedermann als vorhanden anzunehmen, da ja fast 
alle Menschen, auch die normalsten, des Träuniens iahig sind. 
An das Unbewußte der Traumgedanken, an dessen Verliältnis 
zum Bewußtsein und zur Verdrängung knüpfen die weiteren, für 
die Psychologie bedeutsamt-n Fragen an, deren Krledigung wohl 
aufzuschieben ist, bis die Analyse die Entstehung anderer psycho- 
pathischer Bildungen, wie der hysterischen Symjitume und der 
Zwangsideen, klargelegt hat. 



BEITRÄGE ZUR TRAUMLEHRE 



Freud, III. J7 



MÄRCHENSTOFFE IN TRÄUMEN 

Erschien zuerst in der „InUmniionalen Zeit' 
Schrift für Psrchoanufyse", Bd. I {J^I^J, dann 
in der Fiertm Folgt der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlekre". (Englische Über- 
setzung in „Collected Papers^\ Val. IV.} 

Es ist keine Überraschung, auch aus der Psychoanalyse zu 
erfahren, welche Bedeutung unsere Volksmärchen für das Seelen- 
leben unserer Kinder gewonnen haben. Bei einigen Menschen hat 
sich die Erinnerung an ihre Lieblingsmärchen an die Stelle eigener 
Kindheitserinnerungen gesetzt^ sie haben die Märchen zu Deck- 
erinnerungen erhoben. 

Elemente und Situationen, die aus diesen Märchen kommen 
finden sich nun auch häufig in Träumen. Zur Deutung der 
betreffenden Stellen fällt den Analysierten das für sie bedeutungs- 
volle Märchen ein. Von diesem sehr gewöhnlichen Vorkommnis 
will ich hier zwei Beispiele anführen. Die Beziehungen der 
Märchen zur Kindheitsgeschichte und zur Neurose der Träumer 
werden aber nur angedeutet werden können, auf die Gefahr hin, 
die dem Analytiker wertvollsten Zusammenhänge zu zerreißen. 

I 

Traum einer jungen Frau, die vor wenigen Tagen den Besuch 
ihres Mannes empfangen hat: Sie ist in einem ganz braunen 
"Zimmer. Durch eine kleine Tür kommt man auf eine steile Stiege^ 
und über diese kommt ein sonderbares Männlein ins Zimmer^ klein, 

17* 




a6o Beiträge zur TraumMire 



mit weißen Haaren, Glatze und roter Nasfy das im Zimmer vor 
ihr herumtanzt, sich sehr komisch gebärdet und dorm wieder zur 
Stiege herabgellt. Es ist in ein graues (ieunnd gekleidet, welches 
alle Formen erkennen läßt. ^Korrektur: Es trägt einen langen 
schwarzen Rock und eine graue Hose.) 

Analyse: Die Personsbeschreibung des Männleins paßt ohne 
weitere Veränderung' auf ihrnn Schwiegervater. Dann fällt ihr 
aber sofort das Märchen von R u m pels t i Izcli en ein, der so 
komisch wie der Mann im Traume herumtanzt und dabei der 
Königin seinen Namen verrät. Dadurch htit er aber seinen 
Anspruch auf das erste Kind der Königin verloren und reißt sich 
in der Wut selbst mitten entzwei. 

Am l'raumtag war sie selbst so wütend auf ihren Mann und 
äußerte: Ich könnte ihn mitten entzweireißen. 

Das braune Zimmer macht zunächst Schwierigkeiten. Es fällt 
ihr nur das Speisezimmer ihrer Eltern ein, das so — holzbraun 
— getäfelt ist, und dann erzählt sie Geschichten von Betten, in 
denen man zu zweien so unbequem schlült. Vor einigen Tagen 
hat sie, als von Betten in anderen Ländern die Rede war, etwas 
sehr Ungeschicktes gesagt, — in harmloser Absichi, meint sie, — 
worüber ihre Gesellschaft fürchteilich lachen mußte. 

Der Traum ist nun bereits verständlich. Das holzbraune Zimmer* 
ist zunächst das Bett, durch die Beziehung auf das Speisezimmer 
ein Ehebett.' Sie befindet sich also im Ehebett. Der Besucher 
sollte ihr junger Mann sein, der nach melirinonatiger Abwesen- 
heit zu ihr gekommen war, um seine Rolle im Ehebett zu sjjielen. 
Es ist aber zunächst der Vater des Mannes, der Sciiwiegervater. 

Hinler dieser ersten Deutung blickt man auf «ine tiefer liegende 
rein sexuellen Inhalts. Das Zimmer ist jetzt die Vagina. (Das 



Bis auf das Detail kungeachnittciier Haare, wÄhrond der SchwiegcrvBter da» 
Haar lang tragt. 

3) Hol« wie bekannt häufig weibliche», miiUerlichos Symbol (materta, Madeiri 
usw.). 

5) Tisch und Bett reprJiseiilioren ja die Ehe. 



Märchenstoffe in Träumen 261 



Zimmer ist in ihr, im Traume umgekehrt.) Der kleine Mann, 
der seine Grimassen macht und sich so komisch benimmt, ist der 
Penis; die enge Tür und die steile Treppe hestätigen die Auf- 
fassung der Situation als einer Koitusdarstellung. Wir sind sonst 
gewöhnt, daß das Kind den Penis symbolisiert, werden aber ver- 
stehen, daß es einen guten Sinn hat, wenn hier der Vater zur 
Vertretung des Penis herangezogen wird. 

Die Auflösung des noch zurückgehaltenen Restes vom Traume 
wird uns in der Deutung ganz sicher machen. Das durch- 
scheinende graue Gewand erklärt sie selbst als Kondom. VVir 
dürfen erfahren, daß Interessen der Kinderverhütung, Besorgnisse, 
ob nicht dieser Besuch des Mannes den Keim zu einem zweiten 
Kind gelegt, zu den Anregern dieses Traumes gehören. 

Der schwarze Rock; Ein solcher steht ihrem Manne ausge- 
zeichnet. Sie will ihn beeinflussen, daß er ihn immer trage 
anstatt seiner gewöhnlichen Kleidung. Im schwarzen Rock ist ihr 
Mann also so, wie sie ihn gern sieht. Schwarzer Rock und 
graue Hose: das heißt aus zwei verschiedenen, einander über- 
deckenden Schichten: So gekleidet will ich dich haben. So gefällst 
du mir. ... , . 

Rumpelstilzchen verknüpft sich mit den aktuellen Gedanken 
des Traumes — den Tagesresten — durch eine schöne Gegen- 
satzbeziehung. Er kommt im Märchen, um der Königin das erste 
Kind zu nehmen; der kleine Mann im Traum kommt als Vater, 
weil er wahrscheinlich ein zweites Kind gebracht hat. Aber 
Rumpelstilzchen vermittelt auch den Zugang zur lieferen, infan- 
tilen Schicht der Traumgedanken. Der possierliche kleine Kerl, 
dessen Namen man nicht einmal weiß, dessen Geheimnis man 
kennen möchte, der so außerordentliche Kunststücke kann (im 
Märchen Stroh in Gold verwandeln) — die Wut, die man gegen 
ihn hat, eigentlich gegen seinen Besitzer, den man um diesen 
Besitz beneidet, der Penisneid der Mädchen, — das sind Elemente, 
deren Beziehung zu den Grundlagen der Neurose, wie gesagt. 




263 



Beiträge zur Traumlehre 



hier nur gestreift werden soll. Zum Kastralionsthemn gehören 
wohl auch die geschnittenen Haare des Männchens im Traume. 
Wenn man in durchsichtigen ßeispielon darauf achten wird, 
was der Träumer mit dem Märchen macht, und an welche 
Stelle er es setzt, so wird man dadurch vielleicht auch Winke 
für die noch ausstehende üeutuiig dieser Märchen selbst gewinnen. 

n 

Ein junger Mann, der einen Anhalt für seine Kiiulheits- 
erinnerungen in dem Umstände findet, daß seine Ellern ihr bis- 
heriges Landgut gegen ein anderes vertauschten, als er noch nicht 
fünf Jahre war, erzählt als seinen frühesten Traum, der noch auf 
dem ersten Gut vorgefallen, folgendes: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem Bett 
liege (mein Bett stand mit dem Fußende gegen das Fenster, vor 
dem Fenster befand sich eine Reihe aller Nußbäume; ich iv^iß, 
es war fVinter, als ich träumte, und Nachtzeit). 1'lütz.ltclt geht das 
Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großem Schrecken, daß 
auf dem großen Nußbaum vor dem Fenster ein paar weiße 
Wolfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück. Die Wölfe waren 
ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse oder Schiißvlmnde^ 
denn sie hatten große Schwänze wie Füchse und ihre Ohren 
waren aufgestellt wie bei den Hunden^ wenn sie auf etwas passen. 
Unter großer ^ngst, offenbar von den If'ölfen aufgefressen zu 
werden, schrie ich auf und erwachte. Meine Kinderfrau eilte zu 
meinem Bett, um nachzusehen, was mit mir geschehen war. Es 
dauerte eine ganze Weile, bis ich überzeugt war, es sei nur ein 
Traum gewesen, so natürlich und deutlich war mir das Bild vor- 
gekommen, wie das Fenster aufgeht und die Wölfe auf dem 
Baume sitzen. Endlich liernhlgte ich mich, fühlte mich wie von 
einer Gefahr befreit und schlief wieder ein." 

„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters, 
denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jode Bewegung auf den 



Märchenstoffe in Träumen 265 

Ästen des Baumes, rechts und links vom Stamm und schauten 
mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre ganze Aufmerksamkeit 
auf mich gerichtet hätten. — Ich glaube, dies war mein erster 
Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf Jahre alt. 
Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer 
Angst, etwas Schreckliches im Traum zu sehen." 

Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den Wölfen, 
die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes fördert 
nachstehendes Material zutage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung 
gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz unge- 
heuerliche Angst vor dem Bilde eines Wolfes in einem Märchen- 
buche zeigte. Die ältere, ihm recht überlegene Schwester pflegte 
ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem Vorwand 
gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann. 
Auf diesem Bilde stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß aus- 
schreitend, die Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Er 
meint, dieses Bild habe als Illustration zum Märchen von Rot- 
käppchen gehört. 

Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe 
denken, von denen große Herden in der Nähe des Gutes gehalten 
wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese Herden zu 
besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz und selig. Später 
— nach eingezogenen Erkundigungen kann es leicht kurz vor 
der Zeit dieses Traumes gewesen sein, — brach unter diesen 
Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ einen Paste urschüler 
kommen, der die Tiere impfte, aber sie starben nach der Impfung 
noch zahlreicher als vorhin. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm eine 
Geschichte ein, die er den Großvater erzählen gehört. Er kann 
sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traume, aber ihr 
Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die Geschichte lautet: 
Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der Arbeit, da öffnet 



264 Beiträge zur Traumlehre 



sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider 
schlägt mit der Elle nach ihm — nein, verbessert er sicli, packt 
ihn beim Schwanz und reißt ihm diesen aus, so daß der Wolf 
erschreckt davonrennt. Eine Weile später gehl der Schneider in 
den Wald und sieht plötzlich ein Hudel Wfilfe herankuintnen, 
vor denen er sich auf einen Ikum flüchtci. Die Wölfe sind 
zunächst ratlos, aber der verstumm ehe, der unter ihnen ist und 
sich am Schneider rächen will, macht den Vorschlag;, daß einer 
auf den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider erreicht 
hat. Er selbst — er ist ein kräftiger Alter — will die Basis 
dieser Pyramide maclien. Die Wölfe tun so, aber der Schneider 
hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft plützlidi wie 
damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der schwanzlose Wolf 
erschrickt bei dieser Erinnerung, lauft davon und die anderen 
purzeln alle herab. . . 

In dieser Erzählung findet sich der Raum vor, auf dorn im 
Traume die Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzwei- 
deutige Anknüpfung an den Knstrnlionskomjilex. Der alte Wolf 
ist vom Schneider um den Schwanz gebraclii worden. Die Fuchs- 
schwänze der Wölfe im Traume sind wold Kompenstitioncn dieser 
Seh wanzlosigkeit. 

Warum sind es sechs oder sieben W'ülfe? Diese Frage schien 
nicht zu beantworten, bis ich den /wcifel aufwarf, ob sich sein 
Angstbild auf das Hotkäppchenmärchen bezogen haben könne. 
Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei llluslralioncn, zur Begegnung 
des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde uml zur Szene, wo 
der Wolf mit der Haube der Großmutter im Bette liegt. Es 
müsse sich also ein anderes Märchen hinter der Erinnerung an 
das Bild verbergen. Er fand dann bald, daß es nur die Geschichte 
vom Wolf und den sieben (ieißlein sein könne. Hier 
findet sich die Siebenzahl, aber auch die sechs, denn der Wolf 
frißt nur sechs Geißlein auf, das siebente versteckt sich im Uhr- 
kasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte vor, denn der 



1 



Märchenstoffe in Träumen 26g 



Wolf läßt sich beim Bäcker die Pfote weiß machen, nachdem ihn 
die Geißlein bei seinem ersten Besuch an der grauen Pfote erkannt 
haben. Beide Märchen haben übrigens viel Gemeinsames. In beiden 
findet sich das Auffressen, das Bauchaufschneiden, die Heraus- 
beförderung der gefressenen Personen, deren Ersatz durch schwere 
Steine, und endlich kommt in beiden der böse Wolf um. Im 
Märchen von den Geißlein kommt auch noch der Baum vor. Der 
Wolf legt sich nach der Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen 
UmStandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn 
dann eingehender deuten und würdigen." Es ist ja ein erster aus 
der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt im Zusammen- 
hang mit anderen Träumen, die bald nachher erfolgten, und mit 
gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Träumers ein Inter- 
esse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschränken wir uns 
auf die Beziehung des Traumes zu zwei Märchen, die viel Gemein- 
sames haben, zum „Rotkäppchen" und zum „Wolf und die sieben 
Geißlein". Der Eindruck dieser Märchen äußerte sich bei dem 
kindlichen Träumer in einer richtigen Tierphobie, die sich von 
anderen ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete, daß das Angst- 
tier nicht ein der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt war 
(wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung und 
Bilderbuch gekannt war. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung 
diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt. 
Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung sehr zu dem 
Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des Träumers in 
späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst vor dem Vater 
war das stärkste Motiv seiner Erkrankung gewesen, und die 
ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz beherrschte sein 
Leben wie sein Verhalten in der Behandlung. 

i) S. „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" in Band VIII d. Ges. Schriften, 



^ 



b66 Beiträge zur Traumlehre 



Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater- 
ersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, der die 
Geißlein auffrißt, und vom Roikiippcheii etwas anderes als die 
infantile Angst vor dem Voter zum geheimen Inhalt haben.' Der 
Vater meines Patienten hatte übrigens die Rigentümlichkeit des 
„zärtlichen Schimpfen s", die so viele Personen im 
Umgang mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung: 
„Ich fress' dich auf" mag in den ersten Jahren, als der später 
strenge Vater mit dem Söhnlein zu spielen und zu kosen pflegte, 
mehr als einmal geäußert worden sein. Eine meiner l'atientinnen 
erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb 
gewinnen konnten, weil er sie in seinem 7Ürilichen Spiel zu 
schrecken pdegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden. 



Vgl, die von 0. Rn nk hervorgehobene Ähnlichkeit dicier beiden Märchen 
mit dem Mythui von Kronos. (Volkcrpsycholoßischc Parnllclen lu den infantilen Scjtual- 
theorien; Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 191a.) 



EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL 

Erschien zuerst in der „Iniernationalen Ztit- 
schrifi für Psychoanalyse", Bd. I (icfij), dann 
in der Vierten Folge der „Sammlung kltiner 
Schriften zur Neuro senlehrt''-. {Englische Über- 
setzung in „Collected Papers". Vol. 11.) 

Eine Dame, die an Zweifelsucht und Zwangszeremoniell leidet, 
stellt an ihre Pflegerinnen die Anforderung, von ihnen keinen 
Moment aus den Augen gelassen zu werden, weil sie sonst zu 
grübeln beginnen würde, was sie in dem unbewachten Zeitraum 
Unerlaubtes getan haben mag. Wie sie nun eines Abends auf dem 
Diwan ausruht, glaubt sie zu bemerken, daß die diensthabende 
Pflegerin eingeschlafen ist. Sie fragt: Haben Sie mich gesehen?; 
die Pflegerin fährt auf und antwortet: Ja, gewiß. Die Kranke hat 
nun Grund zu einem neuen Zweifel und wiederholt nach einer 
Weile dieselbe Frage. Die Pflegerin beteuert es von neuem^ in 
diesem Augenblicke bringt eine andere Dienerin das Abendessen. 

Dies ereignete sich eines Freitag abends. Am nächsten Morgen 
erzählt die Pflegerin einen Traum, der die Zweifel der Patientin 
zerstreut. 

Traum: Man hat ihr ein Kind gegeben, die Mutter ist abge- 
reist^ und sie hat das Kind verloren. Sie fragt unterwegs die 
Leute auf der Straße, ob sie das Kind gesehen haben. Dann 
kommt sie an ein großes Wasser, geht über eineJi schmaleji Steg. 
(Dazu später ein Nachtrag: Auf diesem Steg ist plötzlich die 
Person einer anderen Pflegerin wie eine Fata Morgana vor ihr 



268 Beiträge zur Traumlfhrr 



aufgetaucht.) Dann ist sie in einer ihr bekannten Gegend und 
trifft dort eine Frau, die sie. als Mädchen gekannt hat, die damals 
Verkäuferin in einem Eßwarcngeschäfl war, später aber geheiratet 
hat. Sie fragt die vor ihrer Tür stehende l-^raii: Jhiln'n Sie das 
Kind gesehen i* Die Frau interessiert sich aber nicht für diese 
Frage, sondern erzählt ihr, daß sie jetzt von ihrem Mnnne 
geschieden ist, irobei sie hinzufügt, daß es auch in der Ehe nicht 
immer glücklich geht. Dann wacht sie beruhigt auf und denkt 
sich, das Kind wird sich schon bei einer Nachbarin finden. 

Analyse: Von diesem Traum nnlim die Patientin an, daß er 
sich auf das von der Pflegerin abgeleugnete Kinschlofon beziehe. 
Was ihr die Pflegerin, ohne ausgefragt zu werden, im Anschluß 
an den Traum erzählte, setzte sie in den Stand, eine praktisch 
zureichende, wenn auch an manchen Stellen unvollständige Deutung 
des Traumes vorzunehmen. Ich selbst habe nur den Bericht der 
Dame gehört, nicht die Pllegorin gesprochen; ich werde, nach- 
dem die Patientin ihre Deutung vorgetragen hat, hinzufügen, was 
sich aus unserer allgemeinen Einsichtnahme in die Gesetze der 
Traumbildung ergänzen läßt. 

„Die Pflegerin sagt, bei dem Kind im Traume denke sie an 
eine Pflege, von welcher sie sich außerordentlich befriedigt gefühlt 
habe. Es handelte sich um ein an blennorrhoischer Augeii- 
entzündung erkranktes Kind, das nicht sehen konnte. Aber die 
Mutter dieses Kindes reiste nicht ah, sie nahm an der Pflege teil. 
Dagegen weiß ich, daß mein Mann, der viel auf diese Pflegerin 
hält, mich ihr beim Abschied zur Behülung übergeben hat, und 
daß sie ihm damals versprach, auf mich achtzugeben — wie auf 

ein Kind!" 

Wir erraten anderseits aus der Analyse der Patientin, daß sie 
sich mit ihrer Forderung, nicht aus den Augen gelassen zu werden, 
selbst in die Kindheit zurückversetzt hat. 

„Sie hat das Kind verloren," fährt die Poliontin fort, „heißt, 
sie hat mich nicht gesehen, hat mich ans den Augen verloren. 



Ein Traum als Beweismittel 269 

Das ist ihr Geständnis, daß sie wirklich eine Weile geschlafen 
und mir dann nicht die Wahrheit gesagt hat." 

Das Stückchen des Traumes, in dem die Pflegerin bei den 
Leuten auf der Straße nach dem Kinde fragt, blieb der Dame 
dunkel, dagegen weiß sie über die weiteren Elemente des mani- 
festen Traumes gute Auskunft zu geben. 

„Bei dem großen Wasser denkt sie an den Rhein, aber sie setzt 
hinzu, es war doch weit größer als der Rhein. Sie erinnert sich 
dann, daß ich ihr am Abend vorher die Geschichte von Jonas 
und dem Walfisch vorgelesen und erzählt habe, daß ich selbst 
einmal im Ärmelkanal einen Walfisch gesehen. Ich meine, das 
große Wasser xsl das Meer, also eine Anspielung auf die Geschichte 
von Jonas. 

„Ich glaube auch, daß der schmale Steg aus der nämlichen, in 
Mundart geschriebenen lustigen Geschichte herrührt. In ihr wird 
erzählt, daß der Religionslehrer den Schulkindern das wunder- 
bare Abenteuer des Jonas vorträgt, worauf ein Knabe den Ein- 
wand macht, das könne doch nicht sein, denn der Herr Lehrer 
habe ein anderes Mal gesagt, der Walfisch habe einen so engen 
Schlund, daß er nur ganz kleine Tiere schlucken könne. Der 
Lehrer hilft sich mit der Erklärung, Jonas sei eben ein Jude 
gewesen, und der drücke sich überall durch. Meine Pflegerin ist 
sehr religiös, aber zu religiösen Zweifeln geneigt, und ich habe 
mir darum Vorwürfe gemacht, daß ich durch meine Vorlesung 
vielleicht ihre Zweifel angeregt habe." 

„Auf diesem schmalen Steg sah sie nun die Erscheinung einer 
anderen ihr bekannten Pflegerin. Sie hat mir deren Geschichte 
erzählt, diese ist in den Rhein gegangen, weil man sie aus der 
Pflege, in der sie sich etwas hatte zu Schulden kommen lassen, 
weggeschickt hatte.' Sie furchtet also auch wegen jenes Ein- 

1) Ich habe mir an dieser Stelle eine Verdichtung des Materials zu Sclnüden 
kommen lassen, die ich hei einer Revision der Niederschrift vor der referierenden 
Dame korrigieren konnte. Die als Erscheinung auf dem Steg auftretende Pflegerin 



ayo Beiträge zur Traumlfhre 

Schlafens weggeschickt zu werden. Übrigons hat sie am Tage nach 
dem Vorfall und der Traumerzählung heftig geweint und mir, 
auf meine Frage nach ihren Gründen, recht barsch geantwortet: 
,Das wissen Sie so gut wie ich, und jetzt werden Sie kein Ver- 
trauen mehr zu mir haben.'" 

Da die Erscheinung der ertränkten Pflegerin ein Nachtrag, und 
zwar von besonderer Deutlichkeit war, hallen wir der Dame raten 
müssen, die Traumdeutung an diesem Punkte zu beginnen. Diese 
erste Hälfte des Traumes war nach dem Berichte der Träumerin 
auch von heftigster Angst erfüllt, im zweiten Teil bereitet sich 
die Beruhigung vor, mit welcher sie erwiicht. 

„Im nächsten Stück des Traumes," setzt die analysierende Dame 
fori, „finde ich wieder einen sicheren Beweis für meine Auf- 
fassung, daß es sich darin um den Vorfall am Freitag abends 
handelt, denn mit der Frau, die früher Verkäuferin in einem 
Eßwarengeschäfte war, kann nur das Mädclien gemeint sein, 
welches damals das Nachtmahl brachte. Ich bemerke, daß die 
Pflegerin den ganzen Tag über Üblichkeiten geklagt hatte. Die 
Frage, die sie an die Frau richtet; .Haben Sie das Kind gesehen?*, 
ist ja offenbar abgeleitet von meiner Frage: .Haben Sie mich 
gesehen?', wie meine Formel Jaulet, die ich eben zum zweitenmal 
stellte, als das Mädchen mit den Schüsseln eintrat. 

Auch im Traume wird in zwei Stellen nach dem Kinde 
gefragt. — Daß die Frau keine Antwort gibt, sich nicht inter- 
essiert, mochten wir als eine Herabsetzung der anderen Dienerin 



hatte sich in der Pflege nichts lu SchiiUipii komm™ lusscii. Sie wurde woggeichickt, 
weil die Mutier des Kindes, die «ur Abreise geiiijtigt wnr, prlilürte, sie wolle in ihrer 
Aljiveseiiheit eine allere — alio doch verläßlichere — Wnrtcperimi hei dem Kinde 
haben. Daran reihte sich eine iiveite F.nühhniß von einer anderen Pflegerin, die 
wirklich wegen einer NachlSssIgkeit eiitliiBscii word.'n wiir, »ich dumm aber nicht 
ertränkt halle. Das für die Deutung des TrunnieU-iiienls i\(>\\^v Miiterini isl hier, wie 
■onst nicht sehen, auf iwei Quellen verteilt. Mein Ccdiichtnls vollzD« die zur »cutnng 
führende Synlheic. — Ührigens findet sich in der Geschichte der ertriinklen Pnegerin 
da» Moment des Abreisens der Mutter, welciie» von der D<ime auf die Abreise ihres 
Mannes belogen wird. Wie man sieht, eine Überdeterminierunff, weldio die Elegant 
der Deutung beeinträchtigt- 



Ein Traum als Beweismittel 271 



zugunsten der Träumerin deuten, die sich im Traume über die 
andere erhebt, gerade weil sie gegen Vorwürfe wegen ihrer 
Unachtsamkeil anzukämpfen hat. 

„Die im Traume erscheinende Frau ist nicht wirklich von 
ihrem Manne geschieden. Die ganze Stelle stammt aus der Lebens- 
geschichle des anderen Mädchens, welches durch das Machtwort 
ihrer Eltern von einem Manne fern gehahen — geschieden — 
wird, der sie heiraten will. Der Satz, daß es in der Ehe auch 
nicht immer gut abgeht, ist wahrscheinlich ein Trost, der in 
Gesprächen der beiden zur Verwendung kam. Dieser Trost wird 
ihr zum Vorbild für einen anderen, mit dem der Traum schließt: 
Das Kind wird sich schon finden." 

„Ich habe aber aus diesem Traume entnommen, daß die 
Pflegerin an jenem Abend wirklich eingeschlafen war und darum 
weggeschickt zu werden fürchtet. Ich habe darum den Zweifel 
an meiner eigenen Wahrnehmung aufgegeben. Übrigens hat sie 
nach der Erzählung des Traumes hinzugefügt, sie bedauere es 
sehr, daß sie kein Traumbuch mitgebracht habe. Als ich bemerkte 
in solchen Büchern stehe doch nur der schlimmste Aberglaube, 
entgegnete sie, sie sei gar nicht abergläubisch, aber das müsse sie 
sagen: alle Unannehmlichkeiten ihres Lebens seien ihr immer an 
Freitagen passiert. Außerdem behandelt sie mich jetzt schlecht 
zeigt sich empfindlich, reizbar und macht mir Szenen." 

Ich glaube, wir werden der Dame zugestehen müssen, daß sie 
den Traum ihrer Pflegerin richtig gedeutet und verwertet hat. 
Wie so oft bei der Traumdeutung in der Psychoanalyse, kommen 
für die Übersetzung des Traumes nicht allein die Ergebnisse der 
Assoziation in Betracht, sondern auch die Begleitumstände der 
Traumerzählung, das Benehmen des Träumers vor und nach der 
Traumanalyse sowie alles, was er ungefähr gleichzeitig mit dem 
Traume — in derselben Stunde der Behandlung — äußert und 
verrät. Nehmen wir die Reizbarkeit der Pflegerin, ihre Beziehung 
auf den unglückbringenden Freitag u. a. hinzu, so werden wir 



272 Beiträge zur Traumhhre 



das Urteil bestätigen, der Traum enthaUc das Geständnis, daß 

sie damals, als sie es ableugnete, wirklich eingenickt sei und 

darum furchte, von ihrem Pflegekind weggeschickt zu werden.' 

Aber der Traum, welcher für die Dame eine praktische 

Bedeutung hatte, regt bei uns das theoretische Interesse nach 

zwei Richtungen an. Der Traum läuft zwar in eine Tröstung 

aus, aber im wesentlichen bringt er ein für die Beziehung zu 

ihrer Dame wichtiges Geständnis. Wie kommt der Traum, 

der doch der Wunscherfüllung dienen soll, dazu, ein Geständnis 

zu ersetzen, welches der Träumerin nicht einmal vorteilhaft wird? 

Sollen wir uns wirklich veranlaßt ünden, außer den Wunsch- 

(und Angst-) Träumen auch Geständnisträume zuzugeben sowie 

Warnungsträume, Reflexionsträume, Anpassungsträume u. dgl.? 

Ich bekenne nun, daß ich noch nicht ganz versiehe, warum 
der Standpunkt, den meine Traumdeutung gegen solche Ver- 
suchungen einnimmt, bei so vielen und darunter namhaften 
Psychoanalytikern Bedenken findet. Die Unterscheidung von 
Wunsch-, Geständnis-, Warnungs- und Anpassungsträumen u. dgl. 
scheint mir nicht viel sinnreicher, als die notgedrungen zugelassene 
Differenzierung ärztlicher Spezialisten in Frauen-, Kinder- und 
Zahnärzte. Ich nehme mir die Freiheit, die Erörterungen der 
Traumdeutung über diesen Punkt hier in äußerster Kürze zu 
wiederholen.^ 

Als Schlafstörer und Traumbildner können die sogenannten 
„Tagesreste" fungieren, affektbesetzte Denkvorgänge des Traum- 
tages, welche der allgemeinen Schi afern iedrigung einigermaßen 
widerstanden haben. Diese Tagesreste deckt man auf, indem man 
den manifesten Traum auf die latenten Traumgedanken zurück- 
führt- sie sind Stücke dieser letzteren, gehören also den — bewußt 
oder unbewußt gebliebenen — Tätigkeiten des Wachens an, die 

i) Die Pflegerin gestand übrigens einige Tage später einer dritten Person ihr 
Einschlafen an jenem Abend lu und rechtfertigte so die Deutung der Danie. 
2) Ges. Schriften, Bd. II, S. 4,74 ff. 



Eiji Traum als Bciveismittel 273 



sich in die Zeit des Schlafens fortsetzen mögen. Entsprechend der 
Mannigfahigkeit der Denkvorgänge im Bewußten und Vorbewußten 
haben diese Tagesreste die vielfachsten und verschiedenartigsten 
Bedeutungen, es können unerledigte Wünsche oder Befürchtungen 
sein, ebenso Vorsätze, Überlegungen, Warnungen, Anpassungs- 
versuche an bevorstehende Aufgaben usw. Insofern muß ja die 
in Rede stehende Charakteristik der Träume nach ihrem durch 
Deutung erkannten Inhalt gerechtfertigt erscheinen. Aber diese 
Tügesreste sind noch nicht der Traum, vielmehr fehlt ihnen das 
Wesentliche, was den Traum ausmacht. Sie sind für sich allein 
nicht imstande, einen Traum zu bilden. Streng genommen sind 
sie nur psychisches Material für die Traumarbeit, wie die zufällig 
vorhandenen Sinnes- und Leibreize oder eingeführte experimentelle 
Bedingungen deren somatisches Material bilden. Ihnen die Haupt- 
rolle bei der Traumbildung zuschreiben, heißt nichts anderes als 
den voranalytischen Irrtum an neuer Stelle wiederholen, Traume 
erklärten sich durch den Nachweis eines verdorbenen Magens 
oder einer gedrückten Hautstelle. So zählebig sind wissenschaftliche 
Irrtümer und so gern bereit, sich, wenn abgewiesen, unter neuen 
Masken wieder einzuschleichen. 

Soweit wir den Sachverhalt durchschaut haben, müssen wir 
sagen, der wesentliche Faktor der Traumbildung ist ein unbe- 
wußter Wunsch, in der Regel ein infantiler, jetzt verdrängter, 
welcher sich in jenem somatischen oder psychischen Material 
(also auch in den Tagesresten) zum Ausdruck bringen kann und 
ihnen darum eine Kraft leiht, so daß sie auch während der 
nächtlichen Denkpause zum Bewußtsein durchdringen können. 
Dieses unbewußten Wunsches Erfüllung ist jedesmal der Traum, 
mag er sonst was immer enthalten, Warnung, Überlegung, 
Geständnis und was sonst aus dem reichen Inhalt des vorbewußten 
Wachlebens unerledigt in die Nacht hineinragt. Dieser unbe- 
wußte Wunsch ist es, welcher der Traumarbeit ihren eigen- 
tümlichen Charakter gibt als einer unbewußten Bearbeitung eines 

Freud, ni. ,8 



n,-7A Beiträge zur Traumlehre 



vorbewußten Materials. Der Psychoanalytiker kann den Traum 
nur charakterisieren als Ergebnis der Traumarbeit; die latenten 
Traumgedanken kann er nicht dem Traume zurechnen, sondern 
dem vorbewußten Nachdenken, wenngleich er diese Gedanken 
erst aus der Deutung des Traumes erfahren hat. (Die sekundäre 
Bearbeitung durch die bewußte Instanz ist hiebei der Traumarbeit 
zugezählt; es wird an dieser Auffassung nichts geändert, wenn 
man sie absondert. Man müßte dann sagen : der Traum im 
psychoanalytischen Sinne umfaßt die eigentliche IVaumarbeit und 
die sekundäre Bearbeitung ihres Ergebnisses.) Der Schluß aus 
diesen Erwägungen lautet, daß man den Wunscherfüllung-s- 
charakter des Traumes nicht in einen Rang mit dessen (Charakter 
als Warnung, Geständnis, Lösungsversuch usw. versetzen darf, 
ohne den Gesichtspunkt der psychischen Tiefendimension, also 
den Standpunkt der Psychoanalyse, zu verleugnen. 

Kehren wir nun zum Traume der Pflegerin zurück, um an 
ihm den Tiefencharakter der Wunscherfüllung nachzuweisen. Wir 
sind darauf vorbereitet, daß seine Deutung durch die Dame keine 
vollständige ist. Es erübrigen die Partien des Trauminhaltes, denen 
sie nicht gerecht werden konnte. Sie leidet überdies an einer 
Zwangsneurose, welche nach meinen Eindrücken das Verständnis 
der Traumsyrobole erheblich erschwert, ähnlich wie die Dementia 
praecox es erleichtert. 

Unsere Kenntnis der Traumsymbolik gestattet uns aber, unge- 
deutete Stellen dieses Traumes zu verstehen und hinter den bereits 
gedeuteten einen lieferen Sinn zu erraten. Es muß uns auffallen, 
daß einiges Material, welches die Pflegerin verwendet, aus dem 
Komplex des Gebarens, Kinderhabens kommt. Das große Wasser 
(der Rhein, der Kanal, in dem der Walfisch gesehen wurde) ist 
wohl das Wasser, aus dem die Kinder kommen. Sie kommt ]a 
1 auch dahin „auf der Suche nach dem Kinde". Die Jonasmythe 

hinter der Determinierung dieses Wassers, die Frage, wie Jonas 
(das Kind) durch die enge Spalte kommt, gehören demselben 



L 



Ein Traum als Beweismittel g^g 



Zusammenhang an. Die Pflegerin, die sich aus Kränkung in den 
Rhein gestürzt liat, ins Wasser gegangen ist, hat ja auch in ihrer 
Verzweiflung am Leben eine sexualsymbolische Tröstung an der 
Todesart gefunden. Der enge Steg, auf dem ihr die Erscheinung 
entgegentritt, ist sehr wahrscheinlich gleichfalls als ein Genital- 
symbol zu deuten, wenngleich ich gestehen muß, daß dessen 
genauere Erkenntnis noch aussteht. 

Der Wunsch: ich will ein Kind haben, scheint also der Traum- 
bildner aus dem Unbewußten zu sein, und kein anderer scheint 
besser geeignet, die Pflegerin über die peinliche Situation der 
Realität zu trösten. „Man wird mich wegschicken, ich werde 
mein Pflegekind verheren. Was liegt daran? Ich werde mir dafür 
ein eigenes, leibliches verschaffen." Vielleicht gehört die unge- 
deutete Stelle, daß sie alle Leute auf der Straße nach dem Kinde 
fragt, in diesen Zusammenhang; sie wäre dann zu übersetzen: 
und müßte ich mich auf der Straße ausbieten, ich werde mir 
das Kind zu schaffen wissen. Ein bisher verdeckter Trotz der 
Träumerin wird hier plötzlich laut, und zu diesem paßt erst das 
Geständnis: „Also gut, ich habe die Augen zugemacht und meine 
Verläßlichkeit als Pflegerin kompromittiert, ich werde jetzt die 
Stelle verlieren. Werde ich so dumm sein, ins Wasser zu gehen 
wie die X? Nein, ich bleibe überhaupt nicht Pflegerin ich will 
heiraten, Weib sein, ein leibliches Kind haben, daran lasse ich 
mich nicht hindern." Diese Übersetzung rechtfertigt sich durch die 
Erwägung, daß „Kinderliaben" wohl der infantile Ausdruck des 
"Wunsches nach dem Sexualverkehr ist, wie es auch vor dem 
Bewußtsein zum euphemistischen Ausdruck dieses anstößigen 
Wunsches gewählt werden kann. 

Das für die Träumerin nachteilige Geständnis, zu dem wohl 
im Wachleben eine gewisse Neigung vorhanden war, ist also im 
Traume ermöglicht worden, indem ein latenter Charakterzug der 
Pflegerin sich desselben zur Herstellung einer infantilen Wunsch- 
erfüllung bediente. Wir dürfen vermuten, daß dieser Charakter 

i8» 



2^6 Beiträge zur Traumlehre 



in innigem Zusammenhang — zeitlichem wie inhalthchem — 
mit dem Wunsche nach Kind und Sexualgenuß steht. 

Eine weitere Erkundigung bei der üame, der ich das erste 
Stück dieser Traumdeutung danke, förderte folgende unerwartete 
Aufschlüsse über die Lebensschicksale der Pflegerin zutage. Sie 
wollte, ehe sie Fliegerin wurde, einen Mann heiraten, der sich 
eifrig um sie bemühte, verzichtete aber darauf infolge des Ein- 
spruches einer Tante, zu welcher sie in einem merkwürdigen, 
aus Abhängigkeit und Trotz gemischten Verhältnis steht, üiese 
Tante, die ihr das Heiraten versagte, ist selbst Oberin eines 
Krankenpflegerordens; die Träumerin sah in ihr immer ihr Vor- 
bild, sie ist durch Erbrücksichten an sie gebunden, widersetzte 
sich ihr aber, indem sie nicht in den Orden eintrat, den ihr die 
Tante bestimmt hatte. Der Trotz, der sich im Traume verraten, 
gilt also der Tante. Wir haben diesem Charakterzug analerolische 
Herkunft zugesprochen und nehmen hinzu, daß es Geld Interessen 
sind, welche sie von der Tante abhängig machen, denken auch 
daran, daß das Kind die anale Geburtstheorie bevorzugt. 

Das Moment dieses Kindertrotzes wird uns vielleicht einen 
innigeren Zusammenhang zwischen den ersten und der letzten 
Szene des Traumes annehmen lassen. Die ehemalige Verkäuferin 
von Eßwaren im Traume ist zunächst die andere Dienerin der 
Dame, die im Moment der Frage: „Haben Sie mich gesehen?" mit 
dem Nachtmahl ins Zimmer trat. Aber es scheint, daß sie über- 
haupt die Stelle der feindlichen Konkurrentin zu übernehmen 
bestimmt ist. Sie wird als Pflegeperson herabgesetzt, indem sie 
sich für das verlorene Kind gar nicht interessiert, sondern von 
ihren eigenen Angelegenheiten Antwort gibt. Auf sie wird also 
die Gleichgültigkeit gegen das Pflegekind verschoben, zu der sich 
die Träumerin gewendet hat. Ihr wird die unglückliche Ehe und 
Scheidung angedichtet, welche die Träumerin in ihren geheimsten 
Wünschen selbst fürchten müßte. Wir wissen aber, daß es die 
Tante ist, welche die Träumerin von ihrem Verlobten geschieden 



Ein Traum ab Beweismittel 3^7 



hat. So mag die „Verkäuferin von Eßwaren" (was einer infantilen 
symbolischen Bedeutung nicht zu enthehren braucht) zur Reprä- 
sentantin der, übrigens nicht viel älteren, Tante-Oberin werden 
welche bei unserer Träumerin die hergebrachte Rolle der Mutter- 
Konkurrentin eingenommen hat. Eine gute Bestätigung dieser 
Deutung liegt in dem Umstand, daß der im Traume „bekannte" 
Ort, an dem sie die in Rede stehende Person vor ihrer Tür 
findet, der Ort ist, wo eben diese Tante als Oberin lebt. 

Infolge der Distanz, welche den Analysierenden vom Objekt der 
Analyse trennt, muß es ratsam werden, nicht weiter in das 
Gewebe dieses Traumes einzudringen. Man darf vielleicht sagen, 
auch soweit er der Deutung zugänglich wurde, zeigte er sich 
reich an Bestätigungen wie an neuen Problemen. 



'^.- 



TRAUM UND TELEPATHIE 

Vorlrag rVi der IVieiur l'sychoanalj'ti sehen Ver- 
einigung. Zuerst erschienen in „Iiiuigo"; Bd. yilly 
IQZ2. (^Englisch in „Collecied Papers'', Vol. IV.) 

Eine Ankündigung wie die meinige muß in diesen Zeilen, die 
so voll sind von Interesse für die sogenannt okkulten Phäno- 
mene, ganz bestimmte Erwartungen erwecken. Ich beeile mich 
also, diesen zu widersprechen. Sie werden aus meinem Vortrag 
nichts über das Rätsel der Telepathie erfahren, nicht einmal 
Aufschluß darüber erhalten, ob ich an die Existenz einer „Tele- 
pathie" glaube oder nicht. Ich habe mir hier die sehr bescheidene 
Aufgabe gestellt, das Verhältnis der telepathischen Vorkommnisse, 
welcher Herkunft immer sie sein mögen, zum Traum, genauer: 
zu unserer Theorie des Traumes, zu untersuchen. Es ist Ihnen 
bekannt, daß man die Beziehung zwischen Traum und Telepathie 
gemeinhin für eine sehr innige hält^ ich werde vor Ihnen die An- 
sicht vertreten, daß die beiden wenig miteinander zu tun haben, und 
daß, wenn die Existenz telepathischer Träume sichergestellt würde, 
dies an unserer Auffassung des Traumes nichts zu ändern brauchte. 

Das Material, das dieser Mitteilung zugrunde liegt, ist sehr 
klein. Ich muß vor allem meinem Bedauern Ausdruck geben, 
daß ich nicht wie damals, als ich die „Traumdeutung" (iQOo) 
schrieb, an eigenen Träumen arbeiten konnte. Aber ich habe nie 
einen „telepathischen" Traum gehabt. Nicht etwa, daß es mir an 
Träumen gefehlt hätte, welche die Mitteilung enthielten, an 
einem gewissen entfernten Ort spiele sich ein bestimmtes Ereignis 






Traum und Telepathie 27g 



ab, wobei es der Auffassung des Träumers überlassen ist, zu ent- 
scheiden, ob das Ereignis eben jetzt eintrete oder zu irgendeiner 
späteren Zeit; auch Ahnungen entfernter Vorgänge mitten im 
Wachleben habe ich oft verspürt, aber alle diese Anzeigen, Vor- 
hersagen und Ahnungen sind, wie wir uns ausdrücken: nicht 
eingetroffen^ es zeigte sich, daß ihnen keine äußere Realität ent- 
sprach, und sie mußten darum als rein subjektive Erwartungen 
aufgefaßt werden. 

Ich habe z. B. einmal während des Krieges geträumt, daß einer 
meiner an der Front befindlichen Söhne gefallen sei. Der Traum 
sagte dies nicht direkt, aber doch unverkennbar, er drückte es 
mit den Mitteln der bekannten, zuerst von W. S t e k e 1 ange- 
gebenen Todessymbolik aus. (Versäumen wir nicht, hier die oft 
unbequeme Pflicht literarischer Gewissenhaftigkeit zu erfüllen!) 
Ich sah den jungen Krieger an einem Landungssteg stehen, an 
der Grenze von Land und Wasser; er kam mir sehr bleich vor, 
ich sprach ihn an, er aber antwortete nicht. Dazu kamen andere 
nicht mißverständliche Anspielungen. Er trug nicht militärische 
Uniform, sondern ein Skifahrerkostüm, wie er es bei seinem 
schweren Skiunfall mehrere Jahre vor dem Kriege getragen hatte. 
Er stand auf einer schemelartigen Erhöhung vor einem Kasten, 
welche Situation mir die Deutung des „Fallens" mit Hinsicht 
auf eine eigene Kindheitserinnerung nahe legen mußte, denn ich 
selbst war als Kind von wenig mehr als zwei Jahren auf einen 
solchen Schemel gestiegen, um etwas von einem Kasten herunter- 
zuholen, - — ■ wahrscheinlich etwas Gutes, — bin dabei umgefallen 
und habe mir eine Wunde geschlagen, deren Spur ich noch heute 
zeigen kann. Mein Sohn aber, den jener Traum totsagte, ist heil 
aus den Gefahren des Krieges zurückgekehrt. 

Vor kurzem erst habe ich einen anderen Unheil verkündenden 
Traum gehabt, ich glaube, es war, unmittelbar ehe ich mich zur 
Abfassung dieser kleinen Mitteilung entschloß; diesmal war nicht 
viel Verhüllung aufgewendet worden; ich sah meine beiden in 



fl8o Beiträge zur Traumlchre 

England lebenden Nichten, sie waren schwarz gekleidet und 
sagten mir; am Donnerstag haben wir sie begraben. Ich wußte, 
daß es sich um den Tod ihrer jetzt siebenundachlzigjährigen 
Muller, der Frau meines verstorbenen ältesten Bruders, handle. 
Es gab natürlich eine Zeit peinlicher Erwartung bei mir; das 
plötzliche Ableben einer so alten Frau wäre ja nichts Über- 
raschendes und es wäre doch so unerwünscht, wenn mein Traum 
gerade mit diesem Ereignis zusammenträfe. Aber der nächste Brief 
aus England zerstreute diese Befürchtung. Für alle diejenigen, 
welche um die Wunschtheorie des Traumes besorgt sind, will ich 
die beruhigende Versicherung einschaken, daß es der Analyse 
nicht schwer geworden ist, auch für diese TodesLräurae die zu 
vermutenden unbewußten Motive aufzudecken. 

Unterbrechen Sie mich jetzt nicht mit dem Einwand, daß 
solche Mitteilungen wertlos sind, weil negative Erfahrungen hier 
so wenig wie auf anderen minder okkulten Gebieten irgend 
etwas beweisen können. Ich weiß das auch selbst und habe diese 
Beispiele auch gar nicht in der Absicht angeführt, um einen 
Beweis zu geben oder eine bestimmte Einstellung bei Ihnen zu 
erschleichen. Ich wollte nur die Einschränkung meines Materials 
rechtfertigen. 

Bedeutsamer erscheint mir allerdings eine andere Talsache, daß 
ich nämlich während meiner ungefähr siebenundzwanzigjährigen 
Tätigkeit als Analytiker niemals in die Lage gekommen bin, bei 
einem meiner Patienten einen richtigen telepathischen Traum 
mitzuerleben. Die Menschen, an denen ich arbeitete, waren doch 
eine gute Sammlung von schwer neuropathischen und „hoch- 
sensitiven" Naturen; viele unter ihnen haben mir die merk- 
würdigsten Vorkommnisse aus ihrem früheren Leben erzählt, auf 
die sie ihren Glauben an geheimnisvolle okkulte Einflüsse stützten. 
Ereignisse, wie Unfälle, Erkrankungen naher Angehöriger, ins- 
besondere Todesfälle eines Elternteiles, haben sich während der 
Kur oft genug zugetragen und dieselbe unterbrochen, aber nicht 



Traum und Telepathie 281 



ein einziges Mal verschafften mir diese ihrem Wesen nach so 
geeigneten Zufälle die Gelegenheit, eines telepathischen Traumes 
habhaft zu werden, obwohl die Kur sich über halbe, ganze Jahre 
und eine Melirzahl von Jahren ausdehnte. Um die Erklärung 
dieser Tatsache, die wiederum eine Einschränkung meines Materials 
mit sich bringt, möge sich bemühen, wer immer will. Sie werden 
sehen, daß sie selbst für den Inhalt meiner Mitteilung nicht in 
Betracht kommt. 

Ebensowenig kann mich die Frage in Verlegenheit bringen, 
warum ich nicht aus der reichen Fülle der in der Literatur 
niedergelegten telepathischen Träume geschöpft habe. Ich hätte 
nicht lange zu suchen gehabt, da mir die Veröffentlichungen der 
englischen wie der amerikanischen Society for Psychical Research 
als deren Mitglied zu Gebote stehen. In all diesen Mit- 
teilungen wird eine analytische Würdigung der Träume, wie sie 
uns in erster Linie interessieren muß, niemals versucht.' Ander- 
seits werden Sie bald einsehen, daß den Absichten dieser Mittei- 
lung auch durch ein einziges Traumbeispiel Genüge geleistet wird. 

Mein Material besteht also einzig und allein aus zwei Berichten 
die ich von Korrespondenten aus Deutschland erhalten habe. Die 
Betreffenden sind mir persönlich nicht bekannt, sie geben aber 
Namen und Wohnort anj ich habe nicht den mindesten Grund 
an eine irreführende Absicht der Schreiber zu glauben. 

I. Mit dem einen der beiden stand ich schon früher in Brief- 
verkehr; er war so liebenswürdig, mir, wie es auch viele andere 
Leser tun, Beobachtungen aus dem Alltagsleben und ähnliches 
mitzuteilen. Diesmal stellt der offenbar gebildete und intelligente 
Mann mir sein Material ausdrücklich zur Verfügung, wenn ich 
es „literarisch verwerten" wollte. 

1) In iwoi Schriften des oben genannten Autors W, Stekel („Der telepathische 
Traum," Berlin, ohne Jahresiahl und „Die Sprache des TraiimeE", zweite Auflage 
igsa) finden sich wenigstens Ansätze zur Anwendung der analytischen Technik auf 
angeblich telepathische Traume, Der Autor bekennt sich zum Glauben an die Realität 
der Telepathie. 



382 Beiträge zur Traumlehre 



Sein Brief lautet: 

„Nachstehenden Traum halte ich für interessant genug, um ihn Ihnen 
als Materiul für Ihre Studien zu liefern. 

Vorausschicken muß ich-. Meine Tochter, die in Berlin verheiratet 
ist, erwartet Mitte Dezember d. J. ihre erste Niederkunft. Ich beabsichtige, 
mit meiner (zweiten) Frau, der Stiefmutter meiner Tochter, um diese Zeit 
nach Berlin zu fahren. In der Nacht vom 16. auf den 17. November trUume 
ich und zwar so lebhaft und anschaulich wie sonst nie, daß meine Frau 
Zwillinge geboren hat. Ich sehe die beiden prächtig ausschauenden Kinder 
mit ihren roten. Pausbachen deutlieh nebeneinander in ihrem Bettchen liegen, 
das Geschlecht stelle ich nicht fest, das eine mit semmelblondem Haar trägt 
deutlich meine Züge, gemischt mit Zügen meiner Frau, das andere mit 
kastanienbraunem Haar trägt deutlich die Züge meiner Frau, gemischt jnit 
Zügen von mir. Ich sage zu meiner Frau, die rotblondes Haar hat, wahr- 
scheinlich wird das kastanienbraune Haar ,(U'ines' Kindes später auch rot 
werden. Aleine Frau gibt den Ki?tdern die Brust. Sie hatte in einer Wasch- 
schüssel Marmelade gekocht (auch Traum) und beide Kinder klettern auf 
allen vieren in der Schüssel herum und lecken sie aus. 

Dies ist der Traum. Vier- oder fünfmal bin ich dabei halb erwacht, 
frage mich, ob es wahr ist, daß wir Zwillinge bekommen haben, komme 
aber doch nicht mit voller Sicherheit zu dem Ergebnis, daß ich nur 
geträumt habe. Der Traum dauert bis 7.um Erwachen und auch danach 
dauert es eine Weile, bis ich mir über die Wahrheit klar geworden bin. 
Beim KafTee erzähle ich meiner Frau den Traum, der sie sehr belustigt. 
Sie meint: Ilse (meine Tochter) wird doch nicht etwa Zwillinge bekommen? 
Ich erwidere: Das kann ich mir kaum denken, denn weder in meiner 
noch in Gs. (ihres Mannes) Familie sind Zwillinge heimiscli, Am 
18. November früh zehn Uhr erhalte ich ein nachmittags vorher auf- 
gegebenes Telegramm meines Schwiegersohnes, in dem er mir die Geburt 
von Zwillingen, eines Knaben und eines Madchens, anzeigt. Die Geburt 
ist also in der Zeit vor sich gegangen, wo ich triiumte, daß meine Frau 
Zwillinge bekommen habe. Die Niederkunft ist vier Wochen früher erfolgt, 
als wir alle auf Grund der Vermutungen meiner Tochter und ihres 

Mannes annahmen. 

Und nun weiter: In der nächsten Nacht träume ich, meine verstorbene 
Frau, die Mutter meiner Tochter, habe acht undvierzig neugeborene Kinder 
in Pßege genommen. Als das erste Dutzend eingeliefert wird, protestiere 
ich. Damit endet der Traum. 






Traum und Telepathie 285 



Meine verstorbene Frau war sehr kinderlieb. Oft sprach sie davon, daß 
sie eine ganze Schar um sich haben möchte, je mehr desto lieber, daß sie 
sich als Kindergärtnerin ganz besonders eignen und wohlfühlen würde. 
Kinderlärm und Geschrei war ihr Musik. Gelegentlich lud sie auch ein- 
mal eine ganze Schar Kinder aus der Straße und traktierte sie auf dem 
Hof unserer Villa mit Schokolade und Kuchen. Meine Tochter hat nach 
der Entbindung und besonders nach der Überraschung durch das vorzeitige 
Eintreten, durch die Zwillinge und die Verschiedenheit des Geschlechtes 
gewiß gleich an die Mutter gedacht, von der sie wußte, daß sie 
das Ereignis mit lebhafter Freude und Anteilnahme aufnehmen 
werde. „Was würde erst Mutti sagen, wenn sie jetzt an meinem Wochen- 
bett Stande?" Dieser Gedanke ist ihr zweifellos durch den Kopf gegangen. 
Und ich träume nun diesen Traum von meiner verstorbenen ersten Frau, 
von der ich sehr selten träume, nach dem ersten Traum aber auch nicht 
gesprochen und mit keinem Gedanken an sie gedacht habe. 

Halten Sie das Zusammentreffen von Traum und Ereignis in beiden 
Fällen für Zufall? Meine Tochter, die sehr an mir hängt, hat in ihrer 
schweren Stunde sicher besonders an mich gedacht, wohl auch, weil ich 
oft mit ihr über Verhalten in der Schwangerschaft korrespondiert und ihr 
immer wieder Ilatschläge gegeben habe." 

Es ist leicht zu erraten, was ich auf diesen Brief antwortete. 
Es tat mir leid, daß auch bei meinem Korrespondenten das ana- 
lytische Interesse vom telepathischen so völlig erschlagen worden 
warj ich lenkte also von seiner direkten Frage ab, bemerkte, 
daß der Traum auch sonst noch allerlei enthielt, außer seiner 
Beziehung zur Zwillingsgeburt, und bat, mir jene Auskünfte und 
Einfälle mitzuteilen, die mir eine Deutung des Traumes ermög- 
lichen könnten. 

Daraufhin erhielt ich den nachstehenden zweiten Brief, der 
meine Wünsche freilich nicht ganz befriedigte: 

„Erst heute komme ich dazu, Ihren freundlichen Brief vom 24. d. M. 
zu beantworten. Ich will Ihnen gern .lückenlos und rückhaltlos' alle Asso- 
ziationen, auf die ich komme, mitteilen. Leider ist es nicht viel geworden, 
bei einer mündlichen Aussprache käme mehr heraus. 

Alsol Meine Frau und ich wünschen uns keine Kinder mehr. Wir ver- 
kehren auch so gut wie gar nicht geschlechtlich miteinander, wenigstens 



284 Beiträge zur Traumlehre 



lag zur Zeit des Traumes keinerlei , Gefahr' vor. Die Niederkunft meiner 
Tochter, die Mitte Dezember erwartet wurde, war natürlicli üTter Gegen- 
stand unserer Unterhaltung. Meine Tochter war im Sommer untersucht 
und geröntgt worden, dabei stellte der Untersuchende fest, daß es ein 
Junge werde. Meine Frau äußerte gelegentlich: ,Ich würde lachen, wenn 
es nun doch ein Mädchen würde.' Sie meinte auch gelegentlich, es wäre 
besser, wenn es ein H. als ein G. (Name meines Schwiegersohnes) würde, 
meine Tochter ist hübscher und stattlicher in der Figur als mein Schwieger- 
sohn, obgleich er Marineoffizier war. Ich beschäftigte mich mit Vererbuiigs- 
fragen und habe die Gewohnheit, mir kleine Kinder darauf anzusehen, 
wem sie gleichen. Noch eins! Wir haben ein kleines Hündchen, das abends 
mit am Tisch sitzt, sein Futter bekommt und Teller und Schüsseln aus- 
leckt. All dieses Material kehrt im Traum wieder. 

Ich habe kleine Kinder gern und schon oft gesagt, ich mochte noch 
einmal so ein Wesen aufziehen, jetzt, wo man es mit sehr viel mehr Ver- 
ständnis, Interesse und Ruhe vermag, aber mit meiner Frau, die nicht die 
Fähigkeiten zur vernünftigen Erziehimg eines Kindes besitzt, mochte ich 
keins zusammen haben. Nun beschert mir der Traum zwei — das Geschlecht 
habe ich nicht festgestellt. Ich sehe sie noch heute im Bett liegen und 
erkenne scharf die Züge, das eine mehr ,Ich', das andere mehr meine 
Frau, jedes aber kleine Züge vom anderen Teil. Meine Frau hat rotblondes 
Haar, eines der Kinder aber kastanien (rotes) braunes. Ich sage: ,Na, das 
wird später auch noch rot werden.' Die beiden Kinder kriechen in einer 
großen Waschschüssel, in der meine Frau Marmelade gerührt hat, herum 
und lecken den Boden und die Rander ab (Traum). Die Herkunft dieses 
Details ist leicht erklärlich, wie der Traum überhaupt nicht schwer ver- 
ständlich und deutbar ist, wenn er nicht mit dem wider Erwarten frühen 
Eintreten der Geburt meiner Enkel (drei Wochen zu früh) zeillich fast 
auf die Stunde {genau kann ich nicht sagen, wann der Traum begann, 
um neun und viertel 7ehn wurden meine Enkel geboren, um elf etwa 
ging ich zu Bett und nachts träumte ich) zusammengetrolfen wäre und 
wir nicht schon vorher gewußt hätten, daß es ein .lunge werden würde. 
Freilich kann wohl der Zweifel, ob die Feststellung richtig gewesen sei, 
— Junge oder Mädchen — im Traume Zwillinge auftreten lassen, es 
bleibt aber immer noch das zeitliche Zusammentreffen des Traumes von 
den Zwillingen mit dem unerwarteten und drei Wochen zu frühen Ein- 
treffen von Zwillingen bei meiner Tochter. 

Es ist nicht das erstemal, daß Ereignisse in der Ferne sich mir bewußt 



Traum und Telepathie 28g 



machen, ehe ich die Nachricht erhalte. Eines unter zahlreichen ! Im 
Okiober besuchten mich meine drei Brüder. Wir haben uns seit dreißig 
Jahren nicht wieder zusammen (der eine den anderen natürlich öfter) 
gesehen, nur einmal ganz kurz beim Begräbnis meines Vaters und dem 
meiner Mutter. Beider Tod war zu erwarten, in keinem Falle habe ich 
,vorgefühlt'. Aber als vor zirka fünfundzwan'/jg Jahren mein jüngster 
Bruder im zehnten Lebensjahr plützlicli und unerwartet starb, kam mir, 
als mir der Briefbote die Postkarte mit der Nachricht von seinem Tode 
übergab, ohne daß ich einen Blick darauf geworfen hatte, sofort der 
Gedanke: Da steht darauf, daß dein Bruder gestorben ist. Er war doch 
allein im Elternhaus, ein kräftiger gesunder Bub, während wir vier älteren 
Brüder alle vom Elternhaus schon flügge geworden und abwesend waren. 
Zufällig kam das Gespräch beim Besuch meiner Brüder jetzt auf dieses 
mein Erlebnis damals, und alle drei Brüder kamen nun wie auf Kommando 
mit der Erklärung heraus, daß ihnen damals genau dasselbe passiert sei 
wie mir. Ob auf dieselbe Weise, kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls 
erklärte jeder, den Tod vorher als Gewißheit im Gefühl gehabt zu haben, 
ehe die bald darauf eintreffende und gar nicht zu erwartende N'achricht 
ihn angezeigt hatte. Wir sind alle vier von Mutters Seite her sensible 
Naturen, große, kräftige Menschen dabei, aber keiner etwa spiritistisch oder 
okkultistisch angehaucht, im Gegenteil, wir lehnen beides entschieden ab. 
Meine Brüder sind alle drei Akademiker, zwei Gymnasiallehrer, einer 
Oberlandmesser, eher Pedanten als Phantasten. — Das ist alles, was ich 
Ihnen zum Traum zu sagen weiß. Wenn Sie ihn etwa literarisch ver- 
werten wollen» stelle ich ihn gern zur Verfügung." 

Ich muß befürchten, daß Sie sich ähnlicli verhalten werden 
wie der Schreiber der beiden Briefe. Auch Sie werden sich vor 
allem dafür interessieren, ob man diesen Traum wirkhch als eine 
telepathische Anzeige der unerwarteten Zwillingsgeburt auffassen 
darf, und gar nicht dazu geneigt sein, ihn wie einen anderen 
der Analyse zu unterziehen. Ich sehe voraus, daß es immer so 
sein wird, wenn Psychoanalyse und Okkultismus zusammenstoßen. 
Die erstere hat sozusagen alle seelischen Instinkte gegen sich, dem 
letzteren kommen starke, dunkle Sympathien entgegen. Ich werde 
aber nicht den Standpunkt einnehmen, ich sei nichts als ein 
Psychoanalytiker, die Fragen des Okkultismus gehen mich nichts 



286 Beiträge zur Traumlehre 



an- das würden Sie doch nur als ProblemHüchtigkeit beurteilen. 
Sondern, ich behaupte, daß es mir ein großes Vergnügen wäre, 
wenn ich mich und andere durch untadelige Beobachtungen von 
der Existenz telepathischer Vorgänge überzeugen könnte, daß aber 
die Mitteilungen zu diesem Traum viel zu unzulänglich sind, um 
eine solche Entscheidung zu rechtfertigen, Sehen Sie, dieser 
intelligente und an den Problemen seines Traumes interessierte 
Mann denkt nicht einmal daran, uns anzugeben, wann er die 
ein Kind erwartende Tochter zuletzt gesehen oder welche 
Nachrichten er kürzlich von ihr erhalten; er schreibt im ersten 
Brief, daß die Geburt um einen Monat verfrüht kam, im zweiten 
sind es aber nur drei Wochen und in keinem erhalten wir Aus- 
kunft darüber, ob die Geburt wirklich vorzeitig erfolgte, oder ob 
sich die Beteiligten, wie es so häufig vorkommt, verrechnet hatten. 
Von diesen und anderen Details der Begebenheit würden wir aber 
abhängen, wenn wir die Wahrscheinlichkeit eines dem Träumer 
unbewußten Abschätzens und Erratens zu erwägen hätten. Ich 
sagte mir auch, es würde nichts nützen, wenn ich auf einige 
solcher Anfragen Antwort bekäme. Im Laufe des angestrebten Be- 
weisverfahrens würden doch immer neue Zweifel auftauchen, die 
nur beseitigt werden könnten, wenn man den Mann vor sich hätte 
und alle die dazugehörigen Erinnerungen bei ihm auffrischen 
würde, die er vielleicht als unwesentlich beiseite geschoben hat. Er 
hat gewiß recht, wenn er zu Anfang seines zweiten Briefes sagt, 
bei einer mündlichen Aussprache wäre mehr herausgekommen. 
Denken Sie an einen anderen, ähnlichen Fall, an dem das 
störende okkultistische Interesse gar keinen Anteil hat. Wie oft 
sind Sie in die Lage gekommen, die Anamnese und den Krank- 
heitsbericht, den Ihnen ein beliebiger Neurotlker in der ersten 
Besprechung gab, mit dem zu vergleichen, was Sie nach einigen 
Monaten Psychoanalyse von ihm erfahren haben. Von der begreif- 
lichen Verkürzung abgesehen, wieviel wesentliche Mitteilungen 
hat er ausgelassen oder unterdrückt, wieviel Beziehungen ver- 



Traum und Telepathie 287 



' schoben, im Grunde: wieviel Unrichtiges und Unwahres hat er 

Ihnen das erstemal erzählt! Ich glaube, Sie werden mich nicht 

■5^ für überbedenklich erklären, wenn ich unter den uns vorliegenden 

Verhältnissen es ablehne, darüber zu urteilen, ob der uns mit- 

; geteilte Traum einer telepathischen Tatsache entspricht oder 

einer besonders feinen unbewußten Leistung des Träumers oder 
einfach als ein zufälliges Zusammentreffen hingenommen werden 
muß. Unsere Wißbegierde werden wir auf eine spätere Gelegen- 
heit vertrösten, in der uns eine eingehende, mündliche Aus- 
forschung des Träumers vergönnt sein mag. Sie können aber 
nicht sagen, daß dieser Ausgang unserer Untersuchung Sie ent- 
täuscht hat, denn ich hatte Sie darauf vorbereitet, Sie würden 
nichts erfahren, was auf das Problem der Telepathie Licht wirft. 
Wenn wir jetzt zur analytischen Behandlung dieses Traumes 
übergehen, so müssen wir von neuem unser Mißvergnügen 
bekennen. Das Material von Gedanken, die der Träumer an den 
manifesten Trauminhalt anknüpft, ist wiederum ungenügend; 
damit können wir keine Traumanalyse machen. Der Traum 
verweilt z. B. ausführlich bei der Ähnlichkeit der Kinder mit 
den Eltern, erörtert deren Haarfarbe und die voraussichtliche 
Wandlung derselben in späteren Zeiten, und zur Aufklärung 
dieser breit ausgesponnenen Details haben wir nur die dürftige 
Auskunft des Träumers, er habe sich immer für Fragen der 
Ähnlichkeit und Vererbung interessiert; da sind wir doch gewohnt, 
weitergehende Ansprüche zu stellen! Aber an einer Stelle 
gestaltet der Traum eine analytische Deutung, gerade hier kommt 
die Analyse, die sonst nichts mit dem Okkultismus zu tun hat, 
der Telepathie in merkwürdiger Weise zur Hilfe. Dieser einen 
Stelle wegen nehme ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit für 
diesen Traum in Anspruch. 

Wenn Sie es recht ansehen, so hat ja dieser Traum auf den 
Namen eines „telepathischen" gar kein Anrecht. Er teilt dem 
Träumer nichts mit, was sich — seinem sonstigen Wissen ent- 



ij88 Beiträge zur Traumlekre 

zogen — gleichzeitig an einem anderen Orte vollzieht, sondern 
was der Traum erzählt, ist etwas ganz anderes als das Ereignis, 
von dem ein Telegramm am zweiten Tag nach der Traumnacht 
berichtet. Traum und Ereignis weichen in einem ganz besonders 
wichtigen Punkt voneinander ab, nur stimmen sie, von der Gleich- 
zeitif^keit abgesehen, in einem anderen, sehr interessanten Element 
zusammen. Im Traum hat die Frau des Träumers Zwillinge 
bekommen. Das Ergebnis besteht aber darin, daß seine entfernt 
lebende Tochter Zwillinge geboren hat. Der Träumer übersieht 
diesen Unterschied nicht, er scheint keinen Weg zu kennen, über 
ihn hinwegzukommen, und da er nach seiner eigenen Angabe 
keine okkultistische Vorliebe hat, fragt er nur ganz schüchtern 
an, ob das Zusammentreffen von Traum und Ereignis im Punkte 
der Zwillingsgeburt mehr als ein Zul'all sein kann. Die psycho- 
analytische Traumdeutung hebt aber diesen Unterschied zwischen 
Traum und Ereignis auf und gibt beiden den nämlichen Inhalt. 
Ziehen wir das Assoziationsmaterial zu diesem Traum zu Rate, 
so zeigt es uns trotz seiner Spärlichkeit, daß hier eine innige 
Gefühlsbindung zwischen Vater und Tochter besteht, eine Gefühls- 
bindung, die so gewöhnlich und natürlich ist, daß man aufhören 
sollte, sich ihrer zu schämen, die im Leben gewiß nur als zärt- 
liches Interesse zum Ausdruck kommt und ihre letzten Konse- 
quenzen erst im Traume zieht. Der Vater weiß, daß die Tochter 
sehr an ihm hängt, er ist überzeugt, daß sie in ihrer schweren 
Stunde viel an ihn gedacht hat; ich meine, im Grunde gönnt er 
sie dem Schwiegersohn nicht, den er im Briefe mit einigen ab- 
schätzigen Bemerkungen streift. Beim Anlaß ihrer (erwarteten oder 
telepathisch vernommenen) Niederkunft wird im Verdrängten der 
unbewußte Wunsch rege: Sie sollte lieber meine (zweite) Frau 
sein, und dieser Wunsch ist es, der den Traumgedanken entstellt 
und den Unterschied zwischen dem manifesten Trauminhalt und 
dem Ereignis verschuldet. Wir haben das Recht, für die zweite 
Frau im Traume die Tochter einzusetzen. Besäßen wir mehr 



Traum und Telepathie agq 

Material zum Traum, so wurden wir diese Deutung gewiß ver- 
sichern und verliefen können. 

Und nun bin ich bei dem, was ich Ihnen zeigen wolUe. Wir 
haben uns der strengsten Unparteilichkeit bemüht und zwei 
Auffassungen des Traumes als gleich möglich und gleich unbe- 
wiesen gelten gelassen. Nach der ersten ist der Traum die Reaktion 
auf eine telepathische Botschaft: Deine Tochter bringt eben jetzt 
Zwillinge zur Welt. Nach der zweiten liegt ihm eine unbewußte 
Gedankenarbeit zugrunde, die sich etwa derart übersetzen ließe: 
Heute ist ja der Tag, an dem die Entbindung eintreten müßte, 
wenn sich die jungen Leute in Berlin wirklich um einen Monat 
verrechnet haben, wie ich eigentlich glaube. Und wenn meine 
(erste) Frau noch leben würde, die wäre doch mit einem Enkel- 
kind nicht zufrieden! Für sie müßten es mindestens Zwillinge sein. 
Hat diese zweite Auffassung recht, so entstehen keine neuen 
Probleme für uns. Es ist eben ein Traum wie ein anderer. Zu 
den erwähnten (vorbewußten) Traumgedanken ist der (unbewußte) 
Wunsch hinzugetreten, daß keine andere als die Tochter die 
zweite Frau des Träumers hätte werden sollen, und so ist der 
uns mitgeteilte manifeste Traum entstanden. 

Wollen Sie aber lieber annehmen, daß die telepathische Bot- 
schaft von der Entbindung der Tochter an den Schlafenden heran- 
getreten ist, so erheben sich neue Fragen nach der Beziehung 
einer solchen Botschaft zum Traum und nach ihrem Einfluß auf 
die Traumbildung. Die Antwort liegt dann sehr nahe und ist 
ganz eindeutig zu geben. Die telepathische Botschaft wird behandelt 
wie ein Stück des Materials zur Traumbildung, wie ein anderer 
Reiz von außen oder innen, wie ein störendes Geräusch von der 
Straße, wie eine aufdringliche Sensation von einem Organ des 
Schlafenden. In unserem Beispiel ist es ersichtlich, wie sie mit 
Hilfe eines lauernden, verdrängten Wunsches zur Wunscherfüllung 
umgearbeitet wird, und leider weniger deutlich zu zeigen, daß 
sie mit anderem gleichzeitig rege gewordenem Material zu einem 

Freud. III. ^g 



ago Beiträge zu r Traumlehre 

Traum verschmilzt. Die telepathische Botschaft — wenn eine 
solche wirkhch anzuerkennen ist — kann also an der Traum- 
bildung nichts ändern, die Telepathie hat mit dem Wesen des 
Traumes nichts zu tun. Und um den Eindruck zu vermeiden, 
daß ich hinter einem abstrakten und vornehm klingenden Wort 
eine Unklarheit verbergen möchte, bin ich bereit zu wiederholen: 
Das Wesen des Traumes besteht in dem eigentümlichen Prozeß 
der Traumarbeit, welcher vorbewußte Gedanken (Tagesresle) mit 
Hilfe einer unbewußten Wunschregung in den manifesten Traum- 
inhalt überfuhrt. Das Problem der Telepathie geht aber den Traum 
so wenig an wie das Problem der Angst. 

Ich hoffe, Sie werden das zugeben, mir aber bald einwenden, 
es gibt doch auch andere telepathische Träume, in denen kein 
Unterschied zwischen Ereignis und Traum besteht, und in denen 
nichts anderes zu finden ist als die unentstellte Wiedergabe des 
Ereignisses. Ich kenne solche telepathische Träume wieder nicht 
aus eigener Erfahrung, weiß aber, daß sie häufig berichtet worden 
sind. Nehmen wir an, wir hätten es mit einem solchen unent- 
stellten und unvermischten telepathischen Traum zu tun, dann 
erhebt sich eine andere Frage: Soll man ein derartiges telepathi- 
sches Erlebnis überhaupt einen „Traum" nennen? Sie werden es 
ja gewiß tun, solange Sie mit dem populären Sprachgebrauch 
gehen, für den alles Träumen heißt, was sich während der Schlaf- 
zeit in Ihrem Seelenleben ereignet. Sie sagen vielleicht auch: Ich 
habe mich im Traum herumgewälzt, und finden erst recht keine 
Inkorrektheit darin, zu sagen: Ich habe im Traum geweint oder 
mich im Traum geängstigt. Aber Sie merken doch wohl, daß Sie 
in all diesen Fällen „Traum" und „Schlaf" oder „Schlafzustand" 
unterschei dungslos miteinander vertauschen. Ich meine, es wäre im 
Interesse wissenschaftlicher Genauigkeit, wenn wir „Traum" und 
„Schlafzustand" besser auseinanderhielten. Warum solllen wir ein 
Seitenstück zu der von Mae der heraufbeschworenen Konfusion 
schaffen, der für den Traum eine neue Funktion entdeckte, indem 



Traum und Telepathie 201 



er die Traumarbeit durchaus nicht von den latenten Traum- 
gedanken sondern wollte? Wenn wir also einen solchen reinen 
telepathischen „Traum" antreffen sollten, so wollen wir ihn doch 
lieber ein telepathisches Erlebnis im Schlafzustand heißen. Ein 
Traum ohne Verdichtung, Entstellung, Dramatisierung, vor allem 
ohne Wunscherfüllung, verdient ja doch nicht diesen Namen. Sie 
werden mich daran mahnen, daß es noch andere seelische 
Produktionen im Schlaf gibt, denen man dann das Recht auf 
den Namen „Traum" absprechen müßte. Es kommt vor, daß 
reale Erlebnisse des Tages im Schlaf einfach wiederholt werden, 
die Reproduktionen traumatischer Szenen im „Traume" haben 
uns erst kürzlich zu einer Revision der Traumtheorie heraus- 
gefordert; es gibt Träume, die sich durch ganz besondere Eigen- 
schaften von der gewohnten Art unterscheiden, die eigentlich 
nichts anderes sind als unversehrte und unvermengte nächtliche 
Phantasien, den bekannten Tagesphantasien sonst durchaus ähn- 
lich. Es wäre gewiß mißlich, diese Bildungen von der Bezeich- 
nung „Träume" auszuschließen. Aber sie alle kommen doch von 
innen, sind Produkte unseres Seelenlebens, während der reine 
„telepathische Traum" seinem Begriff nach eine Wahrnehmung 
von außen wäre, gegen welche sich das Seelenleben rezeptiv und 
passiv verhielte. 

II. Der zweite Fall, von dem ich Ihnen berichten will, liegt 
eigentlich auf einer anderen Linie. Er bringt uns keinen telepa- 
thischen Traum, sondern einen seit Kindheitsjahren rekurrierenden 
Traum bei einer Person, die viel telepathische Erlebnisse gehabt 
hat. Ihr Brief, den ich nachstehend wiedergebe, enthält manches 
Merkwürdige, worüber uns zu urteilen versagt ist. Einiges davon 
kann für das Verhältnis der Telepathie zum Traum verwertet 
werden. 

1. 

„. . . Mein Arzt, Herr Doktor N., riet mir, Ihnen einen Traum zu 
erzählen, der mich seit ungeföhr dreißig bis zweiunddreißig Jahren verfolgt. 

19* 



2rtjj Beiträge, zur Traumlehre 



Ich folgte seinem Rate, vielleicht hat der Traum in wissenschaftlicher 
Beziehung für Sie Interesse. Da nach Ihrer Meinung solche TrJiume auf 
ein Erlebnis in sexueller Beziehung wahrend der ersten Kinderjahre zurück- 
zuführen sind, gebe ich Kindheilserinnerungen wieder, es sind Erlebnisse, 
die heute noch ihren Eindruck auf mich machen und so nachdrücklich 
gewesen sind, daß sie mir meine Religion bestimmt haben. 

Darf ich Sie bitten, mir nach Kennlnisnahme vieUeichl mitzuteilen, in 
welcher Weise Sie sich diesen Traum erklären, und ob es nicht möglich 
ist, ihn aus meinem Leben verschwinden zu lassen, da er mich wie ein 
Gespenst verfolgt und durch die Umstände, von denen er begleitet ist, — 
ich falle stets aus dem Bette und habe mir schon nicht unerhebliche Ver- 
letzungen zugezogen — sehr unangenehm und peinlich für mich ist. 

2- 

Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, sehr kräftig und körperlicli gesund, 
habe außer Masern und Scharlach in der Kindheit eine Nierenentzündung 
durchgemacht. Im fünften .Tahre hatte ich eine sehr schwere Augen- 
entzündung, nach der ein Doppeltselien zurückblieb. Di«; Bilder stehen 
schräg zueinander, die Umrisse des Bildes sind vorwischt, weil Narben von 
Geschwüren die Klarheit beeinträchtigen. Nach fachiirzilichem Urteil ist 
am Auge aber nichts mehr zu ändern oder zu bessern. Durch das Zu- 
kneifen des linken Auges, um klarer zu sehen, hat sich die linke Gesichts- 
hälfte nach oben verzerrt. Ich vermag durch Übung und Wille die feinsten 
Handarbeiten zu machen; ebenso habe ich mir als sechs) äln-iges Kind das 
schiefe Sehen vor dem Spiegel weggelernt, so daß heute von dem Augen- 
fehler äußerlich nichts zu sehen ist. 

In den frühesten Kinderjahren schon bin ich immer einsam gewesen, 
habe mich von allen Kindern zurückgezogen und habe schon Gesichte 
gehabt (hellhören und hellsehen), habe das aber von der Wirklichkeit 
niclit unterscheiden können und bin deshalb oft in Konflikte geraten, die 
aus mir einen sehr zurückhaltenden, scheuen Menschen gemacht haben. 
Da ich schon als kleinstes Kind viel mehr gewußt habe, als ich hatte 
lernen können, verstand ich einfach die Kinder meines Alters nicht mehr. 
Ich selbst hin die älteste von zwölf Geschwistern. 

Von sechs bis zehn Jahren besuchte ich die Gemeindeschule und dann 
bis sechzehn Jahie die höhere Schule der Ursulinerinnen in B. Mit zehn 
Jahren habe ich innerhalb vier Wochen, es waren acht Nachhilfestunden, 
soviel Französisch nachgeholt, als andere Kinder in zwei Jahren lernen. 



1 



Traum und Telepathie 30 a 



Ich hatte nur zu repetieren, es war, als ob ich es schon gelernt und nur 
vergessen hätte. Überhaupt habe ich auch später Fi-anzösisch nie zu lernen 
brauchen, im Gegensatz zu Englisch, das mir zwar keine Mühe machte, 
das mir aber unbekannt war. Ähnlich wie mit Französisch giug es mir 
mit Latein, das ich eigentlich nie richtig gelernt habe, sondern nur vom 
Kirchenlatein her kenne, das mir aber vollkommen vertraut ist. Lese ich 
heute ein französisches Werk, dann denke ich auch sofort in Französisch, 
während mir das bei Englisch nie passiert, trotzdem ich Engliscli besser 
beherrsche. — Meine Eltern sind Bauersleute, die durch Generationen nie 
andere Sprachen als Deutsch und Polnisch gesprochen haben. 

Gesichte: Zuweilen verschmndet für Augenblicke die Wirklichkeit 
und ich sehe etwas ganz ajideres. In meiner Wohnung sehe ich z. B. sehr 
oft ein alles Ehepaar und ein Kind, die Wohnung hat dann andere Ein- 
richtung. — Noch in der Heilanstalt kam früh gegen vier Uhr meine 
Freundin in mein Zimmer, ich war wach, hatte die Lampe brennen und 
saß am Tische lesend, da ich sehr viel an Schlaflosigkeit leide. Stets bedeutet 
diese Erscheinung für mich Ärger, auch dieses Mal. 

Im Jahre 1914 war mein Bruder im Felde, ich nicht bei den Eltern 
in ß., sondern in Ch. Es war vormittags 10 Uhr, 22. August, da hörte ich 
„Mutter. Mutter" von der Stimme meines Bruders rufen. Nach zehn 
Minuten nochmals, habe aber nichts gesehen. Am 24. August kam ich 
heim, fand Mutter bedrückt und auf Befragen erklärte sie, der Junge hätte 
sich am 22. August angemeldet. Sie sei vormittags im Garten gewesen, da 
hätte sie den Jungen , Mutter, Mutter' rufen hören, [ch tröstete sie und 
sagte ihr nichts von mir. Drei Wochen darauf kam eine Karte meines 
Bruders an, die er am 22. August zwischen 9 und 10 Uhr vormittags 
geschrieben hatte, kurz darauf starb er. 

Am 27. September 1921 meldete sich mir etwas in der Heilanstalt an. 
Es wurde zwei- bis dreimal an das Bett meiner Zimmerkollegin heftig 
geklopft. Wir waren beide wach, ich fragte, ob sie geklopft hätte, sie 
hatte nicht einmal etwas gehört. Nach acht Wochen hörte ich, daß eine 
meiner Freundinnen in der Nacht vom 20, auf 27, gestorben wäre. 

Nun etwas, was Sinnestäuschung sein soll, Ansichtssache! Ich habe eine 
Freundin, die sich einen Witwer mit fünf Kindern geheiratet hat, den 
Mann lernte ich erst durch meine Freundin kennen. In deren Wohnung 
sehe ich fast jedesmal, wenn ich bei ihr bin, eine Dame aus- und ein- 
gehen. Die Annahme lag nahe, daß das die erste Frau des Mannes sei. 
Ich fragte gelegentlich nach einem Bilde, konnte aber nach der Photo- 



gq, Beiträge zur Traumlehre 



graphie die Erschemung nicht identifizieren. Nach sieben Jahren sehe ich 
bei einem der Kinder ein Bild mit den Zügen der Dame. Es war doch 
die erste Frau. Auf dem Bilde sah sie bedeutend besser aus, sie hatte 
gerade eine Mastkur durchgemacht und daher das für eine Lungenkranke 
veränderte Aussehen. — Das sind nur Beispiele von vielen. 

Der Traum: Ich sehe eine Landzunge, von Wasser umgeben. Die 

Weüen werden von der Brandung herangetrieben und wieder zurlickgerlssen. 

Auf der Landzunge Steht eine Palme, die etwas zum Wasser f^chogen ist. 

Um den Stamm der Palme schlingt eine Frau ihren Arm und beugt sich 

ganz tief ins Wasser, wo ein Mann versucht, an Land zu kommen. Zuletzt 

legt sie sich auf die Erde, halt sich mit der Linken an der Palme fest und 

reicht, so weit wie möglich, ihre Reckte dem Manne ins Wasser, ohne ihn 

zu erreichen. Dabei falle ich aus dem Bette und wache auf. — Ich war 

ungefähr fünfzehn bis sechzehn Jahre, als ich wahrnalim, daß ich ja selbst 

diese Frau sei, und nun erlebte ich nicht nur die Angst der Frau um den 

Mann, sondern stand manchmal auch als unbeteiligte Dritte dabei und sah 

zu. Auch in Etappen träumte ich dieses Erlebnis. Wie das Interesse am 

Manne wach wurde {achtzehn bis zwanzig Jahre), versuchte ich das Gesicht 

des Mannes zu erkennen, es war mir nie möglich. Die Gischt ließ nur 

Nacken und Hinterkopf frei. Ich bin zweimal verlobt gewesen, aber dem 

Kopf und Körperbau nach war es keiner dieser beiden Männer. Als 

ich in der Heilanstalt einmal im Paraldehyd raus che lag, sah ich das Gesicht 

des Mannes, das ich nunmehr in jedem l'raume sehe. Es ist das des mich 

in der Anstalt behandelnden Arztes, der mir wohl als Arxt sympathisch 

ist, mit dem mich aber nichts verbindet. 

■ Erinnerungen: Va bis V* Jahr ah. Ich im Kinderwagen, rechts 
mir zur Seite zwei Pferde, das eine, ein Brauner, sieht mich groß und 
eindrucksvoll an. Das ist das stärkste Erlebnis, ich hatte das Gefühl, es sei 
ein Mensch. 

Ein Jahr alt. Vater und ich im Stadtpark, wo mir ein Parkwärter 
ein Vö^elchen in die Hand gibt. Seine Augen sehen mich wieder an, ich 
fühle, das ist ein Wesen wie du. 

Hausschlachtungen. Beim Quieken der Schweine habe ich stets um 
Hilfe geschrien und immer gerufen: Ihr schlagt ja einen Menschen tot 
(vier Jahre alt). Ich habe Fleisch als Nahrungsmittel stets abgelehnt. 
Schweinefleisch hat mir stets Erbrechen verursacht. Erst im Kriege habe 
ich Fleisch essen gelernt, aber nur mit Widerwillen, jetzt entwöhne ich 
mich dessen wieder. 



Traum und Telepathie agg 



Fünf Jahre alt. Mutter kam nieder und ich hörte sie schreien. Ich 
hatte die Empfindung, dort ist ein Tier oder Mensch in höchster Not, 
ebenso wie ich es bei den Schlachtungen hatte. 

In sexueller Beziehung bin ich als Kind ganz indifferent gewesen, mit 
zehn lahren gingen Sünden wider die Keuschheit noch nicht in mein 
Begriffsvermögen. Mit zwölf lahren wurde ich menstruierl. Mit sechsund- 
zwanzig Jahren, nachdem ich einem Kinde das Leben gegeben hatte, er- 
wachte erst das Weib in mir, bis dahin (ein halbes Jahr) hatte ich beim 
Koitus stets heftiges Erbrechen. Auch später trat Erbrechen ein, wenn die 
kleinste Verstimmung mich bedrückte. 

Ich habe eine außerordentlich scharfe Beobachtungsgabe und ein ganz 
ausnahmsweise scharfes Gehör, Geruch ist ebenso ausgebildet. Bekannte 
Menschen kann ich mit verbundenen Augen unter einem Haufen anderer 
herausriechen. 

Ich führe mein Mehi-sehen und Hören nicht auf krankhaftes Wesen, 
sondern auf feineres Empfinden und schnelleres Kombinationsvermögen 
zurück, habe aber darüber nur mit meinem Religionsichrer und Herrn 
Dr. . . . gesprochen, zu letzterem auch nur sehr widerwillig, weil ich 
mich davor scheute zu hören, daß ich Minuseigenschaften habe, die ich 
persönlich als Pluseigenschaften ansehe, und weil ich durch Mißverständnis 
in meiner Jugend sehr scheu geworden bin." 

Der Traum, dessen Deutung uns die Schreiberin auferlegt, ist 
nicht schwer zu verstehen. Es ist ein Traum der Rettung aus 
dem Wasser, also ein typischer Geburtstraum. Die Sprache der 
Symbohk kennt, wie Sie wissen, keine Grammatik» sie ist das 
Extrem einer Infinitivsprache, auch das Aktivum und das Passi- 
vum werden durch dasselbe Bild dargestellt. Wenn im Traum 
eine Frau einen Mann aus dem Wasser zieht (oder ziehen will), 
so kann das heißen, sie will seine Mutter sein (anerkennt ihn als 
Sohn wie die Pharaoiochter den Moses) oder auch: sie will durch 
ihn Mutter werden, einen Sohn von ihm haben, welcher als sein 
Ebenbild ihm gleichgesetzt wird. Der Baumstamm, an den die 
Frau sich hält, ist leicht als Phallussymbol zu erkennen, auch 
wenn er nicht gerade steht, sondern gegen den Wasserspiegel 
geneigt — im Traum heißt es: gebogen — - ist. Das Andrängen und 
Zurückfluten der Brandung legte einmal einer anderen Träumerin, 



2g6 Beiträ/^e zur Traumlehre 



die einen ganz ähnlichen Traum produziert hatte, den Vergleich 
mit der intermittierenden Wehentätigkeit nahe, und als ich sie, 
die noch nie geboren hatte, fragte, woher sie diesen Charakter 
der Geburtsarbeit kenne, sagte sie, man stellt sich die Wehen wie 
eine Art Kolik vor, was physiologisch ganz unladelig ist. Sie 
assoziierte dazu: „Des Meeres und der Liebe Wellen." Woher 
unsere Träumerin die feinere Ausstattung des Symbols in so 
frühen Jahren genommen haben kann (Landzunge, Palme), weiß 
ich natürlich nicht zu sagen. Übrigens vergessen wir nicht daran : 
Wenn Personen behaupten, daß sie seit Jahren von demselben 
Traum verfolgt werden, so stellt sich oft heraus, daß es mani- 
fester Weise nicht ganz derselbe ist. Nur der Kern des Traumes 
ist jedesmal wiedergekehrt, Einzelheiten des Inhalts sind abge- 
ändert worden oder neu hinzugekommen. 

Am Ende dieses offenbar angstvollen Traumes fällt die Träu- 
merin aus deni Bett. Das ist eine neuerliche Darstell ung der 
Niederkunft. Die analytische Erforschung der Höhenphobien, der 
Angst vor dem Impuls, sich aus dem Fenster zu stürzenj bat 
Ihnen gewiß allen das nämliche Ergebnis geliefert. 

Wer ist nun der Mann, von dem sich die Träumerin ein Kind 
wünscht oder zu dessen Ebenbild sie Mutter sein möchte;' Sie 
hat sich oft bemüht, sein Gesicht zu sehen, aber der Traum ließ 
es nicht zu, der Mann sollte inkognito bleiben. Wir wissen aus 
ungezähUen Analysen, was diese Verschleierung bedeutet, und 
unser Analogieschluß wird durch eine andere Angabe der Träu- 
merin gesichert. In einem Paraldehydrauscli erkannte sie einmal 
das Gesicht des Mannes im Traum als das des Anstallsarztes, der 
sie behandelte und der ihrem bewußten Gefühlsleben nichts 
weiter bedeutete. Das Original hatte sich also nie gezeigt, aber 
dessen Abdruck in der „Übertragung" gestattet den Schluß, daß 
es immer früher der Vater hätte sein sollen. Wie recht hatte 
doch Ferenczi, als er auf die „Träume der Ahnungslosen" als 
wertvolle Urkunden zur Bestätigung unserer analytischen Ver- 



w( 



I 



Traum und Telepathie 297 



mutungen hinwies! Unsere Träumerin war die älteste von zwölf 
Kindern; wie oft mußte sie die Qualen der Eifersucht und Ent- 
täuschung durchgemacht haben, wenn nicht sie, sondern die 
Mutter das ersehnte Kind vom Vater empfing! 

Ganz richtig hat unsere Träumerin verstanden, daß ihre ersten 
Kindheitserinnerungen für die Deutung ihres frühen und seither 
wiederkehrenden Traumes wertvoll sein würden. In der ersten 
Szene vor einem Jahr sitzt sie im Kinderwagen, neben ihr zwei 
Pferde, von denen eines sie groß und eindrucksvoll ansieht. Sie 
bezeichnet das als ihr stärkstes Erlebnis, sie hatte das Gefühl, es sei 
ein Mensch. Wir aber können uns in diese Wertung nur ein- 
fühlen, wenn wir annehmen, zwei Pferde standen hier, wie so 
oft, für ein Ehepaar, für Vater und Mutter. Es ist dann wie ein 
Aufblitzen des infantilen Totemismus. Könnten wir die Schreiberin 
sprechen, so würden wir die Frage an sie richten, ob nicht der 
Vater seiner Farbe nach in dem braunen Pferd, das sie so 
menschlich ansieht, erkannt werden darf. Die zweite Erinnerung 
ist mit der ersten durch das gleiche „verständnisvolle Ansehen" 
assoziativ verknüpft. Aber das In-die-Hand-Nehmen des Vögelchens 
mahnt den Analytiker, der nun einmal seine Vorurteile hat, an 
einen Zug des Traumes, der die Hand der Frau in Beziehung 
zu einem anderen Pliallussymbol bringt. 

Die nächsten beiden Erinnerungen gehören zusammen, sie 
bieten der Deutung noch geringere Schwierigkeiten. Das Schreien 
der Mutter bei ihrer Niederkunft erinnert sie direkt an das 
Quieken der Schweine bei einer Hausschlachtung und versetzt 
sie in dieselbe mitleidige Raserei. Wir vermuten aber auch, hier 
liegt eine heftige Reaktion gegen einen bösen Todeswunsch vor, 
welcher der Mutter galt. 

Mit diesen Andeutungen der Zärtlichkeit für den Vater, der 
genitalen Berührungen mit ihm und der Todes wünsche gegen 
die Mutter ist der Umriß des weiblichen Ödipuskomplexes ge- 
zogen. Die lang bewahrte sexuelle Unwissenheit und spätere 



agS Beiträgt! zur Traumlehre 



Frigidität entsprechen diesen Voraussetzungen. Unsere Schreiberin 
ist virtuell — und zeitweise gewiß auch faktisch — eine hysterische 
Neurotika geworden. Die Mächte des Lebens haben sie zu ihrem i 

Glück mit sich fortgerissen, ihr weibliches Sexualeinpfinden, Mutter- 
glück und mannigfache Erwerbsleistung möglich gemacht, aber 
ein Anteil ihrer Libido haftet noch immer an den Fixierungs- 
stellen ihrer Kindheit, sie träumt noch immer jenen Traum, der 
sie aus dem. Bette wirft und für die inzestuöse Objektwahl mit 
„nicht unerheblichen Verletzungen" bestraft. 

Was die stärksten Einflüsse späteren Erlebens nicht zustande 
brachten, soll jetzt die briefliche Aufklärung eines fremden Arztes 
leisten. Wahrscheinlich würde es einer regelrechten Analyse in 
längerer Zeit gelingen. Wie die Verhältnisse liegen, mußte ich 
mich damit begnügen, ihr zu schreiben, ich sei überzeugt, daß 
sie an der Nachwirkung einer starken Gefühlsbindung an den 
Vater und der entsprechenden Identifizierung mit der Mutter 
leide, hoffe aber selbst nicht, daß diese Aufklärung ihr nützen 
werde. Spontanheilungen von Neurosen hinterlassen in der Regel 
Narben und diese werden von Zeit zu Zeit wieder schmerzhaft. 
Wir sind sehr stolz auf unsere Kunst, wenn wir eine Heilung 
durch Psychoanalyse vollbracht haben, können aber einen solchen 
Ausgang in Bildung einer schmerzhaften Narbe auch nicht immer 
abwenden. 

Die kleine Erinnerungsreihe soll unsere Aufmerksamkeit noch 
ein wenig festhalten. Ich habe einmal behauptet, daß solche 
Kindheitsszenen „Deckerinnerun gen" sind, die zu einer späteren 
Zeit herausgesucht, zusammengestellt und dabei nicht selten ver- 
fälscht werden. Mitunter läßt sich erraten, welcher Tendenz diese 
späte Umarbeitung dient. In unserem Falle hört man geradezu i 

das Ich der Schreiberin sich mittels dieser Erinnerungsreihe ^ 

rühmen oder beschwichtigen: Ich war von klein auf ein be- 
sonders edles und mitleidiges Menschenkind. Ich habe frühzeitig 
erkannt, daß die Tiere ebenso eine Seele haben wie wir, und 



A 



Traum und Telepathie 299 



habe Grausamkeit gegen Tiere nicht vertragen. Die Sünden des 
Fleisches sind mir fern gebheben und meine Keuschheit habe ich 
bis in späte Jahre bewahrt. Mit solcher Erklärung widerspricht 
sie laut den Annahmen, die wir auf Grund unserer analytischen 
Erfahrung über ihre frühe Kindheit machen müssen, daß sie voll 
war von vorzeitigen Sexual regungen und heftigen Haßregungen 
gegen die Mutter und die jüngeren Geschwister. (Das kleine 
Vögelchen kann, außer der ihm zugewiesenen genitalen Bedeutung, 
auch die eines Symbols für ein kleines Kind haben, wie alle 
kleinen Tiere, und die Erinnerung betont so sehr aufdringlich 
die Gleichberechtigung dieses kleinen Wesens mit ihr selbst.) Die 
kurze Erinnerungsreihe gibt so ein hübsches Beispiel für eine 
psychische Bildung mit zweifachem Aspekt. Oberflächlich be- 
trachtet, gibt sie einem abstrakten Gedanken Ausdruck, der hier, 
wie meistens, sich auf Ethisches bezieht, sie hat nach V. Silberers 
Bezeichnung anagogischen Inhalt; bei tiefer eindringender 
Untersuchung erweist sie sich als eine Kette von Tatsachen aus 
dem Gebiet des verdrängten Trieblebens, sie offenbart ihren 
psychoanalytischen Gehalt. Wie Sie wissen, hat SilbereTj 
der als einer der ersten die Warnung an uns ergehen ließ, ja 
nicht an den edleren Anteil der menschlichen Seele zu vergessen, 
die Behauptung aufgestellt, daß alle oder die meisten Träume 
eine solche doppelte Deutung, eine reinere, anagogische, über der 
gemeinen, psychoanalytischen, zulassen. Dies ist nun leider nicht 
der Fallj im Gegenteil, eine solche Überdeutung gelingt recht 
selten; es ist auch meines Wissens bisher nicht ein brauchbares 
Beispiel einer solchen doppeldeutigen Traumanalyse veröffentlicht 
worden. Aber an den Assoziationsreihen, welche unsere Patienten 
in der analytischen Kur vorbringen, können Sie solche Be- 
obachtungen relativ häufig machen. Die aufeinander folgenden 
Einfälle verknüpfen sich einerseits durch eine klar zutage liegende, 
durchlaufende Assoziation, andererseits werden Sie auf ein tiefer 
liegendes, geheim gehaltenes Thema aufmerksam, welches gleich- 



goo Beiträge zur Trautnlebre 

zeitig an all diesen Einfällen beteiligt ist. Der Gegensatz zwischen 
beiden in derselben Einfallsreihe dominierenden Themen ist nicht 
immer der von hoch-anagogisch und gemein-analytisch, eher der 
von anstößig und anständig oder indifferent, was Sie dann 
das Motiv für die Entstehung einer solchen Assoziationskette mit 
doppelter Determinierung leicht verstehen läßt. In unserem Bei- 
spiel ist es natürlich kein Zufall, daß Anagogie und psycho- 
analytische Deutung in so scharfem Gegensatze stehen; beide 
beziehen sich auf das nämliche Material und die spätere Tendenz 
ist gerade die der Reaktionsbildungen, die sich gegen die ver- 
leugneten Triebregungen erhoben hatten. 

Warum wir aber überhaupt nach einer psychoanalytischen 
Deutung suchen und uns nicht mit der näher liegenden anago- 
gischen begnügen? Das hängt mit vielerlei zusammen, mit der 
Existenz der Neurose überhaupt, mit den Erklärungen, die sie 
notwendig fordert, mit der Tatsache, daß die Tugend die Men- 
schen nicht so froh und lebensstark macht, wie man erwarten 
sollte, als ob sie noch zuviel von ihrer Herkunft an sich trüge, 
— auch unsere Träumerin ist für ihre Tugend nicht recht belohnt 
worden — und mit manchem anderen, was ich gerade vor Ihnen 
nicht zu erörtern brauche. 

Wir haben aber bisher die Telepathie, die andere Determinante 
unseres Interesses an diesem Fall, ganz beiseite gelassen. Es ist 
Zeit, zu ihr zurückzukehren. Wir haben es hier in gewissem 
Sinne leichter als im Falle des Herrn G. Bei einer Person, der 
so leicht und schon in früher Jugend die Wirklichkeit ent- 
schwindet, um einer Phantasiewelt Platz zu machen, wird die 
Versuchung überstark, ihre telepathischen Erlebnisse und „Gesichte' 
mit ihrer Neurose zusammenzubringen und aus dieser abzuleiten, 
wenngleich wir uns auch hier über die zwingende Kraft unserer 
Aufstellungen nicht täuschen dürfen. Wir setzen nur verständliche 
Möglichkeiten an die Stelle des Unbekannten und Unverständlichen. 

Am 22, August 1914, vormittags zehn Uhr, unterliegt die 



Traum und Telepathie 



301 



Schreiberin der telepathischen Wahrnehmung, daß ihr im Feld 
befindlicher Bruder „Mutter, Mutter" ausruft. Das Phänomen ist 
ein rein akustisches, wiederholt sich kurz nachher, sie sieht aber 
nichts dabei. Zwei Tage später sieht sie ihre Mutter und findet 
sie schwer bedrückt, da sich der Junge bei ihr mit dem wieder- 
holten Ausruf „Mutter, Mutter" angemeldet. Sie erinnert sich 
sofort an die nämliche telepathische Botschaft, die ihr zur gleichen 
Zeit zuteil geworden, und wirklich läßt sich nach Wochen fest- 
stellen, daß der junge Krieger an jenem Tage zur bezeichneten 
Stunde gestorben ist. 

Es ist nicht zu beweisen, aber auch nicht abzuweisen, daß der 
Vorgang vielmehr der folgende war: Die Mutter macht ihr eines 
Tages die Mitteilung, daß sich der Sohn telepathisch bei ihr 
angezeigt. Sofort entsteht bei ihr die Überzeugung, sie habe um 
dieselbe Zeit das gleiche Erlebnis gehabt. Solche Erinnerungs- 
täuschungen treten mit zwanghafter Starke auf, die sie aus realer 
Quelle beziehen; sie setzen aber psychische Realität in materielle 
um. Das Starke an der Erinnerungstäuschung ist, daß sie ein 
guter Ausdruck für die in der Schwester vorhandene Tendenz 
zur Identifizierung mit der Mutter werden kann. „Du sorgst 
dich um den Jungen, aber ich bin ja eigentlich seine Mutter. 
Also hat sein Ausruf mich gemeint, ich habe jene telepathische 
Botschaft empfangen." Die Schwester würde natürlich unseren 
Erklärungsversuch entschieden ablehnen und ihren Glauben an 
das eigene Erlebnis festhalten. Allein sie kann gar nicht anders; 
sie muß an die Realität des pathologischen Erfolges glauben, 
solange ihr die Realität der unbewußten Voraussetzung unbekannt 
ist. Die Stärke und Unangreifbarkeit eines jeden Wahns führt 
sich ja auf seine Abstammung von einer unbewußten psychischen 
Realität zurück. Ich bemerke noch, das Erlebnis der Mutter 
haben wir hier nicht zu erklären und dessen Tatsächlichkeit 
nicht zu untersuchen. 

Der verstorbene Bruder ist aber nicht nur das imaginäre Kind 



103 Beiträge zur Trawnlehre 



unserer Schreiberin, sondern er steht auch für einen schon bei 
der Geburt mit Haß empfangenen Rivalen. Weilaus die zahl- 
reichsten telepathischen Ahnungen beziehen sich auf Tod und 
Todesmöglichkeit; den analytischen Patienten, die uns von der 
Häufigkeit und Untrüglichkeit ihrer düsteren Vorahnungen 
berichten, können wir mit ebensolcher Regelmäßigkeit nach- 
weisen, daß sie besonders starke unbewußte Todeswünsche gegen 
ihre Nächsten im Unbewußten hegen und darum seit langem 
unterdrücken. Der Patient, dessen Geschichte ich 1909 in den 
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose" erzählt, war 
ein Beispiel hiefürj er hieß bei seinen Angehörigen auch der 
„Leichenvogel"i aber als der liebenswürdige und geistreiche Mann 
— der seither selbst im Kriege untergegangen ist — auf den 
Weg der Besserung kam, verhalf er mir selbst dazu, seine psycho- 
logischen Taschen Spielereien aufzuhellen. Auch die im Brief unseres 
ersten Korrespondenten enthaltene Mitteilung, wie er und seine 
drei Brüder die Nachricht vom Tod ihres jüngsten Bruders als 
etwas innerlich längst Gewußtes aufgenommen, scheint keiner 
anderen Aufklärung zu bedürfen. Die älteren Brüder werden alle 
die gleiche Überzeugung von der Überflüssigkeit dieses jüngsten 
Ankömmlings bei sich entwickelt haben. 

Ein anderes „Gesicht" unserer Träumerin, dessen Verständnis 
vielleicht durch analytische Einsicht erleichtert wird! Freundinnen 
haben offenbar eine große Bedeutung für ihr Gefühlsleben. Der 
Tod einer derselben zeigte sich ihr kürzlich durch nächtliches 
Klopfen an das Bett einer Zimmerkollegin in der Heilanstalt an. 
Eine andere Freundin hatte vor vielen Jahren einen Witwer mit 
vielen (füni) Kindern geheiratet. In deren Wohnung sah sie regel- 
mäßig bei ihren Besuchen die Erscheinung einer Dame, in der 
sie die verstorbene erste Frau vermuten mußte, was sich zunächst 
nicht bestätigen ließ und ihr erst nach sieben Jahren durch die 
Auffindung einer neuen Photographie der Verstorbenen zur Gewiß- 
heit wurde. Diese visionäre Leistung steht in der nämlichen 



Traum und Telepathie 503 



innigen Abhängigkeil von den uns bekannten Familienkomplexen 
der Schreiberin, wie ihre Ahnung vom Tode des Bruders. Wenn 
sie sich mit der Freundin identifizierte, konnte sie in deren 
Person ihre Wunscherfüllung finden, denn alle ältesten Töchter 
kinderreicher Familien schaffen im Unbewußten die Phantasie, 
durch den Tod der Mutter die zweite Frau des Vaters zu werden. 
Wenn die Mutter krank ist oder stirbt, rückt die älteste Tochter 
wie selbstverständlich an ihre Stelle im Verhältnis zu den 
Geschwistern und darf auch beim Vater einen Teil der Funk- 
tionen der Frau übernehmen. Der unbewußte Wunsch ergänzt 
hiezu den anderen Teil. 

Das ist nun bald alles, was ich Ihnen erzählen wollte. Ich 
könnte noch die Bemerkung hinzufügen, daß die Fälle von tele- 
pathischer Botschaft oder Leistung, die wir hier besprechen haben, 
deutlich an Erregungen geknüpft sind, welche dem Bereich des 
Ödipuskomplexes angehören. Das mag frappant klingen, ich möchte 
es aber nicht für eine große Entdeckung ausgeben. Wir wollen 
lieber zu dem Ergebnis zurückkehren, welches wir aus der Unter- 
suchung des Traumes in unserem ersten Fall gewonnen haben. 
Die Telepathie hat mit dem Wesen des Traumes nichts zu tun, 
sie kann auch unser analytisches Verständnis des Traumes nicht 
vertiefen. Im Gegenteil kann die Psychoanalyse das Studium der 
Telepathie fördern, indem sie mit Hilfe ihrer Deutungen manche 
Unbegreiflichkeiten der telepathischen Phänomene unserem Ver- 
ständnis näher bringt, oder von anderen, noch zweifelhaften 
Phänomenen erst nachweist, daß sie telepathischer Natur sind. 

Was von dem Anschein einer innigen Beziehung zwischen 
Telepathie und Traum übrig bleibt, ist die unbestrittene Begün- 
stigung der Telepathie durch den Schlafzustand. Dieser ist zwar 
keine unumgängliche Bedingung für das Zustandekommen tele- 
pathischer Vorgänge, — beruhen sie nun auf Botschaften oder 
auf unbewußter Leistung. Wenn Sie dies noch nicht wissen 
sollten, so muß das Beispiel unseres zweiten Falles, in dem der 



304 Beiträge zur Traumfehre 



Junge sich zwischen neun und zehn Uhr vormittags anmeldet, 
es Sie lehren. Aber wir müssen doch sagen, man hat kein Recht, 
telepathische Beobachtungen darum zu beansländen, weil Ereignis 
und Ahnung (oder Botschaft) nicht zur gleichen astronomischen 
Zeit vorgefallen sind. Von der telepathischen Botschaft ist es sehr 
wohl denkbar, daß sie gleichzeitig mit dem Ereignis eintrifft und 
doch erst während des Schlafzustandes der nächsten Nacht — 
oder selbst im Wachleben erst nach einer Weile, während einer 
Pause der aktiven Geistestätigkeit — vom Bewußtsein wahr- 
genommen wird. Wir sind ja auch der Meinung, daß die Traum- 
bildung nicht notwendigerweise erst mit dem Einsetzen des Schlaf- 
zustandes beginnt. Die latenten Traumgedanken mögen oft den 
ganzen Tag über vorbereitet worden sein, bis sie zur Nachtzeit 
den Anschluß an den unbewußten Wunsch finden, der sie zum 
Traunr umbildet. Wenn das telepathische Phänomen aber nur 
eine Leistung des Unbewußten ist, dann liegt ja kein neues 
Problem vor. Die Anwendung der Gesetze des unbewußten Seelen- 
lebens verstünde sich dann für die Telepathie von selbst. 

Habe ich bei Ihnen den Eindruck erweckt, daß ich für die 
Realität der Telepathie im okkulten Sinne versteckt Partei nehmen 
will? Ich würde es sehr bedauern, daß es so schwer ist, solchen 
Eindruck zu vermeiden. Denn ich wollte wirklich voll unpar- 
teiisch sein. Ich habe auch allen Grund dazu, denn ich habe 
kein Urteil, ich weiß nichts darüber. 



BEMERKUNGEN ZUR THEORIE UND PRAXIS 
DER TRAUMDEUTUNG 

Erschitn zuerst in der „Internationalen Zeit- 
schrift ßir Pijrehoanaiyse'-'-, Bd. IX (I92;). 

Der zufällige Umstand, daß die letzten Auflagen der „Traum- 
deutung" durch Plaltendruck hergestellt wurden, veranlaßt mich, 
nachstehende Bemerkungen selbständig zu machen, die sonst als 
Abänderungen oder Einschaltungen im Text untergekommen 

wären. . • 

I 

Bei der Deutung eines Traumes in der Analyse hat man die 
Wahl zwischen verschiedenen technischen Verfahren. 

Man kann a) chronologisch vorgehen und den Träumer seine 
Einfälle zu den Traumelementen in der Reihenfolge vorbringen 
lassen, welche diese Elemente in der Erzählung des Traumes ein- 
halten. Dies ist das ursprüngliche, klassische Verhalten, welches 
ich noch immer für das beste halte, wenn man seine eigenen 
Träume analysiert. 

Oder man kann b) die Deutungsarbeit an einem einzelnen 
ausgezeichneten Element des Traumes ansetzen lassen, das man 
mitten aus dem Traum herausgreift, z. B. an dem auffälligsten 
Stück desselben oder an dem, welches die größte Deutlichkeit 
oder sinnliche Intensität besitzt, oder etwa an eine im Traum 
enthaltene Rede anknüpfen, von der man erwartet, daß sie zur 
Erinnerung an eine Rede aus dem Wachleben führen wird. 

Fre ud. III. 3« 



5o6 Beiträge zur Trauinlehre 



Man kann c) überhaupt zunächst vom manifesten Inhalt 
absehen und dafür an den Träumer die Frage stellen, welche 
Ereignisse des letzten Tages sich in seiner Assoziation zum 
erzählten Traum gesellen. 

Endlich kann man d), wenn der Träumer bereits mit der 

Technik der Deutung vertraut ist, auf jede Vorschrift verzichten 

und es ihm anheimstellen, mit welchen Einfallen zum Traum er 

beginnen will. Ich kann nicht behaupten, daß die eine oder die 

andere dieser Techniken die vorzüglichere ist und allgemein 

bessere Ergebnisse liefert. 

H 

Ungleich bedeutsamer ist der Umstand, ob die Deutungsarbeit 
unter hohem oder niedrigem Widerstandsdruck vor 
sich geht, worüber der Analytiker ja niemals lange im Zweifel 
bleibt. Bei hohem Druck bringt man es vielleicht dazu, zu 
erfahren, von welchen Dingen der Traum handelt, aber man 
kann nicht erraten, was er über diese Dinge aussagt. Es ist, wie 
wenn man einem entfernten oder leise geführten Gespräch zuhören 
würde. Man sagt sich dann, daß von einem Zusammenarbeiten 
mit dem Träumer nicht gut die Rede sein kann, beschließt, sich 
nicht viel zu plagen und ihm nicht viel zu helfen, und begnügt sich 
damit, ihm, einige Symbolübersetzungen, die man für wahrschein- 
lich hält, vorzuschlagen. 

Die Mehrzahl der Träume in schwierigen Analysen ist von 
solcher Art, so daß man aus ihnen nicht viel über Natur und 
Mechanismus der Traumbildung lernen kann, am wenigsten aber 
Auskünfte zu der beliebten Frage erhalten wird, wo denn die 
Wunsch erfüll ung des Traumes steckt. 

Bei ganz extrem hohem Widerstandsdruck ereignet sich das 
Phänomen, daß die Assoziation des Träumers in die Breite, anstatt 
in die Tiefe geht. An Stelle der gewünschten Assoziationen zu 
dem erzählten Traum kommen immer neue Traumslücke zum 
Vorschein, die selbst assozialionslos bleiben. Nur wenn sich der 



n" 



Bemerkungen zur Theorie und Preuris der Traumdeutung 307 

Widerstand in mäßigen Grenzen hält, kommt das bekannte Bild 
der Deutnngsarbeit zustande, daß die Assoziationen des Träumers 
von den manifesten Elementen aus zunächst weit divergier en 
so daß eine große Anzahl von Themen und Vorstellungskreisen 
angerührt werden, bis dann eine zweite Reihe von Assoziationen 
von hier aus rasch zu den gesuchten Traumgedanken kon- 
vergiert. 

Dann wird auch das Zusammenarbeiten des Analytikers mit 
dem Träumer möglich; bei hohem Widerstandsdruck wäre es 
nicht einmal zweckmäßig. 

Eine Anzahl von Träumen, die während der Analysen vor- 
fallen, sind unübersetzbar, wenngleich sie nicht gerade den Wider- 
stand zur Schau tragen. Sie stellen freie Bearbeitungen der 
zugrunde liegenden latenten Traumgedanken vor und sind wohl- 
gelungenen, künstlerisch überarbeiteten Dichtwerken vergleichbar, 
m denen man die Grundmotive zwar noch kenntlich, aber in 
beliebiger Durchrüttlung und Umwandlung verwendet findet. 
Solche Träume dienen in der Kur als Einleitung zu Gedanken 
und Erinnerungen des Träumers, ohne daß ihr Inhalt selbst in 
Betracht käme. 

III 

Man kann Träume von oben und Träume von unten 
unterscheiden, wenn man diesen Unterschied nicht zu scharf 
fassen will. Träume von unten sind solche, die durch die Stärke 
eines unbewußten (verdrängten) Wunsches angeregt werden, der 
sich eine Vertretung in irgendwelchen Tagesresten verschafft hat. 
Sie entsprechen Einbrüchen des Verdrängten in das Wachleben. 
Träume von oben sind Tagesgedanken oder Tagesabsichten gleich- 
zustellen, denen es gelungen ist, sich nächtlicherweile eine Ver- 
stärkung aus dem vom Ich abgesprengten Verdrängten zu holen. 
Die Analyse sieht dann in der Regel von diesem unbewußten 
Helfer ab und vollzieht die Einreihung der latenten Traum- 
gedanken in das Gefüge des Wachdenkens. Eine Abänderung 



ao« 



-o8 Beiträge zur Tra umlehre 

der Theorie des Traumes wird durch diese Unterscheidung nicht 

erforderlich. 

IV 

In manchen Analysen oder während gewisser Strecken einer 
Analyse zeigt sich eine Sonderung des Traumlebens vom Wach- 
leben, ähnlicli wie die Absonderung der Phantasietätigkeil, die 
eine continued story (einen Tagtraumroman) unterhält, vom Wach- 
denken. Es knüpft dann ein Traum an den anderen an, nimmt 
ein Element zum Mittelpunkt, welches im vorhergehenden bei- 
läufig gestreift wurde, u. dgl. Viel häufiger trifft aber der andere 
Fall zu, daß die Träume nicht aneinanderhängen, sondern sich 
in aufeinanderfolgende Stücke des Wachdenkens einschallen. 

V 

Die Deutung eines Traumes zerfällt in zwei Phasen, die Über- 
setzung und die Beurteilung oder Verwertung desselben. Während 
der ersten soll man sich durch keinerlei Rücksicht auf die zweite 
beeinflussen lassen. Es ist, wie wenn man ein Kapitel eines fremd- 
sprachigen Autors vor sich hat, z. B. des Livius. Zuerst will 
man wissen, was Livius in diesem Kapitel erzähU, erst dann 
tritt die Diskussion ein, ob das Gelesene ein Geschichtsbericht 
ist oder eine Sage oder eine Abschweifung des Autors. 

Welche Schlüsse darf man aber aus einem richtig übersetzten 
Traum ziehen? Ich habe den Eindruck, daß die analytische Praxis 
hierin Irrtümer und Überschätzungen nicht immer vermieden 
hat, und zwar zum Teil aus übergroßem Kespekt vor dem 
„geheimnisvollen Unbewußten". 

Man vergißt zu leicht daran, daß ein Traum zumeist nur ein 
Gedanke ist wie ein anderer, ermöglicht durch den Nachlaß der 
Zensur und die unbewußte Verstärkung und entstellt durch die 
Einwirkung der Zensur und die unbewußte Bearbeitung. 

Greifen wir das Beispiel der sogenannten (ienesungsträume 
heraus. Wenn ein Patient einen solchen Traum gehabt hat, in 



Bemerkungen zw Theorie und Projcis der Traumdeutung 50g 

dem er sich den Einschränkungen der Neurose zu entziehen 
scheint, z. B. eine Phobie überwindet oder eine Gefühlsbindung 
aufgibt, so sind wir geneigt zu glauben, er habe einen großen 
Fortschritt gemacht, sei bereit, sich in eine neue Lebenslage zu 
fügen, beginne mit seiner Gesundheit zu rechnen usw. Das mag 
oftmals richtig sein, aber ebensooft haben solche Genesungs- 
träume nur den Wert von Bequem lichkeitsträumen, sie bedeuten 
den Wunsch, endlich gesund zu sein, um sich ein weiteres Stück 
der analytischen Arbeit, das sie als bevorstehend fühlen, zu 
ersparen. In solchem Sinn ereignen sich Genesungsträume z. B. 
recht häufig, wenn der Patient in eine neue, ihm peinliche Phase 
der Übertragung eintreten soll. Er benimmt sich dann ganz ähn- 
lich wie manche Neurotiker, die sich nach wenigen Stunden 
Analyse für geheilt erklären, weil sie allem Unangenehmen ent- 
gehen wollen, das in der Analyse noch zur Sprache kommen soll. 
Auch die Kriegsneurotiker, die auf ihre Symptome verzichteten, 
weil ihnen die Therapie der Militärärzte das Kranksein noch 
unbehaglicher zu machen verstand, als sie den Dienst an der 
Front gefunden hatten, sind denselben ökonomischen Bedingungen 
gefolgt, und die Heilungen haben sich in beiden Fällen nicht 
haltbar erwiesen. 

VI 

Es ist gar nicht so leicht, allgemeine Entscheidungen über den 
Wert richtig übersetzter Träume zu fällen. Wenn heim Patienten 
ein Ambivalenzkonflikt besteht, so bedeutet ein feindseliger 
Gedanke, der in ihm auftaucht, gewiß nicht eine dauernde Über- 
windung der zärtlichen Regung, also eine Entscheidung des 
Konflikts, und ebensowenig hat ein Traum vom gleichen feind- 
seligen Inhalt diese Bedeutung. Während eines solchen Ambi- 
valenzkonfiikts bringt oft jede Nacht zwei Träume, von denen 
jeder eine andere Stellung nimmt. Der Fortschritt besteht dann 
darin, daß eine gründliche Isolierung der beiden kontrastierenden 
Regungen gelungen ist und jede von ihnen mit Hilfe der unbe- 



g 1 o Beiträf^c zur Traamlehre 



wußten Verstärkungen bis zu ihrem Extrem verfolgt und ein- 
gesehen werden kann. Mitunter ist der eine der beiden ambi- 
valenten Träume vergessen worden, man darf sich dann nicht 
täuschen lassen und annehmen, daß nun die Entscheidung 
zugunsten der einen Seite gefallen ist. Das Vergessen des einen 
Traumes zeigt allerdings, daß für den Augenblick die eine 
Richtung die Oberhand hat, aber das gilt nur für den einen 
Tag und kann sich ändern. Die nächste Nacht bringt vielleicht 
die entgegengesetzte Äußerung in den Vordergrund. Wie der 
Konflikt wirklich steht, kann nur durch die Berücksichtigung 
aller anderen Kundgebungen auch des Wachlebens erraten werden. 

VII 

Mit der Frage nach der Wertung der Träume hängt die 
andere nach ihrer Beeinflußbarkeit durch ärztliche „Suggestion" 
innig zusammen. Der Analytiker wird vielleicht zuerst erschrecken, 
wenn er an diese Möglichkeit gemahnt wird; bei näherer Über- 
legung wird dieser Schreck gewiß der Einsicht weichen, die 
Beeinflussung der Träume des Patienten sei für den Analytiker 
nicht mehr Mißgeschick oder Schande als die Lenkung seiner 
bewußten Gedanken. 

Daß der manifeste Inhalt der Träume durch die analytische 
Kur beeinflußt wird, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das 
folgt ja schon aus der Einsicht, daß der Traum ans Wachleben 
anknüpft und Anregungen desselben verarbeitet. Was in der ana- 
lytischen Kur vorgeht, gehört natürlich auch zu den Eindrücken 
des Wachlebens und bald zu den stärksten desselben. Es ist also 
kein Wunder, daß der Patient von Dingen träumt, die der Arzt 
mit ihm besprochen und deren Erwartung er in ihm geweckt 
hat. Nicht mehr Wunder jedenfalls, als in der bekannten Tat- 
sache der „experimentellen" Träume enlhaUen ist. 

Das Interesse setzt sich nun dahin fort, ob auch die durch 
Deutun«r zu eruierenden latenten Traumgedanken vom Analytiker 



Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 511 

beeinflußt, suggeriert, werden tonnen. Die Antwort darauf muß 
wiederum lauten: Selbstverständlich ja, denn ein Anteil dieser 
latenten Traumgedanken entspricht vorbewußten, durchaus bewußt- 
seinsfähigen Gedankenbildungen, mit denen der Träumer even- 
tuell auch im Wachen auf die Anregungen des Arztes hätte 
reagieren können, mögen die Erwiderungen des Analysierten nun 
diesen Anregungen gleichgerichtet sein oder ihnen widerstreben. 
Ersetzt man den Traum durch die in ihm enthaltenen Traum- 
gedanken, so lallt eben die Frage, wieweil man Träume sugge- 
rieren kann, mit der allgemeineren, inwieweit der Patient in der 
Analyse der Suggestion zugänglich ist, zusammen. 

Auf den Mechanismus der Traumbildung selbst, auf die eigent- 
liche Traumarbeit gewinnt man nie Einflußj daran darf man 
festhalten. 

Außer dem besprochenen Anteil der vorbewußten Traum- 
gedanken enthält jeder richtige Traum Hinweise auf die ver- 
drängten Wunschregungen, denen er seine Bildungsmöglichkeit 
verdankt. Der Zweifler wird zu diesen sagen, sie erscheinen im 
Traume, weil der Träumer weiß, daß er sie bringen soll, daß sie 
vom Analytiker erwartet werden. Der Analytiker selbst wird mit 
gutem Recht anders denken. 

Wenn der Traum Situationen bringt, die auf Szenen aus der 
Vergangenheit des Träumers gedeutet werden können, scheint 
die Frage besonders bedeutsam, ob auch an diesen Traum- 
inhalten der ärztliche Einfluß beteiligt sein kann. Am dringendsten 
wird diese Frage bei den sogenannten bestätigenden, der 
Analyse nachhinkenden Träumen. Bei manchen Patienten bekommt 
man keine anderen. Sie reproduzieren die vergessenen Erlebnisse 
ihrer Kindheit erst, nachdem man dieselben aus Symptomen, Ein- 
fällen und Andeutungen konstruiert und ihnen dies mitgeteilt 
hat. Das gibt dann die bestätigenden Träume, gegen welche aber 
der Zweifel sagt, sie seien ganz ohne Beweiskraft, da sie auf die 
Anregung des Arztes hin phantasiert sein mögen, anstatt aus dem 



jia Beiträge zur Traiiml-ehre 

Unbewußten des Träumers ans Licht gefördert zu sein. Aus- 
weichen kann man in der Analyse dieser mehrdeutigen Situation 
nicht denn wenn man bei diesen Patienten nicht deutet, kon- 
struiert und mitteilt, findet man nie den Zugang zu dem bei 
ihnen Verdrängten. 

Die Sachlage gestaltet sich günstig, wenn sich an die Analyse 
eines solchen nachhinkenden, bestätigenden Traumes unmittelbar 
Erinnerungsgefühle für das bisher Vergessene knüpfen. 

Der Skeptiker hat dann den Ausweg, zu sagen, es seien 
Erinnerungstäuschungen. Meist sind auch solche Erinnerungs- 
gefühle nicht vorhanden. Das Verdrängte wird nur stückweise 
durchgelassen und jede Unvollständigkeit hemmt oder verzögert 
die Bildung einer Überzeugung. Auch kann es sich um die Repro- 
duktion nicht einer wirkhchen, vergessenen Begebenheit, sondern 
um die Förderung einer unbewußten Phantasie handeln, für 
welche ein Erinnerungsgefühl niemals zu erwarten ist, aber irgend 
einmal ein Gefühl subjektiver Überzeugung möglich bleibt. 

Können also die Bestätigungsträume wirklich Erfolge der Sug- 
gestion, also Gefälligkeitsträume sein? Die Patienten, welche nur 
Bestätigungsträume bringen, sind dieselben, bei denen der Zweifel 
die Rolle des hauptsächlichen Widerstandes spielt. Man macht 
nicht den Versuch, diesen Zweifel durch Autorität zu überschreien 
oder ihn mit Argumenten zu erschlagen. Er muß bestehen 
bleiben, bis er im weiteren Forlgang der Analyse zur Erledigung 
kommt. Auch der Analytiker darf im einzelnen Falle einen solchen 
Zweifel festhalten. Was ihn endlich sicher macht, ist gerade die 
Komplikation der ihm gestellten Aufgabe, die der Lösung eines 
der „Puzzles" genannten Kinderspiele vergleichbar ist. Dort ist 
eine farbige Zeichnung, die auf ein Holzbrettchen geklebt ist 
und genau in einen Holzrahmen paßt, in viele Stücke zer- 
schnitten worden, die von den unregelmäßigsten krummen Linien 
begrenzt werden. Gelingt es, den unordentlichen Haufen von 
Holzplättchen, deren jedes ein unverständliches Stück Zeichnung 



Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 515 

trägt, so zu ordnen, daß die Zeichnung sinnvoll wird, daß nirgends 
eine Lücke zwischen den Fugen bleibt, und daß das Ganze den 
Rahmen ausfüllt, sind alle diese Bedingungen erfüllt, so weiß 
man, daß man die Lösung des Puzzle gefunden hat und daß es 
keine andere gibt. 

Ein solcher Vergleich kann natürlich dem Analysierten während 
der unvollendeten analytischen Arbeit nichts bedeuten. Ich erinnere 
mich hier an eine Diskussion, die ich mit einem Patienten zu 
führen hatte, dessen außeroidentliche Ambivalenzeinstellung sich 
im stärksten zwanghaften Zweifel äußerte. Er bestritt die Deu- 
tungen seiner Träume nicht und war von deren Übereinstimmung 
mit den von mir geäußerten Mutmaßungen sehr ergriffen. Aber 
er fragte, ob diese bestätigenden Träume nicht Ausdruck seiner 
Gefügigkeit gegen mich sein könnten. Als ich geltend machte, 
daß diese Träume auch eine Summe von Einzelheiten gebracht 
hätten, die ich nicht ahnen konnte, und daß sein sonstiges 
Benehmen in der Kur gerade nicht von Gefügigkeit zeugte, 
wandte er sich zu einer anderen Theorie und fragte, ob nicht 
sein narzißtischer Wunsch, gesund zu werden, ihn veranlaßt haben 
könne, solche Träume zu produzieren, da ich ihm doch die 
Genesung in Aussicht gestellt habe, wenn er meine Konstruktionen 
annehmen könne. Ich mußte antworten, mir sei von einem solchen 
Mechanismus der Traumbildung noch nichts bekannt worden, 
aber die Entscheidung kam auf anderem Wege. Er erinnerte sich 
an Träume, die er gehabt, ehe er in die Analyse eintrat, ja, ehe 
er etwas von ihr erfahren hatte, und die Analyse dieser vom 
Suggestionsverdacht freien Träume ergab dieselben Deutungen 
wie der späteren. Sein Zwang zum Widerspruch fand zwar noch 
den Ausweg, die früheren Traume seien minder deutlich gewesen 
als die während der Kur vorgefallenen, aber mir genügte die 
Übereinstimmung. Ich meine, es ist überhaupt gut, gelegenthch 
daran zu denken, daß die Menschen auch schon zu träumen 
pflegten, ehe es eine Psychoanalyse gab. 



514 Beiträge zur Trauml-ehre 



VIII 

Es könnte wohl sein, daß es den Träumen in einer Psycho- 
analyse in ausgiebigerem Maße gelingt, das Verdrängte zum Vor- 
schein zu bringen, als den Träumen außerhalb dieser Situation. 
Aber es ist nicht zu erweisen, denn die beiden Situationen sind 
nicht vergleichbar; die Verwertung in der Analyse ist eine 
Absicht, die dem Traume ursprünglich ganz ferne liegt. Dagegen 
kann es nicht zweifelhaft sein, daß innerhalb einer Analyse weit 
mehr des Verdrängten im Anschluß an Träume zutage gefordert 
wird als mit Hilfe der anderen Methoden; für solche Mehr- 
leistung muß es einen Motor geben, eine unbewußte Macht, 
welche während des Schlafzustandes besser als sonst imstande ist, 
die Absichten der Analyse zu unterstützen. Nun kann man hiefür 
kaum einen anderen Faktor in Anspruch nehmen als die aus dem 
Elternkomplex stammende Gefügigkeit des Analysierten gegen den 
Analytiker, also den positiven Anteil der von uns so genannten 
Übertragung, und in der Tat läßt sich an vielen Träumen, die 
Vergessenes und Verdrängtes wiederbringen, kein anderer unbe- 
wußter Wunsch entdecken, dem man die Triebkraft für die 
Traumbildung zuschreiben könnte. Will also jemand behaupten, 
daß die meisten der in der Analyse verwertbaren Träume GefäUig- 
keitsträume sind und der Suggestion ihre Entstehung verdanken, 
so ist vom Standpunkt der analytischen Theorie nichts dagegen 
einzuwenden. Ich brauche dann nur noch auf die Erörterungen 
in meinen „Vorlesungen zur Einführung" zu verweisen, in denen 
das Verhältnis der Übertragung zur Suggestion behandelt und 
dargetan wird, wie wenig die Anerkennung der Suggestions- 
wirkung in unserem Sinne die Zuverlässigkeit unserer Resultate 
schädigt. 

Ich habe mich in der Schrift „Jenseits des Lustprinzips" mit 
dem ökonomischen Problem beschäftigt, wie es den in jeder Hin- 
sicht peinlichen Erlebnissen der frühinfantilen Sexualperiode 
gelingen kann, sich zu irgendeiner Art von Reproduktion durch- 



Bemrrkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 3 1 g 

zuringen. Ich mußte ihnen im „Wiederholungszwang" einen 
außerordenüich starken Auftrieb zugestehen, der die im Dienst 
des Lustprinzips auf ihnen lastende Verdrängung bewältigt, aber 
doch nicht eher, „als bis die entgegenkommende Arbeit der Kur 
die Verdrängung gelockert hat".' Hier wäre einzuschalten, daß es 
die positive Übertragung ist, welche dem Wiederholungszwang 
diese Hilfe leistet. Es ist dabei zu einem Bündnis der Kur mit dem 
Wiederholungszwang gekommen, welches sich zunächst gegen das 
Lustprinzip richtet, aber in letzter Absicht die Herrschaft des 
Realitätsprinzips aufrichten will. Wie ich dort ausgeführt habe, 
ereignet es sich nur allzu häufig, daß sich der Wiederholungs- 
zwang von den Verpflichtungen dieses Bundes frei macht und 
sich nicht mit der Wiederkehr des Verdrängten in der Form von 

Traumbildern begnügt. 

.-IX 

So weit ich bis jetzt sehe, ergeben die Träume bei trauma- 
tischer Neurose die einzige wirkliche, die Strafträume die einzige 
scheinbare Ausnahme von der wunscherfüllenden Tendenz des 
Traumes. Bei diesen letzteren stellt sich der merkwürdige Tat- 
bestand her, daß eigentlich nichts von den latenten Traum- 
gedanken in den manifesten Trauminhalt aufgenommen wird, 
sondern daß an deren Stelle etwas ganz anderes tritt, was als 
eine Reaktionsbildung gegen die Traumgedanken, als Ablehnung 
und voller Widerspruch gegen sie beschrieben werden muß. Ein 
solches Einschreiten gegen den Traum kann man nur der kritischen 
Ichinstanz zutrauen und muß daher annehmen, daß diese, durch 
die unbewußte WunscherfüUung gereizt, sich zeitweilig auch 
während des Schlafzuslandes wiederhergestellt hat. Sie hätte auf 
diesen unerwünschten Trauminhalt auch mit Erwachen reagieren 
können, fand aber in der Bildung des Straftraumes einen Weg, 
die Schlafstörung zu vermeiden. 

i) Ges. Schriften, Bd. VI. S. 206. 



3i6 Beiträge zur Traumlehre 



So ist also z. B. für die bekannten Träume des Dichters 
Rosegger, die ich in der „Traumdeutung"' erwähne, ein unter- 
drückter Text von hochmütigem, prahlerischem Inhalt zu ver- 
muten der wirkliche Traum aber hielt ihm vor: „Du bist ein 
unfähiger Schneidergeselle." Es wäre natürlich unsinnig, nach 
einer verdrängten Wunschregung als Triebkraft dieses manifesten 
Traumes zu suchen; man muß sich mit der Wunscherfüllung 
der Selbstkritik begnügen. 

Das Befremden über einen derartigen Aufbau des Traumes 
ermäßigt sich, wenn man bedenkt, wie geläufig es der Traum- 
entstellung im, Dienste der Zensur ist, für ein einzelnes Element 
etwas einzusetzen, was in irgendeinem Sinne sein Gegenteil oder 
Gegensatz ist. Von da ab ist es nur ein kurzer Weg bis zur 
Ersetzung eines charakteristischen Stückes Trauminhalt durch 
einen abwehrenden Widerspruch, und ein Schritt weiter führt 
zur Ersetzung des ganzen anstößigen Trauminhaltes durch den 
Straftraum. Von dieser mittleren Phase der Verfälschung des 
manifesten Inhaltes möchte ich ein oder zwei charakteristische 
Beispiele mitteilen. 

Aus dem Traum eines Mädchens mit starker Vaterfixierung, 
welches sich in der Analyse schwer ausspricht: Sie sitzt im 
Zimmer mit einer Freundin, nur mit einem Kimono bekleidet. 
Ein Herr kommt herein, vor dem sie sich geniert. Der Herr 
sagt aber: „Das ist ja das Mädchen, das wir schon einmal so 
schön bekleidet gesehen haben." — Der Herr bin ich, in weiterer 
Zurückführung der Vater. Mit dem Traum ist aber nichts zu 
machen, so lange wir uns nicht entschließen, in der Rede des 
Herrn das wichtigste Element durch seinen Gegensatz zu ersetzen : 
„Das ist das Mädchen, das ich schon einmal unbekleidet 
und dann so schön gesehen habe." Sie hat als Kind von drei 
bis vier Jahren eine Zeitlang im selben Zimmer mit dem Vater 



1) Ges. Schriften, Bd. III, S. 138 ff. 



Bemerkimgen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 517 



geschlafen und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sie sich 
damals im Schlaf aufzudecken pflegte, um dem Vater zu gefallen. 
Die seitherige Verdrängung ihrer Exhibitionslust motiviert heute 
ihre Verschlossenheit in der Kur, ihre Unlust, sich unverhüllt zu 
zeigen. 

Aus einer anderen Szene desselben Traumes; Sie liest ihre 
eigene, im Druck vorliegende Krankengeschichte. Darin steht, daß 
ein junger Mann seine Geliebte ermordet — Kakao — das gehört 
zur Analerotik. Das letztere ist ein Gedanke, den sie im Traum 
bei der Erwähnung des Kakao hat. — Die Deutung dieses Traum- 
stückes ist noch schwieriger als die des vorigen. Man erfährt 
endlich, daß sie vor dem Einschlafen die „Geschichte einer 
infantilen Neurose" (fünfte Folge der Sammlung kleiner Schriften) 
gelesen hat, in welcher eine reale oder phantasierte Koitus- 
beobachtung der Eitern den Mittelpunkt bildet. Diese Kranken- 
geschichte hat sie schon früher einmal auf die eigene Person 
bezogen, nicht das einzige Anzeichen, daß auch bei ihr eine 
solche Beobachtung in Betracht kommt. Der junge Mann, der 
seine Geliebte ermordet, ist nun eine deutliche Anspielung auf 
die sadistische Anffassung der Koitusszene, aber das nächste 
Element, der Kakao, geht weit davon ab. Zum Kakao weiß sie 
nur zu assoziieren, daß ihre Mutter zu sagen pflegt, vom Kakao 
bekomme man Kopfweh, auch von anderen Frauen will sie das 
gleiche gehört haben. Übrigens hat sie sich eine Zeitlang durch 
ebensolche Kopfschmerzen mit der Mutter identifiziert. Ich kann 
nun keine andere Verknüpfung der beiden Traumelemente finden 
als durch die Annahme, daß sie von den Folgerungen aus der 
Koitusbeobachtnng ablenken will. Nein, das hat nichts mit der 
Kinderzeugung zu tun. Die Kinder kommen von etwas, das man 
ißt (wie im Märchen), und die Erwähnung der Analerotik, die 
wie ein Deu tu ngs versuch im Traum aussieht, vervollständigt die 
zu Hilfe gerufene infantile Theorie durch die Hinzufügung der 
analen Geburt. 



3i8 Beiträge zur Traiimlchre 



X 

Man hört gelegentlich Verwunderung darüber äußern, daß 
das Ich des Träumers zwei- oder mehrmals im manifesten Traum 
erscheint, einmal in eigener Person und die anderen Male hinter 
anderen Personen versteckt. Die sekundäre Bearbeitung hat 
während der Traumbildung offenbar das Bestreben gehabt, diese 
Vielheit des Ichs, welche in keine szenische Situation paßt, aus- 
zumerzen, durch die Deutungsarbeit wird sie aber wieder her- 
gestellt. Sie ist an sich nicht merkwürdiger als das mehrfache 
Vorkommen des Ichs in einem wachen Gedanken, zumal wenn 
sich dabei das Ich in Subjekt und Objekt zerlegt, sich als beob- 
achtende und kritische Instanz dem anderen Anteil gegenüber- 
stellt oder sein gegenwärtiges Wesen mit einem erinnerten, 
vergangenen, das auch einmal Ich war, vergleicht. So z. B. in 
den Sätzen: „Wenn ich daran denke, was ich diesem Menschen 
getan habe" und „Wenn ich daran denke, daß ich auch einmal 
ein Kind war. Daß aber alle Personen, die im Traume vor- 
kommen, als Abspaltungen und Vertretungen des eigenen Ichs 
zu gelten haben, möchte ich als eine inhaltslose und unberechtigte 
Spekulation zurückweisen. Es genügt uns, daran festzuhalten, daß 
die Sonderung des Ichs von einer beobachtenden, kritisierenden, 
strafenden Instanz (Ichideal) auch für die Traumdeutung in 
Betracht kommt. 



^ 



BEITRÄGE ZU DEN WIENER 
DISKUSSIONEN 



Fon den Diskussionen, die in der „(Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" 
von Zeit zu Zeit stattfinden, sind zwei in Druckform veröffentlicht worden, 
u. zw. I$I0: „Über den Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord 
und 1^12: „Die Onanie" (beide bei J. F. Bergmann in Wiesbaden). 

Es erscheinen hier abgedruckt aus der Selbstmorddiskussion die Einlsitungs- 
worte von Prof. Freud (denen das Referat eines Schulmannes, „Unus mul- 
torum", voranging) und das Schlußwort, — aus der Onaniediskussion die 
Einleitung zur Buchausgabe und das Schlußwort, 



ZUR EINLEITUNG 
DER SELBSTMORD-DISKUSSION 

Meine Herren! Sie haben alle mit holier Befriedigung das 
Plaidoyer des Schulmannes gehört, der die ihm teure Institution 
nicht unter dem Drucke einer ungerechtfertigten Anklage lassen 
will. Ich weiß aber, Sie waren ohnedies nicht geneigt, die 
Beschuldigung, daß die Schule ihre Schüler zum Selbstmord 
treibe, leichthin für glaubwürdig zu halten. Lassen wir uns indes 
durch die Sympathie für den Teil, dem hier unrecht geschehen 
ist, nicht zu weit fortreißen. Nicht alle Argumente des Herrn 
Vorredners erscheinen mir stichhaltig. Wenn die Jugendselbstmorde 
nicht bloß die Mittelschüler, sondern auch Lehrlinge u. a. 
betreffen, so spricht dieser Umstand an sich die Mittelschule 
nicht frei^ er erfordert vielleicht die Deutung, daß die Mittel- 
schule ihren Zöglingen die Traumen ersetzt, welche andere Ado- 
leszenten in ihren anderen Lebensbedingungen finden. Die Mittel- 
schule soll aber mehr leisten, als daß sie die jungen Leute nicht 
zum Selbstmord treibt; sie soll ihnen Lust zum Leben machen 
und ihnen Stütze und Anhalt bieten in einer Lebenszeit, da sie 
durch die Bedingungen ihrer Entwicklung genötigt werden, ihren 
Zusammenhang mit dem elterlichen Hause und ihrer Familie zu 
lockern. Es scheint mir unbestreitbar, daß sie dies nicht tut, und 
daß sie in vielen Punkten hinter ihrer Aufgabe zurückbleibt, 
Ersatz für die Familie zu bieten und Interesse für das Leben 
draußen in der Welt zu erwecken. Es ist hier nicht die 

Froaa, III. a. 



Gelegenheit zu einer Kritik der Mittelschule in ihrer gegenwärtigen 
Gestaltung. Vielleicht darf ich aber ein einziges Moment heraus- 
heben. Die Schule darf nie vergessen, daß sie es mit noch 
unreifen Individuen zu tun hat, denen ein Recht auf Verweilen 
in gewissen, selbst unerfreuhchen Entwicklungssladien nicht abzu- 
sprechen ist. Sie darf nicht die Unerbitllichkeit des Lebens für 
sich in Anspruch nehmen, darf nicht mehr sein wollen als ein 
Lebensspiel. 



SCHLUSSWORT 
DER SELBSTMORD-DISKUSSION 

Meine Herren, ich habe den Eindruck, daß wir trotz all des 
wertvollen Materials, das hier vorgebracht wurde, zu einer Ent- 
scheidung über das uns interessierende Problem nicht gelangt 
sind. Wir wollten vor allem wissen, wie es möglich wird den 
so außerordentlich starken Lebenstrieb zu überwinden ob dies 
nur mit Hilfe der enttäuschten Libido gelingen kann, oder ob es 
emen Verzicht des Ichs auf seine Behauptung aus eigenen Ich- 
motiven gibt. Die Beantwortung dieser psychologischen Frage 
konnte uns vielleicht darum nicht gelingen, weil wir keinen 
guten Zugang zu ihr haben. Ich meine, man kann hier nur von 
dem klinisch bekannten Zustand der Melancholie und von deren 
Vergleich mit dem Affekt der Trauer ausgehen. Nun sind uns 
aber die Affekt Vorgänge bei der Melancholie, die Schicksale der 
Libido in diesem Zustande, völlig unbekannt, und auch der Dauer- 
affekt des Trauerns ist psychoanalytisch noch nicht verständlich 
gemacht worden. Verzögern wir also unser Urteil, bis die 
Erfahrung diese Aufgabe gelöst hat. 



ai* 



ZUR EINLEITUNG 
DER ONANIE-DISKUSSION 

Die Diskussionen in der „Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung" verfolgen niemals die Absicht, Gegensätze aufzuheben 
oder Entscheidungen zu gewinnen. Durch die gleichartige Grund- 
auffassung der nämlichen Tatsachen zusammengehalten, getrauen 
sich die einzelnen Redner der schärfsten Ausprägung ihrer indivi- 
duellen Variationen ohne Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit, 
den anders denkenden Hörer zu ihrer Meinung zu bekehren. Es 
mag dabei viel vorbeigeredet und vorbeigehört werden; die End- 
wirkung ist doch, daß jeder einzelne den klarsten Eindruck von 
abweichenden Anschauungen empfangen und selbst anderen ver- 
mittelt hat. 

Die Disku-ssion über Onanie, von der hier eigentlich nur 
Bruchstücke veröffentlicht werden, dauerte mehrere Monate und 
spielte sich in der Weise ab, daß jeder Redner ein Referat 
erstattete, an welches sich eine ausführliche Debatte anschloß. In 
diese Publikation sind nur die Referate aufgenommen worden, 
nicht auch die an Anregung reichen Debatten, in denen die 
Gegensätze ausgesprochen und verfochten wurden. Dies Heft hätte 
sonst einen Umfang annehmen müssen, der seiner Verbreitung 
und Wirkung siclierlich im Wege gestanden wäre. 

Die Wahl des Themas bedarf in unserer Zeit, in der eiidhcK 
der Versuch gemacht wird, auch die Probleme des menschlichen 
Sexuallebens wissenschaftlicher Ergründung zu unterziehen, keiner 



Zur Einleitung der Onaniediskussion 52g 



Entschuldigung. Mehrfaclie Wiederholungen derselben Gedanken 
und Behauptungen waren unvermeidlich; sie entsprechen ]a Über- 
einstimmungen. Die vielen Widersprüche zwischen den Auf- 
fassungen der Vortragenden zu lösen, konnte ebensowenig eine 
Aufgabe der Redaktion sein wie ein Versuch, sie zu verheim- 
lichen. Wir hoffen, daß weder die Wiederholungen noch die 
Widersprüche das Interesse der Leser abstoßen werden. 

Unsere Absicht war, diesmal zu zeigen, auf welche Wege die 
Forschung über die Probleme der Onanie durch das Auftauchen 
der psychoanalytischen Arbeitsweise gedrängt worden ist. Wieweit 
uns diese Absicht gelungen ist, wird sich aus dem Beifall und 
vielleicht noch deutlicher aus dem Tadel der Leser ergeben. 

Wien, im Sommer 1Q12. 



SCHLUSSWORT DER ONANIE-DISKUSSION 

Meine Herren! Die älteren Mitglieder dieses Kreises werden 
sich zu erinnern wissen, daß wir schon vor mehreren Jahren den 
Versuch einer solchen Sammeldiskussion — - eines Symposions 
nach dem Ausdruck amerikanischer Kollegen — über das Thema 
der Onanie unternommen haben. Damals ergaben sich so bedeu- 
tende Abweichungen der geäußerten Meinungen, daß wir uns 
nicht getrauen konnten, unsere Verhandlungen der Öffentlichkeit 
vorzulegen. Seither haben wir — dieselben Personen wie auch 
neu hinzugekommene — in unausgesetzter Berührung mit den 
Tatsachen der Erfahrung und in fortlaufendem Gedankenaustausch 
untereinander unsere Ansichten soweit geklärt und auf gemein- 
samen Boden gehoben, daß uns das damals unterlassene Wagnis 
nicht mehr so groß erscheinen muß. 

Ich habe wirklich den Eindruck, daß die Übereinstimmungen 
unter uns über das Thema der Onanie jetzt stärker und tief- 
gehender sind als die — sonst nicht zu verleugnenden — 
Uneinigkeiten. Mancher Anschein eines Widerspruches wird nur 
durch die Vielseitigkeit der Gesichtspunkte, die Sie entwickelt 
haben, hervorgerufen, während es sich in Wahrheit um Ansichten 
handelt, die fful nebeneinander Raum finden. 

Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ein Resumi^ vorführe, über 
welche Punkte wir einig oder uneinig zu sein scheinen. 

Einig sind wir wohl alle: 



Schlußwort der Onaniediskussion 527 

a) über die Bedeutung der den onanistischen Akt begleitenden 
oder ihn vertretenden Phantasien, 

b) über die Bedeutung des mit der Onanie verknüpften Schuld- 
bewußtseins, woher immer dieses stammen mag, 

c) über die Unmöglichkeit, eine qualitative Bedingung für die 
Schädlichkeit der Onanie anzugeben. (Hierüber nicht ohne 
Ausnahme einig.) 

Unausgeglichene Meinungsverschiedenheiten 
haben sich gezeigt: 

a) in Betreff der Leugnung des somatischen Faktors der Onanie- 
wirkung, 

bj in Betreff der Abweisung der Onanieschädlichkeit überhaupt, 

cj in Bezug auf die Herkunft des Schuldgefühls, das die einen 
von Ihnen direkt aus der Unbefriedigung ableiten wollen, 
während andere soziale Faktoren oder die jeweilige Ein- 
stellung der Persönlichkeit mit heranziehen, 

d) in Bezug auf die Ubiquitat der Kinderonanie. 
Endlich bestehen bedeutungsvolle Unsicherheiten: 

a) über den Mechanismus der schädlichen Wirkung der 
Onanie, falls eine solche anzuerkennen ist, 

b) über die ätiologische Beziehung der Onanie zu den Aktual- 
neurosen. 

In den meisten der zwischen uns strittigen Punkte danken 
wir die Infragestellung der auf starke und selbständige Erfahrung 
gestützten Kritik unseres Kollegen W. St ekel. Gewiß haben 
wir einer künftigen Schar von Beobachtern und Forschern noch 
sehr viel zur Feststellung und Klärung übrig gelassen, aber wir 
wollen uns damit trösten, daß wir ehrlich und nicht engherzig 
gearbeitet und dabei Richtungen eingeschlagen haben, auf denen 
sich auch die spätere Forschung bewegen wird. 

Von meinen eigenen Beiträgen zu den uns beschäftigenden 
Fragen dürfen Sie nun nicht viel erwarten. Sie kennen meine 
Vorliebe für die fragmentarische Behandlung eines Gegenstandes 



528 Beiträge zu den TViener Diskussionen 



zugu nsten der Hervorhebung jener Punkte, die mir die gesichert- 
sten scheinen. Ich habe nichts Neues zu geben, keine Lösungen, 
bloß einige Wiederholungen von Dingen, die ich schon früher ein- 
mal behauptet, einige Verteidigungen dieser alten Aufstellungen 
gegen Angriffe aus Ihrer Mitte, und dazu noch wenige Bemer- 
kungen, wie sie sich dem Zuhörer bei Ihren Vorträgen auf- 
drängen mußten. 

Ich habe bekanntlicli die Onanie nach den Lebensaltern 
geschieden in l) die Säuglingsonanie, unter der alle autoerotisclien, 
der sexuellen Befriedigung dienenden Vornahmen verstanden 
sind, 2) die Kinderonanie, die aus ersterer unmittelbar hervor- 
geht und sich bereits an bestimmten erogenen Zonen iixiert hat, 
und )) die Puberiätsonanie, welclie entweder an die Kinder- 
onanie anschließt oder durch die Latenzzeit von ihr getrennt ist. 
In manchen der Darstellungen, die ich von Ihnen gehört habe, 
ist diese zeitliche Scheidung nicht ganz zu ihrem Recht 
gekommen. Die durch den medizinischen Sprachgebrauch nahe- 
gelegte angebliche Einheit der Onanie hat manche allgemeine 
Behauptung veranlaßt, wo die Differenzierung nach jenen drei 
Lebensepochen eher berechtigt gewesen wäre. Ich habe es auch 
bedauert, daß wir die Onanie des Weibes nicht in ähnlichem 
Maße wie die des Mannes berücksichtigen konnten, und meine, 
die weibliche Onanie sei eines besonderen Studiums wert, und 
gerade bei ihr fiele ein starker Akzent auf die durch das Lebens- 
alter bedingten Modifikationen, 
f , Ich komme nun zu den Einwendungen, die R eitler gegen 

S mein teleologisches Argument für die Ubiquität der Säughngs- 
( Onanie gerichtet hat. Ich bekenne, daß ich dies Argument preis- 
/ gebe. Wenn die „Sexualtheorie" noch eine Auflage erleben 
! sollte, so wird diese den beanstandeten Satz nicht mehr ent- 
halten. Ich werde darauf verzichten, die Absichten der Natur 
erraten zu wollen, und werde mich damit begnügen, den Sach- 
verhalt zu beschreiben. 



^< 



Schlußiuort der Onaniediskusswn 539 

Auch Reitlers Bemerkung, daß gewisse nur dem Menschen 
eigentümliche Einrichtungen am Genitalapparat die Hintanhaltung 
des Sexualverkehrs im Kindesalter anzustreben scheinen, muß 
ich für sinnreich und bedeutsam erklären. Aber hier knüpfen 
meine Bedenken an. Der Verschluß der weiblichen Sexualhöhlung 
und der Wegfall des die Erektion versichernden Penisknochens 
sind doch nur gegen den Koitus selbst gerichtet, nicht gegen die 
sexuellen Erregungen überhaupt. Reit 1er scheint mir die Ziel- 
strebigkeit der Natur allzu menschenähnlich zu erfassen, als 
handle es sich bei ihr wie bei Menschenwerk um die konsequente 
Durchführung einer einzigen Absicht. Soviel wir sehen, gehen 
aber in den natürlichen Vorgängen meist eine ganze Reihe von 
Zielstrebungen nebeneinander her, ohne einander aufzuheben. 
Wenn wir schon in menschlichen Terminis von der Natur 
sprechen, müssen wir sagen, sie erscheine uns als das, was wir 
beim Menschen inkonsequent heißen würden. Ich glaube meiner- 
seits, R e i 1 1 e r sollte nicht soviel Gewicht auf seine eigenen 
teleologischen Argumente legen. Die Verwertung der Teleologie 
als heuristische Hypothese hat ihre Bedenken; man weiß im 
einzelnen Falle nie, ob man an eine „Harmonie" oder an eine 
„Disharmonie" geraten ist. Es ist, wie wenn man einen Nagel 
in eine Zimmerwand einzuschlagen hatj man weiß nicht, trifft 
man auf eine Fuge oder auf den Stein. 

In der Frage des Zusammenhanges der Onanie und der 
Pollutionen mit der Verursachung der sog. Neurasthenie befinde 
ich mich, wie viele von Ihnen, im Gegensatz zu St ekel und 
halte gegen ihn meine früheren Angaben mit einer später anzu- 
führenden Einschränkung aufrecht. Ich sehe nichts, was uns 
nötigen könnte, auf die Unterscheidung von Alttualneurosen und 
Psychoneurosen zu verzichten, und kann die Genese der Sym- 
ptome bei den ersteren nur als eine toxische hinstellen. Kollege 
Stekel scheint mir hier die Psych ogeneität wirklich sehr zu 
überspannen. Ich sehe es noch immer so, wie es mir zuerst vor 



igo Beiträge zu den Wierier Diskussionen 

mehr als fünfzehn Jahren erschienen ist, daß die beiden Aktual- 
neurosen — Neurasthenie und Angstneurose — (vielleicht ist 
die eigenthche Hypochondrie als dritte Aktualneurose anzureihen) 
das somatische Entgegenkommen für die Psychoneurosen leisten, 
das Erregungsmaterial liefern, welches dann psychisch ausgewählt 
und umkleidet wird, so daß, allgemein gesprochen, der Kern des 
psychoneu rotischen Symptoms — das Sandkorn im Zentrum der 
Perle — von einer somatischen Sexualäußerung gebildet wird. 
Dies ist für die Angstneurose und ihr Verhältnis zur Hysterie 
freilich deutlicher als für die Neurasthenie, über welche sorg- 
fältige psychoanalytische Untersuchungen noch nicht angestellt 
worden sind. Bei der Angstneurose ist es, wie Sie sich oftmals 
überzeugen konnten, im Grunde ein Stückchen der nicht abge- 
führten Koituserregung, welches als Angstsymptom zum Vor- 
schein kommt oder den Kern einer hysterischen Symptombildung 
abgibt. 

Kollege St ekel teilt mit mehreren außerhalb der Psycho- 
analyse stehenden Autoren die Neigung, die morphologischen 
Differenzierungen, die wir innerhalb des Gewirres der Neurosen 
statuiert haben, zu verwerfen und sie alle unter einen Hut Xj 

etwa den der Psychasthenie — zu bringen. Wir haben ihm darin 
oftmals widersprochen und halten an der Erwartung fest, daß 
sich die morphologisch -klinischen Differenzen als noch unver- 
standene Anzeichen wesens verschieden er Prozesse wertvoll erweisen 
werden. Wenn er uns — mit Recht — vorhält, daß er bei den 
sog. Neurasthenikern regelmäßig dieselben Komplexe und Kon- 
flikte vorgefunden hat wie bei anderen Ncurolikern, so trifft 
dies Argument wohl nicht die Streitfrage. Wir wissen längst, 
daß wir die nämlichen Komplexe und Konflikte auch bei allen 
Gesunden und Normalen zu erwarten haben. Ja, wir haben uns 
daran gewöhnt, jedem Kulturmenschen ein gewisses Maß von 
Verdrängung perverser Regungen, von Analerolik, Homosexualität 
u. dgl. sowie ein Stück Vater- und Mutterkomplex und noch 



Schlußwort der Onaniediskussian 351 

andere Komplexe zuzumuten, wie wir bei der Elementaranalyse ^ 
eines organischen Körpers die Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff, -j 
Wasserstoff, Stickstoff und etwas Schwefel mit Sicherheit nach-S 
zuweisen hoffen. Was die organischen Körper voneinander unter- 
scheidet, ist das Mengenverhältnis dieser Elemente und die 
Konstitution der Verbindungen, die sie miteinander eingehen. 
So handelt es sich bei den Normalen und Neurotikern nicht 
um die Existenz dieser Komplexe und Konflikte, sondern um 
die Frage, ob dieselben pathogen geworden sind, und wenn, 
welche Mechanismen sie dabei in Anspruch genommen haben. 

Das Wesentliche meiner seinerzeit aufgestellten und heute/ 
verteidigten Lehren über die Aktualneurosen liegt in der aufi 
den Versuch gestützten Behauptung, daß deren Symptome nicht 
wie die psychoneurotischen analytisch zu zersetzen sind. Also 
daß die Obstipation, der Kopfschmerz, die Ermüdung der sog. 
Neurastheniker nicht die historische oder symbolische Zurück- 
führung auf wirksame Erlebnisse gestatten, sich nicht als sexuelle! 
Ersatzbefriedigungen, als Kompromisse entgegengesetzter Trieb-, 
regungen verstehen lassen wie die (eventuell selbst gleichartig 
erscheinenden) psychoneurotischen Symptome. Ich glaube nicht, 
daß es gelingen wird, diesen Satz mit Hilfe der Psychoanalyse 
umzustürzen. Dagegen räume ich heute ein, was ich damals 
nicht glauben konnte, daß eine analytische Behandlung indirekt 
auch einen heilenden Einfluß auf die Aktualsymptome nehmen 
kann, indem sie entweder dazu führt, daß die aktuellen Schäd- 
lichkeiten besser vertragen werden, oder indem sie das kranke 
Individuum in den Stand setzt, sich durch Änderung des sexu- 
ellen Regimes diesen aktuellen Schädlichkeiten zu entziehen. 
Das sind ja gewiß erwünschte Aussichten für unser therapeutisches 
Interesse. 

Sollte ich aber in der theoretischen Frage der Aktualneurosen 
am Ende des Irrtums überwiesen werden, so werde ich mich 
mit dem Fortschritt unserer Erkenntnis, der den Standpunkt des 



552 Beiträge zu den PFiener Diskussionen 



Einzelnen entwerten muß, zu trösten wissen. Sie werden nun 
fragen, warum ich bei so lobenswerten Einsichten in die not- 
wendige Begrenztheit der eigenen Unfehlbarkeit nicht lieber 
gleich den neuen Anregungen nachgebe und es vorziehe, das oft 
gesehene Schauspiel des alten Mannes zu wiederholen, der starr 
an seinen Meinungen festhält. Ich antworte, weil ich die Evidenz 
noch nicht erkenne, der ich nachgeben soll. In früheren Jahren 
haben meine Ansichten manche Veränderung erfahren, die ich 
vor der Öffentlichkeit nicht verheimlicht habe. Man hat mir aus 
diesen Wandlungen Vorwürfe gemacht, wie man sie heute aus 
meinen Beharrungen machen wird. Nicht, daß mich diese oder 
jene Vorwürfe abschrecken würden. Aber ich weiß, ich habe ein 
Schicksal zu erfüllen. Ich kann ihm nicht entkommen und 
brau che ihm nicht entgegen zu gehen. Ich werde es abwarten 
und mich unterdes gegen unsere Wissenschaft so verhallen, wie 
ich es von früher her erlernt habe. 

Ungern nehme ich Stellung zu der von Ihnen viel behandelten 
Frage nach der Schädlichkeit der Onanie, denn dies ist kein 
ordenthcher Zugang zu den Problemen, die uns beschäftigen. 
Aber wir müssen es wohl alle. Die Welt scheint sich für nichts 
anderes an der Onanie zu interessieren. Wir hatten, wie Sie sich 
erinnern, an unseren ersten Diskussionsabenden über das Thema 
einen distinguierten Kinderarzt dieser Stadt als Gast in unserer 
Mitte. Was verlangte er in wiederholten Anfragen von uns zu 
erfahren? Nur, inwiefern die Onanie schädlich sei, und warum sie 
dem einen schade, dem anderen nicht. So müssen wir denn unsere 
Forschung nötigen, diesem praktischen Bedürfnis Rede zu stehen. 

Ich gestehe es, ich kann auch hierin nicht den Standpunkt 
Stekels teilen, trotz der vielen tapferen und richtigen Bemer- 
kungen, die er uns über diese Frage vorgetragen hat. Für ihn 
ist die Schädlichkeit der Onanie eigentlich ein unsinniges Vor- 
urteil, welchem wir nur infolge persönlicher Beengung nicht 
gründlich genug abschwören wollen. Ich meine aber, wenn wir 



Schlußwort der Onaniediskussion 



.033 



das Problem sine ira et studio — soweit es eben uns inöglicli 
ist — ins Auge fassen, müssen wir eher aussagen, daß solche 
Parteinahme unseren grundlegenden Ansichten über die Ätiologie 
der Neurosen widerspricht. Die Onanie entspricht in:i wesentlichen 
der infantilen Sexualbeiätigutig und dann der Festhaltung der- 
selben in reiferen Jahren. Die Neurosen leiten wir ah von einem 
Konflikt zwischen den Sex ual streb un gen eines Individuums und 
seinen sonstigen (Ich-)Tendenzen. Nun könnte jemand sagen: für 
mich hegt der pathogene Faktor dieses ätiologischen Verhältnisses 
nur in der Reaktion des Ichs gegen seine Sexuahtät. Er würde 
damit etwa behaupten, jede Person könnte sich frei von Neurose 
hallen, wenn sie nur ihre sexuellen Strebungen ohne Ein- 
schränkung befriedigen wölke. Aber es ist offenbar willkürlich 
und sichthch auch unzweckmäßig, so zu entscheiden und nicht 
auch die Sexualstrebungen selbst an der Pathogeneität teilnehmen 
zu lassen. Geben Sie aber zu, daß die sexuellen Antriebe pathogen 
wirken können, _,so dürfen Sie diese Bedeutung nicht mehr der 
Onanie streitig machen, die ja nur in der Ausführung solcher 
sexuellen Triebregungen besteht. Gewiß werden Sie in jedem 
Falle, der die Onanie als pathogen zu beschuldigen scheint, die 
Wirkung weiter zurückführen können, auf die Triebe, die sich 
in der Onanie äußern, und auf die Widerstände, die sich gegen 
diese Triebe richten^ die Onanie ist ja weder somatisch noch 
psychologisch etwas Letztes, kein wirkliches Agens, sondern nur 
ein Name für gewisse Tätigkeiten, aber trotz aller Weiter Führungen 
bleibt das Urteil über die Krank heits Verursachung doch mit Recht 
an diese Tätigkeit geknüpft. Vergessen Sie auch nicht daran, die 
Onanie ist nicht gleichzusetzen der Sexualbetätigung überhaupt, 
sondern ist solche Betätigung mit gewissen einschränkenden 
Bedingungen. Es bleibt also auch möglich, daß gerade diese 
Besonderheiten der onanistischen Betätigung die Träger ihrer 
pathogenen Wirkung seien. 

Wir werden also vom. Argument weg wieder an die klinische 



J^ 



Ay„^ - i<^H*M^^ . tl^r<^^. 



554 Beiträge zu den Wiener Diskussionen 

Beobachtung gewiesen, und diese mahnt uns, die Rubrik 
„Schädliche Wirkungen der Onanie" nicht zu streichen. Jedenfalls 
haben wir es bei den Neurosen mit Fällen zu tun, in denen 
die Onanie Schaden gebracht hat. 

Dieser Schaden scheint sich auf drei verschiedenen Wegen 
durchzusetzen : 

a) als organische Schädigung nach unbekanntem Mechanis- 
mus, wobei die von Ihnen oft erwähnten Gesichtspunkte 
der Maßlosigkeit und der inadäquaten Befriedigung in 
Betracht kommen. 

b) auf dem Wege der psychischen Vorbildlichkeit, 
insoferne zur Befriedigung eines großen Bedürfnisses nicht 
die Veränderung der Außenwelt angestrebt werden muß. 
Wo sich aber eine ausgiebige Reaktion auf diese Vorbild- 
lichkeit entwickelt, können die wertvollsten Charakter- 
eigenschaften angebahnt werden. 

c) durch die Ermöglichung der Fixierung infantiler 
Sexualziele und des Verbleibens im psychischen 
InfantiHsmus. Damit ist dann die Disposition für den Verfall 
in Neurose gegeben. Als Psychoanalytiker müssen wir für 
diesen Erfolg der Onanie — gemeint ist hier natürlich 
die Pubertätsonanie und die über die Zeit hinaus fort- 
gesetzte — - das größte Interesse aufbringen. Halten wir 
uns vor Augen, welche Bedeutung die Onanie als Exekution 
der Phantasie gewinnt, dieses Zwischenreiches, welches 
sich zwischen dem Leben nach dem Lust- und dem nach 
dem Reolitätsprinzip eingeschaltet hat, wie die Onanie es 
ermöglicht, in der Phantasie sexuelle Entwicklungen und 
Sublimierungen zu vollziehen, die doch keine Fortschritte, 
sondern nur schädliche Kompromiß Bildungen sind. Derselbe 
Kompromiß macht allerdings nach Stekels wichtiger 
Bemerkung schwere Perversions neigungen unschädlich und 
wendet die ärgsten Folgen der Abstinenz ab. 



. Schlußwort der Onaniediskiission 33g 

Eine dauernde Abschwächung der Potenz kann ich nach meinen 
ärztlichen Erfahrungen nicht aus der Reihe der Onaniefolgen 
J ausschließen, wenngleich ich Stekel zugebe, daß sie in einer 

Anzahl von Fällen als bloß scheinbare zu entlarven ist. Gerade 
diese Folge der Onanie kann man aber nicht ohne weiteres zu 
I den Schädigungen rechnen. Eine gewisse Herabsetzung der männ- 

lichen Potenz und der init ihr verknüpften brutalen Initiative 
ist kulturell recht verwertbar. Sie erleichtert dem Kulturmenschen 
die Einhaltung der von ihm geforderten Tugenden der sexuellen 
Mäßigkeit und Verläßlichkeit. Tugend bei voller Potenz wird 
meist als eine schwierige Aufgabe erfunden. 

Wenn Ihnen diese Behauptung zynisch erscheint, so nehmen 
Sie an, daß sie nicht aJs Zynismus gemeint ist. Sie will nichts 
sein als ein Stück dürrer Beschreibung, dem es gleich gilt, ob 
es Wohlgefallen oder Ärgernis erwecken kann. Die Onanie hat 
eben auch, wie so vieles andere, les d^fauts de ses vertus und 
umgekehrt les vertus de ses defauts. Wenn man einen kompli- 
zierten sachlichen Zusammenhang in einseitig praktischem Interesse 
auf Schaden oder Nutzen zerfasert, wird man sich solche unlieb- 
same Funde gefallen lassen müssen. 

Ich meine übrigens, daß wir mit Vorteil von einander trennen 
können, was man die direkten Schädigungen durch die Onanie 
heißen kann, und was sich in indirekter Weise aus dem 
Widerstand und der Auflehnung des Ichs gegen diese Sexual- 
betätigung ableitet. Auf diese letzteren Wirkungen bin ich hier 
nicht eingegangen. 

Nun noch einige notgedrungene Worte zur zweiten der an uns 
gerichteten peinlichen Fragen. Vorausgesetzt, daß die Onanie 
schädlich werden kann, unter welchen Bedingungen und bei 
welchen Individuen erweist sie sich als schädlich? 

Ich möchte mit der Mehrzahl von Ihnen eine allgemeine 
Beantwortung dieser Frage ablehnen. Sie deckt sich ja zu einem 
Teil mit der anderen umfassenderen Frage, wann die sexuelle 



550 Beiträge zu den Wiener Diskussionen 

Betätigung überhaupt für ein Individuum paOiogen wird. Ziehen 
wir dieses Stück ab, so erübrigt eine Detailfrage, welche sich 
auf die Charaktere der Onanie bezieht, insoferne sie eine besondere 
Art und Weise der Sexualbefriedigung darstellt. Hier gälte es 
nun, Bekanntes und in anderem Zusammenhange Vorgebrachtes 
zu wiederholen, den Einfluß des quantitativen Faktors und des 
Zusammenwirkens mehrfacher pathogen wirksamer Momente zu 
würdigen, vor allem aber müßten wir den sogenannten konstitu- 
tionellen Dispositionen des Individuums einen großen Platz ein- 
räumen. Gestehen wir es aber nur: es ist eine üble Sache, mit 
diesen zu arbeiten. Wir jjflegen die individuelle Disposition nämlich 
ex post zu erschließen; nachträglich, wenn die Person bereits 
erkrankt ist, schreiben wir ihr diese oder jene Disposition zu. 
Wir haben kein Mittel zur Hand, sie vorher zu erraten. Wir 
benehmen uns da wie jener schottische König in einem Roman 
von Victor Hugo, der sich eines unfehlbaren Mittels rühmte, 
um die Hexerei zu erkennen. Er ließ die Beschuldigte in heißem 
Wasser abbrühen, und dann kostete er die Suppe. Je nach dem 
Geschmack urteilte er dann: Ja, das war eine Hexe, oder: Nein, 
das war keine. 

Ich könnte Sie noch auf ein Thema aufmerksam machen, 
welches in unseren Besprechungen zu wenig behandelt worden 
ist, das der sogenannten unbewußten Onanie. Ich meine die 
Onanie im Schlafe, in abnormen Zuständen, in Anfallen. Sie 
erinnern sich, wieviel hysterische Anfälle den onanistischen Akt 
in versteckter oder unkenntlicher Weise wiederbringen, nachdem 
das Individuum auf diese Art der Befriedigung verzichtet hat, 
und wieviel Symptome der Zwangsneurose diese einst verbotene 
Art der Sexualbetätigung zu ersetzen und zu wiederholen suchen. 
Man kann auch von einer therapeutischen Wiederkehr der Onanie 
sprechen. Mehrere von Ihnen werden bereits wie ich die Erfahrung 
gemacht haben, daß es einen großen Fortschritt bedeutet, wenn 
der Patient sich während der Behandlung wiederum der Onanie 



Schlußwort der Onaniediskussion 557 

getraut, wenngleich er nicht die Absicht hat, dauernd auf dieser 
infantilen Station zu verweilen. Ich darf Sie dabei auch daran 
mahnen, daß eine ansehnhche Zahl gerade der schwersten Neuroiiker 
in den historisclien Zeiten ihrer Erinnerung die Onanie vermieden 
hat, während sich durch die Psychoanalyse nachweisen läßt, daß 
ihnen diese Sexualtätigkeit in vergessenen Frühzeiten keineswegs 
fremd geblieben war. 

Doch ich denke, wir brechen hier ab. Wir sind ja alle in dem 
Urteil einig, daß das Thema der Onanie schier unerschöpflich ist.^ ^ 



Kri!uJ, HI. » 



; 



INHALT DES DRITTEN BANDES 



Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung ^"'' 

Zu Abschnitt 1 „Die wissenschaftliche Literatur der Traum- 
probleme" .... 
'^ 5 

Zu Abschnitt U „Die Methode der Traumdeutung" .... 16 

Zu Abschnitt III „Der Traum ist eine Wunscherfüllung" . . 21 

Zu Abschnitt IV .,Die Traumentstellung" 2r 

Zu Abschnitt V „Das Traummaterial und die Traumquellen"' . -- 

Zu Abschnitt VI „Die Traumarbeit" (Ergänzung 1 — 28) . . 51 
Zusatzkapitel A : Die Darstellung durch Symbole in Traum — 

Weitere typische Träume ■■.-,.,. 66 

Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen Genitales) ... 77 
Das Kleine ist das Genitale — das Überfaliren werden ist ein Symbol 

des Gesclilechts Verkehres _g 

Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, Sdiaclite ... 80 
Das männliche Genitale durch Personen, das weibliche durch eine 

Landschaft sjmbolisierl g™ 

Kastrationsträume bei Kindern ■■■■........ 8^ 

Zur Hamysmbolik g^ 

Ein Stiegen träum , , 8« 

Ein modifizierter Stiegentraiini 88 

Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der Wiederholung .... 88 

Zur Frage der Symbolik in den Traumen Gesunder 90 

Ein Traum Bismarcks nr- 

yo 

Traum eines Chemikers 100 

Zu Abschnitt VI „Die Traumarbeit" (Fortsetzung: Ergänzung 

39—43) 124 

Zusatzkapitel B : Sekundäre Bearbeitung und funktionales 

Phänomen i_h. 

Zu Abschnitt VI „Die Traumarbeit" (Schluß: Ergänzung 44, 45) 149 

22' 



Seite 
Zu Abschnitt VII „Zur Psychologie der Traum Vorgänge" . .151 
Zusatzkapitel C : Einige Nachträge zum Ganzen der Tiauni- 
deutung: 

a) Die Grenzen der Deutbarkeit i?^ 

b) Die sittliche Verantwortung für den Inhalt der Träume . . 1 76 

c) Die okkulte Bedeutung des Traumes i8ü 

Zu Abschnitt VIII „Literaturverzeichnis" 185 

i\M^M, /OV Über den Traum ^87 

Beiträge zur Traumlehre 

Märchenstoffe in Träumen • »59 

m«-'^ ''^** ~* -^^^ Traum als Beweismittel 267 

Traum und Telepathie 278 

-V Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 505 

Beiträge zu den Wiener Diskussionen 

Zur Einleitung der Selbslmorddiskussion 521 

Schlußwort der Selbstmorddiskussion 5^*5 

Zur Einleitung der Onaniediskussion 52.1. 

Schlußwort zur Onaniediskussion 5-" 



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